Ausgabe 
17.6.1891
 
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1891

Mittwoch bett 17. Juni

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Aei»este Nachrichten.

WolffS telegraphisches Torrefpondenz-Bureau.

Berlin, 15. Juni. DerReichsanzeiger" bringt eine Rundschau über den Weltgetreidehandel im Monat Mai und hebt hervor, daß die Ernteaussichten sich im Allgemeinen gebessert haben, besonders gebe der Getreidestand der Ver­einigten Staaten und von Ostindien zu ausgedehnten Hoff­nungen Raum.

Potsdam, 15. Juni. Um 81/2 Uhr fand im Sterbezimmer Kaiser Friedrichs in Gegenwart der kaiserlichen Familie eine Gedächtnißfeier statt. Die Andacht hielt Candidat Keßler. Um neun Uhr erschien das Kaiserpaar mit den drei ältesten Prinzen im Mausoleum bei der Friedenskirche und legten Kränze nieder.

Bremen, 15. Juni. DerNorddeutsche Lloyd" wird, wie nunmehr beschlossen, die Zwischendeckspreise vom .19. Juni ab gleichfalls ermäßigen.

Wien, 15. Juni. Die dritte Commission des Welt- Poftcongresses beendete die Vorberathung des Ueberein- kommens, über die Vermittelung des Abonnements von Zeitungen durch die Post. Dem Uebereinkommen sind bisher beigetreten: Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Belgien, Bra­silien, Bulgarien, Aegypten, Luxemburg, Norwegen, Persien, Portugal, Rumänien, Schweden, die Schweiz und die Türkei.

Rom, 15. Juni. DemPopolo Romano" zufolge werden die Handelsvertrags-Unterhandlungen zwischen den Delegirten Deutschlands, Italien, Oesterreich-Ungarns ..und der Schweiz am 27. Juli in Bern beginnen.

Paris, 15. Juni. Infolge der von dem diplomatischen Corps unternommenen Schritte hat der Kaiser von China ein Decret erlassen, kraft dessen die Fremden und die aus­ländischen Missionen beschützt und die Urheber der Christen­verfolgungen am Dang-Tse bestraft werden sollen.

Paris, 15. Juni. Nach einer Enquete des Müller­verbandes wird das diesjährige Ergebniß der franzö­sischen. Getreideernte auf 83 Millionen Hectoliter .geschätzt, 31 pCt. weniger als im Vorjahre. Der Import dürfte über 400 Millionen Hectoliter betragen. Voraus­gesetzt, daß die Witterung die Ernte nicht weiter ungünstig beeinflußt, würde der Import beim Durchschnittspreis von 22 Frcs. per Hectoliter 925 Millionen erfordern.

Die Direktion der Ostbahn macht bekannt, daß Paffagiere nach Wien via Arlberg, nach Mailand via Gott­hardt, infolge des Mönchen st einer Bahnunsalles über Mülhausen-Basel reisen müssen, wozu sie Pässe bedürfen.

Paris, 15. Juni. DemEcho de Paris" zufolge wird die Zahl der Feldartillerie-Regimenter im nächsten Jahre von 38 auf 40 erhöht - doch sollen die nöthigen 24 Batterien nicht sofort hergestellt, sondern vorläufig theil- weise den bestehenden Regimentern entnommen werden.

Bern, 15. Juni. Der Bundesrath hat betreffs der Amnestie der Tessiner Angeklagten bei der Bundes­versammlung beantragt, den beim Bundesgericht anhängig gemachten Untersuchungen über die Jnsurrection vom 11. September 1890 und über die Großrathswahlen vom 3. März 1889 keine weitere Folge zu geben, dagegen der Untersuchung gegen den der Ermordung des Staatsrathes Rossi angeklagten Castioni, als in den Amnestiebeschluß nicht mit einbegriffen, ihren Lauf zu lassen.

Bellinzona, 15. Juni. I" der Volksabstimmung wurde mit 17 900 Stimmen die Verfassungsrevision be­schlossen- für die Revision durch den Verfassungsrath stimmten 9250, durch den Großen Rath 8200.

