Ausgabe 
17.1.1890
 
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Nr. 14 Freitag den 17. Januar

1890.

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politische Nevexsicht.

Gießen, 16. Januar.

Der preußische Landtag ist am Mittwoch Mittag durch Staatsminister v. Bötticher mit Verlesung einer Thronrede eröffnet worden, die indessen keinerlei Ueberraschendes brachte, sondern sich im Allgemeinen mit der Aufzählung der schon bekannten hervorragenderen Ausgaben der neuen Session, nämlich des Etats und der Eisenbahn-Vorlagen, begnügte. Aus größeres Interesse wird aber auch der preußische Land­tag diesmal schwerlich rechnen dürfen, denn die gesammte politische Aufmerksamkeit ist zunächst den bevorstehenden Reichs­tagswahlen. zugewendet und bis dahin werden eben die Ver­handlungen des preußischen Landtages gegenüber der Frage nach dem Ausfälle der Reichstagswahlen zurücktreten müssen. Unter diesen Umständen ist es nicht unwahrscheinlich, daß die neubcgonnene Landtagssession noch vor Ostern ihren Abschluß findet, vorausgesetzt, daß dem Landtage in der Zwischenzeit nicht etwa noch ein neuer größerer Berathungsstoff unter­breitet wird, was jedoch kaum zu gewärtigen ist.

Die bayerische Regierung plant, Münchener Privatnach- richteu zufolge, in Sachen der Kirchenpolitik einen entscheiden­den Schritt. Sie will, um eclatante und absichtliche Miß­verständnisse in der Umgebung des Papstes zu beseitigen, dem Vatican Material übermitteln, das den Papst über die wahre kirchenpolitische Lage in Bayern ausklären soll. Von Leo XIII. allein würde alsdann die Entscheidung über die weitere Entwickelung der kirchenpolitischen Lage in Bayern abhängen.

Auch die ungarische Regierung gedenkt nach den in der Dienstagssitzung des Unterhauses abgegebenen Erklärungen des Handelsministers Baroß energisch die Bahn socialpolitischer Reformen einzuschlagen. Im Schooße des Cabinets Tisza wird zur Zeit ein Entwurf über die Krankenversicherung der Arbeiter ausgearbeitet und die Frage der Unfallversicher­ung einer Prüfung unterzogen. Die Einrichtung von Fabrik- inspectoren soll ebenfalls auf dem Wege der Gesetzgebung erfolgen. Auch die Frage der Sonntagsruhe versprach Baroß in Erwägung zu ziehen, doch erklärte er, daß er für seine Person mit dieser Sache nicht sympathisire. Jedenfalls darf man erwarten, daß die parlamentarischen Parteien Ungarns für die dargestalt angekündigte Socialpolitik der Regierung auch das nöthige Verständniß entwickeln werden.

Der englisch-portugiesische Streithandel ist, nachdem er eben erst eine Wendung zum Bessern genommen haben schien, durch das von England an Portugal gerichtete Ultimatum plötzlich in ein hochkritisches Stadium getreten. Denn der Beschluß des portugiesischen Staatsrathes, die portugiesischen Streitkräfte aus den strittigen Theilen Südafrikas, wenngleich unter formeller Wahrung der Rechte und Ansprüche Portugals,

