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Nr. 283.
Donnerstag den 4 December 1890
Der
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für dm ^Yitti^RotCrtAO • i&ioßottOY t ft Ott fi frt ff ®Hc Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm«
fslgmden Tag erscheinmden Nummer bi- Borm. 10 Uhr. ^UmUIXHVUUU^. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Lheil.
Gießen, am 2. December 1890.
Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung.
Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreise-.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, daraus aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobilmachung innerhalb 8 Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden-
In den Gesuchen ist anzugeben:
1) Ctvilstellung,
2) Vor- und Zunamen,
3) Militärcharge und Truppengattung,
4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist, und Datum des letzteren,
5) Bezirk des Landwehrbataillons.
Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es der Angaben 1—5 nicht, es genügt hier einfache Meldung.
Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
__________________v Gagern._________________
Bekanntmachung.
Die Einträge in das Handelsregister des hiesigen Gerichts sollen im Jahre 1891 in der „Darmstädter Zeitung", in dem „Gieß 'n- Anzeiger" und in dem „Licher Anzeiger" veröffentlicht Uheiviei.
Lich, den 1- December 1890.
Großherzogliches Amtsgericht. Langermann.
Deutsches ÄeLctz.
Darmstadt, 2. December. Donnerstag Abend begeben Sich Seine Königliche Hoheit der Großherzog nach Char- lottenburg, um, einer Einladung Seiner Majestät des Kaisers folgend, an den Hosjagden in der Göhrde tyeilzunehmen.
Darmstadt, 1. December. In Nachstehendem führen wir ein Berzeichniß der bedeutenden Posten aus, welche der den Ständen vorgelegte Etatsentwurf an außerordentlichen Ausgaben fordert. Es sind vorgesehen: für Regulierung des Landgrabens und Entwässerung des Rieds 257 000 Mk., außerordentliche Beiträge zur Erbauung von Kreisstraßen 105000 Mk., zur Erwerbung eines Bauplatzes (des Zeughausgrundstückes) und zur Bestreitung der Kosten der Vorarbeiten des Bauentwurfs für ein neues Museum in Darmstadt 135 000 Mk., für Erbauung einer Turnhalle für das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt und in Verbindung damit Erbauung von 6 Lehrräumen für die Vorschulklassen der Gymnasien 191000 Mk., für Herrichtung eines Dienstgebäudes der Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbeverein 170000 Mk., für Erweiterung des Arbeitshauses zu Dieburg 106 000 Mk., als erste Rate für Erweiterung des Landeshospitals Hofheim 1025 000 Mk., für Ergänzungs- und Umbauten bei den alten und neuen Kliniken in Gießen 13 9 8 0 0 Mk., Staatszufchuß für die Restauration der Stadtktrche zu Friedberg als erste Rate 50000 Mk., Staatszufchuß für die Restauration des Domes zu Worms als erste Rate 75 000 Mk., für Errichtung eines Neubaues für jugendliche Verbrecher bei dem Provinzialarresthaus in Darmstadt 252 000 Mk., für Erbauung eines Amtsgerichtsgebäudes in Schlitz 57 000 Mk., für Erbauung eines Amtsgerichtsgebäudes und Hastlocals in Nieder-Olm 94 500 Mk., für Erbauung eines Hastlocals in Worms 54400 Mk., für Errichtung eines östlichen Zwifchenbaues von dem nördlichen nach dem südlichen Collegiengebäude zu Darmstadt 117 500 Mk., für Errichtung eines Dienstgebäudes auf dem Gelände der früheren Großh. Münze 152 500 Mk., für Errichtung eines Dienstgebäudes in Bingen 125000 Mk., für Errichtung eines Dienstgebäudes in Offenbach 70000 Mk., für Erweiterung des Güterbahnhofs Darmstadt 250 000 Mk., für Erweiterung von Bahnhofs- und Geleisanlagen der Main-Neckar-Eifenbahn 300000 Mk., für den Bausand derOberhessischen Eisenbahnen (Gelände er werb) 3 0 000 Mk., für Erneuerung des Innern der Schloßkirche im Großh. Nesidenz- schloffe 25000 Mk., für Staatsstraßen 130 400 Mk., worunter 20000 Mk. für Vorarbeiten zur Erbauung einer Brücke über den Rhein bei Worms, für Territorial-, Fluß- und Dammbau 2146 000 Mk., worunter: für Fortsetzung der Main-Canalisation von Frankfurt bis Offenbach 1356 000 Mk., für Erbauung eines Hafens bei Bingen 440 000 Mk., für Erbauung eines Hafens bei Oppenheim 220000 Mk. Weiter
sind unter diesem Capitel noch^vorgesehen die Grunderwerbskosten für neue Amtsgerichtsgebäude in Fürth und Osthofen, sowie Beiträge für Erweiterung des Gerichtsgebäudes in Mainz (25 000 Mk.) und der Haftlocale in Fürth, Höchst und Groß-Umstadt. Die Gesammtsumme der außerordentlichen Ausgaben beziffert sich auf rund 14 640 000 Mk.
Deutsche» Reichstag.
