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Nr. 149. Dienstag den L Juli

1890

Der

Gieße«er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener P««itte«Stätter werden dem Anzeiger »Schmtlich dreimal deigelcgt.

Meßmer Anzeiger

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

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chratisöeikage: chießener KamikienöläLter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Dent-cyrs Reich.

nn. Darmstadt, 28. Juni. Erste Kammer der Stände. Die gestern Mittag und heute gepflogenen Ver­handlungen drehen sich um die Rückverweisungen zweiter Kammer bezüglich der Nebenbahnen. Wie bereits berichtet, hat die zweite Kammer die Linie GuntersblumWorms ganz abgelehnt. Im Gegensatz hierzu beantragt das Haus die Einstellung der Theilstrecke RheindürkheimGuntersblum nach warmer Befürwortung des Freiherrn von Heyl und stellt dafür den Betrag von 85 000 M. ein.

Bezüglich der Linie FriedbergHungenNidda wird der Regierung möglichst freie Hand bei der Trace überlassen mit dem Wunsche auf möglichste Berücksichtigung der Braun­kohlenbergwerke bei Södel.

Dem Antrag W eith auf Berücksichtigung der Interessen Nieder-Ftorstadts bei dem Bau der Linie FriedbergHungen Nidda tritt die erste Kammer nicht bei, will vielmehr an Großh. Regierung das Ersuchen richten, bei Erbauung einer- späteren Linie die Interessen Nieder-Florstadts in Betracht zu ziehen.

Dem Antrag zweiter Kammer wegen der Bahn Laubach Mücke bezw. einem Punkt zwischen Mücke und Grünberg tritt das Haus bei. Der Ausschuß wünscht hierbei Berücksichtigung des Seenthals und stellt einen diesbezüglichen Antrag, welchem sich die Kammer anschließt.

Hiermit schließt die erste Kammer ihre Sitzungen um 10 Uhr. '

nn. Darmstadt, 28. Juni. Zweite Kammer der Stände. Die heutigen Schlußverhandlnngen des Hauses drehen sich noch auf Recomnnicativnen aus der ersten Kammer wegen der Nevenbahn-Vorlagen. Der Berichterstatter Abg., Theobald theilt zunächst dem Hause mit, daß auch die erste Kammer jetzt dem Beschluß der zweiten Kammer be­züglich der Bahn FriedbergHungen bezw. Nidda beigetreten, jedoch mit dem Wunsche möglichster Berücksichti­gung der Braunkohlenbergwerke bei Friedberg. Diesem An­trag stimmt die Kammer bei.

Bezüglich des Antrags Weith, ein Ersuchen auf Vor­lage eines Bahnprojectes, welches die Gemeinde Nieder-Flor- stadt berücksichtige, sofern dieses nicht bei der Linie Fried­bergHungenNidda der Fall sein könne, ist die erste Kammer nicht beigetreten und hat beschlossen, daß die Interessen Nieder-Florstadts bei einer demnächstigen Eisenbahnverbin­dung Berücksichtigung finden sollen. Diesem Antrag wird einstimmig beigetreten.

Wegen Erbauung einer Bahn von Laubach nach einem Punkt zwischen Station Mücke resp. Grünberg ist auch die erste Kammer beiZetreten, hat jedoch den Zusatz hinzugesügt unter möglichster Berücksichtigung des Seenthales. Nachdem Abg. v. Rabenau diesen Antrag unterstützt, tritt die Kammer demselben bei. Bezüglich der von^der ersten Kammer ange­stellten und von der zweiten Kammer gestern abgelehnten Bahn WormsRheindürkheimGuntersblum hat sich die erste Kammer, nm diese Bahn wenigstens theilweise für die Rheingemeinden zu retten, für den Bau der Linie Gunters­blumRheindürkheim ausgesprochen. Der Ausschuß der zweiten Kammer beharrt aus seinem früheren Beschluß.

