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Wt. 238. Zweites Blatt. Sonntag den 12. October
Der
®U|e*tr Aureiser erlcheinl täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener W,«Nte«»rL1ier GMtben dem Anzeiger vrhchentlich dreimal beigelegt.
ießener Anzeiger
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Amts- unb Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
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Alle Annoncen-Burearrx des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegne.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 9. October 1890.
Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.
Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Die von Ihnen eingesendeten Verzeichnisie werden Ihnen in den ersten Tagen l. M- wieder zugehen.
__v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
Maul- und Klauenseuche auf dem Hardthof bei Gießen betr.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß unter dem Rindvieh des Landwirths Schlenke auf dem Hardthof bei Gießen die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und daß Gehöstsperre von uns verfügt worden ist.
Gießen, den 10. October 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.__________________
Gießen, den 10. October 1890.
Betr.: Den Termin für die Einsendung der Gemeinderechnungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Soweit Sie sich mit Erstattung der Berichte über Ablieferung der Rechnungen pro 1889/90 noch im Rückstände befinden, erinnern wir Sie hieran mit Frist von 5 Tagen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Herbstübungen der Großherzoglichen (25.) Division im Jahre 1890 betreffend.
Das nachstehende, an Großh. Ministerium des Innern und der Justiz gerichtete Schreiben wird hiermit zur Kenntniß der Kreisangehörigen gebracht.
Gießen, am 8. Octvber 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern. £
Darmstadt, am 29. September 1890.
Bon militärischer Seite mußten während der soeben beendeten Manöver hohe Ansprüche an die Behörden und Be
wohner der betheiligten Kreise gestellt werden; theilweise war eine recht starke Belegung der Ortschaften unvermeidlich. Die Unterkunft der Mannschaften würde ohne das Entgegenkommen der Quartiergeber vielfach auf große Schwierigkeiten gestoßen sein; es ist jedoch allen Wünschen auf das Bereitwilligste entsprochen worden.
Ich nehme gern Gelegenheit, im Namen der Division meinem wärmsten Dank sür die gute Aufnahme der Truppen Ausdruck zu geben und bitte das Großherzogliche Ministerium sehr ergebens!, den Behörden und Quartiergebern in geeignet erscheinender Weise diesen meinen Dank übermitteln zu wollen.
(gez.) v. Bülww
Generallieutenant und Divisions-Commandeur.
Polizei - Reglement,
die polizeiliche Beauffichtigung de« Spinnstuben in der Gemeinde Muschenheim betreffend.
Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. October 1890 zu Nr. M. I. 25592 wird hiermit nachstehendes Polizei-Reglement für die Gemeinde Muschenheim erlassen:
1) Spinnstuben dürfen nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über! diese Stunde hinaus eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 «X bestraft.
2) Gegenwärtiges Polizei - Reglement tritt mit dem Tage'seiner Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 9. October 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Verstoss Reich.
Darmstadt, 10. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aüergnädigst geruht: Am 8. d. M. den provisorischen Steuereinnehmer Heinrich Fischer aus Groß-Eichen zum Steuereinnehmer bei dem Steueramt Stockheim, an demselben Tage den Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Seligenstadt Johannes Feick zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Friedberg, den Genchtsschreiber bei dem Amtsgerichte Fürth Franz Wende berg zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Seligenstadt, und den Hilssgerichts- schreiber bei dem Amtsgerichte Darmstadt I. Heinrich Schmeckenbecher zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Fürth — zu ernennen.
Darmstadt, 10. October. Ernannt wurden: Am 6. October der Hilssgerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Reinheim Friedrich Kalt zum Hilfsgerichtsschreiber bei dem Amtsgerichte Groß-Umstadt, mit Wirkung vom 15. October d. I. an- an demselben Tage der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Lauterbach Heinrich Vogt zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Zwingenberg mit Wirkung vom 15. October 1890 an.
Darmstadt, 10. October. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 38 enthält:
1. Gesetz, die Einführung des Verwaltungsstrafbescheids bei Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften über die Erhebung öffentlicher Abgaben und Gefälle betreffend-
2. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Abänderung der bahnpolizeilichen Vorschriften für die Nebenbahn Mannheim-Weinheim betr.
