Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Locrespondenz-Bureav.
Berlin, 28. December. Der „Reichsanzeiger" meldet: Zwischen den beseitigten Ministerien schweben Verhandlungen darüber, ob die Geheimhaltung derVeranlagungs- ergebnisse der Einkommensteuer durch die Gesetzgebung weiter auszudehnen sei, um ein Bekanntwerden gelegentlich der Auslegung der Wahllisten und Steuerlisten zu verhüten. Eingehende Erhebungen von Seiten der Provinzialbehörden sind bereits veranlaßt worden. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." theilt mit, über alle Grundlagen des Volksschulgesetzes sei im Staatsministerium vollständige Einigung erzielt und es sei zu erwarten, daß die Vorlage dem Landtage alsbald nach seinem Zusammentritt zugehen werde. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." erfährt ferner, die Ernennung der Mitglieder und Vorsitzenden der Sperrgelder-Ver- wendungs-Commission in allen Diöcesen stehe unmittelbar bevor.
Rom, 28. December. Der Papst empfing heute Vormittag den österreichischen Botschafter und den preußischen Gesandten zur Entgegennahme ihrer Neujahrs-Glückwünsche.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 28. December. Der Kaiser hat die neuen Bestimmungen über die Anrechnung der Militärdienstzeit aus das Dienstalter der Civilbeamten genehmigt. Die Bestimmung tritt am 1. Januar 1892 in Kraft.
— Nach der „Nordd. Allg. Zig." hat der Cultus- mi nist er sein Einverständniß erklärt mit dem in Frankfurt a. M. projectirten Versuch eines gemeinsamen Unterbaues für höhere Schulen.
Berlin, 29. December. Die „Kreuz-Ztg." meldet aus Hamburg, die von Santos hier ankommenden Schiffe bringen zahlreiche Fieberkranke mit. Die Lazarethe seien dort überfüllt. Viele Seeleute, darunter auch deutsche, seien gestorben.
Gelsenkirchen, 28. December. Auf den hiesigen Bulmker und Schalter Eisenwerken sind Arbeiterkündigungen erfolgt.
Straßburg i. E., 28. December. Das Industrie-Syndikat tagte zusammen mit den elsässischen Reichstagsabgeordneten und beschloß, eine Petition einzureichen für die Herabsetzung des Zolles aus Feingarn in dem Handelsvertrag mit der Schweiz.
Wllhelmshaven, 28. December. Die beurlaubte Besatzung der Corvette „Prinzeß Wilhelm" wurde telegraphisch nach Kiel zurückberufen. Es verlautet, die Corvette werde demnächst nach Brasilien in See stechen.
Wien, 29. December. Aus Krakau wird gemeldet, die russische Polizei entdeckte in Warschau Spuren eines Geheimbundes gegen den Czaren. Zahlreiche russische und polnische Studenten, Beamte, Offiziere und Bauern wurden verhaftet.
Paris, 28. December. Wie hiesige Blätter melden, befinde sich Emin Pascha in Wadelai und sei derselbe nur in deutsche Dienste getreten, um seinen langgehegten Plan auszuführen.
Mailand, 28. December. Hier ist die Influenza in starkem Maße ausgebrochen.
London, 28. December. Der „Times" wird über Sansibar aus Mponda berichtet, daß Engländer 269 Sclaven befreiten.
Die Einflüsse der neuen Handelsverträge aus den Handel mit industriellen und land- wirthschastlichen Produkten.