London, 15. Juni. In der gestern Nachmittag im Hyde- park abgehaltenen Kundgebung der Arbeiterinnen- Vereine zu Gunsten der Waschfrauen Londons wurden bessere sanitäre Verhältnisse der Waschanstalten, Verkürzung der Arbeitszeit und höherer Lohn gefordert. Ebendaselbst sand eine Versammlung von Eisenbahnbediensteten zu Gunsten des Achtstundentages statt.

Queenstown, 15. Juni. Aus dem DampferCity of Richmond", welcher heute von Newyork eintraf, war der aus Baumwollenballen bestehende Theil der Ladung in Brand gerathen. Das Feuer wurde am 8. Juni um Mitternacht entdeckt und ries große Bestürzung unter den Passagieren hervor. Man versuchte das Feuer zu löschen, während der ganzen Nacht jedoch ohne Erfolg. Inzwischen hatte man Boote mit Lebensmitteln gefüllt. Am Morgen stieß der Dampfer Counsellor" aus die vom DampferCity of Richmond" ge­gebenen Nothsignale zu letzterem und blieb bei diesem, bis der DampferServia" erschien, welcher denCity of Rich­mond" nach Queenstown brachte.

Die Eisenbahn-Katastrophe bei Mönchenstein.

Die Direction der Jura-Simplon-Bahn erließ folgende Bekanntmachung:

Bern, 15. Juni. Das Eisenbahn - Unglück erfolgte 500 Meter vor der Station Mönchenstein in der Richtung nach Basil infolge des aus unbekannten Gründen stattgefun- denen Bruches der eisernen Brücke über die Birs bei Durch­fahrt des gewöhnlichen Personenzuges Nr. 174 ab Basel um 2.15 Uhr Nachmittags. Die beiden Locomotiven, zwei Ge­päckwagen, der Postwagen und vier Personenwagen stürzten in den Fluß. 33 verletzte Personen wurden in's Spital nach Basel verbracht, andere werden zu Hause verpflegt. Die Zahl der Todten beträgt etliche fünfzig- mehrere liegen aber noch unter den Trümmern. Die Brücke, welche eine Oeffnung von 41 Meter hat, datirt aus der Mitte der 1870er Jahre. Die Eisenconstruction wurde von Eiffel in Paris geliefert. Infolge der großen Ueberschwemmung von 1881 wurde ein

unterwühltes Widerlager durch Holzmann u. Co. in Frankfurt pneumatisch neu fundirt. Schon seit längerer Zeit fanden Revisionen der Eisenconstruction statt, deren Querträger dann voriges Jahr nach vom Eisenbahn-Departement genehmigten Plänen verstärkt wurden - die Hauptträger hatten sich nach Rechnung als stark genug erwiesen.

