wir ihnen ein Stückchen Erde verrathen, wo sie ohne allzu große peccuniäre Opfer Gelegenheit haben, ihr Auge zu weiden an herrlicher Gegend, ihre Seele auszufrischen an Erinnerungen alter, längstvergangener Zeiten und den Erzeugnissen der Neuzeit. Solch ein genußreiches Erholungsplätzchen ist die Stadt Büdingen, Station der Linie Gießen-Geln- hausen der Oberhessischen Bahn. Büdingen mit seiner Umgebung gilt wegen der seltenen Vereinigung landschaftlicher Schönheiten, alterthümlicher und architectonisch bemerkens- werther Bauwerke und historischer Erinnerungen mit Recht für einen der interessantesten und anziehendsten Punkte der Provinz Oberheffen. Die architectonischen Schönheiten Büdingens sind trotz aller ihrer Reize noch viel zu wenig in die breiten Schichten des Publikums gedrungen. Ganz besonders sehenswerth ist das fürstliche Schloß mit seiner viel- hnndertjährigen Geschichte, deren Anfänge schon im 11. Jahrhundert beginnen. Stundenlang kann man sich mit der Besichtigung dieses hochinteressanten Baues beschäftigen, immer neue Momente fesseln unsere Aufmerksamkeit und unsere geschichtliche Neugierde. Büdingen zählt jetzt ca. 2800 Einwohner, besitzt ein Gymnasium, ist Sitz eines Kreisamts, eines Amtsgerichts, einer sürstlichen Rentkammer. Das Schloß und die Kapelle sind immer zugänglich. Die Besichtigung der inneren Räume des Schlosses ist zu manchen Zeiten gestattet. Man wende sich an den Portier in der Wachtstube vorn im Eingang. Sehenswerth ist auch die Stadtkirche.
Aber nicht allein die Stadt Büdingen, die nächste Umgebung, alles ohne große Anstrengung zu erreichen, bietet Genußreiches genug. Spaziergänge in der nächsten Umgebung der Stadt bieten sich den Touristen in großer Zahl- vor Allem „der Hain", der Schlostgarten mit prächtiger Aussicht aus das Schloß und in das Thal. Der „wilde Stein", eine Gruppe von riesigen, wild durcheinander geworfener Basaltfelsen, hübsche Aussicht auf die Stadt und die UmgegeFd. Das „Eichelsköpfchen" (x/4 St.) schön bewaldete Kuppe mit weitem Blick nach der Ronneburg und dem Thiergarten (fürstliches Jagdschloß, das gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtet wurde). In einer halben Stunde erreicht man Jägerthal, in P/2 St. Geisweiher, in derselben Zeit Rinderbügen. Der Pfaffenwald, Michelau, Sandhof, die Hardeck, der Haag, ist alles in verhältnißmäßig kurzer Zeit ohne be- fondere Anstrengungen zu erreichen. In der Nähe sind die Reste der von Graf Zinzendorf 1738 angelegten Herrnhuter- Colonie „Herrnberg", wohin der Gras 1747 selbst übersiedelte. — Größere Ausflüge sind: Ronneberg (2 St.), Marienborn (2 St.), ehemaliges Frauenkloster des Cistercienser-Ordens, gestiftet 1274. — Gelnhausen (2J/2 St.) - die alte freie Reichsstadt liegt malerisch am Abhange des rebenbekränzten Dietrichsberges, von der hohen Marienkirche und verschiedenen Besestigungsthürmen überragt. — Wächtersbach (3. St.) — Birstein (4 St.) — Hirzenhain (3 St.), Hirzenhainer Hütte. — Von Hirzenhain 1 St. nach Lißberg. — Eine halbe Stunde von Lißberg Ortenberg. Schloß mit prächtiger Aussicht über das Niddathal. — Von Ortenberg 1 St. nach Conradsdorf. Eine halbe Stunde nach der Glauburg. Eine Viertelstunde von Glauburg nach Lindheim, das durch seinen Hexenthurm mit Folterwerkzeugen bekannt ist.
Zum Schluffe wollen wir noch ein Urtheil Professor Lübkes in seiner „Geschichte der deutschen Renaissance" über Büdingen ansühren: „Büdingen ist eine altertümliche, malerische Stadt, welche ihren Character fast unberührt erhalten hat. Es wird in der That wenige Städte geben, deren mittelalterliche Befestigung noch so intakt erhalten ist, wie dies hier der Fall ist, und wer sich mit einem offenen Auge für malerische Wirkungen in die Betrachtung der Stadt versenkt, wird sich bei manchen Partien fast in eine mittelalterliche Stadt versetzt glauben. Das alles erhält noch einen besonderen Reiz durch die reichen historischen Erinnerungen, die sich an Stadt und Umgegend knüpfen."
