Deutsches Reich.
Berlin, 15. März. Heute Mittag um 2 Uhr versammelten sich in dem sogenannten Congreßfaale, Wilhelm- strasze 77 (Palais des Reichskanzlers) die sämmtlichen bisher eingetroffenen Delegirten zur internationalen Arbeiter- schutz-Conferenz. Sie nahmen die Plätze ein, welche nach der alphabetischen Reihensolge der Staaten geordnet sind und wurden §on dem Herrn Handelsminister Freiherrn v. Berlepsch im Namen Sr. Majestät willkommen geheißen und ihnen der Kaiserliche Dank für das Entgegenkommen ausgesprochen, mit welchem ihre Regierungen der Einladung zur Conserenz gefolgt seien. Der Herr Handelsminister eröffnete nunmehr die Conserenz und bat, zur Wahl eines Präsidenten zu schreiten. Auf Vorschlag des österreichisch-ungarischen Delegirten, Herrn Ministerialraths Migerka wurde der Herr Handelsminister mit Acclamation zum Vorsitzenden erwählt,- derselbe nahm die Wahl mit Dank an und constatirte das Einverständniß der Versammlung damit, daß Unterstaatssecretär Magdeburg zu seinem Stellvertreter bezeichnet wurde. Der Herr Vorsitzende hielt hierauf in französischer Sprache eine Anrede, die in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet:
Meine Herren!
Se. Majestät der Kaiser, mein Allergnädigster Herr, hat mich beauftragt, Ihnen die Gefühle der hohen Befriedigung auszusprechen, welche Allerhöchstderselbe darüber empfindet, daß diese hervorragende Versammlung, welche in die Berathung über die wichtigen, die europäischen Industrie-Staaten in diesem Augenblick beschäftigenden Fragen einzutreten im Begriffe steht, sich in Seiner Residenz vereinigt hat.
Die Einladung Sr. Majestät, welcher Sie entsprochen haben, ist nicht die erste dieser Art, welche an die europäischen Regierungen ergangen ist. Schon im Jahre 1881 hatte die Schweiz eine ähnliche Einladung an dieselben gerichtet und sie ist auf diese im vorigen Jahre und dann wieder vor wenigen Wochen zurückgekommen. Der Kaiser ist erfreut, darauf Hinweisen zu können, daß Dank der ent- gegenkommenden Haltung der Schweizer Regierung die Bestrebungen Sr. Majestät gleichzeitig mit denen der Etdgenoffenschaft dm Gegen- stand der Eonferenzberathungen bllden werdm.
Yeneste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Spandau, 16. März. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin und Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich trafen kurz vor 11 Uhr zur Einweihung der neuen Garnisonkirche auf hiesigem Bahnhofe ein, woselbst keinerlei Empfang stattfand, und fuhren von dort aus sofort zur Kirche. In den Straßen, welche Ihre Majestäten passirten, bildeten das Personal der königlichen Fabriken sowie die Kriegervereine Spalier. Vor dem Gotteshause wurden die Allerhöchsten Herrschaften von Ihren Königlichen Hoheiten dem Prinzen Friedrich Leopold und den Prinzessinnen des Königlichen Hauses, dem Feldmarschall Grafen Moltke, dem Chef des Generalstabes, General der Cavallerie Grafen von Waldersee, dem Kaiegsminister' Verdy du Vernois, dem General-Oberst der Infanterie von Pape, den General-Adjutanten, den Generalen ä la suite und den Flügeladjutanten Sr. Majestät des Kaisers, dem Cutusminister von Goßler, dem evangelischen Feldprobst der Armee D. Richter nebst den übrigen betheiligten Geistlichen, den Baubeamten 2c. empfangen. Der Commandant von Spandau überreichte Sr. Majestät einen Rapport, worauf der Kaiser aus den Händen des Baumeisters, Bauinspectors Roßteuscher, den Schlüssel zur Kirche entgegennahm und denselben dem Feldpropst I). Richter übergab. Nachdem dieser mit einem Segensspruche die Kirche geöffnet, betraten Ihre Majestäten und Gefolge die Kirche. Die Orgel spielte mit Posaunenbegleitung, bis Ihre Majestäten nebst Gefolge Platz genommen hatten. Fetdpropst D. Richter hielt sodann die Weihrede und segnete die heiligen Geräthe ein. Hofprediger D. Frommel hielt die Liturgie ab, worauf Garnisonpfarrer Meißner über den Text: „Siehe, wie heilig ist diese Stätte" die Predigt hielt. Nach einem Schlußgebet und dem Segen, gesprochen vom Feldpropst D. Richter, endete der Gottesdienst mit dem Gemeindegesang „Nun danket Alle Gott." Währenddessen.
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1890
Dienstag den 18. März
Rr. 65.
