Ausgabe 
13.8.1890
 
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1890

Mittwoch den 13. August

Nr. 186.

Der

Oietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener W«mikie«vtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal oeigelegt.

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politische Nebevsicht.

Gießen, 12. August.

Ueber die innere Lage in Oesterreich sind allerlei uxv controllirbare Gerüchte im Umlauf, die anscheinend mit der Anwesenheit des Altczechenführers Dr. Rieger in Wien Zu­sammenhängen. In slavischen Kreisen kündigt man große Ereignisse für die Zukunft an und diePolitik", das bis­herige leitende Organ der Altczechey, will bestimmt wissen, daßhinter den Coulissen - sich folgenschwere Entscheidungen vorbereiteten." Die erwähnten Gerüchte scheinen mit einer Aeußerung Dr. Riegers zusammenzuhängen, die er gegenüber einem Zeitungscorrespondenten gethan haben soll. Dr. Rieger hätte, wie es heißt, hierbei die gesammte Ausgleichsaction als die Folge einer Einmischung Deutschlands bezeichnet und weiter erklärt, das Ministerium Taaffe würde demnächst ver- muthlich zUrücktreten, um einem deutsch-liberalen oder einem conservativen Cabinet Platz zu machen. Uebrigens verlautet bereits, Ministerpräsident Graf Taaffe habe in seinen Con- ferenzen mit Dr. Rieger dessen Forderung nach Einführung des Czechischen als innerer Amtssprache für Böhmen abgelehnt.

Die am Sonntag in Brüste! veranstaltete socialistische Mastendemonstration zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechtes ist im wahrsten Sinne des Wortes zu Wasser geworden. Zwar nahm sich der Zug der Socialisten, der etwa 40 000 Teilnehmer zählte und viele Fahnen und Embleme mit sich führte, sehr stattlich aus, aber er wurde durch ein sich er­hebendes starkes Gewitter vollständig gestört und als sich später der Zug nach Aufhören des Regengusses von Neuem bildete und nach dem Parke von Saint Gilles zog, trat ein neuer­licher heftiger Regen ein. Die Führer der Manifestanten konnten gerade noch mit einem feierlichen Eid bekräftigen, daß sie nicht ruhen würden, bis das allgemeine Stimmrecht in Belgien eingeführt sei, als der niederstrümende Regen den Zug nöthigte, sich endgültig zu zerstreuen. Nach den vor­liegenden Berichten scheinen die belgischen Socialisten bei der Demonstration in Brüssel ganz unter sich gewesen zu sein, es wird wenigstens nichts über die ursprünglich geplante Betheiligung der fortschrittlichen Vereine Brüssels und der andern großen Städte Belgiens an dem socialistischen Zuge gemeldet.

Die französische Regierung richtete an ihre Vertreter im Auslande eine Note über das englisch-französische Abkommen, in welcher auf die errungenen großen Vortheile hingewiesen und in Betreff der Ausnutzung derselben Mittheilung gemacht wurde. Dies hat derTimes" Veranlassung zu einem Artikel gegeben, in welchem auf die Gefahr hingewiesen wird, die daraus hervorgehen könne, daß die Nordgrenze des franzö­sischen Einflusses in Afrika nicht fcstgestellt sei, und deutet der Artikel weiter an, es könnte Frankreich infolgedessen Marokko gelegentlich gerade so besetzen, wie es dies in Tunis gethan habe. Dir Aufsatz schließt mit der Bemerkung, daß derjenigen Nation, die bereits Algier und Tunis besitze, nicht auch noch Marrokko zufallen dürfe, eine Anschauung, die man namentlich in Spanien voll theilen wird. Im französischen Ministerium des Innern beschäftigt man sich mit den Vor­arbeiten betr. den Bau einer Eisenbahn, welche Algerien mit den Gebieten am Niger und am Tsadsee verbinden soll.