Abg. Reinhardt ersucht das Haus, den Ausschuß­antrag abzulehnen und empfiehlt Beitritt zum Beschluß der ersten Kammer. Durch den Strich der Linie Worms sei die einzustellende Summe wesentlich gekürzt worden und es empfehle sich, baß man die fern vom Bahnverkehr abliegenden Rheingemeinden auch mit einer Bahn bedenken möge.

Abg. Schröder erklärt es für einen nicht wieder gut zu machenden politischen Fehler, wenn man nicht den Interessen und der Industrie dieser Gemeinden Rechnung trage und in den Verkehr hereinziehe, nachdem man so vielen Theilen des Landes Bahnen bewilligt habe.

Im gleichem Sinne sprechen noch die Abgg. Stephan, Frank und Bergsträß er, indem sie dem Haus empfehlen, doch auch bei dem letzten streitigen Project der ersten Kammer entgegen zu kommen.

Abg. Vogt spricht sich gegen Einstellung dieser Linie aus- für ihn sei es nicht maßgebend, daß die erste Kammer die Linie eingestellt habe. Diese möge nachgeben.

Abg. v. Rabenau empfiehlt die Vorlage im Interesse des Friedens und der ausreichenden Gerechtigkeit, da die Summen, welche man für Rheinhessen bewilligt, den andern Provinzen des Landes noch nicht gleich kämen.

Zum Schluß empfiehlt Abg. Haas die Annahme des Antrages, um sagen zu können:Ende gut, Alles gut." Durch die Annahme dieser Linie sei auch die Möglichkeit einer Verbindung mit der Provinz Starkenburg gegeben.

Nach erfolgter Abstimmung wird mit allen gegen fünf Stimmen sodann dem Antrag der ersten Kammer beigetreten.

Für den Bau dieser Linie werden 850,000 M. eingestellt. Als ungefähre Summe für die Ausführung sämmtlicher Nebenbahnen sind etwa 22^ Millionen Mark erforderlich.

Präsident Wolfs kehl gibt zum Schluß noch eine Uebersicht der in der 26. Landtagsperiode vom Hause er- ledigtey Gesetzentwürfe ?c. Dieses seien 104 gewesen. Da­von seien noch 6 unerledigt. An Anträgen seien 99 einge­bracht worden, 14 davon seien noch nicht erledigt. Petitionen, Vorstellungen seien 587 eingegangen, wovon 167 erledigt wurden. Von den unerledigten bezögen sich allein 118 auf die Organisation des Forstschutzes.

Ferner theilt derselbe noch mit, daß, soweit eine Eini­gung mit den Beschlüssen erster Kammer nicht erreicht sei, einseitige Adressen an die Regierung eingereicht würden.

Hiermit schließt der 26. Landtag seine Thätigkeit.

Präsident Wolfskehl dankt dem Bureau und dem Hause für seine Thätigkeit und schließt hiernach die Sitzung.

Darmstadt, 28. Juni. Heute Nachmittag 121/2 Uhr ist der 26. Landtag von Sr. Königlichen Hoheit dem Groß­herzog gemäß dem bereits bekannt gegebenen Programm ge­schlossen worden. Die hierbei von Sr. Königl. Hoheit von dem Throne an die Stände gehaltene Anrede hatte folgenden Wortlaut:

Meine Herren Stände!

Es ist Mir eine angenehme Empfindung, Ihnen bei dem Schlüsse des 26. Landtags persönlich Meinen Dank und Meine Anerkennung aussprechen zu können für die Hingebung und Pflichttreue, mit welchen Sie während desselben sich den Angelegenheiten des Landes gewidmet haben.

Nachdem in den vorausgegangenen Landtagsperioden die Gesetzgebung auf fast allen Gebieten, zuletzt in Bezug aus die direete Besteuerung und die Landeseultur, zu einem ge­wissen Abschlüsse gelangt war, sind es jetzt nur verhältniß- mäßig wenige, wenn auch nicht unwichtige gesetzgeberische Aufgaben gewesen, welche Ihre Thätigkeit in Anspruch nahmen.