zurückzuziehen, ist erst unter dem Drucke des englischen Ulti- matums erfolgt- dieses verlangte die Zusage der Zurückziehung der portugiesischen Streitkräfte, widrigenfalls der englische Gesandte mit seinem Personal Lissabon binnen 24 Stunden verlassen würde. Die englische Regierung ist nun zu ihrem scharfen Auftreten allerdings erst durch die jüngsten Nach­richten über das aggressive Vorgehen der Portugiesen in Süd­afrika veranlaßt worden, aber trotzdem veranlaßte das Ulti­matum den Ausbruch eines sich gegen England wie gegen die eigene Regierung kehrenden Entrüstungssturmes in der Lissaboner Bevölkerung. Vor demselben hat bereits das bis­herige portugiesische Ministerium zurücktreten müssen und auch Ausschreitungen gegen das englische Gesandtschaftsgebäude in Lissabon seitens der erregten Volksmenge meldete der Tele­graph aus der portugiesischen Hauptstadt, aber noch Niemand vermag zu sagen, wohin in Portugal diese erregte Stimmung der Bevölkerung führen wird, jedenfalls ist nicht ausgeschlossen, daß die republikanische Partei des Landes diese Vorgänge benutzt, um eine Schilderhebung gegen das Königthum in's Werk zu setzen.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 15. Januar. DerFrkf. Ztg." wird von hier gemeldet: Als Candidat der freisinnigen Partei für den Wahlkreis Darmstadt-Groß-Gerau soll Architect Rückert von hier ausersehen sein. Die Nationalliberalen werden den Rechtsanwalt Osann attsstellen.

Darmstadt, 15. Januar. Wie der Bericht des Ersten Ausschusses Zweiter Kammer über den Gesetzentwurf betr. die Volksschullehrergehalte des Weiteren aussührt, gab bisher die gesetzlich bestehende Verschiedenheit der Lehrer­gehalte in den Gemeinden unter 10000 Seelen, zum Nach­theil der Schule, den Lehrern vielfach Anlaß zu Dienst- und Ortswechsel. Der neue Gesetzentwurf schafft hier Abhilfe. Nach Art. 2 des Gesetzes vom 9. März 1878 hat jeder definitiv angestellte Lehrer an Volksschulen: 1) nach lOjähriger Dienstzeit einen Gehalt von 1050 Mk., 2) nach 15jähriger 1150 Mk., 3) nach 2Ojähriger 1225 Mk., nach 25jähriger 1300 Mk. zu beziehen. Die neue Gesetzesvorlage proponirt dagegen: 1) nach bjähriger Dienstzeit einen Gehalt von 1000 Mk., nach lOjähriger 1100 Mk., nach 15jähriger

1250 Mk., nach 2Ojähriger 1400 Mk., nach 25jähriger

1500 Mk., nach 3Ojähriger 1600 Mk. Der Ausschuß hat sich bekanntlich, der Petition des Vorstandes des hessischen Landeslehrervereins entsprechend, dafür ausgesprochen, daß die Gesetzesvorlage dahin abgeändert werde, daß das Maximal­gehalt von 1600 Mk. schon nach 25jähriger statt nach 3Ojähriger Dienstzeit erreicht werde. Das frühere Maximum von 1300 Mk. nach 25 Dienstjahren tritt demnach künftig

schon bald nach 15jähriger Dienstzeit ein. Da im Groß- herzogthum die Lehrer meist nach dem 26. Lebensjahre ihre definitive Anstellung finden, so kommen dieselben bereits nach dem 50. Lebensjahre in den Genuß des Maximalgehalts. Das Gehaltsminimum eines definitiv angestellten Lehrers von 900 Mk. ist beibehalten, weil doch schon nach 5jähriger Dienstzeit künftig durch Alierszulagc lOOOMk. sichererreicht werden. Wird der neue Gesetzentwurf zum Gesetz erhoben, woran bei der wohlwollenden Gesinnung unserer Großh. Negierung und der Stände für die Schule und den Lehrer­stand des Landes wohl nicht zu zweifeln, so werden sich die Gehälter der Lehrer in den Landgemeinden des Großherzog- thums im Vergleich mit den entsprechenden Gehaltssätzen in anderen deutschen Staaten mit als die günstigsten darstellen. Man erhofft wohl mit Recht hierdurch den größten Vortheil für unsere Schulen und die Großh. Regierung wie der Finanz­ausschuß dürfen sich des wärmsten Dankes der hessischen Lehrer versichert halten. Besonders wohlthuend berührt das ernstliche Bestreben zur möglichen Gleichstellung, welches in dieser, wie in den anderen die Lehrergehälter berührenden Fragen und Separatpetitionen einzelner Lehrer aus dem von Herrn Dr. Schröder erstatteten Berichte des Ersten Ausschusses hervorleuchtet. F- I-

Offenbach a. M., 15. Januar. Zur Reichtags­wahl. Im Wahlkreise Offenbach-Dieburg wurde von nationalliberaler Seite wieder Herr Böhm, von socialdemo­kratischer Seite dagegen Herr Ulrich, beide zu Offenbach, als Candidat ausgestellt.

