M. 96. ZweUcs Blatt. Sonntag den 26. April 1891
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AnrLLichsv Theil.
Bekanntmachung,
Anträge auf Entlassung von Soldaten vor beendeter Dienstzeit und Gesuche um Beurlaubung zur Disposition des Truppentheils betreffend.
Wir sehen uns veranlaßt, die beiden nachstehenden Mi- ziisterial-Ausschreibeu wiederholt zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, da immer noch Gesuche in rubricirtem Betreff in großer Anzahl entweder bei dem Königl. General-Commando oder der Großh. 25. Division direct eingehen und häufig auch noch von den Großh. Bürgermeistereien attestirt sind.
Die Großherzoglichen Bürgermeistereien werden wiederholt angewiesen, sich nach den Vorschriften dieser Ausschreiben genau zu bemessen.
Gießen, am 22. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. G a g e r n.
19,
Darmstadt, am 26. October 1869. Betreffend: Gesuche um Beurlaubung von Soldaten. Das Großh. Ministerium des Innern
an die Großh. KreLSämter.
Nach einer Mittheilung des Commandos der Groß- herzoglichen Division werden am allgemeinen Entlassungs- termin der Reserven im Herbste jeden Jahres von den Regimentern 2C. auch eine Anzahl von Mannschaften, welche ihre dreijährige Dienstzeit noch nicht beendigt haben, zur Disposition der T r u p p e n t h e i l e beurlaubt.
Bei diesen Beurlaubungen werden zunächst die am besten Ausgebildeten berücksichtigt. Es können aber auch, wenn darum nachgesucht wird, solche Mannschaften Berücksichtigung
Feuilleton.
Aller guten Dinge.
Novclletle von Conr. Tel mann.
(4. Fortsetzung.)
„Lieber Gott," fiel sie munter em, „hattest Du denn .gar nichts Gescheiteres zu thun? Ueberhaupt, weßhalb reden wir denn immer von mir? Ich dächte. Dir müßte jetzt Wichtigeres auf der Seele liegen, Ewald. Wenn Du die blonde Tilly erobern willst — "
„Ja," machte er gedehnt, „wenn ich sie erobern will —"
„Nun? Was soll das heißen? Du solltest doch jetzt mehr als je Dich dazu gereizt fühlen und alle Deine Kräfte aufs Aeußcrste anspannen — "
„Ich? Warum?"
„Weil Du andernfalls leicht post festum mit Deiner Werbung kommen könntest."
„Ach so, die Geschichte mit dem kleinen Osten!"
„DaS sagst Du ja so phlegmatisch, als wäre nichts daran oder Du wärest Deiner Sache ganz sicher, ihn auszustechen, wenn es Dir nur erst beliebte."
„Hältst Du es denn für Ernst?" fragte er mit leise erwachender Neugierde.
„Ich weiß sogar, daß es Ernst ist."
„Du weißt das? Wieso?"
„Weil die blonde Tilly mir den Brief gezeigt hat, in welchem Fritz von Osten, Secondlieutenant p. p., in aller Form um ihre Hand anhält."
Ewald machre ein höchlichst verdutztes Gesicht.
„Du scheinst mit der Zeit zur Allerweltsvertrauten in nuferer lieben Vaterstadt zu werden," sagte er nicht ohne Empfindlichkeit. „Anny gesteht Dir unverfroren ein, daß sie, mich zu entbehren weiß und Tilly zeigt Dir sogar — aber ist das denn wirklich wahr? Dieser Osten — es ist doch unglaublich. Und was hat sie ihm denn geantwortet? Hat sie ihm ordentlich heimgeleuchtet? Ich hielt das Ganze, offen gestanden, für eine müßige Erfindung."
„O, das ist sie gar nicht. Reelle Wahrheit. Und Tilly hat sich drei Tage Bedenkzeit ausgebeten."
Ewald stieß eine höhnische Lache auf.
„Bedenkzeit? Du scherzest. Sie kann sich da noch bedenken? Aber das ist ja unmöglich!"
„Höre, Ewald, ich verstehe Dich gar nicht mehr recht," nel Martha kopfschüttelnd ein. „Du hast eine Art, über die
finden, deren Anwesenheit zu Hause häuslicher Verhältnisse halber dringend wünschenswerth erscheint.
Die desfallsigen Gesuche sind jedoch nicht bei dem betreffenden Regiment, sondern bei der Bürgermeisterei der Wohnorte der Bittsteller einzureichen oder von der letzteren zu Protokoll zu nehmen. Werden dergleichen Gesuche unmittelbar bei dem Regimente eingereicht, so werden sie von diesem künftig zurückgewiesen werden.
In den Gesuchen ist das Regiment rc., in welchem der betreffende Soldat dient und seit wann derselbe im Militär überhaupt dient, genau zu bemerken und sind die Gründe bestimmt und deutlich anzugeben, aus welchen die Anwesenheit des Soldaten zu Hause dringend nothwendig erscheint.
