Nr. 209
Mittwoch den 9. September 1891
Der
Htmt A«»ei-er rZKHnrtt täglich, aeh Sui nahmt deS ÄontagS.
>k Gießener Pe*t«<eSr6(to wnAai dem Anzeiger Sichen?lich dreimal beigdegt.
Wsßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Hiertuzsyrtger Jlloweeetactijirtto; 2 Mark 20 Pfg. »8 Bringerlohn. Durch die Post bezsß« 2 Mark 50 Pfß.
Rebaction, LxpedMi und Druckerei:
Zchutstratze Kernlprecher 51,
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
—-> >' « L—n_________TTTl' Hü—ILILJJ IJCIT.-' ~ JlHfl.
»«nähme »on «azetgen zu der Nachmittags für btu i f 1 HiW I W Lnrrsnc^-Sorraux der In- und Ausländer achm«
'^rnden Lag erscheinenden Rümmer di» Borm. 10 Uhr. UUy t ^UMUUUtmUCl. i Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeh
^EWWW>^WWWWWMWWWWWWMM>WWWWWWMWMWWWMMSSLS«»«vaWM»»MW»L»MWN»MW»W»MIM!MMM«tt«!Mt.Wt.L.«I i«.JIWWIIIILMHIWf 8MMII!M»WWßWM
2lmtlid?er Therl.
Gießen, am 8. September 1891.
Betr.: Die Einsendung der Sterbzählkarten und Todes- zeugniffe für die Monate Juli und August.
Das
Großh. Kreis-Gesundheitsamt Metzen erinnert die noch rückständigen Bürgermeistereien an die rechtzeitige Einsendung der rubr. Sterbfallanzeigen.
Dr. Follenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. September. Die Kaisermanöver in Niederösterreich haben in der Hauptsache am Samstag Mittag ihr Ende erreicht. Allgemeine Anerkennung haben hierbei namentlich die großen Marschleistungen der Truppen und deren Frohsinn und Unverdrossenheit trotz der großen Anstrengungen der Manövertage gefunden. Um 1 Uhr Nachmittags trafen Se. Majestät der Kaiser Wilhelm und König Albert von Sachsen vom Manöverfelde wieder in Schloß Schwarzenau ein, eine halbe Stunde später folgte Kaiser Franz Joseph nach. Der Reichskanzler General v. Caprivi und Graf Kalnokh kehrten um I^UHr nach ihrem Absteigequartier Schloß Maires zurück.
— Die kürzliche Schätzung im „Reichsanzeiger" bezüglich der diesjährigen Ernteergebnisse in Deutschland bleibt, wie sich mehr und mehr herausstellt, hinter der Wirklichkeit erfreulich zurück. Diese Schätzung hatte den diesjährigen Ernteertrag aus 82 Procent einer Mittelernte veranschlagt ; aber unzweifelhaft übersteigt der Durchschnittsertrag der deutschen Ernte die vom „Reichsanzeiger^ angenommene Ziffer, besonders ist die Körnung weit besser ausgefallen, als man allgemein geglaubt hatte. Deutschland hätte sonach, um seinen Bedarf zu decken, einer Einfuhr von fremdem Roggen eigentlich gar nicht bedurft und erweist sich der latente Ueber- schuß der Vorrätbe über den Bedarf größer als im Durchschnitt der Jahre. Da nun neben einer guten deutschen Weizenernte auch eine ganz ausgezeichnete amerikanische Weizenernte verzeichnet werden kann, so ist eine reichliche Versorgung Europas mit Brodfrucht in diesem Jahre möglich. Wenn trotzdem die Getreidepreise bis jetzt nur wenig von ihrer Höhe heruntergegangen^sind, so liegt die Schuld hieran zum guten Theile an Börsenspeculationen, die nun hoffentlich die längste Zeit gedauert haben.
Rerreste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Lvrrespondenz-Burcmr.
