Ausgabe 
10.1.1889
 
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Reichstages vielleicht unmittelbar nach der ersten Lesung der zu erwartenden Afrika- Borlage eine längere Pause etntreten, die nicht nur den Commissionen des Hauses, sondern auch dem Landtage zu Gute kommen wird.

Das Interesse an den eolorrialpolittschen Vorgängen hat sich jetzt zwischep Oslafrika und Samoa zu thetlen. Denn auch die Samoafrage hat durch die neuesten, von der Samoa-Gruppe etngelaufenen Nachrichten über den zwischen den deutschen Marinetruppen und den aufständischen Eingeborenen stattgefundenen blutigen . Kampf, in welchem die Deutschen einen Verlust von über 50 Mann an Todten und j Verwundeten erlitten, einen acuten Character angenommen. Die unaufhörlichen In- j triguen der Engländer, namentlich aber der Amerikaner auf Samoa gegen die dortigen \ Deutschen, welche den Handel daselbst fast vollständig beherrschen, haben zu der Ver- ? schärfung der Gegensätze auf Samoa das ihrige beigetragen und auf amerikanische ] Hetzereien mutz auch der Ueberfall der Olga-Mannschaften durch die Anhänger des 4 deutschfeindlichen Häuptlings Mataafa zurückgeführt werden. Es kann nicht bezweifelt j werden, datz nunmehr ein energisches Vorgehen der Deutschen gegen die Partei Ma- taafa's erfolgt, denn das deutsche Blut, welches auf Samoa geflossen ist, darf nicht ungesühnt bleiben. Dann aber wird sich auch eine gründliche Auseinandersetzung zwischen Deutschland einer-, Nordamerika und England anderseits über die Samoafrage noth- wendig machen, denn die Entwickelung der Dinge zeigt, wohin das sonderbare gemein­same Protectorat der drei Mächte über Samoa führt.

Aus dem Haag waren in den letzten Tagen wieder sehr ungünstige Nachrichten über das Befinden des Königs Wilhelm von Holland eingegangen. Zwar be­sagt eine Meldung vom 7. Januar, datz bet dem hohen Herrn eine unmittelbare Lebens­gefahr nicht vorltege, aber augenblicklich ist der Zustand des durch seine lange^Krank- hett ungemein abgematteten greisen Herrschers ein derartiger, datz man sich auf die letzte, schlimmste Nachricht gefatzt machen mutz.

Die Proclamirung des anarchistisch angehauchten ultra radicalen Präsidenten des Generalrathes des Seine-Departements, Jaques, als alleinigen Candidaten der Repu­blikaner gegenüber Boulanger bei der bevorstehenden Pariser Ersatzwahl wird in den republikanischen Kreisen Frankreichs nur mit gemischten Gefühlen ausgenommen. Der gemätztgt-republikanischeTemps" bedauert die Aufstellung dieser Candtdatur, empfiehlt aber gleichwohl deren Unterstützung, da durch Jaques der boulangistische Eäsarisnms bekämpft werde. DieLiberty", ein anderes republikanisches Pariser Organ, spricht sich sowohl gegen Boulanger, wie gegen Jaques aus, denn ersterer be­deute die Dictatur, letzterer die Anarchie. Im nämlichen Sinne äußert sich auch das rinflutzreicheJournal des Däbats" und empfiehlt dasselbe den gemäßigten Republi­kanern Wahlenthaltung, während die Organe der Radicalen und der noch weiter links stehenden Gruppen die Candidatur Jaques' unterstützen. Dieselbe hat also nicht ver­mocht, die republikanischen Wähler von Parts gegenüber Boulanger vollständig zu einigen und die Boulangisten sehen daher der Wahl des 27. Januar mit um so größerer Zuversicht entgegen, als sie den Sieg ihres Parteigenossen Duport bet der Nachwahl in Larochelle als ein gutes Omen für sich betrachten können.

Die Mirristercrtsts in Serbien, welche so unmittelber an den Ausgang der Verfassern gscrisis anknüpfte, ist noch nicht beendigt, da die Unterhandlungen mit den Radicalen wegen Bildung des neuen Cabinets noch keinen Abschluß ersehen lassen. Einstweilen hat König Milan dem zurückgetretenen Cabtnet Cristics eine besondere Auszeichnung zukommen lassen, indem er den Mitgliedern desselben seinen wärmsten Dank für ihre dem Könige in der Verfassungssrage gewährte Unterstützung aussprach. Der König betonte hierbei, daß die Demission des bisherigen Ministeriums demselben um so mehr zur Ehre gereiche, als es nach parlamentarischem Brauche mit diesem Schritte bis zur Erledigung der Wahlen zur kleinen Skupschtina hätte warten können. Schließlich ersuchte der Monarch die seitherigen Eabinetsmitglieder, die Geschäfte bis zu seiner endgiltigen Entscheidung noch weiter zu führen. Jedenfalls steht die Beseiti­gung der serbischen Mintstercrisis erst nach dem griechisch-katholischen Neujahrsfeste zu erwarten.

