Nr. 257
Mittwoch den 4. November
1891
D« Wt*tt Jtiqdetf «gefaxt täglich, «Ü LraSnahm« de- Montag-
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«Men dem Rn-eitz« ^chmülich dreimal detßeleGt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
vierjährige,
2 Mark 20 Pfg. o* vringerloha.
Durch die Post bez«Hm
2 Mark 50 Pf«.
Redaction, LxpedW», and Druckerei:
Ker»jprechrr 6L
Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.
■e«e|me Anzeigen zu der Nachmittag- für den fetyebee Lag erscheinenden Nummer bi- Vor«. 10 llhr.
Grattsöeikage: Gießener AamitieuSkätter.
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Alle Lemoncen^Vureaux drL In- trab Au-lande- nehme» Anzeigen für den „Gießener AozeigerE cntgcgre.
Amtlichem Theil.
Gießen, den 31. October 18)1. Betr.: Den Wiesengang.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
EM die Grotzh. Bürgermeiftereie« des Kräses.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch rückständig ind, an Erledigung unseres Ausschreibens vom 1. October 1891, (Gießener Anzeiger Nr. 230).
v. Gagern.
Gießen, 30. October 1891 Betr.: Die Unterhaltung der Kreisstraßen.
Das Großherzogliche Kreisamt Giesen an die Grotzh. Bürgermeistereien Albach, Arne rob, Alten-Buseck, Burkhardsfelden, Ettinghausen, Großen-Buseck, Harbach, Hattenrod, Nider- bessingen, Nonnenroth, Oberbessingen, Opperod, Oueckborn, Reiskirchen, Rödgen und Trhe.
Die in Nr. 240 des Gießener Anzeigers auf Mtwoch den 4. November d. I. in Hattenrod und Großen-Buck anberaumte Vergebung des Brechens, Anführern und Zerkleinerns der Unterhaltungssteine bezhungs- weise die Lieferung zerkleinerter Unterhalungs- steine findet eingetretener Hindernisse halber auf fczendem Termin statt:
In Hattenrod: Mittwoch den 18. November Vormittags 9 Uhr:
15 a Oppenrod—Burkhardsfelden 25 ein
d In Burkhardsfelden 20
15 c Burkhardsfelden—Hattenrod 44
d In Hattenrod 7
e Hattenrod—Harbach 80
17 a Reiskirchen—Burkhardsfelden 35 ,
18 c Hattenrod—Lich 80 ,
b Reiskirchen—Hattenrod 34 ,,
a In Reiskirchen 4 ,,
Zn Großen-Buseck: Mittwoch den 18. Novmber, Nachmittags 1% Uhr:
40 c Rödgen—Großen-Buseck 50 om
d In Großen-Buseck 50 „
40 e Großen-Buseck—Beuern 152 „
42 e Alten-Buseck—Großen-Buseck 66 „
f Großen-Buseck—Staatsstraße 58 „
Sie wollen dies in ortsüblicher Weise bekann geben.
I. V.: Nebel.
Die Forst- und Feldstrafen der 4. Periode können ohne Kosten bis zum 2 6. November an den gewöhnlichen Zahltagen hierher bezahlt werden.
Gießen, am 1. November 1891.
Großherzogliche Districts-Einnehmerei I. Platz.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. November. Der Kaiser traf am Samstag Abend gegen 11 Uhr von dem Jagdausflug nach Liebenberg wieder auf Station Wildpark bei Potsdam ein und begab sich sofort nach dem Neuen Palais. Hier traf ungefähr um dieselbe Zeit auch die Kaiserin von ihrer Reise nach Gera wieder ein. Am Sonntag Nachmittag wohnte der Kaiser in Begleitung des erbprinzlichen Paares von Sachsen-Meiningen und des Kronprinzen von Schweden, welcher anläßlich seiner Heimreise von Neuwied nach Stockholm kurzen Aufenthalt am Berliner Hofe genommen hat, der Enthüllungsseier des Begasbrunnens aus dem Berliner Schloßplatze bei.