Ein Berichterstatter derBaseler Nachrichten" meldet: Es war um halb 3 Uhr, als wir von der St. Elisabethen- straße aus ahnungslos den üblichen Sonntagsspaziergang an­traten. Da auf einmal wurde uns von einem Polizisten die Kunde, es sei ein großes Eisenbahnunglück aus der Juralinie in der Nähe von Mönchenstein geschehen. Wir verdoppelten unsere Schritte und als wir beim Wolfgottesacker vorbeikamen, begegneten uns die ersten Verwundeten, theils zu Fuß, theils zu Wagen, in Droschken, Breaks rc. Ohne die Größe des Unglücks zu ahnen, eilten wir vorwärts, um bald zu verneh­men, daß die Birsbrücke bei Mönchenstein unter der Last des Zuges, der 2 Uhr 15 Min. von Basel nach dem Jura ab­fährt, eingestürzt, der erste Theil des Zuges, von den wilden Fluthen bestürmt, im Flußbett in Trümmern liege. Und so war es auch, als wir an der Unglücksftelle anlangten. Oben auf dem Damme standen etwa ein halbes Dutzend verlassener Personenwagen mit offenen Fenstern, durch die sich die In­sassen, welche nicht schnell genug in's Freie sich stürzen konn­ten, gerettet hatten. Es war dies der Hintere Theil des Zuges, herwärts gegen die Stadt. Einen Schritt weiter. Da entrollt sich vor unseren Augen ein Bild der Verwüstung und des Jammers, wie es entsetzlicher nicht gedacht werden kann. Die eiserne Gitterbrücke, aus allen ihren Fugen ge­rissen, in ihren Bestandtheilen verbogen, verkrümmt, ist nicht mehr. Die Tragebalken tauchen aus und über der Fluth wie Skelettstücke empor. Unten sehen wir zerschellt die kolossalen Maschinen, die erste umgeworsen, an das jenseitige (Mönchen- fteiner) Ufer gelehnt, die zweite fast aufrecht stehend im Flusse - die Maschinen theilweise überlagernd, ein Chaos von Wagen- und Brückentrümmern bis an das hierseitige (Basler) Ufer, jeder Beschreibung spottend. Trümmer schwimmen den Strom hinunter, Trümmer liegen in den Usergebüschen umher, ein rother, sammtbezogener Sitz erster Klasse ist auf die benach­barte Wiese hinausgeschleudert. Der Schaden an Bau- und Rollmaterial ist enorm und läßt sich zur Stunde, da wir die­ses schreiben, noch nicht mit Sicherheit übersehen. Was ist aber dieser Schaden an todtem Gut gegen die kostbaren, jeder Schätzung sich entziehenden Menschenleben, die da elendiglich zu Grunde gehen mußten! Fröhlichen und unbesorgten Her­zens haben sie der Bahn sich übergeben, um vernichtet, ver­stümmelt, schwer verwundet, leicht verletzt, vom Schrecken ge­lähmt, aufgehoben zu werden. Mitten im Leben sind wir von dem Tod umfangen! Ein Augenblick und das frohe Ge­sicht ist zum Leichenantlitz verzerrt.

Als wir zwischen 3 und 4 Uhr den Platz betraten, war noch kein absperrender Cordon gezogen und wir konnten uns

Feuilleton.

In der Sahara.

Nach dem Tagebuche eines französischen Reisenden. (Fortsetzung.)

Ali Marsur hielt nun Umschau, um zu erwägen, ob die Carawane ihren Marsch vielleicht noch bis zum Einbrüche der Dämmerung fortsetzen solle, schließlich entschied er sich aber für das Uebernachten an unserem heutigen Zufluchtsorte. Hierzu bestimmte den Scheik nicht nur der tiefe Stand der Sonne, sondern auch das Vorhandensein einer Quelle, die sich feiner Behauptung nach an der südöstlichen Ecke der lang ausgedehnten Felsengruppe befinden sollte. Wasser aber mutzten wir haben, denn der heiße, erstickende Hauch des Wüstensturmes hatte den Wasservorrath in unseren ledernen Schläuchen nahezu ausgetrocknet, der übrig gebliebene Rest war so sadschmeckend, daß selbst die Kameele dieses lauwarme Wasser nicht saufen mochten. Ali ging mit einigen der Leute, die Quelle auszusuchen, und ich schloß mich ihnen an. Müh­sam wadeten wir durch die zusammengewehten Sandhaufen, uns immer dicht an die Felsen haltend, bis wir die Stelle erreichten, wo am Fuße der Felsenblöcke ein kleiner Quell nach der bestimmten Versicherung des Schecks angeblich her- vorsickcrte. Aber wenn dem wirklich so war, so hatte der Harmattan den Quell offenbar zugeschüttet und es blieb uns uichts übrig, als zu versuchen, ihn wieder auszugraben. Ali Mansur erthetlte sofort die nöthigen Anordnungen, mit Händen und breiten Gefäßen aus Kürbisrinde wurde an der Don unserem Führer bezeichneten Stelle ein tiefes Loch in den glücklicher Weise nur sehr locker liegenden Sand gegraben und endlich stießen wir zu unserer unaussprechlichen Freude auf Wasser.