Darmstadt, 9. October. Das heute ausgegebene Verordnungsblatt für die evangelische Kirche des Großherzogthums Hessen Nr. 10 enthält:
Ausschreiben Nr. 18, vom 3. October 1890, betr. die antisemitische Agitation.
Das Großherzogliche Ober - Consistorium an die evangelischen Geistlichen.
Es ist Ihnen nicht entgangen, daß in den letzten Jahren, hauptsächlich aber seit den im Februar l. Js. vollzogenen Reichstagswahlen, in den verschiedensten Gegenden des Großherzogthums antisemitische Bestrebungen zu Tage getreten sind, die bei der Art, wie solche Agitationen betrieben werden, für den Frieden unter der Bevölkerung ernste Gesahren in sich schließen. Während wir in der stets und auch bei der letzten Reichstagswahl als richtig bewährten Voraussetzung, daß die evangelische Geistlichkeit bei Erfüllung ihrer politischen Pflichten von selbst denjenigen Bestrebungen ihre Mitwirkung versagen werde, die dem evangelisch-christlichen Volksleben nachtheilig sind, uns nicht veranlaßt sahen, die politische Thätigkeit der Geistlichen zu beeinflussen, sondern deren politische Meinungsfreiheit stets geachtet haben, so müssen wir doch jetzt, wo verschiedene Meinungsäußerungen in Versammlungen von Geistlichen und aus Decanatssynoden darauf schließen lassen, daß nicht wenige Geistliche der erwähnten Bewegung sympathisch gegenüber stehen, aus unserer Zurückhaltung heraustreten. Wir fühlen uns verpflichtet, die Stellung, die unseres Erachtens die evangelische Kirche als solche in ihren Behörden und ihren Dienern einnehmen muß, unumwunden nach beiden Seiten hin darzulegen, und verlangen sür diese Darlegung die ernsteste Beachtung aller uns unterstehenden Geistlichen.
Feuilleton.
Wie es kam.
Novellette von H. Renö.
(Nachdruck verboten.)
„Warum der Amtsrichter Schäfer nur nicht heirathet? Er ist solch ein stattlicher Mann und noch in den allerbesten Jahren," meinte die Fi;au Justizräthin Schmidt, von ihrem blumenumblühten Parterrefenster aus dem Amtsrichter neugierig nachblickend, der, die Acten unter dem Arme, von seinem geschickt den Stock nachtragenden Pudel gefolgt, eben in das Hotel „zum schwarzen Adler" zum Frühschoppen ging. Fräulein Dora Schmidt hob ihren rothblonden Tituskops vom Zeichenbrett in die Höhe. „Vielleicht fürchtet er, daß eine junge Frau dieses abscheuliche schwarze Hundevieh, das schon mit ihm studirt hat, wie er überall erzählt, schlecht behandelt," sagte sie, den Kreidestift auf den langen, geschonten Nägeln probirend. „Nun, mir dürfte er ihn schon nicht auf den guten Teppich und die neuen Sophas bringen."
„Man sollte das Thier heimlich vergiften," schlug die Mama vor.
„Dann müßtet Ihr aber auch alle Spielkarten verbrennen und den Spatenbräu versiegeln lassen, das sind auch Ehefeinde," lachte die älteste Tochter, mitten in ihren Finger- iibungen abbrechend. Ihre Stimme klang etwas schrill und Las seine Profil zeigte trotz Puder und gebrannter Frisur schon eine bedenkliche Schärfe. „Seht nur," fuhr sie fort, „Lina Böhm ist heute zu spßt gekommen, sie trifft ihn nicht rnehr."
„Und wieder ein neues Herbstcostüm, rothbraun mit Krimmer," meinte Fräulein Dora gereizt, „solch eins muß ich auch haben."
„Aber, Kinder, der Papa wird brummen," seufzte die Justizräthin. „Ja, wenn eine von Euch den Amtsrichter singe! Warum er nur nicht heirathet?!"
In der altdeutschen Trinkstube des „schwarzen Adlers" wurde eben dasselbe Thema behandelt.