— Die Abreise des Czaren und der ihn begleitenden fürstlichen Herrschaften von Kopenhagen nach der Krimpst erfolgt, ohne daß hierbei während des Aufenthaltes des Czaren auf deutscher Erde eine Begegnung zwischen ihm und Kaiser Wilhelm stattgefunden hätte. Zur Zeit, da der Czar in Danzig landete, weilte Kaiser Wilhelm noch zur Jagd in den Liebenberger Forsten, wohin sich der Kaiser bekanntlich schon am Donnerstag begeben hatte. Für Donnerstag war aber auch die Abreise des Czarenpaares aus Kopenhagen festgesetzt gewesen — die sich dann allerdings um einen vollen Tag verzögerte — es scheint demnach saft, als ob der Liebenberger Jagdausflug unseres Kaisers nicht so ganz zufällig in die Zeit der Heimreise des Czarenpaares über Deutschland gefallen sei. Jedenfalls deutet das Nichtzustandekommen der so vielerörterten Begegnung zwischen dem deutschen Herrscher und dem Kaiser Alexander daraus hin, daß die Temperatur zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg fortgesetzt eine ziemlich kühle ist. Auch muß es als auffallend bezeichnet werden, daß kein Vertreter des Kaisers Wilhelm den Czaren bei der Landung in Danzig begrüßte, was indessen damit Zusammenhängen mag, daß sich der russische Momrch jeden osficiellen Empfang auf seiner Durchreise durch deutches Gebiet verbeten hatte.
— Obwohl von authentischer Seite noch immer keine Besätigung der Nachricht von dem jüngsten Demissionsgesuche desReichscommissars Major v. Wißmann vorliegt, so erhellt doch durch Nachrichten aus Kreisen, die 'Herrn v. Wißmann nahe stehen, daß die erwähnte Meldung von W Demission richtig ist. Das Entlassungsgesuch soll mit drr Hinweis auf das Gallenfieber begründet sein, an welchem Mjor v. Wißmann schon seit längerer Zeit leidet, doch
glaubt man allgemein, daß ihn auch noch andere, allseitig ja bekannte Gründe zu dem bedauerlichen Entschlüsse veranlaßt haben, seine Entlassung aus dem Colonialdienste zu nehmen. Es soll leider keine Aussicht vorhanden sein, den um die Stellung Deutschlands in Ostasrika so hochverdienten Mann seinem bisherigen Wirkungskreise zu erhalteu.
Berlin, 2. November. Ueber neue militärische Maßregeln Rußlands zur Beschleunigung der Kriegsbereit- schast wird der „Köln. Ztg." berichtet: Im Militärbezirk Warschau werden aus Verlangen des dortigen Oberbefehlshabers Generals Gurko sämmtliche Feldbatterien vom 1. Januar 1892 an mit acht bespannten Geschützen und dreiviertel der im Kriege nothwendigen bespannten Munitionswagen ausgerüstet sein. Die Oberbefehlshaber in Kiew und Wilna, die Generale Dragomirow und Ganetzki, haben für ihre Militärbezirke» das Gleiche beantragt, sind aber vorläufig der großen Kosten wegen abgewiesen worden. Die Verlegung der 38. Infanterie-Division aus Kutais (kaukasisch-türkische Grenze) nach der deutsch-österreichischen Grenze hat begonnen.
— Im „Deutschen Colonialblatt" veröffentlich der Kaiserliche Gouverneur von Ost-Afrika folgende Anzeige: Am 17. August fielen im Kampfe gegen die Wahehe, treu ihrer Pflicht gegen Kaiser und Reich: Der Commandeur der Kaiserlichen Schutztruppe von Zelewski, die Lieutenants von Zitzewitz und von Pirch, der Arzt Dr. Buschow, Sergeanten von Tiedewitz und Thiedemann, Unteroffiziere Herrtch und Schmidt, sowie Lazarethgehülfe Hemprich und Büchsenmacher- gehülse Hengelhaupt. Tief erschüttert betrauert das Offiziercorps uud die gesammte Truppe den Tod des Commandeurs, des im Krieg und Frieden bewährten Offiziers und wohlwollenden Vorgesetzten, und den Verlust so theurer Kameraden und braver Unteroffiziere. Den Gefallenen wird die Schutztruppe stets ein treues Andenken bewahren. Im Namen des Offiziercorps der Schutztruppe: Freiherr von Soden, Kaiserlicher Gouverneur von Ost-Afrika.