Die Bürgermeisterei hat sich zunächst über die Nichtigkeit der zur Begründung des Gesuchs angeführten Thatsachcn genau zu verlässigen und dasselbe sodann mit einem Berichte, in welchem sie sich über diese Thatsachcn, sowie über die Familien-, Erwerbs- und Vermögensverhältnisse der Bittsteller zu äußern hat, dem Kreisamte vorzulegen.
Von dem Kreisamte sind diese Gesuche näher zu prüfen, geeigneten Falles weiterer Nachweis zur Begründung der darin angeführten Umstände, wie die Beibringung eines kreis- ärztlichen Zeugnisses, zu veranlassen und die Verhandlungen sodann mit einer Liste der vorzugsweise zu berücksichtigenden Soldaten am 1. August jeden Jahres an das betreffende Regiment abzugeben.
Mit Rücksicht aus diesen Termin sind die Gesuche der fraglichen Art in dem Monat Juli so frühzeitig anzubringen, daß die näheren Ermittelungen darüber bis zum 1. August beendigt sein können.
Gesuche um zeitweise Beurlaubung sind künftig nicht mehr an das Divisions-Commando, wie in unserem Ausschreiben vom 1. August 1868 (Nr. 9 des Amtsblatts) bemerkt ist, sondern an das betreffende Regiment, beziehungsweise Trnppen-Commando zu richten.
Indem wir Ihnen die vorstehenden Bestimmungen zu
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anderen Männer zu urtheilen — als ob es außer Dir nicht auch noch ernst zu nehmende Bewerber für junge Damen geben könnte!"
„Ach ja, ja, ja," machte er ungeduldig. „Aber dieser Osten! Ich begreife gar nicht, wo solch ein Mensch die Courage hernimmt, um ein Mädchen wie Tilly zu werben. Ich an ihrer Stelle hätte ihm doch gleich von vornherein derb die Wahrheit gesagt, statt ihm auch nur drei Tage lang die Hoffnung zu lassen, die Möglichkeit sreizuhalten —"
„Ja, aber Du verkennst Tilly durchaus," unterbrach ihn Martha. „Diese Möglichkeit ist gar nicht so schwächlich, wie Du ohne Weiteres annimmst. Frau von Osten — Freifrau von Osten, das klingt, das reizt. Es ist viel hübscher als Tilly Müller oder meinetwegen Molinaro. Es würde sich auf dem Theaterzettel wundervoll ausnehmen. Und es gibt zugleich eine Stellung in der Gesellschaft, die auch nicht zu verachten ist, am wenigsten für eine Schueiderstochter wie Tilly. Bühl^enheldinnen, die berühmt werden wollen, heirathen immer adelige Cavaliere, das kannst Du in allen Theateralmanachen lesen, und damit ist ja auch beiden Theilen geholfen. Auf eine Freifrau von Osten wird man selbst auf den Brettern viel eher aufmerksam, als auf ein Fräulein Molinaro, wie die Welt nun einmal ist. Dazu gefällt Osten den Frauen eben besser als Du. Kurz, die Sache ist denn doch gar nicht von der Hand zu weisen, sondern im Gegen- theil viel, viel gefährlicher als Du meinst."
Ewald hatte ein paarmal spöttisch aufgelacht und dann angefangen, durchs Zimmer hin und her zu laufen.
„Das wird ja immer besser!" rief er, „Du nimmst also auch noch quasi ihre Partei. Diesen Osten ernsthaft als Bewerber sich zu denken! Es ist haarsträubend. Und weßhalb hat sie. Dir denn eigentlich seinen Brief gezeigt? Sie fühlte sich wohl noch gar geschmeichelt und wollte sich vor Dir brüsten, wie? Herrlich! Herrlich! Wahrscheinlich hat Osten diese Briefe doch gleich lirhographirt vorräthig, denn er braucht ja alle vier Wochen einen neuen. Und ein Weib wie Tilly geht ihm auf den Leim. Man möchte den Glauben an das weibliche Geschlecht überhaupt aufgeben, wenn man dergleichen erleben muß!"
„Bravo! Bravo!" machte Martha, während er sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr, „so wollt ich Dich, das ist die rechte Stimmung, die sich für Dich schickt. Du warst merkwürdig apathisch und phlegmatisch geworden für einen Liebhaber. Je mehr Du außer Dir geräthst, desto energischer wirst Du nun für Deine Sache eintreten. Ich wollte Dich nur etwas ins Feuer bringen."
„Es ist also alles nicht wahr?" fragte er stehenbleibend.
