Wt. 298. Dienstag Len 22. December 1891
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ftras|Bt Bt» Anzeigen zu der «»chmitiags für bas esstesd« Ts« rrlchrmrnbeu Kummer bis Vsnv. 10 Uhr
Für die Regel sind die Großherzogl. Bürgermeistereien sowohl für Schlachtvieh wie für Handelsvieh zur Ausstellung der Gesundheitsscheine ermächtigt. Diese Ermächtigung besteht jedoch nicht für Treibherden von Schafen und Schweinen, für welche stets thierärztiche Gefundheitsscheine erforderlich sind, und, soweit es sich um Handelsvieh handelt, nicht für die Bürgermeistereien derjenigen Orte, in denen Thierärzte wohnen. Für Schlachtvieh können auch die Bürgermeistereien dieser Orte Gesundheitsscheine ausstellen, für Handelsvieh, welches aus solchen Orten verbracht wird, ist thierärztliches Zeugniß erforderlich.
Anstand.
Wien, 19. December. Im Herrenhause beantragte Fürst Schönburg angesichts der kurzen verfügbaren Zeit schon
Berlin, 19. December. Nach einer Meldung der „Voss. Ztg." aus Schweidnitz fordert die dortige Handelskammer die Fabrikanten auf, den arbeitslosen Reinerzer Webern zur Verhinderung schweren Nothstandes Arbeit zuzuführen.
Berlin, 19. December. Der „Reichsanzeiger" veröffent« licht die Uebersicht über die Getreideeinfuhr vom Januar bis einschließlich November d. I. Dieselbe betrug in Weizen 12,000,005 (+ 4,308,258 gegen 1890), in Roggen: 9,109,411 (+ 929,772), Gerste: 6-293,041 (- 685,588) Doppelcentner.
Köln, 19. December. Wie die „Kölnische Zeitung" meldet, hat der Kaiser Franz Josef dem Grafen Hartenau erlaubt, die ihm von der Sobranje in Sofia bewilligte Pension anzunehmen.
Ratibor, 19. December. Der hiesige landwirthschaftliche Verein stellte das Vorhandensein eines Nothstandes wegen Mangels an Saatgut fest und erbat zur Verhinderung deffelben Staatsvorschüsse gegen Gutsage der Gemeinden.
Hamburg, 19. December. Bismarck traf um 12 Uhr heute Mittag in Wandsbeck ein und wurde vom Oberbürgermeister Rauch begrüßt, der ihm seine Ernennung zum Ehrenbürger mittheilte. Bismarck sagte in seiner Dankrede, Wandsbeck sei für ihn eine Hauptstadt. Wenn er auch jetzt von der Weltbühne abgetreten und zum Zuschauer geworden sei, so beanspruche er doch das Critikrecht des Zuschauers. Der Ort Wandsbeck ist prächtig geschmückt - der Empfang des frisch aussehenden Fürsten war sehr herzlich.
Bayreuth, 19. December. Amtliches Resultat der am 15. d. M. im zweiten oberfränkischen Wahlkreise (Bayreuth) stattgehabten Reichstagsersatzwahl: Abgegeben wurden insgesammt 13 784 Stimmen, davon erhielten Dr. Caffel- mann, Rechtsanwalt in Bayreuth (natlib.) 7391 Stimmen, Dr. Aug. Papellier, König!. Regierungsrath in Bayreuth (deutschfreisinnig) 4338 Stimmen, Georg Frank, Bildhauer in Nürnberg (Socialdemokrat) 2043 (Stimmen. Ersterer ist somit gewählt.
Straßburg, 19. December. Statthalter Fürst Hohenlohe kehrte vorgestern, an der Influenza leidend, von Berlin zurück. Sein Zustand hat sich heute gebessert.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 19. December. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Steuercommisiär Kolb von Bingen, den Steuercommisiär Müller von Alsfeld.
Bekanntmachung.
Am 20. l. Mts. wurde dahier ein rothbraunes Pferd eingebracht, desien Eigenihümer sich bis jetzt noch nicht gemeldet hat.
Derjenige, welcher berechtigte Ansprüche an fragliches Pferd machen zu können glaubt, wird aufgefordert, das innerhalb acht Tagen bei der unterzeichneten Behörde zu thun, widrigenfalls das Pferd als gefundener Gegenstand betrachtet werden muß.
