«msüben, wenn er in die Herzen des Volkes übergegangen ist. Nach einer Zeitungsmeldung sollen sich Antisemiten nach Wien gewendet haben, um dort Stimmung gegen die Verträge zu machen. Es sei rief bedauerlich, daß es Leute gibt, die bei Slaven und Tschechen bausiren gehen, um Stimmung gegen die Absichten der heimischen Regierung zu machen. (Sehr richtig!) Es sei sehr wohl möglich, daß in dem künftigen Kriege nicht mit Waffen, sondern mit Paragraphen und Tarifpositionen gekämpft wird. Im Selbsterhaltungs- intereffe der europäischen Staaten aber wäre es gelegen, sich enger aneinander anzuschlteßen, als sich dos Blut gegenseitig auszusaugen. In diesem Sinne seien auch die Verträge abgeschlossen. Würden dieselben abgelehnt, so vermag ich nicht zu ermessen, bis zu welcher Grenze in den nächsten 10 Jahren der Nothftand im .Deutschen Reiche gewachsen sein würde. Die Verträge werden dazu beitragen, Deutschlands Weltftellung zu erhalten und zu befördern. (Beifall!)
Abg. Dr. Reichensperger (Ctr.): Der Reichskanzler befindet sich in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung, wenn er für die vorliegenden Verträge eintritt, deren möglichst einstimmige Annahme zu wünschen sei; das Centrum werde nahezu einstimmig für die Verträge etntreten. Die Agrarier könnten zufrieden sein, daß von den Zöllen noch Etwas gerettet ist, denn die Gefahr, die Ge- treidezölle ganz schwinden zu sehen, war doch sehr naheliegend. Wenn nun gar behauptet wird, der frühere Reichskanzler versuche seinen Nachfolger an der Hand der Zollermäßigungen zu stürzen, so könne Fürst Bismarck sagen: Gott, behüte mich vor meinen Freunden! Der gegenwärtige Zoll sei noch immer sehr hoch. Er betrage bei den gegenwärtigen abnormen Getreidepreisen 20pCt., bei normalen Preisen sogar 25pCt. des Getreidemerths. Der Vertrag bringe einen Jn- teressen-Ausgleich zwischen Pcoducenten und Consumenten. Jedenfalls können die Agrarier zufrieden sein, daß sich bet den Handelsverträgen die Gelegenheit findet, den Getretdezoll zum Theil noch zu retten; ohne diese Gelegenheit würden die Zölle wahrscheinlich fallen, ohne daß das Ausland dafür auch nur die geringste Gegenleistung zu gewähren brauchte. Aber nicht bloß in wirthjchaftttcher, sondern auch in politischer Beziehung seien die Verträge von hoher Wichtigkeit; keine Partei würde die Verantwortung vor dem Lande zu tragen im Stande sein, wenn die Verträge nicht zu Stande kämen.
Abg. Graf Kanitz (cons.): Es giebt nichts Vollkommenes in der Welt, auch diese Verträge sind es nicht; mit denselben degiebt sich die Regierung auf eine lange Reihe von Jahren des Rechts, die Zollsätze den vorhandenen Bedürfnissen anzupassen und nach eigener Entschließung festzusitzen. Es ist bedauerlich, daß die Regierung sich zu einem Bruch mit dem bisherigen System des Schutzes der nationalen Arbeit herbeigelassen hat. Wenn von den landwirthschastlicken Zöllen Etwas abbröckelt, werden sich auch die industriellen Zölle nicht mehr halten lassen. Heute spricht man von dem einseitigen Drucke der landwirthschaftlichen Zölle; aber hat denn die Landwtrth- schaft nicht die Industrie-Zölle auch getragen? Die gegenwärtigen Getreidezölle find nicht Schuld an den hohen Getreidepreisen; man hätte niedrige Preise durch zeitweilige Suspension herbeiführen können; daß in solchem Falle die Reactivirung der Zölle Schwierigkeiten machen würde, glaube ich nicht; wir sehen die entgegengesetzte Wirkung in Frankreich. Bei der Aufhebung der russischen Ausfuhr haben wir es ja gesehen, daß die Regierung keine Suspension der Zolle will. Ich bitte noch heute den Reichskanzler, lieber eine Suspension der Zölle vorzunehmen, sei es auf 1 oder 2 Jahre! (Abg. Richter ruft: auf 12 Jahre!) Der Zweck der Vertrages ist, unsere Bundesgenossen finanziell zu kräftigen; ich fürchte aber, daß die Sympathien für bas Bündniß nicht zunehmen werden. Es ist auch wichtig, daß nunmehr Klarheit darüber geschaffen ist, daß die Ge- treidezoll-Ermäßigung auch den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu Gute kommt. Mit England stehen wir in dem Verhältnisse einer meistbegünstigten Nation, so daß die Einfuhr aus Indien und Canada, den meist Getreide produzirenden Ländern der Erde, bei uns zu den ermäßigten Zöllen stattfinden kann. Damit spitzt sich der Vertrag besonders gegen Rußland zu. Billiger wird das Getreide durch die Zollherabsetzung nicht werden, aber die Landwirthschaft wird den Schaden tragen müssen. Nicht eine Kraftprobe war der hohe Zollsatz, sondern eine Forderung der bitteren Nothwendigkeit; schon bei Mittelernten kam der Roggenpreis auf 100 Mark herunter, also auf einen Preis, den die Landwirthschaft nicht vertragen kann. Wenn dieser Fall eintritt, dann hat sich die Regierung auf zwölf Jahre die Hände gebunden. Nicht minder wird der Weinbau durch diese Verträge geschädigt werden. Auch die Industrie erleidet schwere Schäden in den verschiedensten Zweigen, namentlich einzelne kleinere Industrien. Die österreichische Jndustrre macht ein ganz gutes Geschäft. (Rufe: Wir auch!) Ich stelle den Argumenten für diesen Vertrag die früheren Aeußerungen einer anerkannten Autorität auf wirthschaftlichem Gebiet entgegen, nämlich die des Geh. Rath Unters staatssecretärs Schraubt. (Rufe: Lassen Ste'n stehen!) Die Schutzzölle waren auch kein Glück, aber sie waren eine Nothwendtg- keit. Entweder braucht die Landwirthschaft diese Zölle, dann müssen sie bleiben, oder sie braucht sie nicht, dann fort damit! (Sehr richtig!) Aber die Landwirthschaft stehl der Industrie gegenüber längst im Nachtheil; ich bedauere, daß dem Reichskanzler bei Abschluß dieses Vertrages die freihändlerischen Räthe zur Seite gestanden haben; so mag es gekommen sein, daß der Vertrag wie eine Societas Leonina geschlossen wurde; ich werde denselben aufs Entschiedenste bekämpfen und tröste mich mit dem Bewußtsein, daß ich in diesem Kampfe nicht allein stehe. (Beifall und Widerspruch).
Reichskanzler v. Caprivi: Den gegen meine Beamten erhobenen Vorwurf muß ich entschieden und aufs Schroffste zurück- weisen. Die betreffenden Beamten haben schon unter dem Fürsten Bismarck gearbeitet, so daß man ihnen den Vorwurf der Freihändlerei nicht machen kann. (Beifall.)
Das Haus vertagt sich. — Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Fortsetzung der Debatte.
Schluß 4 Uhr.
Neueste N§lÄ?r^<chtLn.
WoiffS telegraphisches tiocvrfoopteni^urran.
Paris, 10. December. Heute Nachmittag fand die feierliche Ausnahme des Conseilspräsidenten Frey einet in die ^Academie Frangaise“ statt. Freycinet besprach das Werk seines Vorgängers Emile Angier und suchte dabei hauptsächlich die wissenschaftlich-politische und sociale These desselben darzulegen.
Bukarest, 10. December. Das neue Cab inet stellte sich heute der Kammer vor. Catargiu verlas eine Erklärung, in der er ausführte, das Ministerium werde das in den letzten Jahren begonnene Reformwerk fortsetzen.
Newyork, 10. December, Nach weiteren Meldungen aus Lotlisvitle über die Feuersbrunst befanden sich in der brennenden Fabrik von Feuerwerkskörpern im vierten Stockwerke vierzig Mädchen, von denen fünf in den Flammen umkamen. Die übrigen retteten sich durch einen Sprung aus den Fenstern, wobei sie Gliederbrüche erlitten.
Washington, 10. December. Der Schatzsecretär hebt in seinem Bericht an den Congreß hervor, daß sich infolge der Einführung des Mac Kinley-Tarifs die Zolleinkünfte vermindert hätten und die Preise der Manu- facturwaaren meistens gesunken seien. Er bezetchnet es als höchst wichtig, den Schiffsbau und die Schifffahrt zu befördern, und empfiehlt dem Congreffe, Maßnahmen zur Beschränkung der Einwanderung in die Unionsstaaten zu treffen.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 11. December. Wie verlautet, empfängt der Kaiser in den nächsten Tagen den Herausgeber der Preuß. Jahrbücher, Professor v. Delbrück.
Altona, 11. December. Fürst Bismarck traf Nachmittags hier ein, stieg im Palais Walderfee ab und folgte einer Einladung des Barons Schräder zum Diner. Sein Aussehen ist vortrefflich.
München, 11. December. Im Landtage wurde.eine Forderung von 20 Millionen eingebracht für Bahnhofumbauten, darunter für die Städte Eger und Nürnberg, und sechs Millionen für 16 neue Localbahnen.
Danzig, 10. December. Die russischen Südwestbahnen benachrichtigten die Marienburg-Mlawkaer Bahn, daß die Transitbeförderung aller Getreidearten aus Rumänien via Ungeni-Mlawka gestattet ist.
Rom, 10. December. Die Zuckerraffinerien ersuchten in einer Eingabe an die Kammer um eine Herabsetzung des neuen Zolles, da der Mitbewerb im Auslande unmöglich sei. Der Ausschuß beantragte die Herabsetzung.
Madrid, 11. December. Der offiziösen „Correspon- dencia" zufolge ist Aussicht vorhanden, daß Deutschland den Zoll auf spanische Süßweine ermäßigt.
totales rrnd provinzielles#
Gießen, 11. December 1891.
— Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 10. December 1891. Unter Vorsitz des Großherzoglichen Landgerichtsraths Werte wurden heute die Schwurgerichtssitzungen für das IV. Quartal 1891 eröffnet. Zur Verhandlung kam bie Strafsache gegen Jacob Konrad von Rain- rod wegen Gefährdung eines Eisenbahntransports. Die Anklage vertrat der Großh. Erste Staatsanwalt Joeckel, die Vertheidigung führte Rechtsanwalt Katz. Als Geschworene wurden ausgelooft die Herren Paul Schäfer IV., Hermann Wißler, Wilhelm Fey, Ludwig Schadeck II., Rudolf Nögge- rath, Heinrich Renker, Johann Heinrich Scheerer, Georg Conrad Fritz, Philipp Fritzel, Heinrich Roth XL, Karl Sinn und Nicolaus Metz IV. — Jacob Konrad ist angeklagt, daß er am 21. März 1891 in der Nähe von Schotten vorsätzlich auf der Fahrbahn der Oberhessischen Nebenbahnstrecke Nidda- Schotten solche Hindernisse bereitet habe, daß dadurch der Transport der Eisenbahn in Gefahr gesetzt wurde. Die heutige Verhandlung ergab in objectiver Beziehung folgenden Tatbestand: Als am Abend des 21. März l. I. der von Nidda kommende Zug Nr. 27 auf der Oberhessischen Nebenbahnstrecke Nidda-Schotten in die Nähe von Schotten kam, wurde der Zugführer Bindewald durch einen starken Ruck der Maschine, verbunden mit eigenthümlichem Geräusch, darauf aufmerksam, daß etwas Außergewöhnliches auf den Schienen liegen müsse, was die Störung verursacht habe. Er theilte dies sofort bei seiner Ankunft in Schotten dem Bahnwärter Grün mit; beide begaben sich an Ort und Stelle und fanden, daß vier größere Steine aus der rechtsseitigen^Gestücks- böschung herausgerissen und auf das Geleise gelegt waren. Der Bahnräumer der Maschine hatte sie vom Geleise weggeschleudert ; drei fielen rechts außerhalb, einer wurde etwa 5 Meter weit nach der Mitte des Geleises fortgestoßen. Wenn auch durch das bereitete Hinderniß kein weiteres Unglück passirte, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß durch das Auflegen der Steine der Eisenbahntransport in Gefahr gesetzt worden. Der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich alsbald auf den Jacob Konrad von Rainrod; die Geschworenen konnten sich jedoch auf Grund der heutigen Beweisaufnahme von seiner Schuld nicht überzeugen und sprachen das „Nichtschuldig" ans, worauf die kostenlose Freisprechung des Angeklagten erfolgte.
— Neues Theater. Sonntag den 13. December kommt als 34. und vorletzte Vorstellung im 1. Abonnement Lessings herrliches Lustspiel „Minna von Barnhelm" im Neuen Theater zur Aufführung, Montag den 14. December, zweites Gastspiel des Herrn Georg,Hacker aus Darmstadt, „Die Anna-Liese". Letzteres Stück ist eines derjenigen, welche schon seit einer Reihe von Jahren fast jede Saison von dem thectterbesuchenden Publikum auf das Sehnlichste gewünscht wurden, und es ist daher doppelt anzuerkennen, daß Herr Director Reiners noch obendrein einen so ausgezeichneten Künstler, wie Herr Georg Hacker unzweifelhaft ist, in genanntem Werke uns vorführt. Wünschen wir daher der Direction am Sonntag und Montag so volle Häuser, als dieselbe am letzten Sonntag eines zu verzeichnen hatte.