-ck. Alsfeld, 7. August. Gestern tagte im Saale des „Deutschen Hauses" die General-Conferenz der Lehrer des Kreises Alsfeld. Der Vorsitzende der Kreis-Schulcommission, Herr Kreisrath von Grolmann, eröffnete die Conferenz um 10 Uhr und hieß die Versammelten mit herzlichen Worten willkommen, freute sich der zahlreichen Betheiligung, gedachte des zwei Tage vorher verstorbenen tüchtigen Lehrers Loth von Liederbach in ehrenden Worten und forderte die Versammlung auf, zu Ehren des Verstorbenen sich von ihren Sitzen zu erheben. — Hierauf erstattete Herr Kreis-Schul- inspector Müller Bericht über den Zustand der Schulen des Kreises. Darnach bestehen im Kreise 77 Volksschulen mit 101 Klassen, worunter 60 einklassige (mit 2 israelitischen), 14 zwei-, 2 drei- und 1 mehrklassige sich befinden. Dazu kommt eine erweiterte Schule in Homberg a. O. und eine Privatmädchenschule in Alsfeld. An diesen Schulen wirken seit Beginn des Schuljahres 70 definitiv angestellte Lehrer und 31 Schulverwalter, zusammen 101 Lehrer. Außerdem
befinden sich 2 provisorisch angestellte Lehrer an der erweiterten Volksschule in Homberg und 2 Lehrerinnen an der Privatschule in Alsfeld. Abgegangen sind im Laufe des Schuljahres 7 Lehrer durch Versetzung und 1 durch den Tod. An Stelle des an die Realschule in Gießen versetzten seitherigen Dirigenten der erweiterten Volksschule in Homberg, des Herrn Dr. Pitz, wurde Herr Völzing berufen. Zugegangen sind 10 Lehrer und 1 als Gehilfe. Die Gesammtzahl der Schulkinder des Kreises betrug zu Ansang des Schuljahres 6619 gegen 6737 des vorigen Jahres, nämlich 3298 Knaben, ein Minus von 61 gegen das Vorjahr, 3221 Mädchen, ein Minus von 57, darunter 6087 Evangelische, 349 Katholiken, |183 Israeliten. Es hat sich mithin eine Abnahme der Schulkinder ergeben, welche gegen das verflossene Jahr 118 Kinder beträgt. Die Fortbildungsschulen des Kreises zählen 977 Schüler gegen 981 des vorigen Schuljahres, also ein Weniger von 4. Darunter sind 923 evangelisch (— 9 gegen das Vorjahr), 39 katholisch (+ 7), 2 israelitisch (— 2). Die erweiterte Volksschule in Homberg zählt zu Beginn des Schuljahres 41 Schüler und zwar 34 Knaben, worunter 29 evangelische und 5 israelitische, und 7 Mädchen, worunter 6 evangelische und 1 israelitisches. Die Privatmädchenschule zu Alsfeld wird von 57 Schülerinnen besucht, davon sind 44 evangelisch und 13 israelitisch. Hieran schloß sich ein Bericht über die Thätigkeit der einzelnen Bezirksconferenzen des Kreises im verflossenen Jahre, aus welchem ersichtlich, daß der Besuch derselben ein durchaus regelmäßiger gewesen, daß die von den betreffenden Referenten gelieferten Ausarbeitungen und Probe- lectionen Fleiß und Geschick derselben bethäligten und daß sich überhaupt ein erfreuliches und reges Interesse an denselben bekunde. Nachdem hierauf noch Herr Lehrer Müller-Homberg das warme Interesse, welches Herr Kreisrath v. Grolmann der Schule und ihren Lehrern in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit im Kreise entgegengebracht, gerühmt und der Herr Kreisrath in mit lebhaftem Beifall begleiteten Worten seine fernere Sympathie für Lehrer und Schule versichert, wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten und dem ersten Referenten, Herrn Oberlehrer Weiffenbach-Alsfeld, das Wort gegeben zu seinem Thema: „Die Poesie, ihr Wesen, ihre Pflege und Bedeutung für die Schule und das Leben." Der mit großem Fleiße, ganzer Liebe und Verständniß ausgearbeitete Vortrag war mit einem geradezu verblüffend reichen, trefflichen Citatenschatz in gebundener Rede gewürzt. Hieran schloß sich der zweite Vortrag: „Das Schulturnen", Referent Herr Lehrer Pfeifer-Hergersdors. In schneidiger Weise und treffenden Worten entledigte sich dieser der gestellten Ausgabe. Hiermit wurde sogleich eine practische Probe im Turnen verbunden, indem Herr Lehrer Gaub-Alsfeld ein Probeturnen der ersten Knabenabtheilung und