Ausgabe 
11.10.1891 Zweites Blatt
 
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Börfe«woche«bericht

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Die Herrlichkeit der Hausse ist in der neuen Woche schnell wieder zusammen­gebrochen und hat damit bewiesen, daß die Zurückhaltung, welche das Publikum sowohl als ein bedeutender Thetl der Börse selbst der jüngsten Bewegung entgegen­setzte, durchaus am Platze war. Sucht man nach den Gründen des Tendenz­umschwungs, so wird man finden, daß dieselben ebensowenig klar zu Tage liegen, w'.e in der vergangenen Woche. Es fehlt ja freilich nicht an ungünstigen Meldungen, aber diese verdanken doch meistens erst den rückgängigen Coursen ihr Dasein, und auch wo dies nicht der Fall ist, könnten sie nur als der Anstoß zur Rückwärts­bewegung nicht als deren letzter Grund gelten. Die wahre Ursache liegt indessen nur in dem Ausbleiben des erwarteten Succurses des Prtoatkapitals, wodurch die Nothwendigkeit entsteht für das aufgenommene Material nur wieder innerhalb der Börse Abnehmer zu finden. Das erklärt auch die Heftigkeit der Eoursbewegung. Es ist im Markte weder reelles Angebot, voch reelle Nachfrage vorhanden, die Speculation aber, welche gegenwärtig beides ersetzen muß, schöpft ihre Anregung zum größten Theil aus den vorliegenden Tagesdepeschen; es stehen also beide Parteien unter dem Einfluß derselben Anregung, aber was die eine fördert, bedingt die Zurückhaltung der anderen und es sind daher im gegebenen Momente vor­wiegend nur Käufer oder vorwiegend nur Verkäufer im Markte und ein Ausgleich ist mithin nur bet stark steigenden oder stark fallenden Coursen möglich. Daß die Cvntremine die ihr günstige Wendung nach Kräften ausnutzt und den Rückgang der Course nach Möglichkeit zu verschärfen sucht, und daß außerdem eine große Anzahl von Mitläufern, die immer mit dem Strom schwimmen, denselben noch mehr beschleunigt, ist natürlich und ist nur die Umkehrung von dem, was wir in den vorangegangenen Wochen erlebt haben. Eine tatsächliche Verschlechterung der Lage ist nirgends vorhanden; Geld zog allerdings am Montag unter dem Ein­fluß der Einzahlungen auf die dreiprocentigen Anleihen und größeren Rückzahlungen an die Seehandlung etwas an und diese Versteifung gab anscheinend den ersten Anlaß zu Realisationen. Man hatte mancherseits gehofft, daß diese letzteren Vor­schüsse prolongirt werden würden, und daß dies nicht geschah, mag die plötzliche Steigerung des Zinssatzes zum Theil erklären. Man kann aus der Zurückziehung der Vorschüsse jedenfalls den Schluß ziehen, daß das Reich seiner flüssigen Baar­bestände bedarf, und man muß also auch die Hoffnung aufgeben, daß der Retchs- bank die bei ihr noch deponirten Summen erhalten bleiben könnten, indessen ist der Status der Bank auch heute noch so kräftig, daß sie selbst weitgehenden An­sprüchen genügen kann. Dieselbe verfügt noch über eine Notenreseroe von 124 Millionen, und wenn auch der neue Ausweis voraussichtlich eine wettere An­spannung bringen wird, so scheint auch ausgeschlossen, daß diese Grenze überschritten werden könnte. Nachbörslich wurden am Montag die Grundzüge des Abkom­mens zwischen der Internationalen Bank und der Handelsgesellschaft bekannt, und daraufhin erfolgten weitere Realisationen, nicht als ob die geplante Ver­schmelzung den Erwartungen nicht entsprochen hätte, sondern nur weil mit Dem Bekanntgeben der Pläne das speculatioe Moment, welches gerade in der Ungewißheit und der Nebelhaftigkeit der Projecte lag, in Wegfall kam. Ob freilich auf der anderen Seite die Börse Grund hat, das Abkommen mit besonders freundlichen Augen zu betrachten, ist eine andere Frage. Auch dem Unbefangenen mag auffallen, daß die Vorthelle und Nachtheile des Gefchäftes sehr ungleich verthetlt find. Die Internationale Bank hört auf zu existiren, sie verkauft ihre Activa mit einem Verlust von mehr als 3 Millionen gegen den Buchwerth vom 31. December 1890, ohne jede Zinsvergütung für das laufende Jahr, und gibt außerdem ihr Eommissionsgeschäft, das vor drei Jahren werthooll genug war, um für dessen lleberlassung von den damaligen Subscribenten 3375000 JL Agio zu verlangen, ohne Entschädigung mit in den Kauf. Es berührt etgenthümlich, diese vollständige Muthlosigkett auf der einen Seite gegenüber dem Vollgefühl von Krast der Gegen- contrahentin zu sehen, die mit leichtem Sinn 42 Millionen Activa mit nur 15 Millionen neuer Actien übernimmt und mit Gewinn zu realistren gedenkt. Die kommende Generalversammlung wird aufzuklären haben, ob die Liquidation, die doch nur die ultima ratio sein kann, thatsächlich jedem anderen Ausweg vorzuziehen ist. Man wird dann auch die Gewinnchancen der Handelsgesellschaft, die an der Börse hoch taxirt werden, einigermaßen beurteilen können.