Gießen, den 21. December 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
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Alle Lk»sme«Mrrraux M 3h» usb Anzeigen fllr den „Gießener Anzeiger-
Bekanntmachung, Amtstage des Großherzoglichen Kreisamts Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird
Samstag den 2. Januar 1892, von Vormittags 8 Uhr an, einen Amtstag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingesessenen aus den Amtsgerichts-Bezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubrivgen.
Gießen, am 20. December 18'91.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern._________________
Gießen, den 20. December 1891. Betr.: Wie oben.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
v. Gagern.
Nr. 30 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 17. d. M., enthält:
(Nr. 1979). Bekanntmachung, betreffend die Erstreckung | der Versicherungspflicht nach dem Invalidität- und Alters- ? Versicherungsgesetze auf die Hausgewerbetreibenden der Taback- • fabrikation. Vom 16. December 1891.
Gießen, den 19. December 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 19. December 1891. Betr.: Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
<m di« Grotzh. »ürgermtistereieu de» «reise». '
Nachdem wir die Wahrnehmung gemacht haben, daß entgegen der nachstehend abgedruckten Bestimmung unseres Ausschreibens vom 6. April 1891 — Kreisblatt 81 — Seitens mehrer von Ihnen über Treibherden von Schafen an ' Händler Gesundheitsscheine ausgestellt worden sind, schärfen wir diese Bestimmung zur strengsten Befolgung unter dem Anfügen ein, daß wir im Falle von ferneren Zuwiderhandlungen unangenehme Verfügungen erlassen müßten.
Wir bemerken hierbei, daß unter Treibherden nicht nur Herden von größerem Umfang, sondern auch solche von einer kleineren Zahl von Thieren zu verstehen sind, sofern diese getrieben werden, und daß es hierbei gleichgiltig ist, ob die Thiere weiterverkauft oder geschlachtet werden sollen.
v. Gagern.
Feuilleton.
Das Glück in der Miethskaserne.
Eine WethnnchtSgeichichte von Jul. Bruck.
(I. Fortsetzung.)
„Friede auf Erden!" klang es durch die Lande, und kein Wölkchen des Unmuths lag aus den Stirnen der Liebenden, als sie vor die hellerleuchtetc Tanne traten, um ihre Festgaben auszutauschen. . .
Riekchens Vater sah sein ärmliches Heim in eine Statte der Freude verwandelt und wie Frühlingssonnenschein strahlte das Antlitz des sonst so finster dreinschauenden Mannes. Unter bem wohlfeilen Zierrath des von ihm geschmückten Weihnachtsbaumes barg sich das Wenige, das er dem Brautpaare zu neben vermochte. Dennoch war er stolz daraus- hatte er e« doch mit den vom Munde abgeiparten Pfennigen erkauft.
Für das seiner Tochter dargebrachte Geschenk wurde er durch eine ihrer vielen, von seltener Kunstfertigkeit zeugenden Handarbeiten nach Wunsch belohnt. Als aber Rösing das chm überreichte Cigarreuläschchen, in dem er einen endlich .erlösten Ladenhüter des Fünsgroscheubazars zu erblicken wähnte, mit spöttischem Lächeln entgegennahm, zog das düstere, den nahen Gewittersturm verkündende Gewölk herauf.
Papa hätte sich um meinetwillen nicht gar so sehr in Unkosten stürzen sollen," sagte er zu Riekchen, und ohne eine Antwort abzuwarten, fitzte er hinzu: „Das wird durch den Bratenrock, den ich ihm anmessen ließ, mcht quitt $ Dieser protzenhafte Hohn kränkte den leicht erregbaren Brautvater, doch suchte er sich zu beherrschen und schwieg, .'bis Rösing mit den Worten: „Auch ich will heute nicht knausern!" ein Goldstück aus der Tasche zog.
So wurde Oel ins Feuer gegossen und wuthschaumend fuhr der Alte auf: „Was solls damit? Bin ich ein Bettler? Will mir der durch eine unverhoffte Erbschaft übermuthig gewordene Dütenkrämer zum Bratenrock auch noch die Hole ^nmessen lassen?!"
Rösing begriff die Unschicklichkeit seines Benehmens, doch fand er kein Wörtchen der Entschuldigung.
Papa Wendt hatte es erwartet, und nun es ausblieb, erklärte er, daß er die Zukunft seines Kindes nie und nimmer einem gemüthsrohen, rücksichtslosen Prahlhans anvertrauen wolle.
