Berlin, 29. Mai. Nach einer Zuschrift der „National- Zeitung" aus Petersburg würde Rußland bei Handelsvertrags - Verhandlungen mit dem Deutschen Reiche zwar wesentliche Herabsetzungen der Zollsätze nicht zugestehen, aber aus eine Gleichstellung der Landgrenze mit den Seehäfen wohl eingehen. Zur Zeit wird Gußeisen, welches über die trockene Grenze nach Rußland importirt wird, um 20 pCt. höher verzollt als der Import über See. Steinkohlen und Coks zahlen bei der Einfuhr über die westliche Landgrenze das Doppelte an Zoll als über die baltischen Häfen. Baumwolle zahlt aus dem Landwege 15 pCt. mehr als auf dem Wasserwege. Hier liegt der Punkt, wo vielleicht auf ein Entgegenkommen seitens Rußlands zu hoffen ist.
Berlin, 29. Mai. Die „Berliner Polit. Nachrichten" bezeichnen als sicher, daß eine Beschlußfassung über die Aufhebung der Getreidezölle noch nicht erfolgt, aber nahe bevorstehend ist, sowie daß das Ergebniß der Beschlußfassung unverzüglich soweit bekannt gegeben wird, um der Unsicherheit ein Ende zu bereiten, sowie den Operationen des Getreidehandels eine feste Basis zu verschaffen.
Hamburg, 29. Mai. Wie der „Hamburgische Corr." erfährt, stammen die Mittheilungen über eine beabsichtigte Reduction der Getreidezölle nicht aus amtlichen Kreisen und sind, wie dem Blatte bestimmt versichert wird, mit größter Vorsicht aufzunehmen.
Bremen, 29. Mai. Der „Norddeutsche Lloyd" wies seine Agenten in Europa an, den körperlichen und moralischen Gesundheitszustand aller aus Lloyddampsern nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika reisenden Personen eingehend zu untersuchen. Die Lloyd-Agenten sollen für jeden von Amerika zurückgewiesenen Auswanderer 21 Doll. Strafe an die Rhederei zahlen.
Sigmaringen, 29. Mai. Die deutsche Eisenbahn- Tarife ommission, zu der Vertreter aus ganz Deutschland und der Schweiz eingetroffen sind, beginnt heute ihre Sitzungen.
Prag, 29. Mai. Das osficiöse „Prager Abendblatt" meldet: Verschiedene Blätter brachten die Nachricht von angeblichen Reibungen, welche zwischen Angehörigen beider Nationalitäten in der Landesausstellung stattgefunden haben sollen. Die Behörde war dadurch veranlaßt, Erhebungen zu pflegen, doch konnte trotz eifriger Nachforschungen nichts eruirt werden.
Paris, 29. Mai. Der französische Getreideimport im April 1891 überstieg den Import in demselben Monat des Vorjahrs um 550000 Metercentner. — Den Meldungen hiesiger Blätter zufolge erhöht der neue russische Zolltarif die Weinzölle um fünfzig Procent, wodurch insbesondere der Export von Bordeauxweinen nach Rußland stark abnehmen dürfte.
Moskau, 29. Mai. Das Zarenpaar und die Großfürstin Xenia sind gegen 8 Uhr Abends heute hier eingetroffen - sie wurden auf der Fahrt zum Kreml vom Volk lebhaft begrüßt. Die Stadt ist festlich geschmückt.
Berlin, 30. Mai. Der Wagen mit dem Kaiserpaare collidirte gestern Abend 8 Uhr aus der Fahrt nach der Oper vor der Schloßbrücke leicht mit einem Omnibus.j Das Kaiserpaar blieb gänzlich unberührt und setzte alsbald die Fahrt fort.
Locale» «nd provinzielle».
Gießen, 30. Mai.