Um so mehr dursten Sie, Dank dem günstigen Stande der Finanzen des Landes, im Einvernehmen mit Meiner Re­gierung sich mit Einrichtungen und Maßnahmen zur För­derung der Wissenschaft, des Unterrichts, der öffentlichen Wohl­fahrt im Allgemeinen, insbesondere der Landwirthschaft, des Handels und der Gewerbe und vor Allem des Verkehrswesens befassen.

Zahlreicher und namhafter als je sind die Mittel, welche Sie für die Zwecke der Hochschulen, des Volksschulwesens, der verschiedenen Zweige der Landwirthschaft, sowie zur Unter­stützung der Kreise und Gemeinden in Bezug auf öffentliche Unternehmungen Meiner Regierung zur Verfügung gestellt haben- vor Allem reichlich haben Sie die Mittel bemessen, welche der Ausdehnung und Vervollkommnung des Eisenbahn­netzes im Lande zu dienen bestimmt sind.

Ich gebe mich der Hoffnnng hin, daß alle diese Mittel unter dem Schutze und Schirme des Friedens, welchen das Reich und die Gesinnungen seines Oberhauptes uns gewähr­leisten, zum Wohle Meines geliebten Landes und Volkes ihre "ungestörte Verwendung finden.

Indem Ich Sie mit dieser Hoffnung und diesem Wuns^e zu Ihrer gewöhnlichen Thätigkeit entlasse, ertheile Ich. Ihnen gleichzeitig die Versicherung Meines fortdauernden landes- sürstlichen Wohlwollens.

Darmstadt, 28. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Heutigen dem Hauptmann a. D. Frhr. v. Normann den Character als Major zu verleihen geruht.

Berlin, 28. Juni. DerNeichsauzeiger" bezeichnet die Vermuthuugen der Presse über eine Schädigung der D eut sch- O st a f r i k a n i s ch e n Gesellschaft durch das deutsch-eng­lische Abkommen als unzutreffend. Der Gesellschaft falle die Aufgabe zu, nach Uebergang des Küstenstrichs mit der Insel Mafia das Gebiet zu eolonisieren. Die Regierung lege Werth darauf, daß die Ostasrikanische Gesellschaft Handel und Land- wirthschast an der Küste möglichst ausbreite und werde die Gesellschaft hierin nach Kräften unterstützen.

Berlin, 28. Juni. Aus dem Festeommers zu Ehren Wißmanns brachte Staatsseeretär Bötticher daö Hoch auf den Kaiser aus, der dem Unternehmen Wißmanns allerwärts seinen Beistand geliehen habe. Reichstagspräsident v. Levetzow toastete auf Wißmann und dessen Offiziere. Wißmann dankte Namens der Offiziere für den warmen Empfang und dem Reichstag für die ihnen geleistete Unterstützung; er brachte ein Hoch auf die Reichstagsmitglieder aus, wünschend, daß sie auch ferner seines Unternehmens unterstützend gedenken

möchten, da die Aufgabe noch nicht ganz gelöst sei. Windt- horst sagte nach einer launigen Rede, worin er erklärte, er werde Wißmann, der den deutschen Namen und die deutsche Ehre hochgebracht habe, nie im Stiche lassen, sie wollten sehen zu sparen, um ein Scherflein auch fernerhin beizutragen. Er toastete auf Wißmanns Mutter. Musikvorträge wechselten inzwischen mit Gesangsvorträgen. Unter den Anwesenden be­fanden sich auch viele freisinnige Abgeordnete. Beim Eintritt in den Saal gingen Wißmann und Wiudthorst Arm in Arm.

Aachen, 28. Juni. Die Handelskammer für Aachen- Burtscheid beschloß zum Schutze der durch die Kinleybill schwer bedrohten Textilindustrie und Nadelindustrie eine Eingabe an den Handelsminister zu richten.

Sigmaringen, 28. Juni. Der Cultusminister v. G o ß l e r und Minister v. Mitt nacht reisen heute nach Ulm zum Münstersest.