München, 7. September. Sämmtliche hiesige Abendblätter bringen sehr warm gehaltene Huldigungsartikel anläßlich des Kaiserbesuchs. Die „Allgemeine Zeitung" bezeichnet die diesmalige Anwesenheit des Kaisers als einen Augenblick von geschichtlicher Bedeutung. Das Erscheinen des Kaisers werde im deutschen Süden den Gedanken an den Kaiser wärmer und lebendiger aufleuchten lassen. Die „Neuesten Nachrichten" feiern den Kaiser als einen Friedens- fütsten und Schirmherrn des Friedens, sie sprechen das Ge- löbniß aus, daß in der Stunde der Gefahr die Bayern in der ersten Linie der Kämpfer für das deutsche Vaterland stehen würden. Das „Fremdenblatt" bemerkt, der Kaiser werde finden, daß die Reichsidee allezeit einen sicheren Hort in Bayern finde, welches mit unverwüstlicher Energie seine Pflichten gegen Kaiser und Reich erfüllen werde.
München, 7. September. Bei dem morgen stattfindenden Besuche des Rathhauses durch den deutschen Kaiser werden die ältesten und werthvollsten Pergamentsurkunden aus den einstmaligen Kaiserzeiten von dem Oberbürgermeister vorgelegt werden. Zum Ehrentrunk wird Wein aus Franken eredenzt werden. Der Generalfeldmarschall Gras v. Blumenthal und der preußische Kriegsminister Generallieutenant v. Kaltenborn- Stachau sind heute hier eingetroffen und wurden vom Bahnhofe in Hofequipagen nach dem Palais des Prinz-Regenten Luitpold abgeholt.
München, 7. September. Der hier zum Besuche seines Sohnes, des Professors der Mechanik, weilende Professor der Geschichte H. Gr aetz, Professor honorarius an der Universität zu Breslau, ist heute plötzlich gestorben.
München, 7. September. Nach dem osfieiellen Saatenbericht für das ganze Königreich Bayern pro Monat August sind die Getreidearten trotz der Regenfülle meistens befriedigend eingebracht,- die Qualität und die Quantität find theilweise ausgezeichnet. Kartoffeln, in Tieflagen krank, werden in Trockenlagen gelobt. Der Wiesen- schnitt, Kleeernte und Futterrüben sind gut, Hopfen verspricht eine Mittelernte. Tabak ist vortrefflich, Weinreben sind schlecht entwickelt, Obst ist sehr verschieden. Die Landwirthschast ist überall durch Regen stark zurückgehalten. Unter dem Roggen befindet sich viel Mutterkorn.
Hamburg, 7. September. In der heute Nachmittag um 2 Uhr eröffneten ersten öffentlichen Sitzung des Congresses für internationales Recht hielt Professor v. Bar eine Ansprache, worin er daraus hinwies, daß Hamburg als alte Hansastadt ein ganz besonders günstiger Boden für die Ten
denzen des Congresses sei. Senator Herz erwiderte Namens des Senats. Sodann schritt man zur Berathung des Themas der Actiengesellschasten.
Wien, 7. September. Der Kaiser traf heute um 5 Uhr 20 Min. Nachmittags mit Kalnoky und dem übrigen Gefolge hier auf dem Bahnhofe ein und wurde von dem zahlreich versammelten Publikum enthusiastisch begrüßt.
Schwarzenau, 7. September. Kaiser Franz Josef i hat den Statthalter von Nieder-Oesterreich mittelst Hand- - schreibens beauftragt, der Bevölkerung des Waldviertels für j die patriotische Gesinnung, die dynastische Treue, sowie für i die opferwillige und sympathievolle Erfüllung der militärischen i Anforderungen Allerhöchste Anerkennung und Dank auszu- I sprechen.
Allentsteig, 7. September. Das heutige letzte Manöver \ von 8 bis 10 Uhr Vormittags verlief trotz strömenden Regens > in glänzender Weise. Nach einem energischen Vorstoß der beiderseitigen Reserven ließ der Kaiser Franz Josef abblasen. Beide Kaiser hielten Ansprachen an das ^Offiziercorps, worin sie den Truppen die höchste Anerkennung zollten und die Waffenbrüderschaft der Armeen ihren Ausdruck fand. Um 11 Uhr Vormittags ritten die beiden Kaiser und der König ; von Sachsen, begleitet vom Prinzen Georg von Sachsen und '! sämmtlichen Erzherzögen, sowie einer zahlreichen Suite nach l der Bahnhaltestelle Allentsteig, wo der deutsche Kaiser nach i herzlicher Verabschiedung vom Kaiser Franz Josef, dem König | und dem Prinzen von Sachsen und den Erzherzögen um ? ll3/4 Uhr nach München abreiste.