Vergebens suchte Riekchen die drohende Gefahr abzuwenden. „Sei nachgiebig," raunte sie ihrem Bräntigam zu. „Bekenne, daß Deine Zunge mit dem Verstände durchging und Papa wird Dir gerne verzeihen."
Doch Rösing hatte sich schon der Thür genähert und entwand sich hier gewaltsam den Armen des bittenden Mädchens. „Laß mich!" rief er aus, „oder folge mir, dem Manne Deiner Wahl, und entsage, weil ichs will, dem alten Querkopf !"
„Er ist mein Vater!"
„Und mein Feind!"
„Er wird nicht unversöhnlich sein!"
„Ich aber bins!"
Mit diesen Worten verließ er flüchtige« Fußes das Zimmer, ohne der ihm nacheilenden Braut zu achten.
Seiner Sinne kaum mächtig, vernahm er nur noch die unter krampfhaftem Schluchzen hervorgestoßene Klage: „Dein Trotz hat unser Glück gemordet!" Dann stürmte er ziellos durch die Straßen.
Zwar kam ihm zu wiederholten Malen der Gedanke, in die Behausung des alten Wendt zurückzukehren und durch ein reuevolles Eingeständniß feiner Schuld das Geschehene in Vergessenheit zu bringen, doch das, was seiner Verblendung als manneswürdiger Stolz erschien, sträubte sich dagegen.
So ließ er den heiligen Abend-- und die Festtage in namenloser Qual vorübergehen und hatte sich bereits in das nach seiner Ansicht Unabänderliche gefunden, als er von Riekchen einen zur Versöhnung mahnenden Brief erhielt. „Der Vater hat sich beruhigt," hieß es da, „und wie Du und ich bedauert auch er den trüben Vorfall. Gieb ihm ein gutes Wort und alles wird sich zum Guten wenden."
Er konnte sich der Thränen nicht erwehren und dennoch gehorchte er wieder nur der Stimme seines trotzigen Herzens.
„Ihm, dem Beleidiger, geziemt die Abbitte," sagte er sich unablässig, und mit der schriftlichen Entgegnung: „Zu ihm führt keine Brücke mich zurück. Wähle zwischen ihm und mir!" feierte er den Sieg seines Starrsinns.
Bange Wochen und Monate entschwanden. Da starb der alte Wendt und an seinem Grabe suchte Rösing die Wiedervereinigung mit Riekchen. Sie aber würdigte ihn jetzt nur noch eines vorwurfsvollen Blickes. „Der Segen meines Vaters ruht nicht auf Dir," flüsterte sie ihm zu und wandte sich ab.
Drei Tage später hatte sie die Stadt verlaffen.
Das war die peinliche Erinnerung des armen reiche» Mannes, der mürrisch und grollend im öden Stübchen saß. Seine erfolggekrönte Erwerbsthätigkeit hatte ihm zwar eine von allen Nahrungssorgen freie Existenz gesichert, ihn aber nicht für das jeinem Trotz aufgeopferte Liebesglück entschädigt. Und nun, da nach seiner Uebersiedelung in die Reichshauptstadt, zu deren Hausbesitzern und Rentnern er sich zählen durfte, einer seiner sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gegangen war, erkannte er die Werthlosigkeit seines Daseins.
In Schweiß gebadet, schürte er die im Ofen züngelnden Flammen, deren die milde Decembersonne spottete, und dachte nur noch des in seine Seele eingezogenen trostlosen Winters, als plötzlich ein von der Treppe her ertönendes Keuchen fein Ohr berührte.
Langsam erhob er sich, öffnete die Thür und erblickte einen schwer belasteten Kohlenträger, den er schon oft gesehen, und bemitleidet, aber noch niemals angesprochen hatte.
„Legen Sie Ihre Bürde ab!" rief er ihm zu, „und lassen Sie uns ein paar Worte miteinander reden."
Ein kurzes Ja wurde vernehmbar und bald darauf stand er einem kleinen, schmalbrüstigen Manne gegenüber, auf deffen bleichem, hagerem Gesicht er die alte herzbrechende Historie von einem in Mühsal, Armuth nnd Krankheit verbrachten Menschenleben zu lesen glaubte.
(Fortsetzung folgt.)


