1891
M. 103
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger
Red action, mtb Druckerei.
-ch«tßr«teMr
Ker«jprecher 61
LSglich, Eußnahme des ücntfcgi.
Mertskst-riH« Alt**mteUmr*6 2 Mark 20 Mg. 86» Bringerlohn. Durch die Dost bezsß» 2 Mark 60 Wt-
Vtt Meßmer
«Mtn daa Anzeiger ^.^«rtiich dreimal tzeigelegt.
• Dienstag den 5. Mai
Amts« «nd Anzeigeblatt Mv den Urei» Gieren.
Morgen aber zog ich mit meinen Leuten zur Aufsuchung Polters aus und nahm auch seinen Dachshund mit, und daS war wirklich ein gescheiter Gedanke von mir. Wir wandten uns dem erwähnten Reviertheile zu und als wir eine Wald- parcelle passirten, welche den Namen „Morgenleithe" trägt, da wurde der Hund, den ich selbst an der Leine führte, unruhig, schnupperte eifrig auf dem Boden umher und strebte dann mit aller Macht einer bestimmten Richtung zu. Schließlich wurde das Thier so erregt, daß es mir die Leine aus der Hand riß und nun unter scharfem Lautgeben vorwärts schoß. Natürlich folgten wir alle eiligst und bald führte uns das Freudengeheul des treuen Dächsels nach der Stelle, wo der Wilddieb und sein Genosse den armen Polter an den alten Lärchenstamm gebunden hatten, wie Sie soeben aus seinem eigenen Munde erfahren haben. Ohnmächtig und halb erstarrt infolge der empfindlichen Nachtkühle hing unser Polter in den Stricken und nachdem wir dieselben zerschnitten, kostete es nicht geringe Mühe, den armen Mann durch Einflößen von Branntwein und Reiben des Körpers wieder zur Besinnung zu bringen. Er bekam auch als eine Folge der ganzen Affaire einen tüchtigen Fieberanfall, glücklicher Weise überwand er ihn bald und heute ist bei Polter nur noch die Erinnerung an jenen Vorfall zurückgeblieben."
„Und hat man denn nie etwas wieder von dem schwarzen Heinz gehört?" srug Herr Schmelzer.
„O doch," erwiderte Gebhardt, „doch darüber kann Ihnen wiederum Polter am besten Rede stehen."
„Na," sagte der Untersörster, sich seinen mächtigen Schnurrbart streichend, „der schwarze Heinz schien seit jener Zeit wie verschwunden vom Erdboden zu sein, denn Niemand wollte mehr etwas von dem Kerl gehört haben. Da gehe ich eines Morgens sehr früh in den Wald und verfolge einen selten betretenen, sich durch dichtes Unterholz windenden Pfad, wer aber kommt mir bei einer Biegung desselben entgegen? Niemand anders, als der schwarze Heinz, der eine Art Rucksack auf dem Rücken und eine Büchse in der Rechten trug. Vor-
Auvnhwe »on Anzeigen zu der Nachmittags für tat fügende« Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
MMM. iiw i«i »1^ u j j .................
BMtfBUHmW.'l -MB- VAI
Hrattskeifaae: ckkeßmer KamMmMtter.
__JUL1__UUULIOII Illi II I" ! I MVMU
Alle Amumcm-Kureaux des In- und Luskanbes Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" mtgeg».
Amtlicher Thcil.
Bekanntmachung,
Hagelschäden betreffend.
Beiden-. Heranwochsen der Feldsrüchte machen wir aus die durch die HagelversicherungSgefellschaften gebotene Gelegenheit zur Versicherung gegen Hagelschäden unter dem Ansügen aufmerksam, daß das Collectiren wegen Hagelschäden nicht statthaft ist.
Gießen, den 1. Mai 1891.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.__,
Bekanntmachung,
die Enteignung des zur Erbauung einer Dienstwohnung für den Verwaltungsdirector der akademischen Kliniken in Gießen und zur Herstellung angrenzender Gartenanlagen erforderlichen Geländes betreffend.
