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Nr. 27 Erstes Blatt. Sonntag den 1. Februar
1891.
Der öMtMt Asjdgtt tsteint täglich, eh Lo-nahme deS RontagH.
flHt Gir-mer
ivrrder, dem Anzeiger NÄ-entlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
vierLÄjShriger A-s»ne«e«ttpre^r 2 Msrk 20 Pfg. n& Dringerlohn. Durch die Post bezotz« 2 Mark 60 Pfg.
Kedaction, LxpedÄla« imb Druckerei:
Kch«tstr«te Mr^-
Kmchrrecher 51,
Amts- irird Anzeigeblatt fflr den Aveis Gieren.
Svvahme eoa Anzeigen zu der Nachmittags für d« fvigendrn Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
rattsöeikage: Gießener
Kamikienökätter.
Alle Annoncen-Sureaux der In» und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeg«.
Amtlicher Thatt.
Bietzen, am 1. Februar 1891.
Betr.: Das Ersatzgeschäft für 1891.
Der Civil-Vorsitzende der Großherzogl. Ersatz-Commission Gießen;
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Die wollen nunmehr mit Ausstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1889 und 1890 bis längsten- den 10. L MtS. bei Meldung -er Abholung durch Wartboten einsendeu.
Hierbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen re. unter Rubrik „Bemerkungen" eintragen.
Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Musterung mit zur Vorstellung kommen, oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken. Z. B. Ein Bruder geb. am . . ten . . . . 187 . komm: pro 1891 mit zur Vorstellung, oder ein Bruder dient seit . . ten 18 . . im Regiment Nr.......te Compagnie.
Außerdem wollen Sie am Schlüsse der Stammrolle Ausdrücklich bescheinigen:
1) daß und bezw. wann die Aufforderung zur Anmeldung zur Stammrolle erfolgt ist,-
2) daß die in derselben eingetragenen und nicht im Orte geborenen Militärpflichtigen in Ihrer Gemeinde zur Zeit der Anmeldung ihren dauernden Aufenthalt haben;
Z) daß die in ihren Gemeinden zuständigen, stch daselbst jedoch nicht aufhaltenden Militärpflichtigen angewiesen worden sind, sich bei der Bürgermeisterei ihres Aufenthaltsortes zur Stammrolle anzumelden.
Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1891 erneuert werden sollen, sind alsbald mittelst Bericht einzufordern.
Neue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen. Jost, Regierungsrath.
Gefunden: 1 Kinderschuh, 1 ©trumpf, 2 Portemonnaies mit Inhalt, 65 Pfennige, 1 Cigarren-Etuis, 1 kleiner Ring, 2 Meffer, 1 weißes Umhängetuch.
Gießen, am 31. Januar 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Ausland.
Paris, 30. Januar. Im Theatre frantzais kam es gestern Abend während der Aufführung des ersten Stückes zu neuen Kundgebungen. Man rief: „Es lebe Sardou! Es lebe Claretie! Thermidor!" Der Vorhang mußte sallen. 30 Manifestanten wurden veranlaßt, in das Verwaltungsbureau zu kommen, um ihr Eintrittsgeld zurückzuerhalten. Daraus wurde das Lustspiel „Gringoire" ohne Zwischenfall zu Ende gespielt.
Mexiko, 29. Januar. (Meldung des Bureau Reuter.) Die Bemühungen des englischen Consuls in Lima, zwischen -em Präsidenten Balmaceda und dem Congreß von Chile zu vermitteln, sind gescheitert. Die Regierungstruppen weigerten sich, gegen die Aufständischen zu kämpfen. Es heißt, daß die chilenische Regierung Truppen in Santiago zusammenziehe und daß bei Valparaiso in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß zu erwarten sei.
Deutscher Aeichrtag.
55. Plenarfitzung. Freitag, 30. Januar 1891, 1 Uhr.
Zur Berathung steht der Etat der Reichsjustizver- waltung.
Buol (Ctr.) macht aufmerksam auf die Zunahme der kleinen Strafen und fordert Aenderung der Strafgesetzgebung und Einführung des bedingten Strafvollzugs.