33. Plenarsitzung. Dienstag, 2. December 1890, 2 Uhr.
Das Präsidium des Reichstages hat dem Kaiser die Glückwünsche des Hauses zur Vermählung der Prinzessin Victoria mit dem Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe dargebracht und auch der Kaiserin-Mutter diese Glückwünsche ausgesprochen. Dem Grafen Moltke hat das Präsidium zum 90., dem Reichs- gerichtspräsidenten Simson zum 80. Geburtstage die Glückwünsche des Hauses ausgesprochen. Das Haus genehmigt nachträglich diese Maßnahmen seines Präsidiums.
Das Andenken der in der Zwischenzeit verstorbenen Mitglieder ehrt das Haus durch Erheben von den Sitzen.
Es folgt die erste Berathung des Gesetzes betr. die Vereinigung von Helgoland mit dem Deutschen Reich.
Staatösecretär des Innern v. Bo etlicher: Es darf als ein günstiges Omen gelten, daß die Wiederaufnahme der Arbeiten dieses hohen Hauses mit der Berathung dieser Vorlage beginnt. Meine Hoffnung auf eine günstige Aufnahme stützt sich auf die freudige Aufnahme, welche die Nachricht von der Erwerbung der Insel hervorrief. Die Furcht, welche vor deutscher Militärpflicht und vor deutschen Stellern im Auslande besteht, ist heute, nach zwei Monaten, auf der Insel geschwunden und die Bevölkerung ist gern und freudig in den neuen Cours eingesegelt. Den Dank der Reichsregierung habe ich auszusprechen an die Preußische Staatsregierung für die Aufstellung des Programms und für ihr wohlwollendes Entgegenkommen und Eingehen auf die deutschen Wünsche, so daß die Reichsregierung sofort in ihre Thätigkeit etntreten konnte. Es handelte sich nm zwei Fragen: 1) sollte die Insel vom Reich übernommen werden und 2) sollte dieselbe zu einem selbstständigen Staatswesm erhoben oder einem bestehenden Staatswesen angeschloffen werden. — Die Reichsregierung hat die erste Frage bejaht, da ste glaubt, daß eine Insel, die vor der Mündung eines deutschen Flußlaufes liegt, auch zu Deutschland gehören mutz. Bet der zweiten Frage hat sich die Reichsregierung für die Angliederung an Preußen entschlossen und ist von der Bereitwilligkeit Preußens zur Uebernahme überzeugt. Von der Einbeziehung der Insel in das Reichszollgebtet konnte abgesehen werden. Di« Frage der Kriegsbefestigung der Insel ist noch nicht spruchreif. Die bisher erlassenen Vorschriften sind lediglich bau- und seepolizeilicher Natur. — Redner geht dann auf die einzelnen Bestimmungen der Vorlage ein, dieselbe empfehlend. — Hoffen und wünschen wir, daß die Entwicklung Helgolands unter deutscher Flagge eine recht glückliche sein werde. (Bravo!)
Abg. v. Benda (ntl.) spricht sich für die Vorlage aus und bittet, die Gehälter der Verwaltungsbeamten nicht zu kärglich zu bemessen.
Abg. Dr. Windthorst (Ctr.) wünscht, daß die Gewohnheiten und berechtigten Eigenthümlichketten der Bevölkerung der Insel ge-
Fenilleton.
Aus Furcht vor Strafe.
Scizze von Hedwig Erltn.
(R-chdrvck verboten.)
Es war an einem Spätherbstabcud. Ein kalter Wind riß unbarmherzig die letzten welken Blätter von den Bäumen und strömender Regen verdunkelte selbst die electrifche Straßen- belenchtung der Großstadt.
Wie beneidenswerth waren doch bei solchem Wetter Diejenigen, die im warmen Stübchen des eigenen Heims geborgen und geschützt waren! So mochten auch wohl die beiden jungen Damen denken, die, eng aneinander geschmiegt, eine der Hauptstraßen durcheilten, denn sie hüllten sich fester in ihre Mäntel und beschleunigten ihre Schritte. Ein gewisses Etwas im Aussehen und Benehmen der größeren von beiden ließ leicht die Künstlerin erkennen, während die kleinere Gefährtin Mut nichts die Anhängerin der Alltäglichkeit verleugnete. — „Kausen Sie Schwefelhölzer? O, bitte, nur ein Schächtelchen nehmen Sie mir ab!" Diese wenigen, von einer schwachen Kinderstimme ausgerusenen Worte waren es, die die erstgenannte junge Dame plötzlich stehen bleiben ließen. „Ach, komme doch, Mara, eS gehen ja noch mehr Leute vorbei, mögen die kaufen, wir brauchen keine Zündhölzer!" drängte die Freundin. Kaum hatte jedoch Mara dem zarten, frierenden Kinoe in das blaffe Gesicht geblickt, als sie mit dem leisen Ausruf: „Welch schöner Knabe!" auf ihn zueilte iittd ihm den ganzen Rest Schwefelhölzchen abkaufte, während ftc sich theilne(mend nach den näheren Verhältniffen des kleinen erkundigte.