Der Strike des Dienstpersonals der New-Jork Central- und Hudfon-River-Bahn dauert fort, wahrscheinlich wird aber die genannte Eisenbahngesellschaft die Oberhand behalten. Es ist ihr gelungen, für die Strikenden rasch Ersatz zu beschaffen und konnte daher der Verkehr auf einem Theil der Linien der Gesellschaft wieder ausgenommen werden. Um etwaigen Ausschreitungen der Strikenden vorzubeugen, sind für alle Fälle die Miliztruppen von Buffalo und Syracuse aufgeboten worden.

In der Republik Argentinien bessert sich die politische Lage immer mehr, so daß sich die Geschäfte wieder zu heben beginnen. Immerhin läßt aber die finanzielle Situation zu wünschen übrig- gegen den Plan einer auswärtigen Anleihe werden verschiedene Einwendungen vorgebracht, auch das Project einer inneren Anleihe stößt auf Schwierigkeiten, so daß die weitere Ausgabe von Papiergeld im Betrage von 50000 (?) Dollars als sehr wahrscheinlich gilt.

Netteste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Eorrefpondenz-Bureau.

Berlin, 11. August. Der Kaiser, der heute früh 5 Uhr 30 Min. hier eintraf, hörte im Lause des Vormittags Vorträge des Reichskanzlers, des Finanzministers Miquel und des Chefs des Civilcabinets, Lucanus.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Procla- I mation des Kaisers an die Einwohner von Helgoland, |

deren Wortlaut im Wesentlichen der bereits gemeldeten Fassung entspricht.

Berlin, 11. August. DemReichsanzeiger" zufolge brachte der Kaiser beim gestrigen Frühstück auf der Insel Helgoland folgenden Toast aus: Das schöne Eiland sei ohne Kamps, ohne daß Thränen vergossen, in seinen Besitz übergegangen. Viele Depeschen aus dem Mutterlände be­zeugten die Sympathie mit dem neuen Erwerb, er wolle gerade auf die Art und Weise Hinweisen, wie Helgoland wiedergewonnen worden sei, er sei stolz darauf, daß es in Frieden geschehen sei- Als er im Jahre 1873 zum letzten Male hier gewesen wäre, habe er sich gesagt, er werde glück­lich sein, wenn er es erleben könnte, daß die Insel deutsch werde- jetzt habe er die Insel erworben durch einen Vertrag aus dem freien Willen der Regierung und der gesetzgebenden Factoren eines stammverwandten Landes; es liege ihm am Herzen, sein Glas der hohen Frau zu widmen, der es zu verdanken sei, daß die Insel wieder deutsch geworden sei. Mit weitschauendem Blick und hoher Weisheit regiere die Königin ihr Land, Werth darauf legend, mit ihm und seinem Volke in Freundschaft zu leben, sie schätze deutsche Offiziere, deutsche Töne und Melodieen, sie lebe hoch! Hierauf gab Staatssekretär Bötticher Namens der Einwohnerschaft den Gefühlen der Treue, Ehrfurcht, des Gehorsams und des vollen Vertrauens für den Kaiser Ausdruck. Sodann ertönte ein brausendes Hurrah auf den Kaiser.

Crefeld, 11. August. Bei dem Gewitter gestern Abend stürzte in Folge eines Canalbruchs ein von 50 Personen bewohntes Haus ein. Zwanzig Personen wurden gerettet, sechs todt unter den Trümmern hervorgezogeu, die übrigen sind noch verschüttet. Die Rettungsarbeiten sind in vollem Gange.

Crefeld, 11. August. Unter den Trümmern des gestern eingestürzten Hauses sind, wie dieCrefelder Ztg." meldet, 13 Todte und 3 Verwundete hervorgeholt worden - ein 65jähriger Mann wurde noch lebend gerettet. Zwölf Personen werden noch vermißt, doch hofft man, sie noch retten zu können, da Hilferufe aus den Trümmern ver­nommen werden.