Böckel (Antisemit) interpellirt über das langsame Zustande- Lommm des bürgerlichen Gesetzbuches; er bemängelt dasselbe, weil eS den Realcredit fördere und damit indtrect zur Mobilifirung des Grundbesitzes beitrage. Zu tadeln seien auch die Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches über Beleidigung, die exorbitant seien, ja die Preßfreiheit aufböben, ferner die über Wucher. Es scheine, daß die Gesetze nur im Interesse der Betrüger und Verleumder gemacht würden. Die Wucherprocesse sollten bet der großen Kluft, die zwischen dem Volksbewußtsein und dem gelehrten Rtchterthum sei, vom Schwurgericht behandelt werben. Bet solchen Zuständen, einem Parteiischen Rtchterthum und dem Schutz der Juden, wie er im Erlaß des Darmstädter Oberstaatsanwalts ausgesprochen sei, wundere man stch noch über die Zunahme der Soctaldemokratie?
Staatssecretär Oehlschläger: Die allgemeinen Beschwerden des Vorredners seien nicht discutirbar, das Vorgehen deS Darm
städter Oberstaatsanwalts gehöre vor die hessische Kammer. Dann gibt Redner Aufschluß über den Stand der Arbeiten des bürgerlichen Gesetzbuches. Die vom Abg. Buol angeregte Einfübrung des bedingten Strafvollzugs sei noch nicht spruchreif; einer Revision der Strafgesetzgebung stehe die Regierung sympathisch gegenüber.
Heine (Socialist) kritisirt die Praxis der Rechtsprechung speciell beim Wuchergesetz. Die städtischen Behörden trieben durch Leihhäuser den schlimmsten WucherlW
Stadthagen (Socialist) bemängelt gleichfalls die jetzige Strafgesetzgebung und das bürgerliche Gesetzbuch; auch durch die Schwurgerichte, die doch nur Klassengerichte seien, könne der Wucher nicht bekämpft werden. Hierauf kritisirt er die Behandlung der Untersuchungsgefangenen, die Zeugnißverwetgerung der Beamten und die Praxis, wonach die höheren Richterstellen den Staatsanwälten Vorbehalten würden.
Hahn (cons.) fordert eine Regelung des Wasserrechtes.
Der Etat des Justizamts ist damit erledigt.
Es folgt die Fortsetzung der Berathung des Etats der Postverwaltung.
Hartmann (cons.) wünscht eine Gehaltserhöhung für die Postdirectoren, Meyer-Arns walde (wildcons.) eine Aufbesserung der Postagenten.
Staatssecretär Stephan berichtet 'über die neuesten Anlagen telegraphischer Kabel und über die Versuche electrischer Kraftübertragung, wobei er auf die Frankfurter Electricttätsausstellung Bezug nimmt, der 300 Pferdekraft von Lauffen am Neckar zugeführt werden sollen.
Auf eine Lobpreisung der subventionirten^Dampserlinien durch den Referenten kritisirt Bamberger (dfr.) die schlechten Erfolge, namentlich der ostaftikanischen Linie.
Damit ist der Postetat erledigt.
Es folgt der Etat der Reichsdruckerei.
Abg. Schmidt (Soc.) führt Klage, daß die Löhne in der Reichsdruckerei 18 Mk. pro Woche für Setzer betragen, also 7.60 Mk. niedriger sind, als in Prioatdruckereien. Dabei werden trotz der großen Arbeitslosigkeit von den Arbeitern des Reichsinstituts Ueber- stunden verlangt. Man sollte lieber mehr Arbeiter einstellen, um der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und den Tarif des Allgemeinen deutschen Buchdrucker-Vereins, den Herr v. Berlepsch sehr gelobt hat, einführen.
Geh. Oberpostrath Fischer: Die Löhne der Reichsbruckerei sind höher als in jeder Privatanstalt. Die Arbeiter sind zur Sonntagsarbeit nicht verpflichtet; Ueberstundenarbeit wird nur in Nothfällen verlangt.