In der gesammten Geschäftswelt erörtert man lebhaft die wichtige Frage, welchen Einfluß die am 1. Februar 1892 in Kraft tretenden neuen Handelsverträge auf den Handel und die Preise der industriellen und landwirtschaftlichen Producte haben werden. Betrachtet man den Grundzug der neuen Handelsconventionen, so erkennt man sofort, daß derselbe darin besteht, daß sich Deutschland, Oesterreich und Italien hinsichtlich ihrer hauptsächlichsten Aussuhrproducte Coucessionen gemacht haben, aber diese Concessionen sind keineswegs gleichbedeutend mit der Aushebung der Jndustrie- und Getreidezölle, sondern sie bestehen nur in einer ziemlich bedeutenden Ermäßigung und in ganz einzelnen Fällen auch in einer vollständigen Aufhebung der Zölle. Eine genaue Uebersicht läßt sich bei dem colossalen Umfange der Zolltarife und der Mannigfaltigkeit der Ermäßigungen, die 5 bis 35 °/0 steigen, an dieser Stelle hinsichtlich der Zölle auf Jndustrie- producte nicht geben und erwähnt fei nur, daß bezüglich der Ermäßigung der deutschen Getreidezölle von 5 auf 3V2 Mk. für den Doppelcentner die Zollfrage am klarsten liegt. Der Natur der neuen Zollverträge entsprechend kann deren Einfluß also auch nicht umwälzend, sondern nur schroffe wirth- schastliche Gegensätze mildernd sein. Der ermäßigte Getreide» zoll von Mk. ist noch immer groß genug, um aus der einen Seite der einheimischen Landwirthschast einen erheblichen Schutz zu gewähren, auf der anderen Seite wird er aber wohl dazu beitragen, die in Deutschland enorm hohen Getreide- und Brodpreise und damit in Verbindung stehend wahrscheinlich auch die Schlachtviehpreise etwas zu ermäßigen und damit einem in der großen Mehrheit des Volkes vorhandenen Bedürfnisse nach billigeren Lebensrnitteln Rechnung zu tragen.
Nicht groß wird auch der Einfluß sein, welchen die neuen Handelsverträge aus den Jndustriemarkt ausüben werden, denn die Zollermäßigungen, welche Oesterreich, Italien u. s. w. Deutschland gewähren, sind nicht bedeutend genug, um die Conjunctur vollständig umzugestalten. Natürlich werden aber alle Fabrikanten und Exporteure sich zu bemühen haben, die neuen besseren Verkaussaussichten nach Oester eich, Italien u. s. w. nach Kräften auszunutzen und sicher werden auch einzelne Geschäftszweige von den neuen
Zolltarifen großen Vortheil haben und aus die Dauer sich größerer Ausfuhr zu erfreuen haben. Als solche Jndustrie- branchen, welche die meiste Aussicht haben, größeren Erport nach Oesterreich, Italien und übrigen, dem neuen Zolltarife beitretenden Staaten, zu erzielen, nennen wir landwirthschast- liche und gewerbliche Maschinen, technische Geräthe, Wirk- toaaren, ganzseidene Gewebe, Posamentier- und Knopfwaaren, gestickte Webwaaren, verschiedene Eisen-, Stahl- und Metall- waaren und Uhren. Dabei ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß unter der Gunst der immerhin durch die neuen Handelsverträge gebesserten Ausfuhraussichten auch für andere Judustrieartikel größerer Absatz erzielt werden kann.
Cötafcs unö Provinzielles.
Gießen, 29. December 1891.
— Neues Theater. „Und der Beutel schlaff und leer" wird wohl mancher Theaterbesucher im Hinblick auf die gehabten Weihnachtsanstrengungen und auf „das Ende der Tage" im Quartal schwer empfunden haben und — er ging nicht ins Theater, die leeren Bänke legten beredtes Zeugniß davon ab. Aber gespielt wurde mit gutem Humor, in diesem Falle wohl Galgenhumor, und die Musik spielte, und das war sehr anerkennenswerth. Das Lustspiel selbst, Ernst Wicherts „Ein Schritt vom Wege", eine Composition von Verwechselungen der Begriffe und Personen, theilweise langweilig, manchmal etwas „lächerlich", brachte die Zuschauer gerade nicht „außer Athem". Die Darstellung war nichts desto trotz eine nach allen Kanten hin befriedigende. Herr Georg Stegemann (Gutsbesitzer Arthur v. Schmettwitz) spielte wie immer seine Rolle mit richtiger Auffassung und Tact, seine junge Frau Ella (Frl. P l o g) spielte das launenhafte kokette und im Grunde genommene herzensgute „Weibchen in den Flitterwochen" gar nicht übel. Herr Karl Bellmann eignet sich zum biftinguirten Lebemann ober Bonvivant nicht schlecht, bas zeigte gestern sein „Egon". Herr Peickner hätte bis auf bie Ueberraschungsscene, wo eine überhastete Sprache sehr richtig angebracht war, etwas ruhiger sprechen bürfen, so hätte sein Spiel bebeutenb gewonnen. Die übrigen erwähnenswerthen Rollen lagen in bewährten Hänben unb würben auch bementsprechenb burchgesührt. — Morgen wirb bie „Leibrente", ein empfehlenswertes, recht originelles Stück gegeben, vielleicht hat es mehr Zuspruch.
