Ausgabe 
1.1.1890
 
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Nr. 1.

Der

Hleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Die Gießener

AamitieuvtLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Mittwoch den 1. Januar r

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

1890.

Vierteljähriger Aöonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

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! chralisSeilage: Hießoi« KamilienLkätter.

folgenden Tag erscheinenden Nn-umer bis Vorm. 10 Uhr. V _______ , , _

D'raus die Becher hoch gehalten Und dem Neuen Jahr gedacht, Sei in weihevoller Stunde Ihm ein Profit froh gebracht!

Th. Loos.

Amtlicher TheU.

Gießen, den 30. December 1889. Betr.: Die Einführung der Hebammen in die neue Dienst­anweisung

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die GroßhezogUchen Bürgermeistereien der nachverzeichneten Gemeinden.

Wir beauftragen Sie die nachverzeichneten Hebammen anzuweisen, zum Zweck der Jnstruirung nach der neuen Dienst­anweisung an den festgesetzten Tagen und Stunden an die be­treffenden Orte vor Großh. Kreisgesundheitsamt zu erscheinen und ihre Instrumente und Arzneien, sowie die neue Dienst­anweisung mitzubringen. Den Gemeindehebammen sind die Transportkosten per Bahn oder mit 40 Pfg. pro Stunde zu vergüten. Außerdem ist denselben eine Gebühr von 2 Mk. für Zehrung aus der Gemeindekasse zu bewilligen.

Es haben zu erscheinen:

am 4. Januar 1890 zu Grünberg im Rathhaus­saal, Nachmittags 1 Uhr, die Hebammen aus den Orten:

Beltershain, Bersrod, Goebelnrod, Grünberg, Harbach, Hattenrod, Lindenstruth, Lumda, Oppenrod, Queckborn, Reinhardshain, Saasen, Stangenrod, Weickartshain, Weitersham;

am 6. Januar 1890 zu Sich im Rathhaussaal. Nach­mittags 1 Uhr, die Hebammen aus den Orten:

Albach, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt, Ettingshausen, Holzheim, Lich, Muschenheim, Münster, Ober- und Nieder-Bessingen, Ober-Hoergern, Steinbach;

am 8. Januar 1890 zu Hungen im Rathhaussaal, Nachmittags 1 Uhr, die Hebammen aus ^en Orten:

Bellersheim, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Nonnenroth, Obbornhofen, Roethges, Rodheim, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen;

am 10. Januar 1890 zu Allendorf a/d. Lumda im Rathhaussaal, Nachmittags 2 Uhr, die Hebammen aus den Orten:

Allendorf a/d. Lumda, Allertshausen, Climbach, Geils- hausen, Kesselbach, Londorf, Mainzlar, Odenhausen, Rüddingshausen.

v. Gagern.

Sylvester.

Mit der Glocke zwölftem Schlage,

Der die Mitternacht uns bringt, Schwindet hin das Jahr, das alte, Still sein letzter Ton verklingt.

Und der Kerzen letztes Flimmern Sagt verlöschend ihm Ade, Mit den wechselvollen Stunden, Mit der Lust und all' dem Weh!

D'raus schallt lauter Jubel wider, NeuSS Zahr! sei sroh gegrüßt!

Und in Freundschaft, wie in Liebe Innig Herz an Herz sich schließt.

Wünsche glüh'n in allen Herzen, Händedruck und Kuß um Kuß Bringen wir uns heut' entgegen Bei des Neuen Jahres Gruß.

Alles Leid sei heut' vergessen, Sei versenkt im Strom der Zeit, Jede Fehde ausgesöhnet, Die wohl Menschen noch entzweit.

Wo des Todes dunkler Bote Schwer das Menschenherz bedrückt, Manche hoffnungsvolle Blüthe Jäh' entblättert und zerknickt:

O, da sendet, ew'ge Mächte, Süßen Trost dem tiefen Schmerz, O, da träufle aus den Höhen Balsam in das wunde Herz.

Ohne Bangen, ohne Zagen

In die Zukunjt stets geschaut;

Mögen droh'n auch Weltgeschicke, Fest auf deutsche Kraft vertraut!

<5 um irenen Jahre!

