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Nr. 166. Zweites Blatt. Sonntag den 20. Juli

1890.

Weßener Anzeiger

Generat-Mnzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gieszen

Gratisbeilage: Gießener Iamitienötätter

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Die Gießener

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Der

Eichener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Amtlicher» Theil.

Nr. 22 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 15. d. M., enthält:

(Nr. 1910.) Verordnung, betreffend die Ausdehnung der Zollermäßigungen in den Tarifen A zu dem deutsch­italienischen und dem deutsch-spanischen Handels- und Schiff- fahrtsvertrage. Vom 9. Juli 1890.

Gießen, den 18. Juli 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Während der Beurlaubung des Unterzeichneten wird der­selbe, mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums der Finanzen, Abteilung für Steuerwesen, soweit nothwendig, durch den Großherzoglichen Steuer-Assessor Herrn Kritzler vertreten werden.

Gießen, den 20. Juli 1890.

Der Großh. Steuer-Commiffär:

Süffert.

Die Reform der Eifenbahn-Perfonentsrife.

Immer langsam voran, immer langsam voran" dieses alte Spottsprichwort aus die österreichische Gemächlich­keit und Gemüthlichkeit ist zu Schanden geworden, seit Oester­reich-Ungarn mit dem Zonentarif für den Eisenbahnpersonen­transport einen so kühnen, fast revolutionär zu nennenden Schritt auf dem Gebiete der Eisenbahn-Wirthschaftspolitik Methan hat, und man muß die Genialität bewundern, mit welcher hierdurch im Kaiserstaate an der Donau auf einmal mit althergebrachten und bis jetzt für rationell gehaltenen Grundsätzen gebrochen worden ist. Nachdem Ungarn vor un­gefähr Jahresfrist auf diesem Wege voranging, folgte am 1. Juni d. I. die cisleithanische Reichshälste nach und ge­langte zunächst bei den österreichischen Staatsbahnen der .Zonentarif zur Einführung und zweifellos werden bald auch die anderen Bahnverwaltungen in Oesterreich diese hochbe­deutsamen Eisenbahn-Reformen sich wohl oder übel aneignen müssen, und es steht zu vermuthen, daß bis Ende dieses Jahres in ganz Oesterreich-Ungarn der Eisenbahn-Zonentarif eingeführt sein wird.

Es drängt sich nun die Frage auf, wie sich die übrigen Bahnverwaltungen des mitteleuropäischen Verkehrs zu der wichtigen Neuerung des Zonentarifs verhalten und welche

Stellung speciell die größeren Bahnverwaltungen der an Oesterreich-Ungarn angrenzenden Gebiete des deutschen Reiches hierzu einnehmen werden. Man hat bis jetzt hierüber noch nichts Sicheres gehört, aber offenbar drängt die Sache zur Entscheidung und da wird man, wie die Verhältnisse einmal liegen, annehmen dürfen, daß auch die deutschen Bahnen in irgend einer Form auf den Zonentarif eingehen werden müssen. Denn es steht außer allem Zweifel, daß der Zonen­tarif der österreichischen und ungarischen Bahnen mit seinen beispiellos billigen Sätzen sich gegenüber den Sätzen, wie sie in Deutschland im Personentransportwesen der Eisenbahnen noch geltend sind, in kurzer Zeit machtvoll geltend machen muß und es droht mithin den Bahnverwaltungen der an Oesterreich stoßenden deutschen Staatsgebiete eine empfindliche Schädigung durch die Concurrenz des Zonentarises jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle, wenn letzterer nicht bald ein Paroli geboten wird. Wer künftig z. B. von Dresden nach Oderberg oder München, oder wer etwa von Schlesien nach Süddeutschland reist, der wird ganz sicherlich hierbei die öster­reichischen Bahnen, wegen der außerordentlichen Billigkeit des Zonentarifs, soweit benutzen, wie dies nur irgend angeht, und hierbei auch einen kleinen Zeitverlust nicht scheuen. Es bedarf daher wohl keiner näheren Darlegung, daß hieraus ein bedeutender Ausfall im Durchgangsverkehr der betheiligten deutschen Bahnen entstehen würde.

Indessen erscheint es wohl begreiflich, wenn die deutschen Bahnen noch zögern, auf den Zonentarif einzugehen, denn er ist noch zu kurze Zeit in Thätigkeit, als daß man hieraus einen ganz bestimmten Schluß auf seine finanziellen Ergeb­nisse ziehen könnte. Allerdings hat er nicht nur in Ungarn, sondern auch auf den betreffenden österreichischen Linien eine ganz gewaltige Steigerung des Personenverkehrs zur Folge gehabt und dieselbe hat speciell für die ungarischen Bahnen auch nicht unerhebliche Mehreinnahmen gegenüber den früheren Einnahmen aus dem Personenverkehr ergeben. Hiermit ist jedoch noch nicht gesagt, ob diese günstigen Verhältnisse auch anhalten werden und ob nicht vielleicht nur vorübergehende Ursachen hierbei einwirken, nach deren Verschwinden für die­jenigen Bahnen, welche den Zonentarif eingeführt haben, ein sehr empfindlicher Rückgang eintreten könnte. Aber die hohe Wahrscheinlichkeit ist doch vorhanden, daß mit dem Zonen­tarif für Personentransport eine gesunde und zeitgemäße Reform im Eisenbahnwesen zur Einführung gelangt ist und die deutschen Bahnverwaltungen werden sich daher ebenfalls genöthigt sehen, mit ihr zu rechnen, wenn sie anders der von den österreichischen und ungarischen Bahnen zu befürchtenden Concurrenz die Spitze bieten wollen. Da Ende dieses Monats