— Die zu Ehren bes nach Darmstabt versetzten Herrn Pfarrers Dr. Elz von Seiten ber katholischen Gemeinbe veranstaltete Abschiedsfeier auf Lonhs Bierkeller verlief in überaus toürbiger unb erhebenber Weise. Die von Herrn Amtsrichter Hermann, Herrn Pfarrer Dr. Elz und Herrn Jnstitutsvorsteher Dr. Kübel gehaltenen Reden zeigten, wie innig sich das Verhältniß zwischen Pfarrer und Gemeinde in kurzer Zeit gestaltet hat und wie schmerzlich bie Trennung beiderseits empfunden wirb. In hohem Grabe anerkennend sprach Herr Amtsrichter Hermann von bem verbienstvollen Wirken bes scheibenben Pfarrers, ber es auch verstauben habe, mit allen Behörben ein gutes Einvernehmen zu wahren. Unb Herr Dr. Kübel sagte in einem Passus seiner Rebe mit Recht, baß bie Gemeinbe nach bem vorzüglichen Ruf, ber Herrn- Dr. Elz vorausgegangen, eine besonbere Hoffnung auf feine Thatkraft gesetzt habe. Die Erfüllung dieser Hoffnung wäre für eine langjährige Wirksamkeit gebucht gewesen. Es sei aber seiner umfassenden Sorge unb nnermüblichen Tätigkeit gelungen, ben wesentlichen Theil ber Hoffnung schon bis bahin in Erfüllung zu bringen. Er habe in vieler Beziehung bie Arbeit langer Jahre in einem kleinen Zeiträume geleistet unb bamit gleichsam ein Recht erworben, die Gemeinde jetzt schon zu verlassen. Man würde sich nicht beklagt haben, wenn der Herr Pfarrer nach seiner ganzen Thätigkeit in anderen und in unserer Gemeinde einen ruhigen Wirkungskreis ausgesucht habe, geschweige, wenn er jetzt in eine Gemeinde eintrete, bie nach Umfang unb Schwierigkeiten bie unserige noch übertreffe. Auch könne man es bem Herrn Bischof nicht verbenken, wenn berfelbe nach bem Maß ber seitherigen Wirksamkeit ihn für eine Stellung erkoren habe, bie einen Mann von besonberer Thatkraft erforbere. Aus ber Rebe bes Herrn Pfarrers vernahm bie Gemeinbe unter anderem mit hoher Freube, baß er auch weiterhin seine Sorge ber bevor- stehenden baulichen Erweiterung ber Kirche zuwenben will. — Möge bie Gemeinbe auch ihrerseits ber großen Ausgabe gegenüber es an Opferwilligkeit nicht fehlen lassen! Damit wirb sie einen Herzenswunsch bes scheibenben Psarrers erfüllen, ber für ben genannten Zweck bereits bebeutenbe Mittel von außen heranzuziehen verstauben hat.