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, seit Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Gießen, am 14. März 1890. Betr-: Das UnterstützungSwohnsitzgefetz.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
(Utt die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie mit der Berichterstattung auf unsere Verfügung vom 17. Februar d. I. — Amtsblatt ohne Nr. — noch im Rückstände sind, erinnern wir Sie an umgehende Erledigung.
v- Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch darauf aufmerksam gemacht, daß durch die Errichtung von Naturalverpflegungsstationen in Grünberg, Hungen und in der Herberge zur Heimath in Gießen in ausreichender und zweckmäßiger Weise für die hülssbedürstigen wamdernden Arbeiter im Kreise Gießen gesorgt ist In diesen Nolluralverpflegungsstationen erhalten die mit ordnungsmäßigen LeAitimationspapieren versehenen Handwerksburschen unentgeld- licj die erforderliche Verpflegung und Nachtquartier. Es wird deshalb wiederholt und dringend gebeten, den sogenannten armen Rasenden, welche vielfach nur Gewohnheits-Bettler und Stromer ftnin, keine Geschenke an Geld oder Naturalien zu verabreichen, fordern dieselben an die. Naturalverpflegungsstationen zu verteilen.
Durch Verabreichung von Almosen wird der Gewohn- 'heidsbettelei und Landstreicherei nur Vorschub geleistet.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß mit der Notturalverpflegungsstation in Gießen eine Arbeitsnachweisstelle veckunden ist.
Gießen, am 13 März 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Donnerstag den &T Mürz 1890, 9tachm. 3 Ahr wird in Lonys Felsenkeller zu Gießen eine Generalversammlung deS landwirthschaftlichen
Bezirksvereins
abgiehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins iinb des Obstbauvereins und der landwirthschaftlichen Local- veneine, sowie alle Obstbaumbesitzer und Freunde der Land- wir thschaft werden zu dieser Versammlung ergebenst eingeladen.
Dtt Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung.
^1) Vortrag des Herrn Dr. von Peter zu Friedberg über Zwergobstbau.
2) Wahl des Vorstandes und der Stellvertreter desselben für die Obstbausection Gießen.
3) Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrers Leithiger von Alsfeld über Bodenbearbeitung und Saat.
Gießen, am 15 März 1890.
Der Director des landwirthschaftlichen VezirkSvereins: Jost, Negierungsrath.
politische Uebersicht.
Gießen, 17. März.
Seit vorigem Samstag tagt in den Mauern der deutschen Neuchshauptstadt jene bedeutsame internationale Versammlung, welche in Gestalt der Arbeiterschutzconferenz ein großes social- I politisches Friedenswerk vorbereiten soll. Ebenso wichtige hiie schwierige Fragen sind es, welche ihrer Lösung durch bie Berliner Conserenz harren und ob derselben die befrie- digimde Erledigung der ihr gestellten Aufgabe in allen Punkten gelungen wird, steht noch sehr dahin, denn noch vor dem Zu- jömmentritt der Conserenz ließ sich bereits erkennen, daß iMilche der betheiligten Regierungen über diese oder jene [peocteöe Seite des Arbeiterschutzproblems ganz besondere Ansamungen hegen. Aber es heißt schon unendlich viel ge- toomnen, daß überhaupt das Zustandekommen dieser Conserenz emiöglicht worden ist, nachdem zuerst verschiedene Regierungen bein Couferenzprojeet keineswegs sonderlich gegenübergestanden tzatven, und jedenfalls darf man gewiß sein, daß allseitig mit , Ernst und Eifer an die Confereuzarbeiten gegangen werden toft-b. Was die Dauer der Conserenz anbelangt, so läßt sich j)itrrü6cr zur Zeit noch gar nichts Bestimmtes sagen und
wenn in der Tagespresse schon die Meldung ausgetaucht ist, die Conserenz werde etwa nur zwei Wochen zu ihren Ver Handlungen brauchen, so ist dies vorläufig nur eine Vermuthung. Sollte aber die Conserenz in der That ihre Arbeiten innerhalb der gedachten Frist erledigen — um so besser, denn alsdann würde der Mitte April zusammentretende neue Reichstag in den zu erwartenden Conserenzergebnissen bereits eine Grundlage vorfinden, die ihm für die von ihm zu erledigenden soeialpolitischen Aufgaben nur zu Statten kommen könnte.