Nachdem die Stadt Gießen zu dem oben bezeichneten Zweck die Enteignung des nachverzeichneten Geländes der Flur XXV der Gemarkung Gießen:
1) Nr. 101, Acker auf der Warthe, im Grundbuch eingetragen auf deu Namen Simon Georg Conrad und Frau geb. Gerhardt zu Gießen, jetzt Eigenthuni des Georg -Simon in Gießen, ca. 1308 o^tr.,
9) von Nr. 100, Acker auf der Warthe, im Grundbuch eingetragen auf den Namen Friedrich Lampus II. zu Gießen, jetzt Eigenthum des Georg Lampus II. in Gießen, ca.' 1133 0Mtr. und 255 0Mtr., zusammen 1388 0Mtr.,
3, von Nr. 80 und 81, Hofraithegrund an der Chaussee auf der Warthe, im Grundbuch eingetragen auf den Namen Becker Heinrich Ehefrau Anna geb. Schwan, fttzt Eigenthum des Otto Balzer in Gießen, ca. 720 lHMtr.
beantragt hat, so wird der Plan nebst dem Antrag der Stadt Gießen und den zugehörigen Anlagen von Mittwoch den 6.1. Mts. bis Mittwoch den 20.1. Mts. auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Gießen zu Jedermanns Einsicht offen gelegt.
Ferner wird zur Verhandlung über den Plan und die zu leistenden Entschädigungen Termin vor der Loeal- Commission auf
Donnerstag, de« 21. l. Mts., Vormittags 9 Uhr,
in dem neuen Rathhaus zu Gießen hiermit anberaumt.
Feuilleton.
Der schwarze Heinz.
Eine Wilddiebsgeschichte aus dem Erzgebirge.
Von P. B.
(Schluß.)
Wieder schwieg der Unterförster und blickte einen Moment oor sich nieder, während die Blicke der Anwesenden mit theil- nahmsvollem Interesse auf ihn gerichtet waren. Nachdem er von Neuem einen Zug aus seinem Glase gethan hatte, fuhr tr in seiner Erzählung fort:
Erft als sich die beiden Kerls entfernt hatten, kam ich zum vollen Bewußtsein meiner furchtbaren Lage. Die für mich so verhängnisvolle Waldwiese liegt, wie Ihnen der Herr Oberförster bestätigen kann, in einem der entferntesten Theile des Hennersbacher Reviers, der verhältnißmäßig nur selten begangen wird, und das wußten auch die Schurken, als sie mich nach jener Wiese schleppten und mich hier meinem Schicksale überließen. Damals arbeiteten auch keine Holzfäller in der Nähe, die ich vielleicht hätte, herbeirufen können, und Sie können sich darum das Entsetzliche meiner Lage denken, in welcher ich dem Tode des Verschmachtens preisgegeben war."
Der Untersörster unterbrach sich abermals, um in einem kräftigen Zuge sein Glas zu leeren, welches der aufmerksame Wirth .tiom „Erbgericht" sofort aufs Neue füllen ließ. Als sich dann Polter aufs Neue gestärkt, erzählte er nun weiter:
„Trotzdem ich also von der Erfolglosigkeit eines Hülfe- rufes überzeugt sein konnte, ließ ich dennoch laute, gellende Hilferufe ertönen — der Mensch klammert sich doch immer selbst an die geringste Hoffnung an, wenn er in verzweifelten Lagen ist! Aber mein Rusen half nur natürlich nichts, nur rin Nußhäher, der im nahen Tannendickicht bislang ruhig gesessen haben mochte, flog erschreckt aus und strich weiter
Die Eigenthümer der oben bezeichneten Grundstücke, sowie solche Personen, welchen hinsichtlich derselben irgend welche Rechte (z. B. Eigenthumsvorbehalte, Pfandrechte oder sonstige dingliche Rechte, Rechte als Pächter oder Miether) zustehen, werden hierdurch aufgesordert,
a. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung,
b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebots,
c. Anträge aus Ausdehnung der Enteignung bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19 des Gesetzes vom 26. Juli 1884) bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
e. Anträge aus Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne des Art. 14 des Gesetzes vom 26. Juli 1884,
f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke
in dem oben anberaumten Termin vorzubringen.
Gießen, den 1. Mai 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V. Roemh eld.
Bekanntmachung,
die Enteignung des zum Bau einer Irren-Klinik in Gießen erforderlichen Geländes betreffend.
