Einzelbild herunterladen

Schlumberger die Adresse, worauf der Kaiser erwiderte: Es gereicht mir zur Genugthuung, daß der Landesausschuß sich in einer für die Interessen Elsaß-Lothringens wichtigen Frage unmittelbar an mich gewendet hat. Ich erblicke in dieser Thatsache ein mir werthvolles Zeugniß für das fort­schreitende Verständnis, welches mein Wohlwollen und meine Theilnahme an der Entwickelung Ihres Heimathlandes im Streife seiner Vertreter findet. Auch nehme ich gerne die Ver­sicherung entgegen, daß die elsaß-lothringische Bevölkerung auf dem Boden der bestehenden staatsrechtlichen Verhältnisie verharrend, jede Einmischung fremder Elemente zurückweist und den Schutz ihrer Interessen nur von dem Reiche gewärtigt. Indem ich Ihnen für diesenAusdruck reichstreuer Gesinnung meinen Dank entbiete, bedauere ich, für jetzt ihre Wünsche nicht erfüllen zu können. Ich muß mich darauf beschränken, die Hoffnung auszusprechen, daß in nicht allzu ferner Zeit die Verhältnisse eS gestatten mögen, im Verkehr an der Westgrenze wiederum Erleichterungen eintreten zu lassen. Diese Hoffnung wird um |o früher in Erfüllung gehen, je mehr sich die elsaß- lothringische Bevölkerung von der Unlösbarkeit der Bande überzeugt, welche sie mit Dentschland verknüpfen, und je ent­schiedener sie den Entschluß bethätigt, allezeit treu und un­erschütterlich zu mir und zum Reiche zu halten."

Berlin, 14. März. Vor dem Diner beim Kaiser begrüßte die Kaiserin die elsässische Deputation, welche der Kaiser durch eine Ansprache auszeichnete. Die Mitglieder der Deputation waren im Civilhoscostüm erschienen und saßen dem Kaiserpäar gegenüber. Der Kaiser trank jedem Einzelnen zu. Nach der Tafel fand längerer Cercle statt, wobei der Kaiser die Herren in ein längeres Gespräch zog. Auch der Großherzog von Baden, Caprivi und Moltke unterhielten sich mit den elsässischen Herren.

Pofen, 14. März. Die Warthe steigt, gegenwärtig ist der Stand 5,68. Die Ueberschwemmung breitet sich jetzt auch in den Hauptstraßen der Unterstadt aus, so daß hier auch der Pferdebahnverkehr eingestellt werden mutz. Die Cybanabrücke mußte belastet, die Warthebrücke der Posen- Thorner Eisenbahn durch Sandsäcke und Faschinen gesichert werden. Dagegen wird von Pogorzelice 5,08 (Fallen des Wassers um 2 cm) gemeldet.

Dortmund, 15. März. Zwölf hiesige katholische Arbeiter­vereine beschlossen, unter Führung des Redacteurs Lensing mit ihren Fahnen und Emblemen an der Beisetzung der Leiche Wiudthorsts theilzunehmen.

Ausland

Paris, 14. März. Es bestätigt sich, daß der National- Congreß von Chile das Ersuchen hierher gerichtet hat, die für die chilenische Regierung in Tsulon gebauten Kriegsschiffe an der Abfahrt zu hindern. Herr Ribot wird zunächst mit dem Marineminister darüber conftriren und dann eine Ent­schließung treffen.

Paris, 14. März. Fünf Delegirte des Generalcomitäs zur Organisation der Kundgebung am 1. Ma<l überreichten -em Minister Floquet eine Petition, in der gebeten wird, allen vom Staate beschäftigten Arbeitern den 1. Mai freizugeben.

Rom, 14. März. Der König spendete anläßlich feines Geburtstages 160000 Lire der Stadt Turin zur Errichtung eines Krankenhauses für ansteckende Krankheiten.

Stockholm, 14. März. Der Reichstag beschloß in ge­meinschaftlicher Sitzung beider Kammern in gemeinsamer Ab­stimmung die Beibehaltung der gegenwärtigen Einfuhr­zölle auf Getreide, Mehl, Lebensmittel und Rindvieh.

Konstantinopel, 14. März. Der Sultan empfing in einstündiger Privataudienz den deutschen Botschafter v. R a d o - witz, der mehrere Geschenke des Kaisers, darunter zwei Prachtwerke in kostbarsten Einbänden, überreichte.

Deutscher Reichet«-.