Berlin, 14. Januar. Wie auf den mit dem 1. October v. I. neu eingesührten Postwerthzeichen, so wird auch auf den Münzen der Reichsadler einer Abänderung unter­zogen und demselben eine mehr den Anforderungen der Heraldik entsprechende Gestalt gegeben. Zwanzig-Markstücke mit dem nchren Reichsadler sind derMagd. Ztg." zufolge in diesen Tagen im Verkehr erschienen.

Deutscher Reichstag.

43. Plenarsitzung. Mittwoch den 15. Januar 1890, 2 Uhr.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: I. Erste Be­ratung des von den Abgg. Barth und Gen. (dfr.) bean­tragten Gesetzentwurfs, betr. Abänderungen und Er­gänzungen des Reichswahlgesetzes. Die Vorlage bestimmt, daß die Stimmzettel in der Weise abgegeben werden, daß jeder Wähler von dem Wahlvorsteher ein Couvert em­pfängt und sodann in einem für Dritte nicht zugänglichen und nicht zu beobachtenden Orte seinen Stimmzettel in diesen Umschlag steckt und dem Wahlvorsteher einhändigt.

Abg. Rickert (dsr.) begründet die Vorlage. Was hier gefordert wird, ist in den anderen parlamentarischen Staaten

Fsuilleton.

Gberhessen im Jahre 1813

(Schluß.)

Wir übergehen seine persönlichen Beziehungen zu den Gliedern der Hochschule, namentlich der theologischen Facultät, die er anzuknüpsen Gelegenheit fand. Dann fährt er fort:

Uebrigens ist Marburg, durch das Gespräch zwischen Luther und Zwingli berühmt, im Jahre 1528, und durch den früheren Ketzer-Jnquisit Conrad von Marburg, der eine Stunde von hier erschlagen wurde. Eine Straße Marburgs heißt noch die Ketzerstraße, und ein Wasser der Ketzerbach. Die umliegenden Berge tragen viele Ruinen von alten Schlössern, die zum Theil Raubschlösser gewesen seyn mögen. Sehr prachtvoll auf dem abgestumpften Kegel eines Basalt­berges erhebt sich die Stadt Amöneburg,' gewiß eine der höchsten Städte Europas. Die katholischen Einwohner haben die Beschwerde, fast immer in den Wolken zu schweben- der Ort gehörte ehemals nach Mainz, itzt aber nach Cassel.

Am 6. Januar (1814) war ich in Giessen, welches nur drei Meilen von Marburg entfernt ist. Der Weg an den Ufern der Lahn ist sehr abwechselnd und unterhaltend. Die Stadt liegt in einer flachen Ebene, enthält 10- bis 11,000 Einwohner und einige schöne Wohnhäuser. Ringv um die Stadt, wo die Festungswälle abgetragen sind, ziehen sich anmuthige Spaziergänge und prachtvolle Häuser- im Innern der Stadt ist aber alles altmodisch, schief und krumm gebauet, gleichend einem alten Bilde mit goldener Einfassung. Die Universität ist in vielen Stücken Antipode von Mar­burg. Dort war der Patriotismus Feuer und Flamme, hier herrscht Lauigkeit und Kälte, wie denn überhaupt Hessen- Darmstadt durch Anhänglichkeit an Frankreich sich ausgezeichnet