— Bezirks-Fernsprechnetz für Oberhessen. Die Groß- herzogl. Handeskammer hier hat an das Bürgermeisteramt zu Marburg folgendes Schreiben gerichtet: „Die unterzeichnete Kammer hat schon seit längerer Zeit daraus hingewirkt, eine Fernsprechverbindung zwischen Gießen und Frankfurt a. M. herbeizuführen. Eine solche war seiner Zeit der Kammer Seitens der Kaiserlichen Ober-Postdirection Darmstadt für den Fall in Aussicht gestellt, daß die Fernsprechverbindung Frankfurt a. M.-Berlin hergestellt werden würde. Nunmehr wird neuerdings der Kammer Seitens oben erwähnter Behörde mitgetheilt, daß von der Herstellung einer telephonischen Verbindung Frankfurt-Berlin einstweilen Abstand genommen sei, daß dagegen das Reichspostamt entschieden habe, daß eine Verbindung Gießen-Frank- surt zum Gegenstand der Erwägung gemacht werden könne, falls ein allgemeines Bedürfniß dazu nachgewiesen sein werde. Diese Mittheilung hat die Kammer veranlaßt, die Frage in Erwägung zu ziehen, ob nicht die Errichtung eines Oberhessischen Bezirks-Fernsprechnetzes für die größeren Orte Oberhessens mit dem Mittelpunkte Gießen zu ermöglichen und sodann die Verbindung mit Frankfurt herbeizusühren sei. Es erscheint überflüssig, auf die hohe Bedeutung, welche das Telephon im modernen Verkehr errungen und das große Jntereffe hinzuweisen, welches ein jeder größerer Ort Oberhessens an einer Fernsprechverbindung mit der provinzialen Hauptstadt Gießen und durch diese wieder mit der Großstadt Frankfurt haben muß. Die unterzeichnete Kammer gestattet sich deßhalb, verehrliche Behörde ergebenst zu ersuchen, an ihrem Platze Erkundigungen darüber einzuziehen, ob ein Interesse an der erwähnten Fernsprechverbindung besteht, und demnächst der Kammer mittheilen zu wollen, aus wieviel Theilnehmer an der Verbindung für den Fall ihrer Einführung wohl ungefähr zu rechnen sein werde. Die unterzeichnete Kammer wird alsdann das Weitere veranlassen und sich mit der Kaiserlichen Oberpostdirection Darmstadt wegen der Einführung und der Bedingungen der Einführung ins Benehmen setzen und verehrliche Behörde demnächst von dem Resultate Kenntniß geben." Die Interessenten einer telephonischen Verbindung, sowohl innerhalb der Stadt Marburg, als auch mit Gießen-Frank- surt wurden ersucht, diesbezügliche Mittheilungen bis zum 1. Juni, an das dortige Bürgermeisteramt gelangen zu lassen.
— Nach dem mit dem 1. Juni c. in Kraft tretenden SommerFahrplau laufen aus dem hiesigen Bahnhose täglich
49 Züge mit Personenbeförderung ein, während 51 von hier abgelaffen werden. (Es können demnach, wenn die in den Zügen befindlichen Wagenklassen zusammengezählt werden, täglich 173 Personen per Eisenbahn die Stadt verlassen, ohne daß ihrer zwei gleichzeitig in einer und derselben Wagen- klasse reisen müßten. Anm. des Setzers.) Auf der Main- Weserbahn gehen ab in der Richtung Gießen—Frankfurt 14 Züge und kommen an in der Richtung Cassel—Gießen dieselbe Anzahl. In der Richtung Frankfurt—Gießen lausen ein 14 Züge, während in der Richtung Gießen-Cassel ebenfalls 14Züge auslaufen. — Die Oberhessischen Bahnen bringen auf ihren beiden Linien täglich 9 Personenzüge, wogegen 10 Züge die hiesige Station verlassen. — Auf den Linien der Berlin-Coblenzer und Deutz-Gießener Bahn laufen 13 Züge ein und dieselbe Anzahl aus. Die Gesammtzahl der ein- und ausfahrenden Züge beträgt sonach genau 100. — Der aus unserer Expedition zum Preise von 20 Pfennigen zu habende Plakat-Fahrplan hat gegen die früheren eine Vervollständigung in der Weise erfahren, daß auf demselben nicht nur die für Gießen maßgebenden Ankunsts- und Abfahrtszeiten aufgeführt sind, sondern gleichzeitig ersichtlich ist, wann die hier abgehenden Züge in Frankfurt, Friedberg, Lollar, Fronhausen, Marburg, Cassel, Wetzlar, Deutz, Coblenz, Gelnhausen, Nidda, Hungen, Laubach, Gedern, Schotten, Stockheim, Fulda, Alsfeld eintreffen, bezw. von diesen Stationen abgehen und in Gießen eintreffen. Die Angaben darüber, welche Züge in Großenlinden, Friedel- Hausen, Dutenhofen halten, welche Wagenklaffe bte betr. Züge führen, ob Schnell-, Personen- oder Localzug, sind bei jedem Zuge verzeichnet.