89. Plmarfitzullg. Samstag. 14. Mir, 1891, 1 «hr.

Bor Eintritt in die Tagesordnung richtet Präsident v.L ev etz o w folgende Ansprache an daS Haus, welche die Anwesenden stehend entgegennehmen:

Dr. Wtndthorst, der noch vergangenen Montag und besonders am Samstag noch sich mit bekannter Lebendigkeit an den Verhandlungen dieses Hauses bethelligte, ist heute früh aus dieser Zeitlichkeit abberufen worden. Seit mehr als 20 Jahren gehörte er dem Reichstage an. Durch ungewöhnliche geistige Schärfe, durch seine Gewandtheit, durch die Gabe, sich persönlichen Einfluß zu schaffen und zu wahren, wie durch seinen weiten Blick hatte er hier eine Stellung von eminenter Bedeutung gewonnen. Wenn er das Wort ergriff, so wurde ihm von allen Seiten des Hauses mit der größten Aufmerksamkeit gelauscht, dmn innerhalb wie außerhalb des Hauses fiel sein Wort schwer in die Wagschale. Im persönlichen Verkehr zeichnete er fich durch Ltebenswürdigkett aus und ich bin ihm in dieser Hinficht persönlich zu besonder« großem Danke verpflichtet. Niemand wird so vermißt werden, wie diese kleine Excellenz, deren Leben ein köstliches gewesen, ein Leben der Mühe und Arbeit von der Jugend bis ins späte Greifen- alter. Der Heimgegangene ruhe in Frieden!

Während dieses Nachrufe« wurde im Zentrum manches Auge nah.

Darauf wird die dritte Berathung des Etats beim Militäretat fortgesetzt.

Die Abgg. v. Stauffenberg (dfr.), Orterer ((Str.) und v. Marquarosen (natl.) treten den gestrigen Ausführungen des Abg. Szmula entgegen für die in Bayern bestehende Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens ein, die fich durchaus bewährt habe und die keine Partei in Bayern beseitigt zu sehen wünsche.

Abg. Szmula (Ctr.) hält die Einführung des öffentlichen Verfahren« in einer Zett des Ansturmes gegen die Armee für ge­fährlich. In einer solchen Zeit müsse Alles vermieden werden, wa8 die Autorität untergraben, ote Disciplin erschüttern könne.

Abg. Singer (Soc.) verwahrt Bebel gegen den Vorwurf, maßlose Angriffe vorgebracht zu haben. Derselbe habe aus öffentlichen Broschüren Thatsachen angeführt, deren Richtigkeit unbestritten sei.

Kriegsmintster o. Kaltenborn-Stachau erklärt, daß die Armee unter keinen Umständen die Oeffentlichkeit zu scheuen habe.

Abg. Hahn (cons.) hat einen Antrag eingebracht, die den rationsberechtigten Offizieren der Fußtruppen gewährten Pferdegelder auch den Osfifieren der fahrenden Artillerie zu gewähren und dem­gemäß ca. 23300 Mk. mehr in den Etat einzustellen, dagegen aber £a. 67000 Mk. Geldocrgütung für Beschaffung von Dienfipferden für Adjutanten, zu streichen.

Kriegsminister v. Kaltenborn erkennt die Berechtigung deS Antrages an, der einem längst gefühlten Mangel abhelfe. Er, der Minister, werde feinen Einfluß im BundeSrath geltend machen, um bie Annahme deS Antrages dort zu bewirken.

Die Anträge Hahn werden hierauf angenommen.

Bei dem Eapitel ^Artillerie- und Waffenwesen" führt der Abg. Ulrich (Soc.) Klage über Lohndrückerei, Lohnabzüge und andere Uebelstände in der Gewehrfabrik zu Spandau, indem er für jede einzelne Behauptung eine Reihe von Thatsache» anführt. Auch in der Lohnzahlung treten oft Verzögerungen ein, die für die Arbeiter ehr nachthelltg find. Geldstrafen für Verspätungen und ungerecht- ertigte Lohnabzüge werden vielfach und in bedenklicher Höhe gemacht. Den Arbeitern fehlt der Muth, sich zu beschweren, weil das gewöhnlich ihre Entlastung zur Folge hat. Aehnlich wie in Spandau, womöglich noch schlimmer find die Verhältnisse in der bayerischen Werkstatt zu Amberg. Die Vertreter der Regierung mögen ihren Einfluß geltend machen, daß wenigstens aus dem Fabrtkstatut die Bestimmungen ausgeschieden werden, welche den Arbeitern die Zugehörigkeit zu ocialdemokrattschen Vereinen bei Strafe der sofortigen Entlastung verbieten. Damit erziehe man Heuchler statt freie Männer. Vor olchm Heuchlern habe man Ursache, sich zu hüten.