Für uns an zeitliche Dinge mit ihren mannigfaltigen Wechseln von Glück und Unglück, Freude und Schmerz ge­bundenen Erdenkinder bedeutet der Eintritt in ein neues Jahr immer eine Frage an die räthselhafte Zukunft. Doch un­möglich ist es, den Schleier der Zukunft zu lüften, und es wäre daher geradezu thöricht, wenn man am Jahreswechsel Prophezeiungen für das neue Jahr verkünden wollt:. Aber das Leben ist ernst und in wichtigen Stunden verlangt das Menschenherz nach Trost und frohen Hoffnungen, und dies ist zumal auch zur Zeit der Jahreswende der Fall. Da gilt es denn vor allen Dingen, alle übertreibenden ängstlichen Bei fürchtungen von sich abzuschütteln und mit Muth und Gott­vertrauen der Zukunft entgegenzublicken.Das ganze mensch­liche Leben ist ein Gleichniß!" so urtheilt der größte deutsche Dichter, und dieses dem Suchen nach dem Heil, nach der ewigen Wahrheit und Schönheit geweihte Menschenleben kann natürlich nicht frei von Prüfungen und Verirrungen bleiben. In dieser Hinsicht, die eine fundamentale Bedeutung für das menschliche Leben hat, gleicht aber ein Jahr genau dem anderen, das heißt, im ne"" '"'ce werden auch Licht und Schatten, frohe und böse und Stunden abwechftln,

aber ein vernünftiger Gru inern sorgenvollen Bangen

vor der Zukunft liegt nich Natur der Dinge begrün­det. Dieselben zeigen vielmehr auf allen Gebieten und auch nach den schlimmsten Heimsuchungen und scheinbar erdrückenden Befürchtungen wieder segensreiches Gedeihen und gesunden Fortschritt. Es gilt dies sowohl vom Leben der Völker wie vom Dasein des einzelnen Menschen.

Wie bangte man doch so manches Jahr hindurch und selbst zum Theil noch in dem zuletzt verflossenen um die Er­haltung des Weltfriedens, und siehe da, die Kriegswolken in Ost und West sind zerstreut, und das Jahr 1890 tritt in politischer Hinsicht mit einem reinen, klaren Himmel seinen Laus an! Es ist da wohl aber nur natürlich, daß das allge­meine Vertrauen in den Weltfrieden auch stützend und för­dernd auf jede Culturarbeit einwirken muß, uud daß In­dustrie und Handel, Landwirthschaft und Gewerbe, Künste, Wissenschaften wahrscheinlich im neuen Jahre einen neuen Aufschwung erfahren werden. Nur fegensvoll kann sich eine solche günstige Periode im Allgemeinen auch für das Leben jedes Fleißigen und Braven äußern, und, abgesehen von den Prüfungen, welche der Schöpfer über die Menschen und Nationen verhängt, kann man deshalb gerade in das neue Jahr mit den besten Hoffnungen eintreten und mit dem Dichter ausrufen:

9^1111 muß sich Alles, Alles wenden, D e Wett wird icbönev mit jedem Tag, Man weiß nickt, was noch werden mag!"

politische Aeversicht.

Gießen, 31. Deeember.

Der Kaiser ist mit seiner Gemahlin und den kaiserlichen Prinzen am Montag aus dem Neuen Palais bei Potsdam nach dem königlichen Schlosse in Berlin übergesiedelt und werden die Majestäten daselbst die Wintermonate über re- sidiren.

Der preußische Volkswirthschaftsrath soll demnächst wieder einmal eiuberusen werden, um den Entwurf eines Reichsge setzes über die Errichtung von Gewerbeschiedsgerichten zu begutachten. Seit dem Jahre 1884, in welchem der Volks­wirthschaftsrath zur Begutachtung des damals aufgestellteu Entwurfes des Uufallversicherungsgesetzes eiuberusen worden war, hat die genannte Körperschaft noch nicht wieder getagt.

Noch gegen Ende des alten Jahres 1889 haben aber­mals Präliminarien zu erneuten Ausgleichsverhaudlungen zwischen Deutschen und Czechen in Böhmen begonnen. Deutscher­seits sind zu diesen Vorbesprechungen die Abgeordneten Schmey- kal, Pleuer, Scharschmidt, Hallwich, Schlesiger und als Ver­treter des Großgrundbesitzes Graf Oswald Thun abgeordnet worden, auch die Czechen entsendeten sechs Vertreter zur Ausgleichseonferenz, um deren Zustandekommen sich Gras