Ihrem Bemessen und geeigneter Jnstruirung der Großherzoglichen Bürgermeistereien mittheilen, beauftragen wir Sie zugleich, dieselben in den Kreisblättern zur Nachachiung für die Betheiligten bekannt zu machen.
v. D a l w i g k.
Raurcnbusch.
13.
Darmstadt, am 10. April 1872.
Betreffend: Gesuche um Entlassung von Soldaten vor beendeter Dienstzeit, sowie Gesuche um zeitweise Beurlaubung von Soldaten.
Das Großh. Ministerium des Innern
an die Großh. KreiSamter.
Veranlaßt durch eine große Zahl von Gesuchen um zeitweise Beurlaubung ober um Entlassung von Soldaten vor beendeter Dienstzeit, welche fast täglich unmittelbar bei dem Commando der Großherzvglichen Division eingereicht werden, hat uns dasselbe ersucht, die Bestimmungen über den bei solchen Gesuchen einzuhaltenden Jnstanzenzug in Erinnerung zu bringen und deren Kenntniß und Beachtung möglichste Verbreitung zu verschaffen. Wir beauftragen Sie daher, die nachstehenden Bestimmungen durch die Kreisblätter zur allgemeinen Kenntniß zu bringen.
Für die Behandlung von Gesuchen um Entlassung von Soldaten vor beendeter Dienstzeit sind zunächst die Vorschriften im §188 der Militär Ersatz-Instruction für den Norddeutschen Bund vom 26. März 1868 (Regierungsblatt von 1868, Seite 521) maßgebend, wonach dergleichen Gesuche nicht bei einer Mi litä r behörde, sondern bei den betreffenden Civilbehörden anzubringen sind. Die Civilbehörden, welche diese Gesuche anzunehmen haben, sind die Großherzoglichen Bürgermeistereien, welche über jedes Gesuch dieser Art ein Protocoll nach dem hierfür vorgefchriebenen Formular (conf. Ausschreiben vom 14. Oc-
„Doch, alles. Auf mein Wort. Uebermorgen erwartet Herr von Osten Tillys Entscheidung. Bis dahin hast Du also noch zwei Tage. Nutze sie zu Deinen Gunsten! Ich wiederhole Dir: nimm die Sache nicht leicht. Du täuschest Dich gewaltig über die Chancen Deines Nebenbuhlers. Und übrigens, Tilly zeigte mir den Brief, um meinen Rath einzuholen. Ich habe das Glück, als alternde. Jungfer merkwürdig viel Vertrauen bei jungen Mädchen zu erwecken."
„Nun? Und welchen Rath hast Du ihr denn gegeben?"
„Den, daß sie das ganz allein mit sich selber ausmachen müsse und daß ich in solchen Dingen ihr ebensowenig rathen könne, wie irgend ein anderer. Ich habe sie nebenbei sogar darauf hingewiesen, daß sie ja noch andere Bewerber habe, die doch auch in Rechnung zu ziehen seien. Weiter konnte ich nichts für Dich thun. Nun mach es selber mit ihr aus unb bringe Deine Sache zu gutem Ende."
„Du bist ja heute merkwürdig für diese meine Bewerbung um Tilly eingenommen, Martha," sagte Ewald gedehnt.
„Da Du mir gesagt hast, Du seiest sicher, dort Dein Lebensglück zu finden. — Und Dich finde ich heute merkwürdig lau, Ewald. Deine Nage scheint schon wieder verflogen."
„Sag lieber: meine Indignation," fiel er ruhig ein. „Uebrigens dank ich Dir für Deine Nachricht herzlich. Ich bin nun ganz mit mir selber im Klaren über das, was ich zu thun habe."
„Das will ich hoffen. Endlich!"
„Aber das ist ganz etwas anders, als Du von mir zu erwarten scheinst."
„Wieso?"
„Ich werde nämlich diese zwei Tage die Hände g.mz ruhig in den Schooß legen und Tilly gar nicht Wiedersehen."
„Ich glaube, Du bist toll, Ewald!"
„Nicht im Geringsten. Denn ich denke mir so: entweder liebt sie mich, dann kann sie keinen andern erhören und ich darf ganz ruhig fein; oder sie liebt mich nicht, dann würde mirs auch nicht Helsen, wenn ich mich jetzt noch um sie bemühte, und es würde sogar schrecklich für mich sein, wenn sic mich schließlich erhörte. Also — bis übermorgen! Und nun nochmals vielen, vielen Dank!"
Er sprach jetzt mit so klarem, männlichen und überlegenen Tone, als ob auch nicht der kleinste Rest eines Zweifels in ihm zurückgeblieben und überhaupt nichts mehr über die ganze Sache, die für ihn abgethan war, zu sprechen wäre. Martha sah ihn mit kopsschüttelnder Verwunderung und halbem Lächeln an, ließ ihn aber gewähren und drückte, ihm zum Abschied warm die Hand.
(Schluß folgt.)