— Dem Vollzugs-Ausschuß für die Begründung der Baugesellschast „Eigenhaus" zu Berlin ist aus dem Geheimen Civilcabinet Seiner Majestät des Kaisers und Königs folgendes Schreiben zugegangen:
Potsdam, den 27. October 1891.
Dem Vollziehungs-Ausschuß theile ich aus Allerhöchsten Befehl aus die Immediateingabe vom October d. I. ergebenst mit, daß Seine Majestät der Kaiser und König den Bestrebungen der Gesellschaft, auch dem weniger bemittelten Theil der Berliner Bevölkerung die Erlangung einer geräumigen und gesunden Wohnung in einem eigenen Hause zu ermöglichen, sehr sympathisch gegenüberstehen. Se. Majestät sind der Meinung, daß der von der Gesellschaft beschrittene Weg geeignet ist, zur Beseitigung der traurigen Wohnungsverhältnisse der Berliner Arbeitervevölkerung und der damit verbundenen socialen und sittlichen Gefahren ein gut Theil beizutragen.
müße jener Knabe gerade in dem Augenblicke kommen, t er sein Weib ins Leben zurückrusen sollte! Warum ließ sich von dem neuen Vorfall so vollständig hinnehmen, daß
ur gestorben durch ihn, ein Opfer ihres hingebenden Ver- auens, ein Opfer seiner Schwäche, seines furchtbaren Ver- ängnisses, und keine noch so schwere Strafe konnte die That ^geschehen machen.
den Mund seines Sohnes an ihn richtete, den Gattenmörd Ach, es gibt ein Leid, so groß, daß kein Meer von Ahrö tief genug ist, es zu versenken! Das ist die Schuld,- gangen von Denen, die wir lieben, die Schuld, die wir t sühnen können, die wir uns selber nicht verzeihen unke trotz aller Reue immer wieder neu wird in der QuM- loser Selbstanklage. Nun war sie tobt, die Einzige, die se Last mit getragen, die Einzige, die an ihn geglaubt, ie
die ältere Pflicht darüber vergaß! „Wie geht es der Mam Wo ist sie?" Und Gott der Herr sprach: „Kain, wo ist d Bruder Abel?" War es nicht dieselbe Frage, die Gott bi
Feuilleton.
Und vergieb uns unsere Schuld!
Erzählung von Erich zu Schtrfeld.
(Schluß.)
