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11.10.1891 Zweites Blatt
 
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klebten Wände beweisen.

Des Völkchens ganze Veranlagung, die sich hierin aus­spricht, berechtigt uns zu der festen Ueberzeugung, daß es nicht schwer sein kann, der nothleidenden Bevölkerung em erträgliches Dasein zu schaffen, wenn nur die Hilfe that-

gesponnener Leinwand bedecktes Bett in Anspruch. Ein grob gezimmerter, viereckiger Tisch, ein paar Holzbänke und einige wackelige Stühle, sowie ein mächtiger, aus Urväter Zeiten, stammender Kachelofen vervollständigen die dürftige Einrichtung. Der 78jährige Hausvater ist gerade mit seiner sonntäglichen Toilette beschäftigt und empfängt, bis zum Gürtel entblößt, die ungewohnten Gäste, während seine um einige Jahre jüngere Frau am Tische sitzt und in der abgegriffenen Bibel liest. Nachdem die erste Scheu überwunden ist, werden die beiden Alten gesprächiger und wir erfahren Einiges über ihre Lebensschicksale. Was uns hierbei am meisten interessirt, ist der Verdienst und die Lebensweise der Leute. Der Greis erzählt uns, daß er lange Zeit krank gewesen sei und infolge dessen bei seinem vorgerückten Alter nicht mehr so anhaltend arbeiten könne- deßhalb verdiene er auch nur zwei Mark wöchentlich - dagegen brächte es seine Frau, die um acht Jahre jünger sei, auf das Doppelte. Das sind also 50 Pfennig pro Tag und Kops zum Lebensunterhalt! Die Nahrung der Leute besteht demgemäß auch nur aus trockenem Brod und Kaffee, am Sonntag gibts Kartoffeln und etwas Schmalz. Fleisch sehen sie im ganzen Jahre nicht. Trotz alledem hängen sie mit rührender Pietät an ihren alten Erbstücken, die sich unter dem Hausrath finden. In ihrer höchsten Noth konnten sie sich nicht entschließen, etwas davon zu veräußern, obgleich

! ihnen schon verlockende Anerbieten gemacht worden waren.

Das Bild, das wir soeben entrollten, ist allerdings eines der freundlicheren, zu dem es an auffallenden Gegensätzen nicht mangelt. Wir hatten Gelegenheit, in Hütten zu blicken, die kaum den Namen menschlicher Wohnungen verdienten. Keine Scheibe an ihren Fenstern war ganz, die Thüre gab jedem Windstoß nach und im Innern starrte alles von Schmutz. Kinder und Kaninchen wälzten sich in seltener Eintracht auf

I dem lehmgestampsten Boden und die Erwachsenen hatten auf I unsere Fragen entweder nur ein blödsinniges Lächeln oder I ein jammerndes, halb thierisches Geheul, dagegen für kleine

Geldspenden sich gerne öffnende Hände. Zum Glücke sind die Hütten in diesem Zustande entschieden in der Minderzahl.

I Die Allgemeinheit nähert sich mehr dem freundlichen Bilde. Ueberall findet man hier Sinn für Reinlichkeit, ja sogar für Ausschmückung der dürftigen Wohnräume, wie die mit Heiligen­bildern und Bildern von Kaffeepäckchen u. dgl. symetrisch be-

Ausaewanderten nach 23 Jahren von unwiderstehlichem I grüßten Platz nehmen zwei W^stühle und ein mit selbst- Heimweh ergriffen, in die alten drückenden Verhältnisse der 1 »"l»ruck. Ein °r°b

Heimath zurückkehren, eine Erscheinung, die bei allen Gebirgs­bewohnern beobachtet wird.

So bleibt denn nur noch ein Mittel, von dem man sich wirklichen Erfolg versprechen kann, das ist die Anlage von Fabriken in jenen Bezirken, einerlei, in welchem Zweige der Industrie. Allerdings müßte der Staat diese Anlagen in die Hand nehmen, um die Arbeiter vor Ausbeutung zu schützen- auch müßten diese erst allmälig an die neue Arbeit gewöhnt werden, und die Fabriken würden wohl in den ersten Jahren mit einem Minderertrag arbeiten, könnten eines staat­lichen Zuschusses nicht entbehren. Da man aber Beispiele hat, daß die Bewohner der in Frage kommenden Gegend gern in Fabriken gehen, wenn sie nur in der Heimath bleiben können, so ist mit größter Bestimmtheit anzunehmen, daß dieser Nothstand nach und nach aus der Welt geschafft würde freilich, von heute auf morgen läßt sich ein seit Jahr­zehnten, ja, seit saft einem Jahrhundert eingewurzeltes Uebel

Feuilleton.

Der Nolhflsnd in den Wcbrrbrffrken des Culen- gebirges.

Von Karl Daniel.

(Schluß.)

Was sind nun die Gründe dieser Noth?