Das Gerücht von einer geplanten Vermählung des Fürsten Ferdlnair- von Bulgarien mit einer belgischen Prinzessin erhält sich hartnäckig. Die Mutter des Bulgarentürsten, Prinzessin Clementine von Coburg, hält sich zur Zeit in Brüssel bei ihrem Bruder, dem Herzoge von Aumale, auf und wird ihre Anwesenheit in Brüssel mit der Absicht in Verbindung gebracht, die Vermählung des Fürsten Ferdinand mit der Prinzessin Henriette von Belgien, der ältesten Tochter des belgischen Thronfolgers, des Grafen von Flandern, zu betreiben.

Der Befnv entwickelt nach längerer Pause wieder einmal eine unheimliche Thätigkett. Seit Montag steigen aus dem Krater des Berges außergewöhnlich große Rauchsäulen auf, auch weißglühende Massen machen sich bemerklich und bis zum Fuße des südöstlichen Vesuvkegels ergießt sich ein Laoastrom. Irgendwelchen Schaden scheint indeß der Vesuv durch seinen jüngsten Ausbruch noch nicht angertchtet zu haben.

Der Senat der Bereinigten Staaten von Nordamerika hat zu der völker­rechtlichen Seite der Panama-Canal-Frage nunmehr unzweideutig Stellung ge­nommen. In geheimer Sitzung genehmigte der Senat am Montag mit 49 gegen 3 Stimmen einen Antrag, welcher in Kürze besagt, die Vereinigte-Staaten-Regierung würde jede Verbindung oder Befassung irgend einer europäischen Macht mit dem Bau oder der Controlle irgendwelchen Schiffscanals über die Landenge von Darien oder über Centralamerika überhaupt als den Interessen und Rechten der Union zuwider- laufend betrachten. Zugleich wird Präsident Cleveland ersucht, den Antrag den euro- Päischen Regierungen mttzutheilen. Offenbar bedeutet dieser Beschluß einen Wink mit dem Zaunpfahle für die französische Regierung, die Hand vom Panama-Canale zu lassen!

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz ° Bureau«:

Berlin, 8. Januar. Seine Majestät der Kaiser kehrte von Liebenberg Abends 7 Uhr 55 Minuten zurück. Der Reichskanzler wird morgen hier erwartet.

Nach derBerl. Börsen-Ztg." werden in der dem Reichstag noch zugedachten Militärvorlage die außerordentlichen Ausgaben auf 13 Millionen, die dauernden Aus­gaben auf 2 Millionen beziffert sein.

Berlin, 8. Januar. Der Kaiser ließ dem Magistrat folgendes Schreiben zugehen:

Der Beginn des neuen Jahres hat dem Magistrat Anlaß gegeben, mich durch freundliche Glückwünsche für die Zukunft zu erfreuen. Ich danke von Herzen für diesen erneuten Ausdruck treuer Gesinnung, indem ich zugleich die Hoffnung und den Wunsch ausspreche, daß die großartige Entwickelung Berlins auf allen Gebieten des städtischen Lebens, die ich mit lebhaftem Jnterefse verfolge, unter Gottes gnädigem Schutze gedeihlich fortschreiten möge. Wilhelm."

Die Kaiserin Augusta Viktoria ließ dem Magistrat folgendes Schreiben zugehen:

Der Empfang der mir zum Jahreswechsel dargebrachten guten Wünsche hat mich lebhaft erfreut. Ein Rückblick auf das abgelaufene Jahr bewegt uns heute in erneuter Frische und befestigt in uns das Bewußtsein, daß die Pflege der Erinnerung an die Heimgegangenen großen Kaiser uns für alle Zeiten als theures Vermächtniß ein schönes Vorrecht bleibt. Mit meinem Danke verbinde ich die Versicherung warmer Theilnahme für das fernere Gedeihen des großen hiesigen Gemeinwesens. Das fort­gesetzte Wachsthum der Stadt und der andauernde Zuzug fremder Elemente haben die

unvermeidlichen Nothstände im Gefolge, In deren Bckämpfung ich eine der vornehmsten: Aufgaben der Zukunft erblicke. Es wird mich freuen, auch im neuen Jahre den Werken barmherziger Nächstenliebe mein herzliches Interesse zuwenden und alle Bestrebungen unterstützen zu können, welche auf Linderung der geistigen oder körperlichen Roth ge­richtet sind. Augusta Viktoria."