Nachdem die Stadt Gießen zu dem oben bezeichneten Zweck die Enteignung des nachverzeichneten Geländes der Flur XXV. der Gemarkung Gießen
1) von Nr. 61, 62, 63 Acker vor dem Weiher, Eigenthum des Johannes Dern III. und Ehefrau, geb. Größer, ca. 3111 Qm und weiter von Nr. 69, Wiese daselbst, denselben Eigenthümern gehörig, ca. 894 Qm,
2) Nr. 656/10, Wiese an dem Weiher, Eigenthum des Philipp Jung VIII. zu Klein-Linden, ca. 970 Qm groß,
3) Nr. 657/10, Wiese an dem Weiher, Eigenthum der Johannes Müller Ehefrau, geb. Jung zu Klein- Linden, ca. 970 0m groß,
beantragt hat, so wird der Plan nebst dem Antrag der Stadt Gießen und den zugehörigen Anlagen von
Mittwoch den 6. l. Mts. bis Mittwoch den 20. l. Mts.
auf dem Büreau der Großh. Bürgermeisterei Gießen zu. Jedermanns Einsicht offengelegt. Ferner wird zur Verhandlung über den Plan und die. zu leistenden Entschädigungen Termin vor der Localcommisston auf
Donnerstag den 21. l. Mts., Vormittags 10 Uhr,
in dem neuen Rathhaus zu Gießen hiermit anberaumt.
Die Eigenthümer der oben bezeichneten Grundstücke, sowie solche Personen, welchen hinsichtlich derselben irgend welche Rechte (z. B. Eigenthumsvorbehalte, Pfandrechte oder sonstige dingliche Rechte, Rechte als Pächter oder Miether) zustehen, werden hierdurch aufgesordert,
a. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung,
b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebots,
c. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19 des Gesetzes vom 26. Juli 1884) bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
e. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne des Art. 14 des Gesetzes vom 26. Juli 1884,
f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke
in dem oben anberaumten Termin vorzubringen.
Gießen, den 1. Mai 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.:
Roemh eld.
Derrtfches Aeicy.
Darmstadt, 2. Mai. Wegen des Ablebens Seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch von Rußland ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer vom Heutigen bis zum 9. l. M. einschließlich angeordnet worden.
Berlin, 3. Mai. Kaiser Wilhelm hat heute Abend von Station Wildpark bei Potsdam aus seine angekündigte Rh ein reise angetreten. Dieselbe richtet sich zunächst nach Düsseldorf, der kunstsinnigen Malerstadt am Niederrhein, wo man der Ankunft des erlauchten Monarchen für morgen Vor-
in den Forst hinein. Dann aber ward es still um mich her, nicht eine einzige Vogelstimme ließ sich hören und wenn dies schließlich auch ganz erklärlich war — denn dem Stande der Sonne nach mußte es gerade Mittag sein und da ists im Walde immer wie ausgestorben — so drückte mich diese Stille doch tief nieder. Langsam und bleiern schlichen die Stunden dahin, dabei schmerzten mich die angebundenen Glieder mehr und mehr, Hunger und Durst — hauptsächlich letzteres Gefühl — begannen mich zu peinigen und meine gesammte Stimmung ward immer verzweifelter. Der Abend kam heran und noch hatte sich in meiner Lage^ nicht das Geringste verändert, noch immer lauschte ich vergebens nach einem menschlichen Laut in der Ferne, während die mich peinigenden körperlichen und seelischen Schmerzen immer größer wurden."
Tief holte der alte Forstmann Athem und wandte sich dann an den Oberförster mit den Worten:
„Herr Oberförster, vielleicht erzählen Sie nun den Herren freundlichst, wie man mich nach jener fürchterlichen Nacht, die ich noch draußen an dem Lärchenstamm zubringen mußte, auffand; wie ich diese Nacht selbst verbracht habe, das zu schildern, erlassen Sie mir wohl, meine Herren?"
Ernst versetzte der Oberförster:
„Das glauben wir Ihnen Alle gern, wie schrecklich Ihnen damals zu Muthe gewesen sein mag, lieber Polter, die Affaire hat Ihnen ja noch Monate lang nachgehangen. Wie es aber mit Ihrer Auffindung war, das will ich den Herrschaften nur in aller Kürze erzählen. Also gegen Abend des Tages, an welchem Polter nach meiner Anweisung den entferntesten Reviertheil begehen sollte, erschien Frau Polter aufgeregt bei mir und theilte mir schluchzend mit, daß ihr Mann bis jetzt noch nicht wieder nach Hause gekommen sei. Sofort dachte ich mir, daß Polter irgend ein Unglück zugestoßen sein mußte, daß er vielleicht in einer Schänkwirthschaft so lange zechen sollte, das war bei seinem soliden Character von vornherein ausgeschloffen- doch konnte vorläufig wegen des Einbruches der Nacht nichts unternommen werden. Am anderen