Crefeld, 11. August. DieCref. Volkszeitung" meldet: 23 Leichen sind unter den Trümmern des eingestürzten Hauses aufgefunden worden, 3 Personen werden vermißt. Eine spätere Mittheilung besagt: Sämmtliche durch den Hauseinsturz Verschütteten sind geborgen- nach derCref. Ztg." sind 26 todt, davon 3 Männer, 6 Frauen und 17 Kinder - 10 gerettet, davon eine Frau leicht, ein Kind schwer verletzt. 12 Bewohner des Hauses waren während der Katastrophe abwesend.

Helgoland, 11. August. Das Manövergeschwader und die Torpedoflotille verließen in der Nacht Helgoland. Die deutsche Wache daselbst besteht aus einem Unteroffiziere und zehn Matrosen. Fräulein Buse, die dem Kaiser ein Bouquet überreichte, erhielt eine Brillantbroche.

London, 11. August. Die Morgenblätter besprechen die Uebergabe Helgolands und bezeichnen dieselbe als Schluß­act des englisch-deutschen Abkommens, durch welches das freund­schaftliche Verhältnis zwischen zwei stammverwandten Nationen neuerdings befestigt wurde. DerDaily Telegraph" erklärt, der Besuch des Kaisers und die augenscheinlich glücklichen Beziehungen zwischen ihm und dem englischen Hofe hätten es für England um so leichter gemacht, die Uebertragung der Insel mit Gleichmuth zu betrachten. DerStandard" hofft und erwartet, besagter Act würde die verwandtschaftlichen Gefühle beider Völker dauernd befestigen- es sei jetzt keine Frage vorhanden, groß oder klein, die ernste Meinungsver­schiedenheiten darböte. England sei dem Dreibunde nicht bei­getreten, es sei aber natürlich, daß es Schulter an Schulter mit jenen Mächten stehe, die, kein Hehl aus ihrer Politik machend, England beweisen, daß sie nichts erstreben, was un­verträglich wäre mit der Aufrechthaltung des europäischen Friedens. Die Erhaltung des Friedens sei das Haupt­band, das England mit Deutschland und dessen Bundesgenossen verknüpfe.

Brüffel, 11. August. Die gestrigen Gewitter, die von heftigem Sturmwinde begleitet waren, richteten in Brüssel und Umgebnng, besonders nach Osten hin, bedeutenden Schaden an. Die Ernten litten stark- die Blitze äscherten mehrere Wohnhäuser ein, viele Felder und Wiesen wurden über­schwemmt.

Madrid, 11. August. In Villajoyosa (Provinz Alicante) kamen gestern neun Cholera-Erankungen und sieben Todesfälle vor, in Llerena sechs Erkrankungen und ein Todesfall, in Arges zwölf Erkrankungen und sieben Todes­fälle. In der Provinz Valencia ist eine leichte Abnahme der Epidemie eingetreten. Nach der offiziellen Statistik sind

bisher 1600 Cholera-Erkrankungen und 788 Todesfälle vor­gekommen.

Newyork, 11. August. Die Heizer der Hudson-River- Strecke von der Newyorker Centralbahn schlossen sich den Strikenden an. Tausend Polizisten sind auf der nördlichen Hauptstrecke ausgestellt, um etwaige Versuche Ausständiger aus Verkehrsunterbrechung zu verhindern. Die Strikenden blockirten den Weg nach Dewitt nahe bei Syracuse. Die Bahndirectoren wiesen bis jetzt die Vorschläge zur schieds­richterlichen Beilegung zurück.

CocaUs und promnUellw.

Gießen, 11. August.

