Nr. 263 Mittwoch de« 11. November
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Amtlichem Theil.
Gießen, am 10. November 1891.
Betr.: Die Versicherung der Gebäude gegen Feuersgefahr. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen eu die «rotzh. Bürgermeistereien de- Kreise-.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, AN baldige Erledigung der Verfügung vom 27. v. Mts. — Anzeiger Nr. 252. —
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Montag, den 23. November 1891, Nachmittags 2 Uhr, wird in dem Englischen Hof (bei Herrn Christian Wagner) zu Grünberg eine Generalversammlung des landwirthschaft- lichen Bezirksvereins Gießen abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins und der landwirthschastlichen Ortsvereine, sowie alle Freunde der Landwirthschast werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in Ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung:
1. Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrer Leit Higer zu Alsfeld, über: „Die rationelle Bewirthschaftung des Bauerngutes."
2. Vortrag des Herrn Kreisveterinärarztes Gerhard zu Grünberg, über: „Zucht und Pflege des Rindviehes mit besonderer Berücksichtigung der Zuchtbullen."
Gießen, den 9. November 1891.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Negierungsrath.
Bekanntmachung,
betr. Veranstaltung einer Verloosung Seitens des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde in Groß-Gerau.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Termin für die zweite Ziehung der Verloosung Seitens des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde in Groß- Gerau, welche am 20. October d. I. stattfinden sollte, da -die erforderliche Anzahl Loose nicht zum Absatz gelangte, mit
Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz auf den 21. April 1892 verlegt worden ist.
Gießen, den 9. November 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 9. November. Gestern früh 6 Uhr 39 Mm. trafen Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog, von England kommend, wieder hier ein.
Berlin, 9. November. Dem Vollzugsausschuß für die Begründung der Baugesellschaft „Eigenhaus", z. H. des Vorsitzenden, Königlichen Kammerherrn, Mitglieds des Herrenhauses Grafen von Dönhoff-Friedrichstein, ist im Auftrage JhrerMajestät der Kaiserin und Königin folgendes Schreiben zugegangen: „Dem Vollzugs-Ausschuß theile ich ganz ergebenst mit, daß Ihre Majestät die Kaiserin und Königin mit großem Interesse von den Bestrebungen der Baugesellschaft „Eigenhaus", der ärmeren Bevölkerung den Besitz eines eigenen zweckentsprechenden Hauses zu ermöglichen, Kenntniß genommen haben, und darin mit Freuden einen Fortschritt in der Besserung der Nothlage der arbeitenden Klassen erblicken. Ihre Majestät haben in Folge dessen den Ankauf eines Hauses zu 3000 (Dreitausend) Mark verfügt, und bitte ich den Vollzugs-Ausschuß, mir über den Aufbau und die Besetzung des Hauses gefälligst Vorschläge machen, sowie auch mittheilen zu wollen, an welche Stelle die Summe von Dreitausend Mark zu zahlen ist. Freiherr von Mirbach, Ober-Hofmeister Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin."
— Dem Bundesrath ist jetzt auch der Militäretat zugegangen. Den hierüber von offiziöser Seite vorliegenden Meldungen zufolge beträgt die Steigerung der ordentlichen lausenden Ausgaben bei den preußischen und den mit diesen verbundenen Kontingenten 6 Millionen Mark, welches Mehrersorderniß theilweise durch die hohen Lebens- mittelpreise bedingt ist. Die einmaligen Ausgaben des Or- dinariums sollen um 3 Millionen Mark geringer fein, als im gegenwärtigen Etatsjahre. Das Plus an einmaligen außerordentlichen Ausgaben wird mit 63 Millionen Mark angegeben, welche Summe hauptsächlich $u durchgreifenden Aenderungen bei der Artillerie: Herstellung eines Einheits- geschoffes für dieselbe, Veränderung der Laffetten und Protzen, zum Theil auch der Geschützrohre, dienen solle. — Es sind dem Bundesrath nunmehr alle Etatstheile zugegangen, ehe er sie aber sämmtlich durchberathen haben wird, dürsten mindestens noch zwei Wochen vergehen, so daß der Reichstag nach Wiederaufnahme seiner Arbeiten am 17. November
noch nicht in der Lage sein wird, sich mit dem neuen Etat zu befassen.
— Das Amtsblatt der Reichspo st Verwaltung veröffentlicht einen Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler v. Caprivi. In der Kundgebung spricht sich der Kaiser anerkennend über die Entwickelung des Post- und Telegraphenwesens, namentlich auch des Fernsprechwesens, und weiter über die Aufbesserung der Besoldung der unteren und mittleren Beamten der Post- und Telegraphenverwaltung aus.
— In der Reichshauptstadt ist die anläßlich des Falles des Bankhauses HirschfeldLWolfs hervorgerufene Erregung nun noch in Folge der Katastrophe der Firma Friedländer & Sommerfeld gesteigert worden. Auch in diesem Falle sind, wie schon bei dem Bankerott von Hirsch- seld & Wolff, leider sehr viele „kleine Leute" geschädigt worden und weder hier noch dort dürften die Geschädigten auch nur einen Bruchtheil ihrer Ersparnisse, die sie den beiden Bankhäusern anvertraut gehabt, retten. Für diese beklagens- werthen Leute ist es daher wohl kaum eine Genuglhuung, wenn die Chefs der einen falliten Firma verhaftet worden sind und diejenigen der anderen Firma zum Revolver griffen, um sich dem irdischen Richter zu entziehen. Jedenfalls beweisen diese Fallissements, daß in der Berliner Finanzwelt etwas saul ist und es dürfte daher hohe Zeit sein, daß ein reinigender Lusthauch einmal durch dieselbe geht. Um eine Beruhigung des Publikums herbeizuführen, hat eine größere Anzahl Berliner Bankfirmen ihren Kunden ein Schreiben zugehen lassen, welches denselben eine sofortige eventuelle Abholung ihrer Depots und Guthaben sreistellt. Die Kaffen- stellen der betreffenden Firmen waren am vergangenen Sonntag geöffnet.
Ausland.
Rom, 7. November. Die interparlamentarische Friedensconserenz genehmigte heute die Resolution über Constituirung eines definitiven Bureaus der Konferenz mit dem gestern von Gaillard gestellten Abänderungsantrage, das Bureau als internationales parlamentarisches einzusetzen, sowie mit mehreren von Passy beantragten Zusätzen. Hierauf wurde Pandolfi, Secretär des rumänischen KomiteS, durch Zuruf zum Generalsecretär ernannt und als Ort der nächsten Konferenz im Jahre 1892 Bern gewählt. Der Präsident machte hierauf Mittheilung von dem Anträge Jmbriani, Hubbard und Genossen, betreffend Proclamirung des Nationalprincips und der Rückgabe des Rechtes der Entscheidung über Krieg und Frieden an die Nationen und deren Vertreter. Das definitive Bureau, welchem der Antrag überwiesen wurde, beschloß in Gemäßheit der Geschäftsordnung, dem Anträge
Feuilleton.
Sie und ihr Vierlelsvetter.
Erzählung von I. Bonnet.
(2. Fortsetzung.)
Sechs Sträuße oder sieben, brrr!
Aber die Mädchen schwärmten sogleich nach Blumen aus, der Vater folgte dienstbereit^ die kleine Schaar führte an. Ganze Körbe duftender Kinder der Natur wurden in die Schloßhalle getragen, wo bei Sang und Klang ein Strauß nach dem andern entstand, ihrer zehn, „für alle Fälle". Jedes Zimmer, das einen Offizier beherbergen sollte, erhielt einen, zwei kamen in den Speisesaal, einer auf Tante Ehar- lottens Schreibtisch und einer sollte, um das Fest zu krönen, gar aus der alten Pumpe am Pferdestall prangen. Ottilie hatte dies ausgedacht, und alle trugen das Ihre zu dem Strauße bei, bis er groß war wie ein Wagenrad. Dem Vetter fiel die Rolle zu, ihn am nächsten Morgen auf- zupflanzen.
Zur Erholung von der anstrengenden Arbeit wurde eine Partie Eroquet im Parke vorgeschlagen, bei der die Geister ein wenig aneinander geriethen.
Marie, gewöhnlich Mieze genannt, fand sich im Spiele Henachtheiligt, Ottilie stritt dagegen, ihre eigenen Spielregeln geltend machend, es wurde Partei für und gegen genommen, die Köpfchen erhitzten sich, bis der Vetter den Ausschlag gab, der gegen Ottilie ausfiel und sie über „diesen Herrscher" in Aufruhr brachte. Er bewies jedoch sein richtiges Urtheil so Aar und bestand daraus mit einer so ruhigen Bestimmtheit, daß sie trotz ihrem Groll scheu zu ihm ausblickte.
Rufen und Händeklatschen des Onkels und der Tante Luden zum Abendessen ein. Gelbrahmige Dickmilch, ländliches
Schwarzbrod, fetter Käse, ein gewaltiges Stück Rauchfleisch und zuguterletzt ein Glas schäumenden Bieres empfahlen sich der geneigten Beachtung für den Merkzettel der Tante. Alles war leicht zu behalten und aufzuschreiben.
Onkel Ferdinand durchschritt noch den Hof, um überall selbst nach dem Rechten zu sehen, Tante Eharlotte setzte sich mit dem Strickstrumpf vor das Haus, die junge Welt um sie her. Alice, Hans, Paul und Else flüsterten miteinander, bis Else sich mit der Bitte hervorwagte:
„Mama, wir wissen einen Platz im Walde, da sind so reizende kleine Padden. Können wir nicht in den Wald gehen, Mama, und Padden holen?"
„Laßt die Fröschlein in Ruhe," erwiderte die Mutter. „Ihr könnt ins Wasser fallen. Wenn ein Großer dabei wäre, das wäre etwas anderes."
Betrübte Gesichter zum Herzerweichen!
Da sprang der Vetter auf, um den Jubelruf zu erwecken : „Robert geht mit! Robert geht mit!"
„Aber wir müffen einen Kasten haben," bemerkte Meister Hans, der natürlich'wieder hinter dem Anschläge steckte. „Paul, geh zu Papa!"
„Nein, Elfe! Der gibt Papa gewiß eine Kiste."
Schon aber lief Hans in stiller Hoffnung auf Beute davon. Richtig, er brachte triumphirend eine herrliche Eigarrenkiste.
Elsen kamen die Thränen und vlötzlich stürmte sie ihrerseits zum Papa, der in des Inspektors Zimmer war.
„Papa, ich sollte doch eine Eigarrenkiste haben, wenn wieder eine leer wäre. Du hast es mir doch versprochen."
Da hals alles nichts, es mußte noch eine beschafft werden. Zum Glück konnte der Jnspector den Nothfall begleichen.
Jubelnd zogen nun die Paddenjäger ab und als sie
wiederkamen, kribbelten die Kasten von „den reizenden kleinen Padden".
Am Hause wurde trotz der Warnung des Vetters schnell ein „Paddenteich", den er Bestattungsteich nannte, ausgegraben und mit Pumpenwasser gefüllt. Da mußten alle „die reizenden kleinen Padden" hinein bis auf morgen.
Und „Aus morgen, Kinder," sagen Onkel und Tante, denn es war über dem stillen Landftieden und dem glücklichen Kreise spät geworden; der Mond stand am Himmel und überglänzte die duftende Erde mit seinem Licht.
„Und noch eins, ihr Mädchen," bemerkte die Tame lächelnd, „daß Feind sich, wenn morgen in aller Frühe die Gäste einrücken, unvorsichtigerweise im Neglige zeige. So, Robert mein Geliebter, Du leuchtest den jungen Damen in ihren Flügel und verschwindest dann zu angenehmen Träumen in Deinem."
„Gute Nacht, Vetter! Gute Nacht, Robert!" Und jede der Eousinen schüttelte ihm die Hand, nur Ottilie reichte ihm leicht die Fingerspitzen. Er wollte sie neckend festhalten, doch schnell enthuschte die biegsame, graziöse Gestalt.
Lange noch lag Robert im offenen Fenster, als hielt ihn ein Traum bei wachen Augen gefangen. Plötzlich rief ihn der unerbittliche Merkzettel der Tante in die Wirklichkeit zurück. Da waren Tinte und Feder. Also gut! Erste Schüssel „Ottilie". Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „DaS fehlt noch gerade. Wo ist mein Messer?" O weh, er hatte es drüben liegen lassen.
Als er am andern Morgen, wie er glaubte, als der Erste, die Treppe hinunter wollte, stieß er unvermuthet auf Ottilie.
„Hast Du etwa auch einen Bekannten unter den Offizieren ?" fragte sie, als sie sich begrüßt hatten. Sie glich einer bethauten Rose in ihrer Morgenfrische.
„Ich? Nein! Aber Du?"