Ein Bild herzzerreißenden Elends enthüllte sich bei den Worten des Kindes den Augen der jungen Malerin. Voller Mitleid sagte sie ihm endlich: „Ich werde Dir meinen Namen und meine Wohnung aufschreiben, willst Du da wohl morgen
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zwischen 11 und 12 Uhr einmal zu mir kommen?" — „Wenn ich aber vorher nicht alle Schwefelhölzer losgeworden bin, darf ich nicht nach Hause kommen, da schlägt mich der Stiefvater," wandte ängstlich das Kind ein. „Armer Knabe, komme nur getrost, ich kaufe Dir alle Deine Waare ab," beruhigte ihn Mara, und nachdem sie ihm auf einem Kärtchen Namen und Wohnung vermerkt hatte, folgte sie mit eiligen Schritten ihrer bereits vorangegangenen Freundin, von der sie nichts weniger als freundlich empfangen wurde. „In solchem Wetter sich bei jedem Bettelkinde aufzuhalten, ist mehr als lächerlich. Uebrigens, als ob solche Wesen nicht von klein auf an das Straßenleben gewöhnt wären!" Ruhig entgegnete die Künstlerin den spöttischen Worten der Begleiterin : „An Hunger und Kälte, liebe Elsa, gewöhnt sich der ^Mensch nie und nimmer; übrigens interessnt mich der Knabe und wird mir morgen Modell stehen."
In dem Atelier der schon erwähnten jungen Malerin Mara Delius stand schüchtern ein ärmlicher, etwa 13jähriger Knabe und bewundene mit strahlenden Blicken die nie gesehene, fremde Umgebung. Bei jedem neuen Bilde, das er sah, steigerte sich sein Entzücken, und als er vernahm, daß die liebenswürdige Dame, die ihn umherführte, selbst die Schöpferin all dieser Kunstwerke war, blickten seine schönen, ausdrucksvollen, dunklen Augen in unbegrenzter Ehrfurcht auf in das feine, durchgeistigte Antlitz seiner Beschützerin. Leichter Wein und allerhand Naschwerk hatten den Knaben auch bald lebhafter gestimmt, ein liebes Kinderlächeln lag auf feinen Lippen, die sonst so blassen Wangen glühten; nur die großen Augen konnten nicht ganz den Ausdruck des Leidens verleugnen, und das machte Harry, den Bettelknaben, in diesem Augenblicke schön und ließ ihn zum Modell für Mara Delius werden. „Halte Dich ruhig in der Stellung, Harry, die ich Dir angab, und lehne Dich etwas fester gegen die künstliche Felswand. So, mein kleiner italienischer Hirte, nun sieh hierher zu mir und bald wirst Du von Dir selbst eben solch schönes Bild sehen, wie ich Dir vorhin deren viele zeigte."
So redete ihm Mara zu und er schaute sinnend, ohne seine Stellung zu verändern, zu ihr hinüber und im Taumel seiner aufgeregten Phantasie hielt er die Malerin bald für eine schöne, gute Fee, die ihn verzauberte. Als Harry nun am Schluß der Sitzung reich beschenkt nach Hanse entlassen wurde, gab er der Malerin ba§ Versprechen, am nächsten Tage wiederzukommen und er kam wieder, von da ab alle Tage.
Zweimal schon hatten die Bäume ihre Blätter gewechselt und Harry ging noch immer zuweilen in das Atelier Mara Delius. Sie war für ihn noch immer die gute, schöne Fee und er für sie der kleine, arme Bettelknabe, ja, kaum bemerkte sie cs, daß Harry inzwischen größer und kräftiger geworden war. Auch heute hatte sie ihm eine passende Stellung auf dem Divan, zwischen Palmen versteckt, angewiesen, und er träumte, glücklich im Anschauen der schönen Malerin versunken, von einem lieblichen, sonnigen Lande, wo er immer, immer in ihrer Nähe weilen durste und nicht zurückkehren mußte in das bittere, entsetzliche Elend, dem er nur entrissen war in den Stunden, die er bei ihr verlebte. Plötzlich öffnete sich eine Thür des Nebengemachs. Ein eleganter junger Mann trat heraus; nachdem er einige Worte mit Mara gewechselt, legte er seinen Arm um sie und sie küssend, sagte er im zärtlichsten Tone: „Nun, ich will Dich nicht mehr stören, Mara, aber bitte, arbeite nicht mehr allzu lange, denn wenn Du wüßtest, wie ich mich nach Deiner lieben Gegenwart sehne —" Lächelnd versprach die Malerin, seinen Wunsch zu erfüllen, darauf entfernte sich der junge Herr wieder auf demselben Wege, den er gekommen.
Mara malte weiter und Harry—? Seine Gesichtszüge hatten sich plötzlich auffallend verändert, ein tiefer Schmerz lag in den schönen, dunklen Augen. Nicht mehr lange und Mara legte Pinsel nnd Palette beiseite und Harry ging, um sich umzuziehen, bann suchte er Mara wieder auf, um ihr Adieu zu sagen. Lange und sonderbar schaute er sie heute an. „Was hast Du, Kind?" fragte deßhalb lächelnd die Malerin. „Ach, Fräulein^" antwortete der Knabe und seine