— Das kürzlich dahier zur Untersuchung von Lebensund Genußmitteln sowie Gebrauchsgegenständen errichtete chemische Uutersuchungsamt hat heute Vormittag seine erste practische Amtsthätigkeit begonnen- die Polizei hat dem Untersuchungsamte mehrere von dem Wochenmarkte entnommene Proben der daselbst feilgebotenen Butter, zum großen Erstaunen (?—) der Verkäufer, zur Untersuchung übergeben. Ueber das Ergebniß dieser Prüfung werden wir wohl nächster Tage Näheres berichten können.
— Ernennung. Der Gefangenenwärter am Landeszuchthause zu Marienschloß, Heinrich Daupert, wurde zum Gefangenenaufseher an dieser Anstalt ernannt.
— Nachweis der Befähigung zur Ueberuahme eines Kirchenamtes. Ueber den Besitz der nach Art. 1 und 4 des Gesetzes vom 5. Juli 1887, die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen betreffend, zur Uebernahme eines Kirchenamtes nothwendigen Eigenschaften ist der Nachweis erbracht worden bezüglich der Candidaten der evangelischen Theologie: Heinrich Koller aus Laubach, Ludwig Berk aus Gießen, Wilhelm Hof- meher aus Nidda, Leonhard Jacob aus Rimbach, Otto Koch aus Fränkisch-Crumbach, Wilhelm Krämer aus Zürich, Georg Kumpf aus Sckwabenrod, Philipp Marquard aus Gadernheim, August Schäfer aus Sickendorf und Valentin Zatzmann aus Mettenheim.
— Erledigte Stellen für Militärauwärter im Bezirke des 11. Armeecorps. Gießen, Postamt, ein Landbriefträger und ein Stadtpostbote, auf vierwöchentliche Kündigung, je 700 Mk. Gehalt und 144 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Grebenstein, Amtsgericht, Canzleigehilfe, aus vierwöchentliche Kündigung, richtet sich nach dem vom Präsidenten des Landgerichts festzusetzenden Schreiblohn, der bei Qualification zunächst bis auf 8 Psg. für die Seite beantragt werden soll. Hersseld und Lampertheim, Postamt, je ein Landbriesträger, zunächst aus vierwöchentliche Kündigung, je 650 Mk. Gehalt und 108 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Homburg v. d. H., städt. Polizeiverwaltung, etatsmäßiger Bureaugehilfe, aus dreimonatliche Kündigung, ohne Pensionsanspruch, 130 Mk. monatlich. Sontra, Postamt, Landbriefträger, zunächst aus vierwöchentliche Kündigung, 650 Mk. Gehalt und 60 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Eisenbahnbetriebsamt Cassel, Lademeisteraspirant, aus monatliche Kündigung, später Anstellung auf Lebenszeit, 1020 bis 1200 Mk. jährlich, zahlbar in Monatsraten.
— Die Lage der hesfischen Civil Aspiranten für den Ge- richtsvollzieherdieust hat in neuester Zeit mehrfach die öffentliche Aufmerksamkeit aus sich gelenkt. Dank den Bemühungen der Großherogl. Regierung und dem Entgegenkommen der zuständigen Reichs- und Kgl. Preußischen Staatsbehörden ist es gelungen, eine Vereinbarung dahin herbeizuführen, daß die zukünftig zu besetzenden Gerichtsvollzieherstellen zwischen den Militäranwärtern und den vor Erlaß der Großherzogl. Verordnung vom 9. December 1882 geprüften Civil-Aspiranten für den Gerichtsvollzieherdienst in der Weise vertheilt werden, daß abwechselnd von je 4, dann 3 Stellen 3 bezw. 2 Stellen den Civil-Aspiranten zu Gute kommen. Die nach dem 9. December 1882, aber vor dem 15. November 1884 geprüften Civil-Aspiranten sollen dann weiter abwechselnd mit Militäranwärtern zur Anstellung gelangen. Allen später Geprüften gehen die Militäranwärter vor.