Taumelnb wie ein Betrunkener wankte bei Arzt zur
Ein dumpfer Schmerz kam über ihn. Dem Ausbruch >er Verzweiflung folgte ein beängstigender Zustand der Lethargie, der ihn unempfindlich für alles machte, was um Thür seines Zimmers, zur Lagerstätte seiner Frcu, riß mit ihn her vorging. Der Gedanke, seinem öden Dasein ein zitternden Händen die Maske von ihrem Gesicht und stürzte Ende zu machen, trat verlockend an ihn heran. Aber wozu? wie vom Blitz getroffen mit einem markerschütternden Schrei Ob er lebte, ob er starb, ihm war es gleichgiltig, fast un- zu Boden. Nun war es geschehen, was er immer und immer bewußt aber lenkte ihn ein ihm in Fleisch und Blut übergefürchtet, und am eigenen Weibe war er zum Mörder ge- gegangener Grundsatz: nicht der Hand des Richters zu ent* worden, an ihr, die mit rührendem Vertrauen ihr ganzei fliehen, nicht ihm vorzugreifen, sondern zu tragen, zu sühnen, Sein in seine Hände gelegt hatte, an ihr mußte sich sei, soweit er konnte. Nur noch einmal flammte der unbändige grausames Geschick erfüllen. Nun hatte^ er ihr die^Mask Schmerz seiner Seele empor, das war an dem Tage, da man sein treues, so sehr geliebtes Weib zur ewigen Ruhe bestattete, und dann ward es stille in ihm, todt und stille. Er mied die Menschen und hielt nur Zwiesprach mit ihr, seiner Heimgegangenen. Der Arm der irdischen Gerechtigkeit streckte sich nicht aus nach ihm. Keiner der Männer, die ihn sahen, hatte das Herz und den Muth, ihn öffentlich anzuklagen, den armen Mann, der unter der Wucht seines Geschickes schier zusammenbrach. Aber die Menschen gingen ihm aus dem Wege, wie er ihnen auswich. Es war einsam geworden in seinem Hause ^und (allein wandelte er seine einsamen Psade. Selbst sein Sohn hatte sich von ihm gewendet, weil er ihm nicht verzeihen konnte, weil er ihm nicht ohne Vorwürfe ins Auge zu sehen vermochte. Anfangs schmerzte es den alten Mann wohl, sich von dem Sohne verlassen zu sehen. Zuletzt aber fand er es ganz natürlich. Es war am besten, daß er das allein verschuldete Elend auch allein trug. Es war sehr verständig von dem jungen Studenten, daß er
Sein in seine Hände gelegt hatte, an ihr mußte sich sei, soweit er konnte. j , w
. Nun hatte er ihr die Mask Schmerz seiner Seele empor, das war an dem Tage, da abgenommen, aber zu spät, zu spät! Nun war alles gJ r~:“ z° * “ ~ " vorüber, nun wußte sie nichts mehr von ihren Schmerz« und konnte wieder: schlafen, schlafen für immer. O, waru
von dem Vater nichts mehr verlangen mochte und sein Studium aufgab, um die kaufmännische Laufbahn zu betreten, wo er seiner Hilfe nicht bedurfte. „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort" und mit dem Urtheil. Sie dringt nicht in die Tiefe, weil sie selbst noch nicht gelernt hat, tief Zu empfinden. Das lernt sich nicht im Rosenhag der Freude und in der Runde jugendlicher Zecher, das lernt sich nur im selbst erfahrenen Leid, in der Schule des ernsten Lebens mit seinen Schmerzen und seinem Kummer. Darum bereut oft erst der Mann im reiferen Alter, was er im jugendlichen Uebermuth gethan, darum verzeiht milde der Greis, was der Jüngling zürnend verdammt, darum geht oft der Sohn zum Grabe des Vaters und opfert ihm spät den Zoll der Liebe, den er ihm einst vorenthielt.
Der alte Herr zürnte seinem Sohne nicht, er blieb ihm zugethan mit seinem ganzen Herzen, denn er betrachtete es als einen Act der Gerechtigkeit, der Vergeltung, daß ihm der Sohn fern blieb. Er hätte ihn wohl gern einmal gesehen, aber so oft sein Vaterherz nach ihm verlangte, beschwichtigte er es und sagte: „Stille, altes Herz, stille, du hast nichts mehr zu fordern, nichts zu verlangen." Ja, er freute sich seines Wehes,- je mehr er duldete, desto mehr dachte er, würde ihm vergeben, desto mehr würde die Zeit der Leiden verkürzt werden.
/ Das alles geht ihm durch den Sinn, während er an •bem Grabe sitzt. Die letzten Ereignisse seines Lebens ziehen wieder an seinem Innern vorüber, immer wieder. Es gibt für ihn nichts anderes mehr, als das schmerzliche Erinnern, in dem alles lebendig wird, alles, was einst war und nur mit ihr, der Theuren, unter diesem Hügel begraben lag. Wieder schweben die Klänge der Orgel zu ihm herüber. Gc- tröstet singt die Gemeinde der Leidtragenden: „Was Gott:


