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Nr. 155.
Dienstag den 8. Juli
1890
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$it$cner Anzeiger erscheint täglich, »rit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener M««tkierrvkLtter «erden dem Anzeiger »Schentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerak-Mnz^er.
Bierreljährlger AVonnementspret». 2 Mark 20 Pfg. m4 Bcingerlohn.
Durch Die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Lxpedtn»» und Druckerei:
Kchntftraße Nr.' f^ernlvrecher 5’
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzem
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
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Gratisöeisage: Gießener Iarmtienökätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" mtgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, am 5. Juli 1890. Betr.: Landtagswahlen.
Das Großherzogliche Kreis amt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Provinzial- Hauptstadt Gießen, deS 3. und 6. Wahl- ^bezirkS der Provinz Oberheffen.
Unter Bezugnahme auf unsere Verfügungen vom 2. und 30. Juni l. I. — Kreisblatt Nr. 126 und 151 benachrichtigen wir Sie, daß durch Verfügung Großh. Staats- Ministeriums zu Wahlcommiffären ernannt worden sind:
für die Provinzial - Hauptstadt Gießen: Großh. Regierungsrath Jost zu Giesten;
für den 3. Wahlbezirk: Großh. Amtmann Wallau zu Friedberg;
für den 6. Wahlbezirk: Großh. Amtmann Nebel in Gießen.
Unverzügtiü) nach beendeter Wahl der Wahlmänner ist gemäß § 40 der Anleitung das WahlprotocoÜ nebst sämmt- lichen dazu gehörigen Beilagen und den in versiegeltem Umschlag beizufügenden Stimmzetteln an den bestellten Wahl- commissär einzusenden.
__v. Gagern-________________________
Gießen, den 4. Juli 1890. Betr.: Den Termin für die Einsendung der Kirchenrechnungen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen att die evang. Kirchenvorstände des Kreises.
Der späteste Termin für die Ablieferung der Kirchenrechnung an Sie ist auf Ende August festgesetzt. Da die Erfahrung gelehrt hat, daß dieser Termin häufig von den Kirchenrechnern nicht eingehalten wird, die rechtzeitige Aufstellung und Prüfung der Rechnung aber für den geordneten Geschäftsbetrieb aller beteiligten Behörden nothwendig ist, sehen wir uns veranlaßt, Ihnen auszugeben, die erfolgte Abgabe der Rechnung für 1889/90 uns spätestens bis zum 1. September l. I. anzuzeigen, event. zu berichten, daß der Kirchenrechner den festgesetzten Termin nicht eingehalten hat.
Mit dieser Anzeige ist gleichzeitig der Nachweis über den an den evang. Centralkirchensonds abzuliesernden Ueberschuß aus dem Einkommen der Pfarrstelle einzufenden, event. zu berichten, daß ein derartiger Ueberschuß nicht vorhanden ist.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die
Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Juni für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer =X 19.60, Heu JL 6.30, Stroh 6.10.
Gießen, am 5. Juli 1890.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Großh. Beigeordnete Konrad Wagner I. von Allendors an der Lumda zum Stellvertreter des Standesbeamten des Standesamtsbezirks Allendors an der Lumda ernannt und als solcher in Pflichten genommen worden ist
Gießen, den 3. Juli 1890
Grobherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. Juli. Gegenüber den Zeitungsmeldnngen, betreffend die Auslassungen Wißmanns über die politische Thätigkeit der englischen Missionare können wir eonstatiren, daß Wißmann derartige Aeußerungen weder gethan, noch solche sich überhaupt auf deutsche Missionare hätten beziehen können.
Berlin, 6. Juli. Deutsches Bundesschießen. Bei bewölktem Himmel und windigem, sonst günstigen Wetter passirte der Schützenfestzug, der über eine Stunde währte, die Feststraße, die in ihrer eolossalen Ausdehnung von Menschenschaaren dicht besetzt war. Das Publikum zeigte sich Anfangs spröde, eher in Ulkst^nmung, erwärmte sich aber schließlich lebhaft. Das Interesse war im Allgemeinen mehr dem Schaugepränge zugewandt und es zeigte sich weniger persönliche herzliche Theilnahme. An der Spitze des Zuges ritt ein Herold mit dem Reichsbanner, dann folgten die auswärtigen Schützen, nach Nationalitäten geordnet, voran die Amerikaner, ein Theil derselben in Equipagen. Die Italiener wurden besonders lebhaft begrüßt. Zwischen den einzelnen Schützengruppen schritten Scheibenträger, Musikbanden und die Fahnenträger. An die Schützenvereine schloß sich ein prachtvoller Costümzug, der die Entwicklung des Schützenwesens seit dem 13. Jahrhundert veranschaulichte, wobei jeder Zeitabschnitt durch charaeteristische Figuren und Gruppen hervortrat. Die Gruppen, welche das 16., 17., 18. und 19. Jahrhundert darstellten, schienen nicht zu lebhaft zu interessiren, einzelnes humoristische war jedoch wohl gelungen. Inmitten des Zuges wurden die hervorragendsten Ehrenpreise getragen. — Der zweite Theil des historischen Festzuges, die Festwagen, erregte theilweise großen Jubel. Der Wagen yMSBMKVM» UtTOir—
„Frankfurt", welcher edel und ernst, vielleicht zu feierlich gehalten, mit einem Baldachin von Goldbrokat, machte den Anfang — eine schöne Gruppe von Kaufherren und Patrizierinnen. Die Frankfurter, Hessen und Nassauer sanden einen warmen Willkommen, der Bremer-Wagen (ein Hansa- schiff) war imponirend und der Wiener Wagen heiter und farbenfroh. Die Meraner Schützeneapelle und die Oesterreicher wurden jubelnd begrüßt. Der Stuttgarter Wagen war der wirksamste und lieblichste, auch der Düsseldorfer und der Münchener waren nicht übel. Die Bayern jauchzten und jodelten. Der „Jubiläumswagen Frankfurt" machte einen stolzen, aber etwas frostigen Eindruck, während der Festwagen „Berlin", welcher den Wagenzug schloß, einen reichen militärischen Charaeter zeigte. Vereine mit Fahnen und Musik bildeten Spalier. Der Festzug setzte sich vor 1 Uhr in Bewegung. Am Rathhaus, wo ein Trompetereorps jede einzelne Gruppe des Zuges mit Fanfaren begrüßte, hielt Oberbürgermeister v. Forckenbeck eine kurze Bewillkommnungsrede. Die Haltung des Publikums war in der ersten Hälfte der Feststraße gut ^ schwerere Unfälle sind bis jetzt nicht bekannt geworden. F. Z.
Ausland.
Christiama, 5. Juli. Der Kaiser^trat mit dem deutschen Geschwader um 3x/2 Uhr Nachmittags die Weitersahrt an.
Paris, 5. Juli. Im Nihilistenprozeß verurtheilte das Zuchtpolizeigericht die Angeklagten, außer Frau Reinstein und Fräulein Bromberg, welche sreigesprochen wurden, zu je 3 Jahren Gesängniß und 200 Francs Geldstrafe. Höckel- mann-Landesen wurde in contumaciam zu 5 Jahren Ge- sängniß verurtheilt.
Madrid, 5. Juli. Bezüglich der auswärtigen Politik des neuen Cabinets verlautet, daß dasselbe die bisherige Politik aufrecht erhalten werde; Canovas werde sich nicht in die europäischen Angelegenheiten mischen und mit allen Mächten freundschaftliche Beziehungen unterhalten.
Lissabon, 5. Juli. Die Deputirtenkammer genehmigte mit großer Mehrheit die Vorlage, betr. eine sechsproeentige Erhöhung aller Steuern.
Belgrad, 5. Juli. Der serbische Gesandte Simie begibt sich übermorgen nach Wien behufs Einleitung einer diplomatischen Aetion betreffs des Schweineeinfuhrverbots.
Kairo, 5. Juli. Das amtliche Blatt veröffentlicht ein Deeret des Khedive, durch welches die neue Daira-Anleihe genehmigt wird.
Washington, 5. Juli. Die republikanischen Abgeordneten der aus Mitgliedern des Repräsentantenhauses gebildeten Commission zur Prüfung der Silberbill trat heute zusammen- es wurde aber kein definitives Resultat erzielt
F-uilleLsn.
Heiteres aus dem Gerichtssaal.
„Wenn bet de Herren der Schöpfung sind jsein sollen, denn kann sich de janze Welt bejraben lassen, un icE rathe 'ne jede deutsche Jungfrau, sich so'n Kerl zweemal jehörig anzukieken, ehe se sich mit ihm uffs Standesamt verkrippern dhut!" — Frau Woltz, welche vor dem Schöffengericht in Berlin mit diesen Worten ihrem Herzen Lust machte, ist eine kleine, offenbar von den Sorgen des Lebens belastete Frau, welche um ihren Kopf ein dickes Umschlagetuch gewickelt hat und aus demselben mit ihrem gerötheten und von Zornadern durchsetzten Gesicht nur mühsam herauslugen kann. — Präs.: „Liebe Frau, es handelt sich hier lediglich um die Scheibe, welche Sie muthwillig mit dem Schrubber zerbrochen haben- Ihre sonstigen Familienschmerzen interessiren uns sehr wenig." — Angekl.: „Herr Jerichtshof! Wenn der Mensch, un er is nu mal verheirath, denn will er doch ooch, so zu sagen, 'n Mann haben, aber keen Saufaus nid). Herrjott, warum bin ick blos feen Mann jeworden, denn brauchte ick mir von so 'ne miserablichte Cretur nid) uff meine alten Dage noch so schinderhannessen lassen! So wat hält feene Kuh aus!" — Präs.: „Wenn Sie sich mit Ihrem Manne nicht vertragen können, so geht das uns hier gar nichts an. Hier steht nur die Scheibe zur Frage." — Angekl.: „Verdragen nennen Se so wat? Als ick mit meinem Willem vor den Altar des Herrn jegangen war, da hat er mir versprochen, alle Weile immer en Mann sind zu wollen, vor den ooch Jürschten und Jrasen den Hut abziehen sollen. Darüber sind llu achtzehn Jahre ..." — Präs, (unterbrechend): „Um Gotteswillen, wollen Sie uns etwa die achtzehn Jahre Ihrer Ehe hier schildern? Dann entziehe ich Ihnen das Wort."
— Angekl.: „Lieber Herr Jerichtshof, ick wollte Sie blos 'ne jedrängte Uebersicht von so'n Musterexemplar erjebenst vorführen, da würden Se 'ne helle Freide dadran haben und jar nid) bejreisen können, det mir die Falle noch nid) jänzlich ins Blut getreten is. Aber natürlich! Wir sind ja blos dazu da, de Herren de Knöppe anzunähen oder wenn mal det Schemisettenband abjerissen is — sonst aber können wir Rooch schnappen un Hungerpoten saugen, denn die Herren der Schöpfung verkreschen Allens in de Destille un trenn ooch ihre Plautze ..." — Präs.: „Jetzt ists aber zu viel des Schwatzens. Antworten Sie mir nur auf meine Fragen: Was haben Sie am Montag den 14. April bei dem Schultz gewollt?" — Angekl.: „Nich mehr un nid) weniger als wie meinen Mann. Ich menagerire mir schon beinahe, ihm noch so zu toosen, aber bis jetzt is et ja noch mein Mann." — Präs.: „Also ihr Mann befand sich wohl beim Gastwirth Schultz, und Sie wollten ihn, wie ich verstehe, zu Hause haben?" — Angekl.: „So ’ne Mannsperson is doch feene Spirituslampe! Wenn mein Mann so ’n halben Dag in die infamidjte Budike jesessen hat, dann brauch'n Se’n blos ’n Tocht in de Jurjel ziehen und Se haben det scheenste Licht. Ick jetrau mir zu jlooben, det so ’n Jndiwidebum doch ooch
mal in seine vier Pfähle jehört, zu seine Jattin und seine
nach Brod schreiende Jöhren — un Brod duht weh wenn es nich da is!" — Präs.: „Das ist sehr lobenswerth, wenn
Sie Ihren Mann dem Bannkreise des Aleohols entreißen
wollen, doch dürfen Sie dabei keinen Exceß ausüben." — Angekl.: „Herr Jerichtshof! Wenn Eener seinen Mann am Sonntag Abend de scheensten Pellkartoffeln mit brauner Mehlstippe vorsetzen duht und dabei allerlei Versprechungen von wegen Besserung un so, un denn immer „Mutterfen hier" und „Mutterfen da" un „Mutterfen jieb mich noch ’n Happen- pappen", un man is so janz jlücklich, daß der Himmel janz
voll Jeijen hängt, un am nächsten Dag da sitzt der Jemahl schon wieder Vormittag in die Budike und sitzt ooch Nachmittag noch wie anjejossen — denn soll mir doch Eener jrüßen, wenn man da nicht aus alle Fassongs jetzt!" — Präs.: „Wir wollen Ihnen das gern glauben, wissen aber noch immer nicht, warum Sie die Scheibe entzwei gestoßen haben." Angekl.: „In meine janze jroße Kopplosigkeit loose ick zu Schultzen, un — wie finden Sie die Jemeinheit? — da sitzt mein Willem mit drei Sansbrieder und singt immer, det de Fenster klirren: „O, ihr Frauen, reizende Frauen, ihr seid der scheenste Schmuck der Natur!" Ick schreie dazwischen: „Jebt mich meinen Mann retuhr!" — aber so 'ne Sorte hat ja keenen Respect nich vor det zarteste Weib! Ick hörte blos noch wat von „Schachtel", „Schrulle", „Spinatwachtel", un denn konnte ick de Diehre von draußen zumachen." — Präs.: „Vor Wuth haben Sie sich dann den Schrubber geholt und die Scheibe zertrümmert?" — Angekl.: „Herr Jerichtshof, wenn ick det nich jethan hätte, wäre mein Willem in die Athmungsfäre janz jewiß jestickt. Die haben ja jequalmt, als wenn ’n Kossäthe backt! Da konnte Keener mit ’n Säbel durchhauen!" — Der Staatsanwalt beantragt 5 Mk. und der Gerichtshof erkennt auf 3 Mk. Geldstrafe, event. 1 Tag Gefängniß. — Die Angeklagte erklärt, daß sie dann wohl sitzen müsse, da sie „Ladewigs größtes Portemonnaie" nicht habe.
* Ein Wortgefecht. Die Durchlaucht eines kleinen deutschen Staates empfängt den Bankier Goldberger in Privataudienz. Den Namen wiederholend, macht Durchlaucht die scherzende Bemerkung: „Ein Geldborger wäre mir- lieber", woraus der Bankier schlagfertig erwiderte: „Wenn Durchlaucht nur Buchstaben zu versetzen haben, wird Ihnen kaum Jemand Geld borgen."