—h. Am britten Weihnachtsfeiertage veranstaltete bie hiesige Rudergesellschaft im oberen Saale bes Hotel „zum Prinz Carl" ihre alljährliche Weihnachtsfeier, welche baburch von ben borangegangenen abwich, baß auch Damen baran Theil nahmen. Wie alle Festlichkeiten ber „Rubergesellschaft", hatte auch biefe sich eines zahlreichen Zuspruchs ihrer Mitglieder unb Freunbe zu erfreuen. Nach einem einfachen, ber Küche bes Hauses aber alle Ehre machenden, Abendessen folgten beclamatorische unb musikalische Vorträge. Unter dem strahlenben Kerzenglanze eines von einem Mit- gliebe gestifteten Tannenbaums würbe, nachbem ber Vor- sitzenbe bie Anwesenben begrüßt hatte unb ben Damen frische Blumensträuße überreicht waren, eine Verloosung vorgenommen, bie, ba Nieten nicht vorhanden waren, Jebem einen hübschen Gewinn einbrachte. Hieran schloß sich ein improvisiertes Tänzchen, welches bie Anwesenben in fröhlichster Stimmung bis zu ben ersten Morgenstunden zusammenhielt. — Die Vorbereitungen zu dem am 23. Januar in „Steins Saal" stattfindenden Ballsefte sind in vollem Gange und dürste dasselbe unter den diesjährigen Wintersestlichkeiten eine hervorragende Stelle einnehmen.
— Statistisches. An Porto - und Telegrammgebühren gingen im Großherzogthum Hessen im Jahre 1890 ein 4,116,992 Mk., an Briesen, Postkarten, Drucksachen und
Waarenproben 33,075,100 Stück, Packeten ohne Werthangabe 2,135,980 Stück, Briefen mit Werthangabe 134,237 Stück, Packeten mit Werthangabe 49,168 Stück. Aufgegeben wurden Briefe, Postkarten, Drucksachen und Waarenproben 29,916,600 Stück, Packete ohne Werthangabe 2,083,578 Stück, Briefe mit Werthangabe 140,970 Stück, Packete mit Werthangabe 48,213 Stück. Postnachnahmesendungen gingen 204,462 Stück ein und Postaustragsbriese 136,550 Stück. Der Betrag der eingezahlten Postanweisungen belief sich aus 95,504,896 Mk. und derjenige der ausgezahlten Postanweisungen aus 98,071,146 Mk. An Zeitungsnummern wurden aufgegeben 8,857,514 Stück. Telegramme gingen ein 386,985 Stück und es wurden deren aufgegeben 361,629 Stück.
R. Stockheim, 24. December. Die hiesige Zuckerfabrik hat am Heutigen das letzte Quantum Rüben verarbeitet. Gegen das Vorjahr hat sie die Arbeit etwa vier Wochen früher vollbracht, obgleich in diesem Jahre ein bedeutend größeres Quantum Rüben zur Verarbeitung kam. Der günstigen Witterung in diesem Winter ist es zuzuschreiben, daß während der Campagne fast keine Stockung eingetreten ist. Wie uns mitgetheilt wird, hat die Nachbars-Zuckerfabrik Friedberg noch einige Wochen zu thun, bis sämmtliche Rüben verarbeitet sind.
§ Ober-Moos (Kreis Lauterbach), 28. December. Gestern Abend brach in der Hofraithe des Landwirths und Gemeinderechners Schäg hier Feuer aus. Die aus den Nachbarorten erschienene Hulfsmannschaft konnte bald Herr des Feuers werden, so daß nur Scheuer und Stallung niederbrannten, das Wohnhaus jedoch gerettet wurde.
Homberg a. d. Ohm, 23. December. Unschuldig ver- urtheilt. Gestern wurde von der Strafkammer in Gießen ein vor fast zehn Jahren unschuldig verurtheilter hiesiger Einwohner, Namens Deeg, freigesprochen. Deeg war im Jahre 1882 beschuldigt, einem gewissen Nebhuth in Homberg ein Dreimarkstück aus der Tischschublade entwendet zu haben; sein Leugnen half nichts, Schöffengericht • und Landgericht verurteilten ihn wegen Diebstahls zu einer Woche Gesängniß. Erst im Jahre 1891 gelang es ihm, durch seinen Anwalt die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erwirken. Seine Behauptung, daß nicht er, sondern der Sohn des Bestohlenen den Diebstahl verübt habe, soll in der gestrigen Verhandlung vor der Strafkammer sehr wahrscheinlich geworden sein, so daß das Gericht dem Anträge des Vertheidigers, Rechtsanwalt Grünewald in Gießen, stattgab und den Deeg kostenlos freisprach. Es hatten sich nachträglich zwei Zeugen gefunden, die verdächtige Aeußerungen des jungen Nebhuth bekundeten. So ist dem Verurtheilten, der unschuldig Strafe erlitten hat, nach langen Jahren noch sein Recht geworden!