Abg. Singer (Soc.): Die Ueberstunden- und Sonntagsarbeit ist ein Uebelstand, der schwer von den Arbeitern empfunden wird. Man hat einzelne Arbeiter zu Beamten gemacht und diese muffen nun ohne Entschädigung Sonntags- und Ueberstunden arbeiten. (Hört! hort!)!
Geh. Oberpostrath Fischer betont, daß ein Zwang zur Sonn- tagsarbeit nicht ausgeübt wird. Betriebsbeamtenstellen sind nicht yeu eingerichtet, sondern nur soweit erhalten, als sie vom Reiche mit der Anstalt übernommen find. Beamte, welche Sonntagsarbeiten verrichten, erhalten dafür jährlich eine einmalige Remuneration.
Der Etat der Reichsdruckerei wird genehmigt.
Hierauf vertagt sich das Haus.
Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr. Tagesordnung: Handfeuer- waffen-Gesetz. Etat (Auswärtiges Amt). Schutztruppen-Gesetz.
Schluß 58/< Uhr.__
Neueste Nachrichten.
WolfiS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 30. Januar. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Die Meldung, der Bundes'rath habe die von der Reichstags-Commission zu der Gewerbeordnungs-Novelle gefaßten Beschlüsse in ihrer Gesammtheit für unannehmbar erklärt, ist unrichtig.
Berlin, 30. Januar. Die Reichstags-Budgetcommission setzte heute die Berathung des die Geldvergütung zur Beschaffung von Dienstpserden für alle berittenen Offiziere betreffenden Etatspostens fort. Der Berichterstatter v. Keudell, die Abgg. Dr. v. Frege und Graf Behr, sowie der Kriegsminister Generallieutenant v. Kaltenborn-Stachau, der Staatssecretär des Reichsschatzamts Frhr. v. Maltzahn, die Bundes- commissare Generallieutenant Vogel v. Falckenstein und Major Gaede traten energisch für die Bewilligung des Postens ein. Gegen denselben sprachen die Abgg. Hinze und Richter. — Die Fortsetzung der Berathung erfolgt morgen.
Köln, 30. Januar. Der „Köln. Zeitung" wird aus Petersburg gemeldet, daß während der französischen Ausstellung in Moskau vier französische wissenschaftliche Expeditionen mit Genehmigung der russischen Regierung unter Führung Girards die volkswirthschastlichen und industriellen Verhältnisse in Rußland untersuchen würden, um Material zu Vorarbeiten für einen neuen französischrussischen Handelsvertrag zu gewinnen.
Guben, 30. Januar. Prinz Car o lath ist zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.
Hamburg, 30. Januar. Die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft setzte der „Hamburger Börsenhalle" zufolge heute den Fahrpreis nach Baltimore um 30 Mk. herab.
Wien, 30. Januar. Das Kaiserpaar verrichtete Morgens ein gemeinsames Gebet am Sarge des Kronprinzen und wohnte hierauf einer stillen Messe in der Hosburg- capelle an.
Wien, 30. Januar. Gegenüber den Auslassungen der „Hamburger Nachrichten, daß der Handelsvertrag mit Oesterreich-Ungarn ein Eingriff in die innere wirth- schaftliche Gesetzgebung des Deutschen Reiches wäre, bemerkt das offiziöse „Fremdenblatt": Die „Hamburger Nachrichten" vergessen ganz, daß Fürst Bismarck, für welchen sie zu kämpfen vorgeben, selber den Wunsch nach einem Handelsverträge mit Oesterreich-Ungarn hegte. Schon dies allein beweise, daß die Voraussetzung, die politischen ^Auslassungen der „Hamburger Nachrichten" seien von Bismarck inspirirt, eine falsche sei. Am allerwenigsten aber würde Bismarck, zu dessen größten Ruhmesthaten die Herstellung des deutschösterreichischen Bündnisses gehöre, sich herbeilassen, zwischen den beiden Neichen Mißtrauen zu erwecken. Die „Hamb. Nachr." arbeiten, den Nimbus benützend, den ihnen einige Unterredungen ihres Chesredacteurs mit Bismarck verschafft hätten, auf eigene Faust, man sollte nicht hinter Allem in ihren Spalten Anschauungen des großen Staatsmannes suchen, man würde dem letzteren damit bitter Unrecht thun.