Die Kaiserin Augusta ließ dem Magistrat folgendes Schreiben zugehen:

In den zum Neujahrstage an mich gerichteten Worten liegt warme Theilnahme an dem Verluste des verganaenen, bestimmte Zuversicht auf den Schutz und Frieden des beginnenden Jahres. Ich spreche für bte mir und den Meinigen kundgegebrne Gesinnung meinen aufrichtigen Dank aus. Die schmerzlichen Eindrücke der Jahres­wende sind gemildert durch die Liebesbeweise, die mir zu Theil werden und die mir als eine Verehrung des Andenkens gelten, dessen reicher Segen dauernd ruhen möge auf der Zukunft unseres Vaterlandes. Augusta."

Berlin, 8. Januar. DerReichsanzeiger" veröffentlicht ein Schreiben des Cabinetsraths der Kaiserin Augusta an den Geheimen Regierungsrath von Rollenburg mit dem Ersuchen, der Reichskanzler möge in einer geeigneten Weise die Nachricht widerlegen lassen, daß der verstorbene Cabinetsrath Brandis im Jahre 1870 geheime Depeschen aus dem Großen Hauptquartier während der Anwesenheit der Königin Augusta in Homburg dem damaligen britischen Gesandten in Darmstadt, Morier, im Vertrauen aus seine Freundschaft mitgetheilt habe. Die Königin habe überhaupt keine geheimen Militärischen Nachrichten erhalten, sondern nur zur Veröffentlichung bestimmte Depeschen. Allerhöchstdteselbe habe außerdem, als der Vormarsch der Truppen über die Mosel im August 1870 erfolgte, noch in Berlin verweilt und sich erst im Laufe des October nach Homburg begeben.

Berlin, 8. Januar. DerReichsanzeiger" schreibt: Die Eröffnung des Landtags findet am 14. Januar, Mittags 12 Uhr, im Weißen Saale des Königs­schlosses statt.

Den Abendblättern zufolge ist der Admiralitätschef Monts nicht unbedenklich an Lungenentzündung erkrankt.

Kiel, 8. Januar. DieKieler Zeitung" versichert bestimmt, datz die Nachricht von einer Verstärkung des Blokadegeschwaders vor Zanzibar dulch 200 bis 300 Mann der Begründung entbehre.

Wien, 8. Januar. DasFremdenblatt" erklärt authentisch, daß die Meldungen des Wiener Correspondenten derTribuna" bezüglich eines Schreibens des Kaisers an. Cardinal Simor wegen der Nichtberufung eines Katholiken-Congresses, in maßgebenden Kreisen als vollständig erfunden bezeichnet werden.

Wien, 8. Januar. Die russische Militärdeputation, die zur Beglückwünschung des KalferS eingetrosfen ist, wurde mit Hofequipagen eingsholt und hatte bei dem Kaiser eine Audienz. Morgen findet zu Ehren derselben etn Galadiner in der Hofburg statt. Heute sind die Deputationsmitglieder Gäste deS russischen Botschafters.

Paris, 8. Januar. Der Gesammterttag der Staatssteuern pro 1888 weist eine Mehreinnahme von 77 Millionen Francs gegen 1887 und eine Mehreinnahme von 40 Millionen gegen den Voranschlag auf.

Floquet wird am Freitag eine Deputation der Vereinigung der Actionäre. und Obligationsinhaber der Panamagefillschaft empfangen.

Rom, 8. Januar. Die osficiöseAgencia Stefani" bemenlirt die Zeitungs­gerüchte übet beabsichtigte Anleihen ober Credttoperattmien Italiens mit dem Htnzu- fügen, die italienischen Finanzen gestatten dermalen die Beftleitung der budgetmäßigen Ausgaben ohne alle Ausnahmemaßregeln.

Lokales.

Gießen, 9. Januar. Gestern Abend geriethen zwei Arbeiter auf der Wellers­burg in Streit, wobei der eine seinem auf der Erde liegenden Gegner einen Stich in den Hals beibrachte. Der Verletzte, gebürtig aus Wieseck, wurde alsbald zur ärztlichen Untersuchung per Wagen hierher gebracht.

Heute Morgen wurde der Dienstknecht eines hiesigen Fuhrunternehmers ver­haftet, weil er vor einigen Tagen seinem Dienstherrn eine Hundertmarkrolle geöffnet ünd 44 JL in rechtswidriger Weise davon an sich genommen hatte,

Vermischte-.