Fünfzigjähriges Stiftungsfest der Starkenburgia. (Fortsetzung.) Bei dem heutigen Festspiel wirkten mit die Damen Fräulein Johanna Busch (Starkenburgia), Fräulein Anna Bötticher (Treue) und Fräulein Amalie Cellarius (Bruderliebe), die activen Corpsmitglieder Jllig (Mephisto­pheles), Beckmann (Haß), Strack II. (Neid), Spieß (Kummer), Kranzbühler (activer Corpsbursche) und Lauer (Fuchs), sowie endlich je ein Vertreter der Cartell- corps, nämlich die Herren v. B o n i n (Heidelberger Saxo- borusse), Bartels (Bonner Westphale), v. Plötz (Göttinger Sachse), Holtz Heimer (Jenenser Westphale). Alle diese Mitwirkenden machten ihre Sache recht gut. Einen wahrhaft großartigen Eindruck aber machte das Auftreten des i Verfassers des Festspiels selbst, des Bassisten Herrn Georg Sieglitz am Deutschen Theater in Prag, welcher als alter Herr im Silberhaar in wunderbar begeisterten und feierlichen Worten dem Mephistopheles und seinen Gesellen, sowie dem Publikum die idealen Ziele und das Wesen deutschen Corpsstudentensinnes in solcher Weise darlegte, daß Mephisto und seine Genossen muthlos und gebrochen mit Wehe, Wehe von der Bühne verschwinden. Nun nach Entfernung der bösen Geister singt in seliger Erinnerung an vergangene Zeiten der alte Herr nach der bekannten Melodie aus dem Waffenschmied folgendes, vom Verfasser zum Fest gedichtetes Lied: *

Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar, An Muth wie an Hoffnungen reich.

Vergangen seitdem ist wohl manches Jahr, Doch blieb sich mein Herz immer gleich. Ich liebte den Frohsinn, Mensur und Gesang, Ich küßte manch Dirndlein mit rosiger Wang, Ihr Herz hat mir Manche geweiht, Das war eine köstliche Zeit.

Einst wurde gestiftet vor fünfzig Jahr Allhier Starkenourgias Bund, Es war eine wackere Reckenschaar, Sie schwuren mit Herz und mit Mund, Zu Salten stets Treue und Bruderlieb, Im Kamps nicht zu fürchten der Feinde Hieb, Zum Leben und Sterben bereit, Das war eine köstliche Zeit.

Einst lebten sie Alle gar innig vereint, Die heute schon lange dahin.

Von trauernden Brüdern gar schmerzlich beweint, Mußt Mancher von hinnen ziehn.

O wären sie jetzt in unserm Kreis, Zu singen mit uns Starkenburgias Preis, Beim fröhlichen Festtage heut, Das wär eine köstliche Zeit!

Man sah das Auge manches alten Heirrn im Publikum in Thränen schimmern, als in dem dritten Verse der alte Herr auf der Bühne der vorstorbenen Corpsbrüder gedachte und mit prachtvoller Baßstimme die ergreifenden Worte der dritten Strophe vorstehenden Liedes sang.

Nach Schluß des Liedes erscheinen auf der Bühne unter entsprechenden Klängen der Musik Hand in Hand die Treue im Costüm einer Braut und die Bruderliebe als Genius mit einem vergoldeten Stab in der Hand. Dieselben begrüßen den verzückt dastehenden Burschen im Silberhaar und kündigen das bevorstehende Auftreten der Starkenburgia an, welche dann unter den Klängen des Landesvaters langsamen, maje­stätischen Schrittes auf der Bühne erscheint im weißen Ge­wand mit purpurnem, mit Gold verziertemUeberwurf, einen Athenahelm aus dem Haupt, in der rechten Hand das Corps­banner, in der linken den Wappenschild des Corps. Die­selbe begrüßt ebenfalls den alten Herrn, welcher ihr be­geistert antwortet und die Studenten zur Huldigung herbei­ruft, worauf gleichzeitig in vollem Wichs, den Schläger an der Seite, je ein Corpsbursche der Starkenburgia, der Sachso- borussia, der Westphalia zu Bonn, der Saxonia zu Göttingen und der Westphalia zu Jena, sowie außerdem ein Fuchs der Starkenburgia in Koller und Kanonen erscheinen. Diese sämmtlich, sowie der alte Herr huldigen der Starkenburgia in geeigneten Ansprachen. Der alte Herr bringt dem roth-