Wien, 30. Januar. Die Kronprinzessin begab sich Abends nach der Kapuzinergruft und verweilte längere Zeit in stiller Andacht am Sarge des Kronprinzen. Nachmittags überbrachte ein Mitglied der deutschen Botschaft den von Kaiser Wilhelm gespendeten Kranz.
London, 30. Januar. Das Unterhausmitglied John Bradlaugh ist heute halb 7 Uhr früh gestorben.
Athen, 30. Januar. Im Bezirke Athamana bei Trikala ging eine Lawine nieder, wobei gegen 80 Häuser verschüttet, etwa 25 Personen getödtet und zahlreiche Menschen verletzt worden sein sollen.
Newyork, 30. Januar. Der Schatzsecretär William Windom ist gestern Abend auf einem von dem Newyorker Handelsgericht veranstalteten Bankett Plötzlich gestorben. Derselbe hatte soeben eine Rede beendet, als er tobt vom Stuhle fiel.
Washington, 30. Januar. Der Congreß hat die Bill, betreffend die Vermehrung der Zahl der Mitglieder deS Repräsentantenhauses um 24, angenommen.
CocäU» nn6 ^provinzielle».
Gießen, 31. Januar.
— Eine Regierungs-Vorlage verlangt 50,000 Mk. für ein neues physikalisches Institut in Gießen.
— Von der Universität. Der außerordentliche Professor der Theologie, Lic. Dr. Gustav Krüger, hat — unter Ablehnung eines gleichzeitig an ihn ergehenden Rufes an die Universität Straßburg — eine Berufung in gleicher Eigenschaft nach Göttingen angenommen.
— In den nächsten Tagen soll der zweite hessische Städte- tag abgehalten werden und zwar in Offenbach a. M. Hauptgegenstände der Berathung werden sein: Die Vorstellung an die Regierung um Ermächtigung, für die untersten Steuerklassen die Communalsteuer unerhoben zu lassen, ohne Schmälerung der politischen Rechte der Befreiten, sowie Neuregnli- rung der Volksschullehrer-Gehalte.
— Im Kaiser-Panorama gelangt von heute, Sonntag, ab Oberitalien zur Ausstellung. Als malerisch sind besonders hervorzuheben die Thäler, Dörfer, Seen u. s. w. Es ist eine der schönsten landschaftlichen Serien, welche das Panorama bietet. Auch wollen wir nicht verfehlen, auf die im Jnseratentheil angekündigte Extra - Ausstellung hinzuweisen. Dieselbe umfaßt ca. 100 plastische Aufnahmen, u. A. die Einzugsfeierlichkeiten des Königs Humbert in Berlin, Gallerie moderner Meister, überseeische Reisen. In der Glasphoplastik soll ein großartiges Effectstück fein, das Bad einer römischen Kaiserin, auS dem Passage-Panoptikum zu Berlin, sowie der Schah von Persien und die deutsche Kaiserin nebst Gefolge, der Kaiser von Rußland und Kaiser Wilhelm II. in Berlin u. s. w.
— Wie sehr Fräulein Natalie Köhlers Talent auch hochbedeutende Männer der Wissenschaft und Literatur zu fesseln im Stande war, kann man u. A. aus folgender fast rührenden Episode entnehmen. Als Frl. Köhler — noch vor ihrer drohenden Erblindung — zum letzten Male in Heidelberg einen Vortrag hielt, da ließ sich der greise Historiker Ge0rg Weber, den andauerndes Siechthum an seinen Krankenstuhl fesselte, aus seiner Villa in Neuenheim herüberfahren und im Tragsessel in den Museumssaal tragen, in welchem Frl. Köhler die „Antigone" recitirte.— Hoffen wir, daß unsere verehrten Mitbürger die beiden Abschiedsvorlesungen der von dem Schicksal schwer heimgesuchten Dame recht zahlreich besuchen!