Die an dertz Conserenz betheiligten Staaten sind bekanntlich in ihrer großen Mehrzahl sowohl durch die officiellen Negierungsbevollmächtigten als auch durch technische Abgesandte auf der Versammlung vertreten, doch würde die Auszählung der einzelnen Herren hier zu weit führen un'b seien daher an dieser Stelle nur die Hauptvertreter der einzelnen Länder genannt. Es sind dies: Für Deutschland: Der preußische Handelsminister v. Berlepsch, welcher zugleich den Vorsitz in der Conserenz führt, für Oesterrei ch-U ngarn: Ministerial- rath Freiherr v. Weigelsperg vom österreichischen und Mini- sterialrath Dr. Julius Schnierer vom ungarischen Handelsministerium, für Frankreich: Senator Jules Simon, für England: der Berliner Botschafter Str E. Maler und der Unterstaatssecretär für Indien, Mr. Gorst, für Italien: Senator Boceardo, für die Schweiz: Landamann Blümer, für Holland: der Berliner Gesandte von der Hoeven und Ministerialrath von Wisseukerke, für Belgien: der Berliner Gesandte Baron Greindl und Staatsminister Jaeobs, für Luxemburg: Abgeordneter Dr. Brasseur, für Dänemark: Geh. Staatsrath Tiedgen, für Schweden und Norwegen: Schwedischerseits das Mitglied der ersten Kammer, v. Tham, norwegischerseits Ministerialseeretär Christie, für Portugal, welches doch noch die Conferenzeinladung Deutschlands angenommen hat, der Berliner Gesandte Marquis de Penafiel; die Delegirten Spaniens sind dagegen noch nicht endgültig ernannt.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat in voriger Woche anläßlich der Speeialberathung des Etats der Berg-, Hiitten- und Salinen-Verwaltung die Lage der Bergarbeiter und die sämmtlichen einschlägigen Fragen in interessanten mehrtägigen Debatten eingehend erörtert. Namentlich wurden die Ursachen des großen Bergarbeiterstrikes vom vergangenen Jahre behandelt, worüber allerdings zum Theil von einander abweichende Ansichten laut wurden und auch über die Vermeidung künftiger Maffenausstände gingen die Meinungen mehr oder weniger auseinander. Jedenfalls haben aber diese Debatten werthvolles Material zur Bergarbeiterfrage gefördert und steht zu hoffen, daß dasselbe seinerzeit in geeigneter Weise nutzbar gemacht werden wird.
Nach Ansicht des Kaisers verlangt die Arbeiterfrage die Aufmerksamkeit aller civilisirten Nationen, seitdem der Friede der ve.', schiedenen Beoölkerungsklassen durch den Wettbetrieb der Snbuftrir bedroht erscheint. Stach einer Lösung dieser Frage zu suchen, ist nunmehr nicht allein eine Pflicht der Menschenliebe, sondern auch der staatserhaltenden Weisheit, welcher es obliegt, für das Wohl aller Bürger zu sorgen und gleichzeitig das unschätzbare Gut einer Jahrhunderte alten Eivilisation zu erhalten.
Alle europäischen Staaten befinden sich Angesichts dieser Ausgabe in derselben oder in ähnlicher Lage; die Gleichartigkeit allein rechtfertigt den Versuch, unter den Regierungen eine Verständigung herbeizuführen, um den gemeinschaftlichen Gefahren durch vorbeugende Maßnahmen gemeinsam zu begegnen.
Meine Herren! Das Programm, welches sich in Ihren Händen befindet, gibt den Rahmen für die technischen Berathungen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben werden. Die Entschließungen, zu welchen die Verhandlungen in der Folge führen können, bleiben Ihren hohen Regierungen Vorbehalten.
Meine Herren! Ich wage zu hoffen, daß die Berathungen, welche wir beginnen, nicht ohne Erfolg sein werden. Diejenigen, welche an ihnen Theil nehmen, sind Männer, gleich ausgezeichnet durch ihr Wissen und ihre Erfahrung und im höchsten Grade befähigt, sich über die Fragen zu äußern, welche die Industrie und die Lage der Arbeiter in ihrem Lande berühren. So darf ich wohl die Ueberzeugung aussprechen, daß Ihre Arbeiten einen wohlthätigen Einfluß in Europa ausüben werden.
Sodann wurde das Seeretariat der Conserenz vorgestellt, die Vollmachten der Delegirten niedergelegt und die Geschäftsordnung berathen. Es wurde endlich ein Einverständniß dahin erzielt, daß die Sitzungen der Conserenz täglich um 11 Uhr beginnen sollen. Die nächste Sitzung wurde auf Montag anberaumt.
Das Bureau der Conferenz ist aus den Herren Geheimer Legationsrath Dr. Kayser und Ober-Bergrath Dr. Fürst gebildet ; ihnen sind beigegeben der französische Botschafts- Seeretar Dumaine und der deutsche Legations-Seeretär in Paris Gras von Areo-Valley.
Berlin, 15. März. Der Kaiser begab sich kurz vor Eröffnung der Conferenz ins Reichskanzlerpalais, hatte längere Conserenz mit dem Reichskanzler und empfing sodann im königlichen Schlosse den Minister Berlepsch.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Oberbauraths Voigtel im Kriegsministerium und des Geh. Postraths im Reichspostamt Skalweit zu außerordentlichen Mitgliedern der Akademie des Bauwesens.
Braunschweig, 15. März. Auf dem Bergwerk Victoria bei Hötensleben erfolgten heute mehrere Verhaftungen wegen grober Excefse seitens strikender Bergarbeiter. Die Ruhe ist jetzt vollständig wieder hergestellt. Die Bergleute fordern eine Abkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Schichtenlohnes um 50 Pfennig. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß der Strike keine größeren Dimensionen annehmen und die Arbeit bald überall wieder ausgenommen werde.