„Warum heirathen Sie nicht, Amtsrichterchen?" fragte Rath Schneehuhn den jüngeren College«. „Ein schönes Einkommen haben Sie bereits. Warten Sie einmal, ohne Wohnungszuschuß 3500 Mk. Damit läßt eine Frau sich doch ganz anständig ernähren."
„Ernähren wohl, aber kleiden kaum," erwiderte der blonde Mann des Rechts, seinem Pudel den krausen Kopf streichelnd. „Ich will gar nicht nachrechnen, was die Kleider, Hüte, Mäntel u. s. w. kosten mögen. Und dann bieten die modernen höheren Töchter, so wenig Garantien für eine einfache Häuslichkeit. Die eine malt in Oel, die andere studirt Musik und die dritte schreibt gar für Zeitschriften. Wenn man aber dann nach dem Kochen fragt, wird einem verächtlich ins Gesicht gelacht. Dazu sind ja Dienstboten da. Wer steht heutzutage noch am Küchenherd und näht dem Manne die abgerissenen Hemdenknöpfe an? Und dann erst die Schwiegermütter! „Lieber Sohn, unser Kind ist für anständige Verhältnisse erzogen," heißt es dann. „Sie können doch nicht verlangen, daß sie immer dasselbe Kleid trägt, und eine Wohnung von vier Zimmern bezieht heutzutage kaum ein Subalternbeamter." Colossale Ansprüche, ewiger Unfriede im Haus. Nicht wahr, Harro, so leben wir beide glücklicher!"
Der Pudel blinzelte verständnißvoll und streckte sich zwischen seinem Herrn und dem schnell beiseite rückenden Rath auf dem Sopha behaglich aus.
„Ein expresser Brief sür den Herrn Amtsrichter." Damit überreichte der Kellner ein Schreiben.
„Ah, von einem alten Corpsbruder, der in einem Wendendorf als wohlbestallter Pastor sich bemüht, seine zahlreiche Familie kümmerlich durchzubringen. Was kann er nur wollen? So, ich soll Lisa, die srühverwaiste Schwester, heute Abend aus dem Bahnhofe erwarten, um sie und ihr Gepäck in den wartenden Wagen des Onkel Amtsrath aus Sengenfelde zu
befördern. Netter Auftrag in dem strömenden Regen an einem kalten Herbstabend. Ich glaube, der Schnellzug kommt erst gegen acht Uhr an."
Er nahm noch einmal den Bries vor. „Herzlose Menschen", murmelte er, „die arme Kleine nach Sengenfelde zu der kranken Frau und dem polternden Alten zu schicken. Freilich, sie sind sroh, die Sorge für die junge Schwägerin aus andere Schultern wälzen zu können- im Hause mag es ja so wie so knapp genug zugehen. Aber schrecklich ist es doch, wie eine Waare über sich verfügen zu lassen. Fast bezweifle ich, daß der Amtsrath sie gern ausnimmt. Arme Lisa! Als ich sie zum letzten Male sah, war sie ein fröhliches Kind mit kurzen Kleidchen und langen, fliegenden Zöpfen. Ob ich meine alte Auftvärterin auf den Bahnhof schicke, oder gehen wir selbst, Harro?"
„Mit Vergnügen, Amtsrichterchen," meinte der Rath boshaft. „Wenn die Fräulein Schmidts oder gar Lina Böhm Sie in Ihrer Rolle als Waisenvater doch bewundern könnten! Ich glaube, in den Augen unserer jungen, eleganten Damenwelt sänken die Actien doch um ein Bedeutendes."
Verdrießlich zuckte der Amtsrichter mit den Achseln.
„Ich werde doch wohl meine alte Minna schicken," sagte er ausstehend. „Um acht Uhr beginnt ja meine Scatparthie, und was würde der Doctor sagen, wenn ich fehlte!" —
(Fortsetzung folgt.)
* Wilhelm: „Na, Guste, warum ziehst Du denn schon wieder? War denn Deine Herrschaft nicht jut?" — „Jut war se schon, aber nich dumm jenug."
* Aber, Mensch, können Sie sich denn sür gar nichts begeistern?" — „Schau'n S', wenn i mi für waö begeister, besauf' i mi halt immer!"