Herr Lehrer Rausch-Alsfeld ein solches der ersten Mädchenabtheilung der Conferenz im Schulhofe der städtischen Schule, wohin sich die Versammlung inzwischen begeben, vorführte. Beide Ausführungen waren vollkommene Musterleistungen und erwarben sich den ungetheilten Beifall der Zuschauer. Tadellos führten die Knaben die einzelnen Hebungen aus, zierlich und gefällig brachten die Mädchen nach vorausgegangenen Freiübungen die schönen Reigen unter trefflichem Gesänge zur Geltung. Nack vorgerückter Mittagszeit begab sich die Versammlung wieder zurück ins „Deutsche Haus", in dessen großem Saale inzwischen die Mittagstasel, an der fast alle Lehrer Theil nahmen, gedeckt worden war. Herr Kreisrath v. Grolmann brachte das erste Hoch Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog, in das die Versammlung dreimal begeistert einstimmte. Auch der Toast des Herrn Kreisschulinspectors Müller auf die Lehrerschaft und die Kreisschulcommission weckte nachhaltige Begeisterung. Der Referenten der heutigen Conferenz wurde Seitens des Kreisraths mit dankenden Worten und einem Hoch Erwähnung gethan. Die weiteren Toaste des Herrn Oberlehrer Weiffenbach und anderer Gäste trugen zur gehobenen Stimmung der Versammlung ersichtlich bei. Nach Aufhebung der Mittagstafel begab sich der größte Theil der Lehrerschaft zur Begräbniß- seier des Collegen Loth in dem unrpeit entfernten Liederbach. Nicht unerwähnt dürfen wir Küche und Keller des Herrn Malkmus lassen, die das Ihrige zum schönen Conferenztage gethan.
= Büches, 8. August. Gestern Nachmittag gegen 3 Uhr zog ein schweres Wetter über unsere Gegend, nachdem vorher starke Schwüle geherrscht hatte. Der Himmel verfinsterte sich, es wurde fast Nacht- starke Blitze fuhren hernieder und man bemerkte deutlich, daß es in die Bäume auf den umliegenden Höhen einschlug. Ein wolkenbruchartiger Regen brach hernieder und überschwemmte Straßen und Felder. Noch heute stehen große Bäche aus dem Felde. Der Boden ist weich wie Brei und das Getreide ist in den weichen Boden geschlagen. Die Schleußen des Himmels wollen sich in diesem i Sommer gar nicht schließen.
I
Vermischter.
* Eschwege^ 5. August. Die Aufsehen erregende Verhaftung von drei Personen hält die Bewohner unserer Stadt in großer Aufregung, Wegen Verdachts der Herstellung, bezw. Verausgabung falscher Coupons wurden drei Geschäftsleute, der Photograph Röbeling, Mechanikus Günther und der Uhrmacher Kley verhaftet. Die Verhaftung des letzteren erfolgte in Eschwege selbst, während die anderen beiden in Witzenhausen auf frischer That bei Unterbringung der falschen Coupons festgenommen wurden. Es wurden für etwa 32,000 Mk. falsche Coupons von. der Landescredü- kasse in der Wohnung des einen vorgefunden, dieselben waren sehr genau nachgearbeitet, nur am Wasserzeichen läßt sich die Fälschung erkennen- man vermuthet, daß über 100,000 Mk. davon im Umlauf sind. Schwer geschädigt sind viele hiesige, meistens kleinere Geschäftsleute, die bis zu Beträgen- von 150—200 Mk. davon in Händen haben. Schon lange war die Polizei auf das Treiben der Verhafteten aufmerksam geworden, da dieselben sich durch ungewöhnliche Ausgaben und längere Vergnügungsreisen bemerkbar gemacht hatten. Gegen einen der Verhafteten schwebte schon vor etwa einem Jahre eine Untersuchung wegen Ausgabe falscher Coupons, die aber resultatlos verlief, weil keine Beweise für seine Schuld erbracht werden konnten. Der Staatsanwalt aus Cassel traf alsbald hier ein und ist die Untersuchung in vollem Gange, der Uhrmacher Kley wurde gestern Morgen gefesselt nach Cassel transportirt, die beiden anderen find direct von Witzenhausen nach dort eingeliefert worden. Da ihre Schuld unzweifelhaft feststeht, so sehen sie schweren Strafen entgegen. — Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch nach anderen Orten falsche Scheine gelangt sind und rathen wir hiermit dringend zur Vorsicht.^
Eingesandt.