in Dresden die alljährliche Versammlung des Verbandes deutscher Eisenbahnverwaltungen, denen u. A. auch die östet- reichischen und ungarischen Bahnen größtentheils angehören, zusammentritt und hierbei ungarischerseits die Ausdehnung des Zonentarifs auf das gesammtr Verbandsgebiet beantragt werden wird, so dürften die bezüglichen Verhandlungen ge­nügend darüber Aufschluß geben, wie man sich in Deutschland zum Zonentarif stellt.

Cocak» und provinzieller.

Gießen, 19. Juli.

Wir machen unsere geehrten Leser aus die für heute Abend und morgen angekündigte Production des Schnellläufers Dibbels aufmerksam. Derselbe wird den Oswalds Garten in einer Stunde 40 Mal umlaufen. Uns vorliegende zahl­reiche Berichte aus deutschen, belgischen, französischen, dänischen, schwedischen, niederländischen und russischen Städten bestätigen die außerordentliche Leistungsfähigkeit Dibbels.

Lauterbach, 17. Juli. Heute Nacht zwischen 1 und 2 Uhr zog ein schweres Gewitter über unsere Stadt. Secunden- lang anhaltende Blitze, begleitet von heftigem Donnerrollen, erhellten das Firmament. Nachdem das Wetter ungefähr eine Stunde angehalten und ein leichter Regen die Atmo­sphäre etwas abgekühlt, ging dasselbe, ohne Schaden ver­ursacht zu haben, glücklich vorüber.

? Aus der Provinz, 18. Juli. Zu Beginn des Früh­jahrs verfügten die interessirten Kreisämter an die betreffenden Gemeinden, daß man Seitens derselben eine Vergütung für den Abschuß der gemeinschädlichen Raben bewilligen und über das Vorkommen der Raben selbst in den einzelnen Gemarkungen Bericht erstatten sollte. Wir wissen allerdings nicht, wie diese Berichte gelautet, daß aber in vielen Gemeinden rein gar nichts zur Vertilgung dieser schädlichen Vögel ge­schehen ist, kann nicht bestritten werden. Die vielfachen Klagen der Landwirthe in jetziger Zeit beweisen, daß ein solches Ver- säumniß sich bitter rächt. Abgesehen von dem geringsten Schaden, welchen die Raben durch Verzehrung der Kirschen, namentlich der edlen, verursachen, fallen die Verheerungen, die sie beim Getreide und selbst auch bei den Setzpflanzen anrichten, sehr erheblich ins Gewicht. Während sie letztere ausziehen und bis aus die Wurzel verzehren, fällt ihnen bei ersterem die Ernte ganzer Aecker zum Opfer. Schon jetzt zeigt sich das beim Korn, noch mehr aber bei der Gerste. Wir haben im verflossenen Sommer Gerstenäcker gesehen, auf denen man kaum noch eine gute Aehre finden konnte. Noch

Femlleton.

Der Schatzgräber.

Humoreske von E. Redenhall.

(Nachdruck verboten.)

Motto:

Arm am Beutel, krank am Herzen Schleppt ich meine langen Tage."

Ach was, Träume sind Schäume! Schlage Dir den Unsinn aus dem Kopse," sagte die Frau Actuar Finkenschlag, eine kugelrunde Frau mit etwas sanguinischem Temperament, in nicht zu sanften Tönen zu ihrem Gatten, der ihr seit einigen Wochen immer und immer wieder erzählte, welch glückverheißenden Traum er gehabt, und daß eine Ahnung ihm sage, daß derselbe sich erfüllen werde.

Tag und Nacht beschäftigte dieser Gedanke den Herrn Actuar, eine kleine, hagere Gestalt mit eckigem, bartlosem Gesicht und bedeutendem Mondschein. Die Aussicht der Ver­wirklichung schien ihm um so verlockender, als er mit Glücks­gütern gerade nicht reich gesegnet war, und er, sowie seine Gattin Lucinde oft an den letzten Tagen des Monats schmale Bissen beißen mußten.

Es war aber auch ein gar zu merkwürdiger Traum gewesen, wohl geeignet, sogar ein so ruhiges Gemüth wie das des Herrn Actuars Johann Gottlieb Finkenschlag aus­zuregen.