— Zur Warnung für Hundebcfitzer. Bei Beginn des Frühjahrs wurde an gleicher Stelle auf daß Verbot des freien Umherlaufens von Hunden in den Anlagen hingewiesen. Wir machen darauf aufmerksam, daß dies auch noch heute und für den Winter gilt, indem von sachverständiger Seite festgestellt ist, daß gerade jetzt die Hunde in den Anlagen großen Schaden anrichten. Die Schutzmannschaft ist angewiesen, die Besitzer frei in den Anlagen herumlaufender Hunde zur Anzeige zu bringen.
— Das Amtsblatt des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, Nr. 21, enthält Ausschreiben vom 2. December 1891 an die Justizbehörden, insbesondere die Vorsteher der Provinzialarresthäuser, betreffend die Revision des Inventars in den Großherzoglichen Provinzialarresthäusern.
— Vom Getreidemarkte. Der deutsche Getreidemarkt zeigte in dieser Woche im Allgemeinen große Zurückhaltung, so daß das. Geschäft durchschnittlich nur klein war, bei vorwiegend niedrigeren Notirungen, als in der Vorwoche. Namentlich setzte Roggen billiger ein und verkehrte fast im Laufe der ganzen Woche in nur schwacher Haltung. Auch Hafer zeigte in seinen Preisen eine weichende Tendenz, während Weizen sich nach und nach wieder erholte, so daß i schließlich Frühjahrsweizen sogar die Werthe der Vorwoche
überschritt. Angesichts des herannahenden Weihnachtsfestes dürfte die matte Haltung des Getreidemarktes bis auf Weiteres auch vorherrschend bleiben.
Schotten, 9. December. In der gestrigen Generalversammlung des Kirchengesangvereins wurde der Verein wegen Mangels an activer Betheiligung aufgelöst - es scheint jedoch Aussicht auf Gründung eines neuen derartigen Vereins vorhanden zu fein.
Nieder Ohmen, 9. December. Heute ging durch Kauf die sogenannte Langwiesenmühle des Herrn Ludwig Schudt an die Molkerei-Genossenschaft über. Der Kaufpreis ist mit 6000 Mk. ein geringer, zumal noch gegen 4 Morgen Wiesen und Ackerland mitoerkaust sind. Daß unter diesen Umständen die hiesige Molkerei mit sehr günstigen Chancen anfängt, liegt außer Frage.
+ Berstadt, 10. December. Die hiesige Gegend ist für den nächtlichen Wanderer mit einemmal unsicher geworden. Außer den bereits gemeldeten Raubanfällen auf den hiesigen Vorschußkasserechner Wolf, sowie auf die zwischen hier und Friedberg verkehrende Personenpost sind in diesen Tagen weitere Ueberf älle bekannt geworden. So wurde einem Knaben von hier, als er zum Bingenheimer Forsthause in die dort eingerichtete Schule gehen wollte, unterwegs seine Baarschaft abgenommen und einem Manne wurde gleichfalls mit der Bedrohung: „Das Geld her oder das Leben" die Geldbörse mit etwa 7 Mk. Inhalt geraubt. Die Gauner sind immer schwer zu erkennen, da sie meistens Larven tragen. Verhaftungen von Stromern sind in diesen Tagen mehrere erfolgt; ob diese mit besagten Ueberfällen in Verbindung stehen, ist nicht bekannt.
vermischtes.
* Eine landschaftliche Enquete. Die Redaction der englischen Monatsschrift The Review of Reviews forderte im August 1890 ihre Leser auf, ihr mittels beigelegtem Formular zu erklären, welchen See sie für den schönsten in Europa hielten. Einen Monat daraus veröffentlichte diese Zeitschrift das Resultat der überaus zahlreich eingelangten Urtheile. Als Sieger in dieser Schönheitsconcnrrenz ging der Vierwaldstättersee hervor. Die Jungfrau im Berner Oberlande erhielt zudem als schönster Berg die meisten Stimmen, und als Schweizerstadt sand Bern am meisten Beifall. Genf kam in dritter, Zürich in vierter und Lausanne in fünfter Linie.