Gießen, den 5. August 1890.
Der unter der Direction Herrn Dr. Haym's stehende Gesangverein „Sängerkranz" gab am Montag Abend in Steins Garten ein erstes öffentliches Eoncert. Wer Gelegenheit gehabt, den Aufschwung dieses Vereins während der letzten zwei Jahre zu verfolgen, wird mit uns bedauern, daß dieses erste auch zugleich das letzte öffentliche Concert unter Dr. Haym's Leitung gewesen, der, wie hinlänglich bekannt, in aller Kürze einem Ruf nach Elberfeld als Musikdirector Folge leisten wird. Die Verdienste desselben um die hiesigen Musikoerhältnisse im Allgemeinen sind längst von seinen Freunden und Verehrern in gerechter Weise gewürdigt worden, um so erfreulicher nahm man die Gelegenheit wahr, denselben auch als Leiter eines Männergesangvereins kennen zu lernen und können wir sagen, Herr Dr. Haym hat es vortresfltch verstanden, auch hier seine Tüchtigkeit zu zeigen.
War auch die volle Wirkung der zuerst im Garten vorgetragenen Lieder durch schlechte Akustik beeinträchtigt, machte sich auch Anfangs — wie es schien — ein wenig Befangenheit geltend, so zeigte sich doch nachher und hauptsächlich im Saal, zu welcher Fertigkeit es der Verein gebracht hat, sei es in den beiden herrlichen Liedern für Chor und Orchester („Rheinabend" und „Fest am Rhein" von Brambach) und dem mächtigen altniederländischen „Dankgebei" von Kremser, oder den ewig schon und ergreifend bleibenden Volksliedern, ob ernst oder heiter, überall verständnißvoller Vortrag, sorgsamste Abtönung der Schüttirungen, und große Reinheit der Aussprache.
Die Vielseitigkeit des vornehm gewählten Programms trug nicht wenig zur vollen Wirkung bet, nehmen wir hierzu noch die vortrefflichen Leistungen der hiesigen Regtmentscapelle unter Leitung ihres tüchtigen Dirigenten, Herrn Musikdirectors Krauße, so können wir das ganze Concert nur als ein durchaus gelungenes bezeichnen und wünschen, daß der „Sängerkranz" sich auch fernerhin der Pflege edlen Männergesangs widmen und so weiter blühen und gedeihen möge, wies dies unter seinem seitherigen Dirigenten der Fall gewesen. —s.
Literatur und sinnst.
— Das Journal für moderne Möbel (Renaissancestil), herausgegeben von practischen Fachmännern, bas im Verlag von W. Kohlhammer in Stuttgart erscheint, bringt in dem zweiten Hefte seiner neuen, siebenten Abtheilung wiederum eine Reihe von schön und sauber ausgeführten, sehr inftructiven Zeichnungen, die für jeden Holzbildhauer, Möbelschreiner und Kunsttischler von überaus practtschem Werth sind. Der Inhalt ist ein sehr reichhaltiger und mannigfaltiger. Ein Bücherschrank, ein Pfetlerspiegel, eine Wasch- etagdre, Salontisch, Sopha, Fauteuil, mit den dazu gehörigen Detailzeichnungen, Grundrissen und Seitendurchschnitten, sind hier in geradezu mustergiltiger Weise gegeben. Wir können jedem Interessenten, ob er nun Meister, Geselle oder Lehrling sei, die Anschaffung dieser Abtheilung nur aufs Angelegentlichste empfehlen und namentlich auch alle gewerblichen Fortbildungsschulen und ähnliche Anstalten auf dieses überaus instructioe Vorlagewerk aufmerksam machen.
Vermehr. «nd P&lfatiotrtbfcbaft.
— Einrichtung von Schweinezüchtereien. In Niederschlesien hat, wie der „Köln. Zkg." mttgelhetlt wird, das Schweine- Einfuhrverbot die für die Landwirthschaft nicht zu unterschätzende Einrichtung zahlreicher Schweinezüchtereien zur Folge gehabt, doch wird freilich eine jahrelange Entwickelung nöthig sein, bevor diese Züchtereien im Stande sein werden, den inländischen Bedarf zu decken.
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