cf Ruppertenrod, 28. December. Alljährlich am Vorabend des Weihnachtsfestes erhalten die hiesigen Ortsarmen ein Weihnachtsgeschenk, bestehend in Lebensmitteln und baarem Gelbe. Die Austeilung ber Gaben pflegt in stiller Weise auf dem Bureau der Bürgermeisterei zu geschehen. Angeregt wurde dieses edle Thun vor etlichen Jahren durch eine Armenbescheerung mit einer sehr schönen öffentlichen Feier, aber den Grund zu einer bleibenden Stiftung mit diesem edlen Zweck legten dann der frühere Postverwalter Herr PH. und später ein Herr A. Die Zinsen dieser unveräußerlichen Stiftung werden zur Armenbescheerung auf Weihnachten verwandt. Sie erhalten noch einen erklecklichen Zuschuß durch den Inhalt der Armenbüchse, der Sammelbüchsen aus den Gastwirtschaften und namentlich auch der Vergleichsbeträge bei Bagatellsachen, wozu es immerhin in einer größeren Gemeinde Veranlassung gibt. Weihnachten 1889 wurden unter 18 Ortsarmen Gaben vertheilt, worunter die Bedürftigsten einen Betrag von 7.82 Mk. erhielten- 1890 erhielten 22 Personen Unterstützung, die für die Bedürftigsten 3.42 Mk. betrug. Auch an diesem Weihnachtssest ist eine ansehnliche Summe unter die Armen vertheilt worden- wie hochwillkommen ihnen diese Gabe namentlich in einer solchen Zeit mit teueren Lebensrnitteln ist, braucht nicht hinzugesetzt zu werden. Ehre und Anerkennung den hochherzigen Stiftern!
Friedberg, 25. December. Zwei armen Familien in dem benachbarten Rödgen sind die Weihnachtsfreuden nicht wenig vergällt worden. In der Dachkammer des Wohnhäuschens der Georg Klee II. Wittwe brach vorgestern Abend Feuer aus, welches den Dachstock in Asche legte, den Parterrestock beschädigte und den größten Theil der fahrenden Habe der nicht versicherten Wittwe vernichtete. In ähnlicher Weise wurde ihr ebenfalls unversicherter Schwager Adam Klee II. geschädigt, der die andere Hälfte des Zwillingshäuschens bewohnte. Die Entstehung des Feuers ist bis jetzt nicht aufgeklärt.
Vermischtes,
tt Kaffel, 28. December. Ein erschütternder Unglücksfall hat sich gestern Nachmittag hier beim Schlittschuhlaufen zugetragen. Vor dem Leipziger Thore befindet sich ein großer und tiefer Teich, der sog. Fackelteich, dessen Eis im Winter vorzugsweise von den hiesigen Bierbrauern abgeeift wird. Ab und zu taufen auch Kinder aus der Unterneustadt und der Leipziger Vorstadt dort Schlittschuhe, doch sind weniger Erwachsene dabei, auch fehlt es an den nöthigen Sicherheitsvorkehrungen, der erforderlichen Aufsicht rc. So war es auch am gestrigen Sonntage der Fall- es tief eine Anzahl Kinder auf dem großen Teiche umher, als plötzlich an einer schon einmal abgeeiften Stelle ein 14jähriger Schüler, der Sohn des Kochs Ohlwein, einbrach und unter das Eis geriet. Der jüngere Bruder von 12 Jahren eilt daraus rasch herbei um ihn zu retten, konnte ihn auch noch soeben am Schöpse fassen und ihn etwas emporziehen, indessen im selben Moment als der Körper des älteren Bruders oben aus dem Eise war, gab die dünne Decke abermals im größeren Umfange nach und das Schreckliche geschah nun, daß der Retter mit bem schon nahezu geretteten Bruder auch einbrach und bei b in die Tiefe versauken,