München, 28. Juni. Prinz Leopold ist gestern Abend als Vertreter des Prinzregenten mit seiner Gemahlin, Prin­zessin Gisela, zur Enthüllung des Denkmals für Ludwig I. mittelst Schnellzuges über Mannheim nach Edenkoben ab­gereist. Die Herrschaften nehmen in der Königlichen Villa Ludwigshöhe Quartier, machen Montag eine Rundfahrt durch die bayerische Pfalz und kehren am Abend desselben Tages zurück. Offieieller Empfang und Galadiner finden nicht statt.

Ausland.

Christiania, 28. Juni. Vorläufiges Programm: An­kunft des Kaisers am 1. Juli Abends- der König begrüßt den Kaiser an Bord desHohenzollern" und kehrt nachher Landungsbrücke zurück- Landung des Kaisers- Empfang durch die Spitzen der Civil- und Militärbehörden am Pavillon- Besichtigung der Ehrenwache- Fahrt nach dem Schloß, dort Begrüßung durch die Königin und die Hofchargen- darauf Familiendiner- am Mittwoch Ausflug nach Trognersätter, wo Dejeuner stattfindet. Ansprache des Stadtoberhauptes, das die Bitte vorträgt, den Weg von Trognersätter nach Holmenkolleu, welchen der Kaiser später zurücklegt,Kaiser- Wilhelms-Weg" nennen zu dürfen - Abend Galatafel.

London, 28. Juni. Eine Deputation der hiesigen Han­delskammer überreichte Lord Salisbury eine Darlegung ihrer Wünsche bezüglich der englischen Interessen in Ost- afrika und der schwebenden Verhandlungen mit Deutschland.

Sheerneß, 28. Juni. Die Kaiserin Friedrich ist mit ihren Töchtern auf der YachtVictoria und Albert" eingetroffen. Sie wurde vom Herzog von Connaught und dem Grafen Hatzfeldt begrüßt und reiste mit einem Sonderzuge nach Windsor.

Sofia, 28. Juni. Fürst Ferdinand bestätigte dasTodes- urtheil gegen Major Panitza.

Sofia, 28. Juni. Major Panitza wurde Vormittags 10 Uhr im Militärlager bei Sofia in Anwesenheit der Truppen und des Procurators Markow erschossen. Panitza starb vollkommen gefaßt mit den Worten:Es lebe Bulgarien!" Der Leichnam wurde der Frau Panitzas zur Bestattung übergeben.

Washington, 28. Juni. Der Senat genehmigte ein Gesetz, durch welches das Territorium Wyoming zum Bundesstaat erhoben wird.

Chicago, 28. Juni. Der Strike auf den Linien Chicago-Cairo und Amboy der Jllinois-Central-Eisenbahn ist beendet.

Deutscher Reichstag.

29. Plenarsitzung. Samstag. 28. Juni 1890, 11 Uhr.

In Erledigung der Tagesordlhung kommt zunächst der Antrag zur Berathung, der Vertagung des Reichstages vom 8. Juli bis 18. November d. I. zuzustimmen. Hierzu liegt ein Antrag des Abg. Graf v. Ballestrem (Ctr.) vor: 1. dem Anträge zuzustimmen, 2. die Gewerbeordnungs­commission zu ermächtigen, bereits vom 4. November d. I. ab zusammenzutreten, 3. den Präsidenten zu ermächtigen, für die Zeit vom 4. bis 18. November das Ausscheiden einzelner Mitglieder der Gewerbe-Commission zu genehmigen und andere Ersatzmitglieder zu ernennen. Staatssecretär vr. v. B ö t t i ch e r stellt Annahme des Antrages v. Ballestrem anheim. Abg. Richter (dfr.) hält das Tagen einer* Commission während einer Zeit, wo das Plenum nicht tagt, für einen bedenklichen Präcedenzsall. Abg. v. B e n n i g s e n (natl.): Die dem Reichstage gebotene Gelegenheit ist nicht verfassungswidrig und gibt dem Reichstage" Vortheile; wir haben also, wenn die Rcgiernng kein Bedenken hat, ebenfalls keine Ursache, den Antrag abzulchnen. StaatSsecretär v. Boetticher: Es würde nicht möglich sein, für daS