Dieser hatte eines Abends spät noch in seinem Stübchen aus dem erst letzte Weihnachten angeschafften neuen Sopha gesessen und darüber nachgedacht, wie qualvoll sein ganzes, nur der mechanischen Arbeit gewidmetes Leben sei und wie ihn das Schicksal doch stets recht stiefmütterlich behandelt habe. Welche Hoffnungen hatten ihn als Jüngling beseelt, wie viele Ideale hatte er gehegt ... und nichts von alle dem hatte sich erfüllt! Die Begeisterung war geschwunden, schablonenhaft war ein Tag wie der andere vergangen, sein

ganzes Leben nur der Arbeit um des Lebens Unterhalt geweiht.

Bei diesen philosophischen Betrachtungen mußte er ein­geschlafen sein.

Da, auf einmal war ihm so wunderbar zu Muthe ge­worden, eine blendende Helle hatte das ganze Zimmer über­strahlt und eine Fee in Gestalt eines schönen jungen Mädchens hatte Plötzlich, ohne daß er gesehen, von wo sie gekommen, vor ihm gestanden und folgende Worte zu ihm gesprochen: Verzage nicht! Deine Sorgen um das tägliche Brod soll zu Ende sein! Hat das Leben Dir auch viele Enttäuschung gebracht, jetzt sollst Du und Deine Gattin Lucinde belohnt werden. In Deiner Wohnung ist ein Schatz verborgen und Dir ist es Vorbehalten, ihn zu heben. Wo er ist, darf ich Dir aber nicht sagen. Suche . . . und Du wirst finden. Sprich jedoch, sobald Du in seinen Besitz gelangt bist, zu Niemand als zu Deiner Frau davon. Hältst Du dies nicht, so verlierst Du ihn wieder."

Also hatte die Fee gesprochen und war verschwunden.

Unser Actuar aber war davon erwacht und befand sich nun in einer Aufregung, in der er sich noch nie befunden, auch nicht in jenem feierlichen Moment, als er vor zwanzig Jahren um seine geliebte Lucinde geworben hatte.

Er war seitdem ganz verändert, der gute Actuar. Er, der wie ein Lastthier bisher alles geduldig ertragen hatte sogar die Gardinenpredigten seiner Frau, wenn er in die srischgescheuerte Stube eingetreten war und vergeffen hatte, seine Stiefel ordentlich abzuputzen, oder Sonntags eine Cigarre geraucht, ohne die reinen Vorhänge zu berücksichtigen er war jetzt unwillig und gereizt bei derartigen Anlässen, dabei von einer Ruhelosigkeit und Zerstreutheit, die Jedem auf- sallen mußte. Saß er auf dem Gericht über seine Arbeit gebeugt, so passirte ihm, dem so peniblen Beamten, es jetzt oft, daß er sich irrte, und er hatte sich deßhalb schon eine Rüge seines Vorgesetzten zugezogen. Stundenlang schritt er im Zimmer aus und ab, ohne ein Wort zu sprechen, bald

auf den Fußboden, bald an die Mauer klopfend und ängstlich lauschend, ob der Ton vielleicht hohl klinge.

Auch heute klopfte und horchte er fortwährend. Eine geraume Zeit hatte ihn seine Ehehälfte stillschweigend beob­achtet. Endlich polterte sie los:

Hat man je so etwas erlebt? Alter schützt vor Thor- heit nicht! Wenn Du mit dem Unsinn jetzt nicht bald auf­hörst, sollst Du mich kennen lernen."

Wer zuletzt lacht, lacht am besten!" sagte der Actuar mit einer gewissen Zuversicht.Auf den ersten Hieb fällt kein Baum. Das geht nicht wie man will . . . dazu muß man erst einen gewissen Zeitpunkt abwarten."

Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren, und viel fehlt nicht.mehr, dann verlierst Du wegen dieses albernen Traumes noch den Verstand!" erwiderte Frau Lucinde gereizt.

So zankte sich das sonst so - friedfertige Ehepaar noch lange Zeit in allen möglichen Sprüchwörtern herum. Dies war nämlich eine Specialität von ihnen, wenn sie erregt waren, und so ging es dann fort, bis die Frau mit den Worten:Wem nicht zu rathen, dem ist auch nicht zu Helsen," aus dem Zimmer ging und die Thür etwas bedenk­lich ins Schloß fallen ließ.

Doch dies alles glitt spurlos an Herrn Johann Gottlieb Finkenschlag vorüber^ es störte seine Hoffnungsfrcudigkcit nicht im Mindesten, er hatte nur ein bedauerndes Lächeln für die Ungläubigkeit seiner Gattin. Er klopfte, horchte, unter­suchte unermüdlich weiter.

So waren wiederum drei Wochen unter fruchtlosem Suchen vergangen. Da, eines Tages Frau Lucinde war einer Einladung zu einem Kaffeeklatsch bei der Frau Regi­strator Müller gefolgt, beklopfte der Actuar wieder jene Stelle der Wand, und . . . barmherziger Gott! waS ift das? An dieser Stelle klingt der Ton hohl!

(Fortsetzung folgt.)