— Postalisches. Nach einer uns vorliegenden Mittheilung betrug für das Jahr 1890 die Zahl der Postämter in Deutschland 23,410. Bei diesen Postämtern waren beschäftigt 51,894 Beamte, 61,897 Briefträger (113,891 Beamte bezw. Unterbeamte). Ferner waren vorhanden 80,941 Briefkasten. Befördert wurden 778,537,900 Briefe, 294 Millionen Postkarten, 297 Millionen Drucksachen, 14 Millionen Muster ohne Werth. 240 Millionen Mark Einnahme, 210 Millionen Mark Ausgabe, Reingewinn 30 Millionen Mark.
— Vielfach herrscht noch Unklarheit im Publikum über das Mitnehmen von Kindern auf der Eisenbahn. In Betreff der Fahrpreis-Ermäßigung für Kinder gelten folgende Bestimmungen : 1) Kinder unter 4 Jahren werden frei befördert, wenn ein besonderer Platz für dieselben nicht beansprucht wird- 2) Kinder im Alter von 10 Jahren und darüber genießen keine Tarifermäßigung- 3) ein Kind im Alter von 4 bis 10 Jahren wird in allen Wagenklaffen und bei allen Zuggattungen zur Hälfte des Fahrpreises für Erwachsene be
fördert, die Fahrpreise für Kinder-Fahrkarten werden auf volle 10 Pfg. abgerundet- 4) zwei Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren werden in allen Wagenklaffen und bei allen Zuggattungen aus eine Fahrkarte der betreffenden Klasse befördert- 5) für einzelne Kinder im Alter von 4—10 Jahren werden gewöhnliche Fahrkarten ausgegeben, welche schief abgeschnitten werden.
Hungen, 29. Mai. Gegenwärtig werden Vermessungen an der neu zu erbauenden Bahnlinie Hungen-Friedberg durch anwesende Techniker unternommen. Den Grundbesitzern ist bekannt gemacht worden, bei Strafe keine Pfähle zu veräußern.
+ Huugeu, 29. Mai. Bei der heute dahier statt- gesundenen Bürgermeisterwahl wurde Herr Beigeordneter Buttron mit 117 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Außer dem Genannten wurden auf drei Candidaten Stimmen abgegeben.
Hungen, 29. Mai. Nächsten Mittwoch den 3. Juni werden dahier unter Vorsitz des Präsidenten des Ober- hessischen Bienenzüchter-Vereins Freunde der Bienenzucht zu einem Comitä zusammentreten, um über die Vorarbeiten des im Juli in unserer Stadt abzuhaltenden Festes zu berathen. Das Fest wird diesmal zwei Tage in Anspruch nehmen und ist damit die Generalversammlung des Vereins verbunden, sowie Ausstellung von Erzeugnissen der Bienenzucht und eine große Verloosung. Möge nun auch das Wetter noch besser werden, damit sich unsere Bienen auch gut entwickeln können.
+ Inheiden, 29. Mai. Das diesjährige B e z i r k s s e st des Kriegervereinsbezirks Hungen findet am 12. Juli l. I., verbunden mit Fahnenweihe, im hiesigen Orte statt. Von Seiten des hiesigen Kriegervereins trifft man schon jetzt allmählich die nöthigen Vorbereitungen, um dieses Fest zu einem schönen und würdigen zu gestalten.
-r. Bad Salzschlirf, 29. Mai. Die hiesige Badesaison wurde am 15. d. M. eröffnet. Trotz der seit dieser Zeit herrschenden ungünstigen Witterung trafen schon über 100 Gäste zur Kur ein, darunter auch solche aus Holland, Amerika und Afrika. — Als Gäste von Distinction sind zu verzeichnen: Se. Durchlaucht Fürst von Sayn-Wittgenstein. — Die Concerte im Kurpark haben nun auch ihren Anfang genommen.