BundescommissLr Oberst Weitzel: Die vom Vorredner gerügten Uebelstände in der Gewehrfabrik Spandau werden daraufhin geprüft werden, ob ste wirklich Uebelstände sind. Einige Behauptungen des Vorredners waren thatsächlich unrichtig.

Bayer. Bundesbeoollmächtigter Oberst v. Haag bestreitet, daß in der Amberger Gewehrfabrik die geschilderten Uebelstände in der Art, wie hier vorgetragen, bestehen. In jedem Falle sollte den Be- chwerden näher getreten werden.

Abg. Ulrich (Soc.) ist mit diesem Ergebniß seiner Ausführungen durchaus zufrieden. , .

Der Militär'Etat wird ohne weitere Debatte genehmigt.

BeimMarine-Etat, Eapitel Werft-Betrieb", bringt der Abg. Bruhns (Soc.) Klagen vor über die Behandlung der Arbeiter auf den Königl. Werften, besonders in Wilhelmshaven. Die Löhne seien gering, die Bestimmungen der Arbeitsordnungen rigoros und würden mit Strenge gehandhabt, beschränken auch die Arbeiter in ihrer Zu­gehörigkeit zu politischen Vereinen.

Staatssecretär im Marineamt Hollmann: Die Lohnverhält- niste in Wilhelmshaven sind nach Lohnklasten geregelt; wir müssen mit den uns bewilligten Mitteln haushalten. Es sollen die Lohn- verhältniste noch einer besonderen Kritik in der Marineverwaltung unterworfen werden, doch kann ich nicht zusagen, ob alle Wünsche deS Vorredners zu erfüllen find. Die Bestimmung der Arbeitsordnung, wonach Entlassungen wegen soclalistischer Umtriebe sofort erfolgen können, ist practisch nie zur Anwendung gekommen.

Abg. Singer (Soc) meint, daß die zuletzt erwähnte Be­stimmung der Arbeitsordnung außer Kraft gesetzt werden könnte, denn fte habe mit dem Socialistengesetz jede Bedeutung verloren. Solche Bestimmungen werden sehr leicht dazu benutzt, das Coalitions- recht der Arbeiter illusorisch zu machen. Herr v. Boetticher ist bei dem Bau des Nordostsee-Canals zu dem Entschlüsse gekommen, der Einstellung socialdemokratischer und sogar anarchistischer Arbeiter nicht durch Arbeitsordnungen entgegcnzutreten; das Gleiche würde sich für die Marineverwaltuna empfehlen.

Abg. Rickert (dfr.) findet die Bestimmung der Arbeitsordnung allerdings schädlich; er bittet, bei Prüfung der Lohnoerhältnisse auch auf die übrigen Werften Rücksicht zu nehmen.

Abg. v. Sch al sch a (Ctr.): Den Rechten der Arbeiter stehen die Rechte der Arbeitgeber gegenüber, denen gestattet sein muß, Leute zu beschäftigen, die ihnen gefallen und nicht andere. (Sehr richtig!)

Abg. Hitze (Ctr.) kann die Ansicht v. SchalfchaS nicht theilen. Ein Außerbrodsetzen deS Arbeiters wegen seiner Gefinnungen ist nicht zu billigen.

Abg. Bebel (Soc.) constatirt, daß heute eine ausfällige Spaltung der Ansichten des Eentrums bereits zum zweiten Male In die Er­scheinung tritt. Früher, zur Zeit des CulturkampfeS dachte daS Centrum anders Über die Rechte katholischer Arbeiter.

Der Rest des Etats der Marine-Verwaltung wird bewilligt.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Nächste Sitzung Montag 1 Uhr. Tagesordnung: Etat, Patent- gefetz, Schutztruppe für Ostafrika, Petitionen.

Schluß 5Ve Uhr.

Neueste Nachrichten.

Woiffr telegraphisches LorrespoNVenz^Vureau.

Psseu, 15. März. Die Warthe ist nunmehr auf 5,90 Meter gestiegen. Dementsprechend breitet sich die Ueber­schwemmung aus. Es scheint, daß das Wasser heute ssmen höchsten Stand erreicht hat, da aus Pogorzelice ein weiteres Füllen der Warthe gemeldet wird. Heute früh niar der Stand deö Wassers 4,93 Meter.

Rom, 15. März. Der Papst dispensirte die Gläubigen für den Monat März von den strengen Fasten, weil die In­fluenza wieder in Rom aufzutauchen scheint.