Die Pariser Börse, auf deren Schultern gegenwärtig allein die Hoffnungen der Haussepartei ruhen, hat in der abgelaufenen Woche wenig dazu beigetragen, dieselben zu rechtfertigen. Nur am Tag der Subscription der Credttfoncier- Obligationen sandte sie feste Course, motioirt mit einem angeblichen Erwlg, aber schon kurze Zeit darauf wurden die Obligationen unter dem Submisstonscours gehandelt, dazu lagen Russen selbst fast andauernd schwach, so daß die überschweng­lichen Hoffnungen, die man seither an die Russenemisston geknüpft hat, sich abzu­schwächen beginnen. Auch der Londoner Maikt war nicht in der besten Verfassung. Derselbe fürchtete eine starke Disconterhöhung der Bank von England und litt außerdem unter den Nachrichten aus Argentinten, der schon im letzten Bericht er­wähnten Decretirung des Zwangscourses bei vermehrter Notenausgabe. In diesen Verhältnissen ist erst in letzter Stunde, mit Eintreffen der Nachricht, daß die L>enatscommission sich gegen diese Gesetze ausgesprochen habe, eine Besserung ein­getreten, und von hier aus erst ging eine Reprise, die in ihrem letzten Ende auch Dem Cours der Discontogesellschaft zu Gute kam. Die Actien dieser Bank haben unter dem Tendenzwechsel am schwersten gelitten. Man hat ihr alle Sünden der vergangenen Zeit vorgerechnet, alle die schwebenden Geschäfte und Betheiligungen, aus denen nach Lage der Dinge gegenwärtig wenig Gutes zu erhoffen ist, hat man heroorgesucht und neu in Erinnerung gebracht, und hat sich zuletzt an das argentinische Vorschußgeschäft angeklammert, um aus diesem neue Verluste für die Bank und sogar Differenzen im Schooße der Verwaltung herzuleiten. Die Be­unruhigung war soweit vorgeschritten, daß die Bankleitung selbst sich veranlaßt sah, die umlaufenden Gerüchte zu bementiren, ohne indessen anzugeben, wie hoch thatsächlich ihre Bethetligung bei diesem Geschäft sich beläuft, so daß selbst damit den Angriffen gegen den Cours der Antheile nicht gesteuert wurde. Erst die oben erwähnte Nachricht hat eine Erholung des Courses eintreten lassen, sodaß von dem anfänglich 6<y0 betragenden Wochenverlust 2 o/o zurückgewonnen werden konnten. Im Gegensatz zu Disconto haben sich Credit besser beheuptet und zwar hauptsäch­lich auf Wiener Anregung, denn die Projecte bezüglich der Ausbauung von Groß- Wien, das Stadlbahnproject, sogar die Valutaregulirung scheinen der dortigen Speculation reiche Anregung zu Conjecturen zu geben. Indessen baden sie doch auch der allgemeinen Tendenz Rechnung tragen müssen, was in einer Courseinbuße von etwa 3 fl. zum Ausdruck kommt. Von den übrigen Bankactien verloren Darm- städter und Dresdener 4 o/0, Deutsche Bank 2 o/y, Handelsges-llschaft etwa ebensoviel, nur Internationale Bank blieben behauptet. i

Oesterreichische Bahnen sind zwar schwacher, konnten sich aber immerhin bis

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auf einzelne Böhmische Bahnen und Staatsbahn und Lombarden noch behaupten. Die letzteren zahlten als Speculationspapiere der allgemeinen Coursbewegung ihren Tribut, indessen trafen auch Nachrichten ein, nach welchen die Investitionen des laufenden Jahres außerordentliche Mehranforderungen stellen würden, die nur zum Theil aus Rücklagen Deckung finden könnten. Bei Böhmischen Weftbahn und Duxer wirken wohl nur Realisationen auf die vorangegangenen starken Steigerun­gen. Schweizer Bahnen liegen mit Ausnahme von Gotthard recht matt. Zu dem Schwinden der Verstaatlichungsaussichten treten jetzt noch Forderungen, die das Schweizer Etfenbahn-Departement im Interesse der Betriebssicherheit aufstellt und die, obgleich sie noch nicht bekannt sind, jedenfalls auf kostspielige Erweiterungen und Erneuerungen hinaus laufen. Es verloren Central und Nordost-Bahn pr. 4%, Union 5°/o, die beiden Westbahnen und Jura-Simplon-Actien 4o/o, Gotthard da- gegen gewannen 3%. Der Montanmarkt liegt ebenfalls schwächer. Die Specula- tton knüpfte an einen Jahresbericht des Hüttenwerkes rothe Erde an, der den ver­schiedenen Verbänden baldigen Zusammenbruch prognosticirt, und warf darauf die betreffenden Actien ziemlich scharf zurück. Es verloren Bochumer 7%, Laura 3%, Alfine Montan auf ungünstige Dividendengerüchte 6%. Kohlenaclien sind dagegen wieder erholt und nahezu behauptet.

Im Rentenmarkt gingen nur die Course der ausländischen Fonds zurück, namentlich österreichisch-ungarische Renten, Italiener, Türken und Griechen. Deutsche Fonds haben sich annähernd gehalten.

Course der Frankfurter Börse.

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Redactton: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schcn Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.