§ Aus dem unteren Vogelsberg, 29. Mai. Die Meldung Ihres geschätzten Blattes aus dem „höchsten Vogelsberg", daß dort das Pfund Butter mit dem ungewöhnlich hohen Preise von 1,20 bis 1,30 Mk. bezahlt werde, erregt bei den Bewohnern hiesiger Gegend gerechtes Staunen - denn hier gilt das Pfund Butter nach wie vor 80 bis 90 Psg. Es ist in der That auffallend, wie eine solche Preisdifferenz in ein und derselben Gegend bestehen kann, und wäre interessant zu erfahren, was dort die Höhe der Butterpreise eigentlich verursacht.
— Kleine Mittheilungen aus dem Großherzogthum Hessen. In Alzey wurde am 19. Mai in einer Familie ein Zwillingspaar confirmirt, darauf ein junges Zwillingspaar getauft und Nachmittags die Mutter desselben beerdigt. — In Mainz erschoß sich am 25. Mai der Buchhalter Gust. Veeck aus Hecken- roth, nachdem er vorher sich im Rhein zu ertränken versucht, was ihm indeß, da er schwimmen konnte, nicht gelang. (Veeck soll früher in Gießen beschäftigt gewesen sein.) — In Worms hat sich ein Brod-Consumverein gebildet. — In Darmstadt gerieth die Wittwe des früheren Kreisarztes Sames durch Explosion einer Petroleumkanne in Flammen. Die Unglückliche starb bald darauf an den erhaltenen Brandwunden. — Die offenbar kleinste Schulklasse im ganzen Großherzogthum Hessen befindet sich in der Gemeinde N e u n - kirchen im Odenwalde. Die ganze Schule zählt nämlich gegenwärtig nur 7 Kinder, gegen 9 im Vorjahre. — In Westhofen erhängte sich am Samstag Abend der Mühlenbesitzer Bayer, nachdem er angeblich vorher versucht hatte, die Mühle in Brand zu setzen. — Am 27. d. M. fiel in Kastel, an der Haltestelle der Trajectboote, ein Kind in den Rhein und ertrank. — Der Versammlung der deutschen Locomotivsührer und Heizer, welche am 27. ihren Anfang genommen, hat die Ludwigs-Eisenbahn zur Fahrt nach Bingen einen Extrazug unentgeltlich gestellt. — Wie das „Offenbacher Abendbl." meldet, wurde am 27. d. M. im Walde zwischen Dietzenbach und Offenbach die Leiche eines 10 Jahre alten Mädchens mit durchschnittenem Halse gesunden. Es wird angenommen, daß es sich um einen Lustmord handelt. — In Mainz gerieth während der Frohnleichnamsprozession das Kleid einer Dame in Brand. Rasches Eingreifen eines Polizei-Wachtmeisters, der sich selbst mehrfache Wunden zuzog, verhütete weiteres Unglück.
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* Berlin, 27. Mai. Zu der Mittheilung von dem Grabe des s. Z. unschuldig Hingerichteten Jäger Putlitz (s. Nr. 121 d. Bl.) schreibt der parlamentarische (Korrespondent der „Bresl. Ztg.": Ich weiß mich des Falles Putlitz trotz der 36 Jahre, die seitdem verflossen sind, genau zu erinnern. Ich weiß mich namentlich des Berichtes über seine Hinrichtung zu erinnern. In diesem Berichte wurde gesagt, daß Putlitz nicht jene aschfahle Gesichtsfarbe gezeigt, die sonst allen am Fuße des Schaffots stehenden Mördern eigenthümlich ist, mögen sie reuig oder verstockt oder von Todesangst gelähmt sein. Dagegen erinnere ich mich nicht, jemals ein Wort darüber gelesen zu haben, daß die Unschuld dieses Delinquenten nachträglich entdeckt worden sei, und ich bin überzeugt, daß sich das meinem Gedächtniß eingeprägt haben würde, wenn es geschehen wäre. Es sind nur zwei Fälle möglich - jene Reporternotiz ist falsch oder sie ist richtig. Ist sie falsch, so scheint es mir im öffentlichen Interesse zu liegen, daß sie berichtigt wird. Es kann kein Todesurtheil vollstreckt werden, ohne daß unter der Verantwortlichkeit des Justizministers der Monarch vorschreibt, der Gerechtigkeit