Bagamoyo, 15. März. Der Reichscommissar v. Wiß- maun ist soeben hier elngetroffen, nachdem er die Straße zum Kilimandjaro durch Niederwerfung der aufständischen Häuptlinge gesichert hat. Im Süden hat Mechemba um Ge­währung eines Waffenstillstandes nachgesucht, um über den Frieden zu verhandeln.

Newyork, 15. März. Nach Mittheilungen aus Syra- cufe zerstörte das gestern früh 6 Uhr ausgebrochene Feuer 13 Häusercomplexe, darunter mehrere Hotels, zahlreiche Maga­zine, Werkstätten und Fabriken. Der Verlust wird aus zwei Millionen Dollars geschätzt.

Das amerikanische KriegsschiffGalena", welches von dem DampferNina" bugsirt wurde, gewann mit letzterem die Küste bei Gayhead in Massachusetts. Die Schiffe sind in gefahrvoller Lage, dieselben erlitten mehrere Havarien - die Mannschaft rettete sich auf Böten.

Berlin, 16. März. Das Leichenbegängniß Windthorsts erfolgt am Mittwoch, Vormittags 9 Uhr, in Hannover. Die Leiche wird in feierltchem Zuge vom Bahnhofe Hannover nach der Marienkirche übergesührt, und nach feierlichem Trauer- gottesdienft in der vor dem Hochaltar errichteten Gruft bei- gesetzt. ,

Locales rrnv provinzielles.

Gießen, 16. März.

Se. Königliche Hoheit der Erbgroßherzog haben am Samstag Mittag unsere Stadt und die Universität wieder verlassen. Se. Königl. Hoheit statteten zunächst dem Frhrn. Adalbert von Nordeck zur Rabenau in Friedelhausen einen Besuch ab, begaben sich am Sonntag zum Besuch der Gräflich Jsenburgischen Herrschaften nach Meerholz und kehren am heutigen Tage nach Darmstadt zurück, um zunächst dort zu verbleiben.

In den kunstsinnigen Kreisen Gießens hat man die Wahl deS Theater-VereinS, wie wir vermutheten, allseitig mit