'Bald war ein großes, halbkreisförmiges Becken her- gestellt, das sich langsam mit dem frischen und wohlschmeckenden Wasser füllte. Das köstliche Naß wanderte in die von uns mitgebrachten Kürbisgefäße und Schläuche, worauf wir nach der Höhle zurückkehrten, vor welcher inzwischen die Zelte er­richtet und Feuer angezündet worden war. Dem aufregenden Tage folgte eine wunderbare Nacht von einer Schönheit, wie ich sie unter keinem Himmelsstriche so empfunden habe. Am dunkelblauen klaren Nachthimmel glänzten die Sternbilder in einer Pracht, wie sie der Nordländer nimmer ahnen kann und auch der im Osten aufsteigende Mond erstrahlte in einer wundersamen Helle, die man selbst in den Ländern des süd­lichen Europas vergebens suchen würde. Dazu kam der Anblick unserer Zelte, die angezündeten Feuer, der ruhenden Thiere, der malerischen Gestalten der Araber und der sich weithinstreckenden gelben Sandfläche. Alles dies vereinigte sich, um in mir zum ersten Male die mächtigen Eindrücke der von verschiedenen Dichtern so begeistert geschilderten Poesie der Sahara hervorzurufen.

Am nächsten Morgen, der empfindlich kühl war bei­läufig gesagt, kommt es gar nicht so selten vor, daß in der Sahara die Wasserrinnen mit einer dünnen Eiskruste bedeckt sind ging es wieder vorwärts, nachdem die Wasserschläuche an der Quelle nochmals gefüllt und die Kameele daselbst tüchtig getränkt worden waren. Große Sanddünen, oft viele Meter hoch, die der Sturm zusammengeweht hatte, versperrten indessen häufig den Weg und nöthigten unseren Führer, die Route zu wechseln- bewundernswerth war hierbei die Sicher­heit, mit der er inmitten dieses Chaos von Sandhügeln schließlich immer wieder die ursprüngliche Wegrichtung traf. Je weiter wir zogen, desto mehr verschwanden aber die Spuren des stattgefundenen Sturmes, in dessen Centrum wir

wahrscheinlich gerathen waren, und am folgenden Tage ver­mochte selbst ich zu erkennen, daß wir uns auf dem gewöhn­lichen Carawanenwege befanden.

Denn zu beiden Seiten des Weges fanden sich die bleichenden Knochen gefallener Kameele und weiterhin waren auch einige menschliche Scelette zu bemerken, welcher un­gewohnter Anblick mir allerdings Grauen einflößte. Wie mir Ali Mansur mittheilte, war an dieser Stelle eine Carawane von einem fürchterlichen Sturme überfallen worden, dem die vor Ermattung zurückbleibenden Menschen und Kameele zum Opfer fielen, da sich die weiterziehende Carawane einfach nicht um ihre zurückgebliebenen Mitglieder kümmerte. Uebrigens versicherte unser Carawanenführer, der die Sahara schon nach allen Richtungen hin durchstreift hatte und sie genau kannte, daß die Nachrichten vieler Reisenden über die Schrecknisse der Wüste durchaus übertrieben seien. Er gab zwar zu, daß man überall in der Wüste Thier- und Menschenknochen fände, aber die Meinung, als ob gleich ganze Carawanen durch Harmattans oder Chamsins vernichtet würden, bezeichnete der Scheik als irrig und auch auf meinen späteren Wüstenfahrten hörte ich niemals von einer im Sandsturme vollständig ver­unglückten Carawane.

Die furchtbare Plage des Durstes inmitten der mono­tonen Sandflächen der Sahara sollte ich aber doch kennen lernen. Es war am zwölften Tage seit unserem Aufbruche von Derim, als wir eine Gruppe ziemlich dürftig aussehender Palmen erreichten, in deren Mitte sich nach der Angabe Ali Mansurs ein Brunnen befinden sollte. Diese Angabe des Führers stimmte allerdings, aber der Brunnen erwies sich als gänzlich ausgetrocknet und dieser Umstand war in An­betracht der Leerheit unserer Wasserschläuche äußerst fatal. Die Leute Mansurs schlugen zwar von den Palmen mit