Paris, 7. September. Die Zölle im Monat August ! haben einen Mehrertrag von 3 Millionen Frauken ergeben.
London, 7. September. In den Stahlwerken von ; Eston unweit Middleborough ist die Arbeit wegen Mangels j an Aufträgen ins Stocken gerathen; mehrere Tausende von \ Arbeitern sollen bereits beschäftigungslos sein. ? Moskau, 7. September. Am Samstag stieg der Ballon ! Capti f in der französischen Ausstellung mit mehreren Personen aus. In einer Höhe von 200 Metern bekam der Ballon einen Riß und sank mit furchtbarer Geschwindigkeit. Die schief hängende Gondel schlug auf das Dach des Gebäudes f der Ausstellung und ein Luftschiffer wurde leicht verletzt.
Sansibar, 7. September. Reutermeldung. Der deutsche i Postdampfer „Kanzler" hat zwischen Sansibar und Mozam- \ bique Schiffbruch gelitten. Menschenleben sind nicht ver- ä loren. Eine bei Lloyds Agentur eingegangene Depesche aus \ Sansibar besagt, der Dampfer „Emin" habe die Passagiere f des „Kanzler" nach Mozambique gebracht.
i ---------------------------
Feuilleton.
„Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege."
Vor einiger Zeit brachte das „Berliner Tageblatt" unter der Spitzmarke „Feine Partie" eine Notiz, die sich mit dem Heirathsbureau einer Frau Auguste Gombert in Berlin beschäftigte. Diese Notiz brachte dem Blatte eine Reihe von Zuschriften ein, die dasselbe veranlaßten, den Praktiken der ehefreundlichen Dame etwas näher nachzusorschen. Nachstehend geben wir das Ergebiüß dieser interessanten „Studien".
In zahllosen Blättern erscheinen fortgesetzt Anzeigen, deren angeblicher Zweck es ist, einer armen reichen Millionärin, die nur mit einem ganz kleinen „sittlichen Deseet" behaftet ist, oder einer mit mehreren Hunderttaufenden ausgestatteten Waise unter die Haube zu verhelfen. Die Anzeigen variiren häufig in der gönn; wie die Gedichte der „Goldenen Hundertzehn" paffen sie sich der Zeit an: „Noch vor Pfingsten" . . . „Noch vor Weihnachten können Sie eine brillante Partie machen . . ." Die Offerten sind in der Regel unter einer Chiffre an ein Berliner Postamt einzusenden, sehr häufig ist aber der „General-Anzeiger" Berlin SW 12, als die Stelle angegeben, von welcher die „reiche Braut" zch beziehen ist. Diese Anzeigen, die sich durch ihre knappe Fassung besonders kenntlich machen, entstammen durchweg dem „Bureau" der Frau Auguste Gombert.
Diese Anzeigen werden von Hunderttausenden gelesen, von Tausenden belächelt und von anderen Tausenden ernsthaft geprüft. Du lieber Himmel, warum sollte es nicht möglich sein, daß eine junge Dame, die in der Liebe Schiffbruch gelitten, ein kleines peeuniäres Opfer von einigen hunderttausend Mark bringt, um einen Fehltritt zu verdecken? Und warum sollte es nicht möglich sein, daß ein verwaistes Mädchen, das bis jetzt unter dem strengen Regiment eines hartherzigen Vormundes geseufzt hat und von der Männerwelt in schnöder Weise abgeschlossen war, die endlich ge
wonnene Freiheit benutzt, um so schnell wie möglich in den Hasen der Ehe einzulaufen? Sie kann es ja, sie hat es ja dazu! Und die Frau, die in liebloser Ehe mit einem alten, grämlichen Manne gelebt hat, warum sollte sie sich jetzt, nachdem sie Wittwe geworden und die Hunderttausenden ihres „Ersten" geerbt hat, nicht den Luxus gönnen, einen armen, aber jungen Mann zu nehmen, vielleicht einen mit einem „adeligen Namen" ? — Alle diese Erwägungen finden statt und der angenehme junge oder alte Mann, der die Anzeige der Frau Gombert gelesen, setzt sich hin und schreibt einen Brief.