hat. Ein Professor Namens Cr om e hat sogar eine Schmäh­schrift auf die Verbündeten geschrieben, dagegen ist der patrio­tische Aufruf Wachlers aus Marburg wie eine Propheten­stimme voll Geist und Leben. Dort begnügen sich die aka­demischen Lehrer mit dem bescheidenen Titel Professor, hier aber prangen sie als Geheime Räthe, Ritter und Com- mandeurs der Ritter-Orden. Abends war ich auf einem Symposio, wo die Professoren zu geistigen Gesprächen und zum Wein sich täglich versammeln. Die Geheimen Räthe Schmidt, Grolmann, die Professoren Diesenbach, Künöl, Psannkuche, Buchhändler Heyer, Pfarrer Wolf u. a. lernte ich hier kennen. Besonders sreuete es mich sehr, einen Freund und wackeren Vertheidiger unseres ehrwürdigen Kant hier anzutreffen, den Prof. Sn e l l. Nach einer philosophischen Unterhaltung hatte ich schon lange ge­trachtet und ich genoß sie diesen Abend auf eine stärkende Weise in der Gesellschast dieses schätzbaren Philosophen."

Daß hier in Gießen unser Reisender den Professor Crome als einen berüchtigten Franzosensreund kennen lernte, ist nicht ohne Interesse. Hatte er doch auch die Geschichte von den Ohrfeigen erzählt sie muß damals' ganz frisch und in aller Leute Mund gewesen sein die er für feine französische Spioniererei sehr am rechten Platze davontrug. Jetzt werden nur noch wenige leben, die sichere Auskunft darüber zu geben wissen. Möchte einer sich veranlaßt sehen, die Geschichte vor gänzlicher Vergessenheit zu bewahren.

Zum Schluß sei noch erwähnt, was Rhesa über Wetz­lar sagt:

Am folgenden Morgen fuhr ich nach Wetzlar, wo das Reichs-Kammergericht seinen Sitz hatte, als das heilige Römische Reich noch auf Füßen stand. Seit Aushebung dieses Schöppenstuhls sind gegen 800 Offizianten von hier fortgezogen, wodurch die Stadt viel verloren hat. Man

sieht die ehemalige Wohlhabenheit an der Pracht der Häuser. Alles hat hier ein vornehmes Gesicht. Das Straßenpflaster sogar ist von Marmorsteinen. Bei der hiesigen Simultankirche ist es eine einzige Erscheinung, daß der katholische Dechant den lutherischen Pfarrer zu wählen und zu introduciren hat. Die protestantischen Prediger sind zugleich Lehrer am Gym- nasio, um welches der Consistorialrath und Pfarrer Follenius Hierselbst große Verdienste hat. Der Fürst Primas, zu dessen Gebiete die Stadt Wetzlar gehörte, hat die Schulen neu organisiren lassen, aber nach französischem Zuschnitt. Der Religionsunterricht ist bei den Gymnasien gar nicht berück­sichtigt, sondern dagegen eine Moralstunde festgesetzt. Welche nachtheilige Folgen diese Verbannung der Religion aus den Schulen äußert, kann folgendes Beispiel beweisen. Der Sohn des Pfarrers Textor aus Romrod, ein zwölfjähriger Knabe, kam von dem Franksurther Gymnasio nach Hause. Der Vater wollte natürlich wissen, was sein Sohn gelernt hätte, und befragte ihn auch unter cmderm über das Christen- thum. Hier wußte der sich weise dünkende Gymnasiast zu erzählen, daß Christus nicht wirklich gestorben, sondern nur in Ohnmacht gefallen sey, daß die Auferstehung Erdichtung wäre u. dergl. Mit Erstaunen hörte der Vater diese Weis­heit seines Sohnes an, und fragte, wer ihn so etwas gelehrt habe?Unser Lehrer Röntgen", erwiderte er,hat uns das erzählt."

Wir haben aus dem an zeitgenössischen Beobachtungen so reichen Buche das ausgezogen, was auf unsere Gegend ein wenn auch nicht allgemein erfreuliches Licht zu werfen im Stande ist. Es bleibt dabei, jedem Einzelnen überlassen, die Zustände unserer Gegend zu Anfang und zu Ende des 19. Jahrhunderts gegen einander abzuwägen und zu unter­suchen , ob sich dieselben verbessert oder verschlimmerL haben. ------------