Taaffe lebhaft bemüht hat. Die i zcntlichen Conferenzver- handlungen werden indessen wohl erst Ansang nächster Woche beginnen, da in der Zeit vom 31. December bis mit 4. Januar die Ersatzwahlen für die ihrer Mandate verlustig erklärten deutsch-böhmischen Landtagsabgeordneten stattfinden. Auch die Regierung wird aus der Conferenz vertreten sein und zwar durch den Ministerpräsidenten Grafen Taaffe selber, ferner durch den Unterrichtsminister v. Gautsch und durch den Justiz­minister Grafen Schönborn. Die Regierung gedenkt den beiden beiheiligten Parteien ein förmliches Programm zu unterbreiten, welches dem Vernehmen nach die Hauptforde­rungen der Deutschen, nämlich Theilung des Prager Ober- landesgerichtes, sowie des Landesschulrathes und des Landes- culturrathes für das Königreich Böhmen, befürwortet und ein neues Sprachengesetz empfiehlt, wonach bei den böhmischen Gerichten auch czechische Eingaben deutsch erledigt werden können. Falls die Verständigung über alle diese Punkte ge­lingt, so soll alsdann der böhmische Landtag behufs Vornahme allgemeiner Neuwahlen aufgelöst werden und würden nachher die Deutschen auch wieder in den Landtag eintreten. Einst­weilen bringt man jedoch in den Kreisen der deutschböhmischen Bevölkerung diesen Vorschlägen gerade noch keine sonderlichen Erwartungen entgegen und das völlige Fehlschlagen aller bisher unternommenen Verständigungsversuche zwischen Deut­schen und Czechen rechtfertigt leider diese sceptische Haltung der Deutschböhmen.

Zwischen England und Frankreich kommt jetzt das egyp- tische Thema immer nachdrücklicher zur Sprache. In Kairo ist nunmehr eine weitere Aeußerung Frankreichs in Betreff der Convers' r''Angelegenheit eingegangen und Verl > si die französische ' hierin, daß der fiefo ouS hpr Gr-

on egyprsi d, nach Abzug der Summen zu

sung der und für Vermehrung der eg.)pii}4eH

Armee, ergebende Ueberschuß zum Schutze der Bewässerungs­anlagen verwendet werden solle. Eine besondere Commission sott darüber wachen, daß die Gelder auch wirklich zu diesem Zweck zur Verwendung gelangen. Ueber die Aufnahme des französischen Vorschlages seitens des Londoner Cabinets liegt noch keine Nachricht vor.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. December. Der Deutsche Landwirth- schaftsrath wird seine nächste Plenarversammlung wahr­scheinlich in der zweiten Woche des Februar 1890 in Berlin abhalten. Auf die Tagesordnung werden, soweit dies vor­läufig bestimmt ist, folgende Gegenstände gesetzt werden: 1) Fortsetzung der Berathung über den Entwurf des Bürger­lichen Gesetzbuches. 2) Die Stellung der Landwirthschaft zur Warrantgesetzgebung. 3) Reichsgesetzliche Bestimmungen gegen die Versälschung von Futtermitteln. 4) Die bisherige Hand­habung und Wirkung des Margaringesetzes. 5) Die Noth- wcndigkeit strengerer Maßregeln zur Unterdrückung von Vieh­seuchen im Julande. 6) Die normalen Gewichte der im Terminhandel gehandelten Haupt-Getreidearten.

Ausland.

Paris, 29. December. Der Minister des Innern, Constans, ist zum Senator von Toulouse gewählt worden.

Eine officielle Depesche der hiesigen brasilianischen Gesandtschaft dementirt die Nachricht, daß die Güter der brasilianischen Kaiserfamilie confiscirt seien- cs sei lediglich die in das Budget eingestellte Dotation gestrichen worden.

Zanzibar, 29. December. (Meldung des Bureau Reuter.) In einer Streitsache zwischen der Expedition Stanleys und T i p p o Tip fand gestern vor dem Consulargericht eine Ver­nehmung von Zeugen, nämlich Stanleys und Bonnys statt. Es wurde dabei dargethan, daß Tippo Tip seinen Vertrag mit der Expedition, wonach diese alle seine Lebensmittel und Munition erhalten sollte, nicht erfüllt hat. Außerdem erklärten die Zeugen, daß Tippo Tips Neffe Salim Mohamed befohlen hatte, die Eingeborenen, welche Lebensmittel für die Expedition bringen würden, niederzumachen- auch habe er die Zanzi- bariten verhindert, mit denjenigen zusammenzukommcn, welche ihnen Lebensmittel brachten - dadurch habe er die große Sterb­lichkeit in der Expedition hervorgerusen. Die Expedition verlangt nun zehntausend Pfund Sterling Schadenersatz. Deshalb ist dem Agenten Tippo Tips in Zanzibar verboten, diese Summe, welche gegenwärtig für Tippo Tip in seinen Händen ist, an Tippo Tip auszuzahlen.

Stanley gedenkt am 30. December an Bord eines englischen Kreuzers nach Mombassa 511 fahren und von dort per Postdampser nach Egypten weiter zu reisen.