Freuden begrüßt. Es dürfte daher Manchem willkommen sei», über die letzte Frankfurter Ausführung derIphigenie in Tauris", in welcher Fräulein Frank ebenfalls die Titel» rolle ausführte, einen Bericht aus der berufenen Feder bei Kritikers der Frankfurter Zeitung zu lesen:Die Ausführung von GoethesIphigenie", welche uns der Samstag be- cheerte, bereitete uns ein Fest, das von jenem Glanz cm- muthiger Schönheit, ernster Würde und doch heiterer Weihe verklärt war, welchen die Goethe'sche Dichtung als eint Wiedergeburt griechischen Geistes selber ausstrahlt. ES gibt nur wenige Künstlerinnen in unserer Zeit, welche die Gestalt der Goethe'schen Iphigenie lebenswahr und zugleich im Geiste der Dichtung zu gestalten vermöchten. Den Talenten unserer Zeit ist die Sehnsucht allzu fremd, mit der die Priesterin Dianens aus Taurisdas Land der Griechen mit der Seele sucht", und in umgekehrtem Sinne, wie von der Heldin, gilt von ihnen das Wort:und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher". Ihr Geist vermag für diese geklärte Empfindungs­welt nicht die Form zu finden, in welcher sowohl dem auf harmonische Wirkung abzielenden Stil, als auch den realisti­schen Forderungen deß Dramas gleichmäßig Gerechtigkeit widerführe. Die Ausgabe ist aber auch für ein Kind unserer Zeit mit modernem Geschmack und modernen Nerven eine kaum zu lösende. Welche Mühe, welches Aufgeben aller Ge- wohnheiten im Gehen, Stehen, Reden, in jeder Geberde, fordert nicht allein die Rücksicht auf die antike Frauengewan­dung, vor Allem den weiten, faltenreichen, vom Haupt her­niederwallenden Mantel, den Peplos. Wir hatten erst kürzlich Gelegenheit, eine große, aber echt moderne Begabung im Kampfe mit diesen Schwierigkeiten erliegen zu sehen. Unter diesen Umständen verdient die Anerkennung, welche wir dtm Fräulein Kathi Frank für ihre Darbietung zu zollen hüben, eine Darbietung, in welcher das antike Schönheitsideal der Ruhe in der Bewegung" und der natürlichen Freiheit in den strengen Schranken der Form eine wundersam berührende, verehrungswürdige Erfüllung gesunden hatte, in Worte des Dankes gekleidet zu werden, wie sie einem überraschenden Geschenk, das man sich lange vergeblich gewünscht hatte, ent­sprechen. Es war ein seltener Genuß, der uns geboten mürbe; dies wurde auch von dem zahlreich erschienenen Publikum all­gemein empfunden, wie der warme nachhaltige Beifall be­wies, mit welchem die Leistung aufgenommen wurde. Klaren Wortlauts und doch weichen sanften Klanges floß der Strom der Rede von den Lippen dieser anmuth- und hoheitsvollen Priesterin Dianens, die im Dienst der Göttin es verstanden hat, nicht nur die barbarischen Bräuche eines scytischen Bolks- stamms durch ihren Einfluß zu mildern, sondern auch den Sehnsuchtsschmerz im eigenen Innern der Leidenschaft zu tmtkleiden und zur stillen Wehmuth zu verklären. Wir sehen hon einigen zu leise gesprochenen Stellen ab, wenn wir sagen, daß der rednerische Theil der Rolle völlig harmomsch und in ergreifender Schönheit zu Tage trat, so daß die größeren Monologe, die leidenschaftlicheren Wallungen des Gefühls, sich wohl aus dem Ganzen entsprechend hervorhoben, jedoch öhne den Stil des Ganzen zu verletzen. Nie wurde die Rede zur Deelamakion, sie blieb immer der vernehmbare Ausdruck des inneren Empfindens. Geradezu bewundernswerth aber war der innige lebendige Zusammenhang der Rede mit einer so reichentwickelten ausdrucksreichen, und dennoch stilistisch reinen GeberdeNsprache, welcher der Peplos kein Hindernih, nein, sondern das Mittel war zur Entfaltung selten schöner, lebensvoller und characteristischer Wirkungen von meist völlig ungezwungener Natürlichkeit. Fast jede Stellung, welche Fräulein Frank dabei annahm, hat in den Ueberlieferungen der antiken Plastik und Gemmenschnei- bcrei ein reizvolles Vorbild. Und dennoch machte ihre Iphigenie nie den Eindruck, als verfolge die Künstlerin bett Zweck,lebende Bilder" nach antiken Mustern zu stellen. Im Gegentheil, da eben jede Geberde und Pose dem Wort und seinem Sinne entsprach, da jede derselben nie die Starr­heit der Plastik hatte, sondern zum bewegten Ausdruck brachte die Vorgänge des inneren und äußeren Lebens, so war die Wirkung, trotz aller Schlichtheit und Ruhe im Wesen biefer Kunst, eine echt dramatische. Da ünch die übrige Besetzung des Stücks eine durchaus entsprechende, zum Theil eine vor­zügliche ist, so kann die ganze Aufführung den besten Leistun­gen unserer Bühne auf dem Gebiete des klassischen Dramas zugezählt werden. Es war nach längerer Pause wieder ein­mal ein reiner, großer, nachhaltiger Kunstgenuß."

Die am 13. Marz Abends aus den 14. l. Mts. vertagte Schwurgerichtsverhanblung gegen Justine Schmidt von Harbach und Ernst Bott von Stangenrod würde am letztgenannten Tage, Nachmittags 2*/2 Uhr, fortgesetzt. Ntlch Verlesung der an die Geschworenen gerichteten Fragen be­gannen die Plaidoyers (Staatsanwalt Theobald, Vertheidiger. Rechtsanwälte Katz und Grünewald), welche 3</2 Stunden in Anspruch nahmen. Erst spät Abends wurde das Verbiet von dem Obmanne der Geschworenen, Herrn Bürgermeister Hensel, verkündet. Dieselben hatten die sämmtlichen ihnen vorgelegten Fragen, mit Ausnahme der den Thatbestand der Anstiftung zum Meineid enthaltenden, bejaht und wurden durch Urtheil des Gerichts auf Grund des Wahrspruchs der Geschworenen 1) Justine Schmidt wegen Meineids in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre und sechs Monaten, 2) Ernst Bott wegen Beihülfe zum Meineid, Widerstands und Beleidigung, einschließlich der zuletzt von der Strafkammer in Frankfurt wegen Urkundenfälschung und Betrugsversuchs erkannten, aber noch nicht verbüßten Strafe, in eine Gesammt- zuchthausstrafe von zwei Jahren drei Monaten und einer Woche verfällt. Ferner wurden beiden Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte aus die Dauer von drei Jahren ab­erkannt und den Gendarmen Grauling und Schmidt mit Rücksicht auf die denselben von dem Angeklagten Bott zuge- fügte öffentliche Beleidigung die Publicationsbesugniß auf Kosten des p. Bott zugesprochen. Endlich wurde Justine Schmidt in vier Zehntel, Bott in sechs Zehntel der Kosten, vcrurtheilt.