Umgehend erhält er, mit 5 Mk. Nachnahme beschwert, ein gedrucktes „Geschästseircular" vom „General-Anzeiger" der Frau Gombert. Dieses Circular ist außerordentlich vertrauenerweckend, es appellirt an die Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit des Reflectanten. Die Nachnahme ist nur erhoben worden, um „von vornherein jeden leichtfertigen und spaßhaften Auftraggeber fernzuhalten." Am nächsten Tage soll eine „Damenliste", auf der „500 bis 600 sehr reiche und hochfeine Heirathsparthien" verzeichnet sind, nachgesandt werden — gegen eine weitere Nachnahme von 15 Mk. Wird auch diese Sendung eingelöst, dann ist das Glück des Brautwerbers gemacht, denn Frau Auguste. Gombert weist ihm ja Damen nach mit einem Vermögen „bis in die Million" hinein. Um ihn von der Reellität ihres Geschäfts vollkommen zu überzeugen, fügt sie auch den Abdruck von zahlreichen Danksag- ungsfchreiben bei, deren Absender natürlich nicht genannt werden dürfen. Daß in einem dieser Schreiben „ein höherer Staatsbeamter", der sich der Vermittelung der Frau Gombert bedient, ein Deutsch schreibt, dessen sich ein Schüler unserer Gemeindeschulen schämen würde, kann große Geister nicht geniren. Das Circular trägt unter der Aufschrift „Vertreten in allen Staaten der Welt" Abbildungen aus allen möglichen Städten. Aus diesen, theils bekannten Clichos nachgebildeten Städteansichten kann man sich nun die Häuser heraussuchen, in welchen Frau Gombert ihre Heirathsbureaus etablirt haben
will. Die Sache erweckt Vertrauen, man läßt die zweite Nachnahmesendung kommen und löst sie ein, um —• nie wieder etwas von Frau Auguste Gombert und ihren Millionärinnen und reichen Waisen zu hören. Denn die Namen der heiraths- luftigen Damen sind in der Liste nur durch Anfangsbuchstaben bezeichnet und die Bewerber haben — unter Beifügung von Briefmarken für Francatur und Antwort — sich an das „Bureau" zu wenden, um ihre Offerten anzubringen, auf welche in der Regel eine Rückäußerung nicht erfolgt.
Auf dem besprochenen Circular ist nun auch das Berliner „Geschäftshaus" der Frau Gombert abgebildet und einige weitere Illustrationen zeigen uns die innere Einrichtung desselben. Als Geschäftshaus ist der „Prachtbau Friedrichstraße 214" angegeben, die Einzelbilder zeigen uns ein prächtig ausgestattetes Treppenhaus, sie führen uns in den „Damen-Wartesaal", in den „Privat-Sprechsalon für Damen", in das unendlich große „Hauptcomptoir", in den „Herren- Wartesaal", in den „Privat - Sprechsalon für Herren" und gestatten uns einen Einblick in die „Registratur" und das geheiligte „Privatbureau". In all diesen Räumen wimmelt — nach den Bildern — unendlich viel Volk, sehr elegante Herren und bezaubernd schöne Damen.
Als wir nun dieser Tage den „Prachtbau" der Frau Gombert, der nach der Abbildung ein großes sogenanntes Luftschild mit der Riesenaufschrift „Generalanzeiger" tragen soll, aufsuchten,* sanden wir ein bescheidenes Berliner Durchschnittshaus, das dadurch eine gewisse Merkwürdigkeit erlangt hat, daß sich bis vor Kurzem das Hauptquartier der Heilsarmee in demselben befand. Nicht ohne Mühe entdecken wir endlich im Hofe das „Weltinstitut" der Frau Gombert, leider aber keine Spur von dem prachtvollen, mit exotischen Pflanzen geschmückten Treppenhaus, den geräumigen Wartezimmern, der Registratur und den vornehmen Salons. Was wir sanden, war ein bescheidenes, dunkles Comptoir mit einigen Neben- gelassen und darin langweilten sich zwei Männer, während mehrere Knaben Adressen schrieben.