* Großstadt Elend. Der „Tägl. Rundschau" wird von einem Leser folgende Episode aus dem Berliner Alltagsleben geschildert, die ein ergreifendes Bild socialen Elends enthüllt: „Neulich fuhr ich Abends nach 10 Uhr mit dem Omnibus. Der einzige Mitfahrende war ein ungefähr zwölfjähriger, mehr als dürftig gekleideter Knabe. Er hielt eine Zither in der Hand und summte leise vor sich hin. Als ich voll Theilnahme einige Fragen an ihn richtete, enthüllte er ein ergreifendes Stück Leben. . Es stellte sich heraus, daß der Junge auf einem Auge ganz und auf dem andern fast ganz erblindet war, — doch schien er kaum die volle Größe seines Unglücks zu empfinden, da ihn die häuslichen Verhältnisse wohl stumpf gemacht haben. Der Vater, Maurer, habe das „Reißen" und sei arbeitsunfähig, die Mutter den Lungenhusten, so daß sie auch nicht viel thun könne, und da reiche daß Geld von Marie, der Schwester, die ins Geschäft ginge, nicht, obgleich sie „neu feinen Bräut'jam hätte," der ihr Geld gäbe. Dann hätten sie noch „Paule", ein „Ziehkind", „ne jräßliche Krabbe", die immer schrie und welche er wiegen müsse, weil er doch sonst nicht viel leisten könnte. Blos, wenn er sich „was einlernte" aus seiner Zither, brauchte er Paule nicht zu warten. Auf die Frage, ob er nun nach Hanse fahre, gab er mürrisch zur Antwort: „Ne doch, ick komm ja von zu Hause- nu jeh ick in Locale spielen". Und auf weitere Fragen gab er die Auskunft: „in die Auguststraße spiel ick, — ick zähl die Laternen, und denn finde ick". Durch ein kleines Geldgeschenk mittheilsamer gemacht, erzählte er dann, daß er fast alle Abende in dieser Weise „aufs Geschäft" ginge. Mutter erwartete ihn, „Nächtens um Uhre eenzen," ihr gebe er den Verdienst, der zwischen 2,50 Mk. bis 4 Mk. schwanke, und dann hätte er es gut, dann käme er bald zu Bette. Als ich den Jungen fragte, ob er gern seiner Beschäftigung nachginge, antwortete er lakonisch: „Jern, — nee! Aber ick muß, und dann jiebt's ooch immer meße zu drinken." Der Halteplatz war erreicht. Mit Hilfe des Schaffners stieg der arme Junge aus. Jener gab ihm die Richtung an, behutsam ging der Kleine über den Fahrdamm und tastete sich dann an den Häusern entlang. Teilnahmsvoll blickte auch der Conducteur dem Unglücklichen nach, obwohl ihm dessen Schicksal längst vertraut war, das nach seiner Meinung in Berlin gar nicht einmal zu den erschütterndsten seiner Art gehöre."
* Jülich, 10. December. Ein 22jähriges Mädchen aus Fils wurde ermordet. Es liegt wahrscheinlich ein Lustmord vor. Der Thäter ist unbekannt.
FandVirthschaftliche Rückblicke auf das Jahr 1891.
A Au- Vberheffen, Anfang December.
Für den Landwirth ist daß Jahr 1891 abgeschlossen, wenngleich zwei Drittel zu verstreichen haben, biß das Kalenderjahr sich schließt. Die Feldarbeiten sind bis auf einige Kleinigkeiten bewältigt; jeder Bauer hat Verkäufe an Kartoffeln, Zuckerrüben, Getreidearten, Vieh vorgenommen; er hat also ausdreschen und verwiegen lassen und weiß auch ziemlich genau zu schätzen, was für ihn noch zu erwarten ist.
So wollen wir nun einmal mitsammen Rück-und Rundschau und damit ein klein Bischen Einkehr bet uns selbst halten, rote wir es voriges Jahr um diese Zeit auch thaten, denn das Jahr 1891 ist gar sehr geeignet, die Augen offen zu halten, mehr als viele seiner Vorgänger.
Dumpf gährt es bei unseren Nachbarn im Osten. Der Hungertod schreitet durch das Land und vernichtet tausende von Menschen- leben. In den großen Hauptstädten Europas kracht und dröbnt eS unter den Geldmännern. Eine entsetzliche Liederlichkeit und Nichtsnutzigkeit herrscht in jenen Städten unter verschiedenen Volksklaffen