Die erste Ursache ist unbedingt darin zu suchen, daß die kausindustrielle Weberei von jeher nicht mit der englischen Industrie coneurriren tonnte. Abgesehen davon, daß die engtitoe Leinwand billiger hergestellt werden tonnte, mag wohl die noch heute herrschende Sucht des Deutschen, aus­ländische Maare der deutschen vorzuztehen, die Schuld hieran getragen haben. Nachdem nun auch in Deutschland ein fabrikmäßiger Betrieb der Leinenweberei eingetreten war, wurde zwar die englische Maare vom deutschen Markte mehr und mehr verdrängt, allein für die Weberhausindustrie blieb die Sachlage dieselbe. Die Löhne blieben nach wie vor ge­drückt, sanken sogar immer tiefer und stehen letzt so, daß die Zustände in den Weberbezirken, speziell m denen des Eulen- qebirges geradezu unhaltbare geworden sind. Als ver- Wimmernder Umstand tritt noch der durchschnittlich große Kindersegen hinzu, der wie überall, so auch hier, der treueste Begleite? der Armuth ist. Die jungen Leute hetrathen viel zu ftüh, meist schon in einem Alter, in dem die Kinder des Mittelstandes erst die Schule verlassen, und Familtenva er von 20 Jahren sind durchaus keine Seltenheit. Auch darin, daß eine große Zahl der Kinder schon vor der Eh- chließung der Eltern zur Welt kommt, scheint in jenen Bezirken nichts Besonderes gefunden zu werden.

Man hat, wie wir zum Theil schon am Eingänge dieser Seizze sahen, die verschiedenartigsten Versuche gemacht, dem Nothstand abzuhelfen, allein vergebens, gegenwärtig wird noch von einzelnen Comiiös für die armen Weber Geld ge­sammelt, aber mögen auch noch so große Betrage 9cf«««ett werden, es wird immer nur einem kleinen Thetle der Noth leidenden und diesen aiich nur vorübergehend geholfen werden können - über die Wirkung des Tropfens auf einen heißen Stein wird die Mühe nie hinauskommen. Ein weiterer Vor­schlag zur Abhilfe wurde gemacht, indem man ine Verpflanzung der überschüssigen Kräfte, besonders der jüngeren, in andere Gebiete und in andere Gewerbe nach Muster der in den schlesischen Grenzgebieten so beliebten Sachsengangerei in An­regung brachte. Auch dieser Versuch wird die Unzulänglich­keit der Maßregel darthun, da es schon lange in den Weber bezirken Sitte ist, daß ein Theil der jungen Leute auszieht, um anderswo Arbeit zu finden, da ferner aber fast alle

nicht ausrotten. f

Zum Schluffe noch einige Worte über die Wohnungen und das Leben der Weber. Bei aller Armuth hat sich der Weber mit ganz geringen Ausnahmen ein lebhaftes Gefühl für Reinlichkeit bewahrt. Sein Häuschen bietet von außen gesehen einen ganz netten Anblick dar, ein Eindruck, der auch I durch das Betreten desselben nicht verwischt wird. Zum besseren Verständniß möge uns der Leser auf einem Besuche, den wir einem alten Weberehepaare abstatten, begleiten. Es ist Sonntag, die werktägliche Arbeit ruht und so stören wir die Leute uicht bei deren Erwerb und haben vollauf Zeit, | uns mit allen Verhältnissen bekannt zu machen. Vor uns liegt dieWeberhütte", ein einstöckiges, niedriges, weiß­getünchtes Lehmhäuschen mit spitzem, sich tief herabziehendem Giebeldach. An den Mauern rankt sich wilder Wein in üppigen Schlingen in die Höhe, kaum die blank geputzten Fensterscheiben mit ihren Blumenstöcken sichtbar lassend. Neben der quer getheilten Hausthüre befindet sich eine einfache Holz­bank, während zwei oder drei steinerne Stufen in das Innere des Häuschens führen. Auf dem Flur steht ein schöner alter Schrank, mit bunten Blumen bemalt, zwischen denen in steifer Verschnörkelung die Jahreszahl 1765 zu lesen ist. Da der Flur auch gleichzeitig als Küche dient, haben tok Gelegen­heit, das blanke Geschirr zu bewundern, unter dem^sich eben­falls manch altes, für den Sammler werthvolles Stück befindet. Wir wenden uns zur Seite, zur Stube, die fast den ganzen unteren Raum der Hütte einnimmt und nur noch wenig Platz ür ein Kämmerchen übrig läßt. Ein trotz der hellen Mittags- I erträgliches Dasein zu schaffen, wenn nur sonne Halbdunkeles Gemach mit niedriger, tierröudjter, von kräftig am rechten Platze und zur rechten Zeit eingreif. zwei viereckigen Balken gestützter Decke umfängt uns. Den |

Sonntag dm 11. Oktober lßieszencv Anzeiger. Beilage zu Nr. 237. - 1891

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