Lauterbach. Verflossenen Montag gingen einem Eisfuhrmann auf der Cent hier die Pferde durch und er gerieth zwischen Pferde und Vorderwagen. Die scheugewordenen ÄHiere rannten zweimal um den daselbst stehenden Laternenpfahl, wobei der Hinter­wagen umfiel, blieben aber endlich fefthängen. Der Fuhrmann, für dessen Leben man gefürchtet, kam mit dem Schrecken und einigen Hautabschürfungen davon; er hatte sich _ während der ganzen Katastrophe auf der Deichsel liegend fiftgehallen.

(Vogelsberger Höhenclub.) Wohl die ersten Besucher der Haupthöhen des Oberwalds irn neuen Jahre werden die Sektionen Darmstadt und Schotten gestellt haben, indem am 3. l. M. die Herren Oberbürgermeister Ohly aus Darmstadt und Amtmann Braun aus Lauterbach, welche den genannten Sektionen angehören, von Herbstein aus über Lanzenhain den Geiselstein, Taufstein, Hoherodskopf und di^erchen- hainer Höhe bestiegen, von wo der Rückmarsch über Herchenhain und Hartnmnnshain nach Grebenhain erfolgte. Gegenüber der strengen Kälte in den Thälern war die Lust auf den Höhen so mild, daß sich am GeiselsleinWeidenkätzchen" fanden- Bei voll­kommen klarer Luft waren die fernsten Berge sichtbar, nurT>ie Thäler waren theil- weise unter einer Nebelschicht verborgen. Die Thatsache der größeren Wärme auf den Höhen wird uns auch von anderen Seiten bestätigt.

A Mainz, 8. Januar. Da in Folge des Eisgangs und des niederen Wasser- standes der Schiffverkehr so gut wie vollständig eingestellt ist, hat in den letzten Tagen der Güterverkehr auf der Luowigsbahn wie auch auf der Rheinischen Bahn wieder eine sehr bedeutende Zunahme erfahren. Hauptsächlich ist es der Transit-Wagenladungs- verkehr in Kohlen, Holz u. bergl., welcher eine bebeutenbe Vermehrung ber Transport­mengen aufweist. Zeitweise war der Verkehr so stark, daß sich hier und da schon wieder Wagenmangel etnftellte.

Wie weit die Reclame heutzutage getrieben wird, läßt sich aus der Thatsache ermessen, daß ein hiesiges Abzahlungsgeschäft in verflossener Nacht in vielen Straßen der Stadt, namentlich wo Concurrenten wohnen, die Firma mittelst einer großen Schablone auf die Trottoirs malen ließ. Die Concurrenzfirmen sind über dieses neueste Mittel zum Kundenfang nicht wenig ausgebracht und haben die Polizei zur Jnterventton angerufen.

Aus Rheinhessen, 8. Januar. Der Gemelnderechner Zerban von Oppen­heim ist mit Unterschlagung einer bedeutenden Summe, man spricht von 48 000 X, seit verflossenen Samstag flüchtig. Die Staatsanwaltschaft hat einen Steckbrief gegen den Flüchtigen erlassen. Das Amtsgericht in Bingen hat die Gläubiger der falltten dortigen Firma Franz Allmann und Sohn auf Sonntag den 28. Januar zu einer Versammlung eingeladen.

Von der Nahe, 8. Januar. Aus der Umgegend von Kreuznach wird schon wieder etn Raubanfall berichtet. Unfern von Thalfang wurde am Samstag Abend ein junger Mann von drei Strolchen Überfällen. Den Plan, ihn feines Geldes zu berauben, vereitelte der junge Mann durch die Flucht. Noch in der Nacht gelang es, bte drei Strolche zu verhaften und sind es hoffentlich dieselben Leute, welche seit Wochen bte Umgegend unsicher machen.

= Frankfurt, 8. Januar. Heute Vormittag passirte auf dem Übungsplatz der hiesigen Jnfantertekaserne ein bedauerlicher Unglücksfall. Der Infanterist Matt aus Schreck bet Marburg, welcher als Marqueur thätig war, wurde bei der Schieß­übung mit Zielmunition erschossen. Die Kugel drang dem Unglücklichen in den Hinterkopf und kam zur Stirn wieder heraus. Matt diente im letzten Jahre.

Es verlautet, der ehemalige Main-Neckar-Bahnhof sei an ein Con- sortium, welches dortselbst ein großes Waarenlager zu errichten beabsichtige, verkauft worden.