Bekanntmachung.
Betreffend: Vorkehrung gegen Unglücksfälle beim Gehen und Fahren auf dem Eis.
Auf Grund des Art. 297 des Polizeistrafgesetzes wird das Betreten des Eises der Lahn bis auf Weiteres verboten.
Zuwiderhandlungen unterliegen einer Strafe von 1 JL bis JL 8.57.
Gießen, am 5. Januar 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 7. Januar.
Der Reichstag nahm am Dienstag seine durch die parlamentarische Weihnachtspause unterbrochenen Arbeiten bei nur mäßig besetzten Bänken mit der Fortsetzung der Specialberathung über den Etat des Reichsamtes des Innern wieder auf. Die Sitzung wurde durch die Discussion über Cap. 12, „Reichsgesundheitsamt", vollständig ausgesüllt und drehte sich die Debatte hauptsächlich um die (einer immer mehr in Aufnahme kommende „Weinfabrikation." Der pfälzische Abg. Grohs gab in Uebereinstimmung mit einem der rheinländischen Abgeordneten, Dr. Lingens, dem Wunsche nach Erlaß strengerer Bestimmungen gegen den Kunstwein und überhaupt eines allgemeinen Weingesetzes Ausdruck; dem gegenüber der Director des Gesundheitsamtes, Köhler, hervorhob, daß die Anschauungen über die Definition „Wein" weit auseinandergingen und selbst die richterlichen Entscheidungen in dieser Beziehung schwankten, von einer „Weinvorlage" versprach sich daher der Regierungs-Vertreter keinen sonderlichen Erfolg. Abg. Rickert zog den bekannten Danziger WeinfälschungS-Proceß in die Debatte und behauptete, daß das NahrungSmittel- gesetz sich aus das Weingeschäft nicht anwenden laste; die Durchführung strengerer Bestimmungen im Sinne des Dr. Lingens erklärte der freisinnige Redner als gleichbedeutend mit dem Ruin der deutschen Weinproduclion. Director Köhler erwiderte, daß der Danziger Weinproceß ja noch in der Schwebe sei und betonte im Uebrigen, daß das gegenwärtige Gesetz durchaus nicht besonders streng gehandhabt werde. Nationalliberalerseits befürwortete Abg. Dr. Buhl ebenfalls ein Reichsgesetz betreffs Verbots der Kunstweinsabrikation und verlangte, daß Weine, welche andere unschädliche Zusätze als Zucker enthalten, die Bezeichnung tragen sollen: „Verbefferte Weine." Der Abgeordnete für Mainz, Herr Racks, wollte den Weinproducenten gewisse Freiheiten beim Verschnitt der Weine gestattet wissen; von freisinniger Seite beleuchtete Abg. Dr. Bamberger das Weinthema in zum Theil humoristischer Weise, während sein Fraktions- genoffe Dr. Witte die baldige Einbringung einer Novelle zu § 10 des Nahrungsmittelgesetzes in Bezug auf die Weinproduction anregte. Nachdem schließlich noch der socialdemokratische Abg. Schumacher auf die Verunreinigung der Flüsse, speciell der Wupper, durch die Zuführung schädlicher Fabriksabfälle, hingewiesen, endete die Debatte unter Genehmigung von Cap. 12 mit einer Anzahl animir- ter persönlicher Bemerkungen, um vorläufig die „Weinsrage" noch beim Alten zu lassen. In der nächsten Sitzung am Freitag wurde die Specialberathung des Etats fortgesetzt.
Der preußische Landtag ist laut königlicher Verordnung auf den 15. Januar einberufen worden und somit wird sich die parlamentarische Saison binnen Kurzem zu ihrem eigentlichen Höhepunkte entfalten. Hoffentlich w™ . e8m r Reichstage in dieser Zwischenzeit noch gelingen, wenigstens die Mtutär-Vorlage zu erledigen, damit diese wichtige Angelegenheit nicht unter der unvermeidlichen Concurrenz zwischen Reichstag und Landtag zu leiden hat und hierdurch noch eine weitere Verzögerung erfährt. Die parlamentarischen Dis- Positionen gestalten allerdings die Hoffnung, vaß stch bis zum 15. Januar die definitive Erledigung der Militärfrage durch den Reichstag ermöglichen lasten werde, denn da die Militär.Commisston am Mittwoch in die zweite Lesung der Septennatsgesetzes eingetreten ist, so könnte das Plenum im Lause der nächsten Woche sehr wohl das Endurtheil sprechen. Wie aber dasselbe lauten wird, läßt sich auch jetzt noch nicht mit Sicherheit voraussagen und man kann darum einstweilen nur die Hoffnung aussprechen, daß der Abschluß der parlamentari- fchen Verhandlungen über die Militärsrage ein der Ehre und Sicherheit der Vaterlandes entsprechender sein werde.
V. « Die so viel erörterte „Affaire Villaume" wird nun doch auch die Gerichte beschäftigen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat gegen die „Pots- damer Nachrichten" wegen Verbreitung des Gerüchtes über die angebliche Ver- wundung des Militär-Bevollmächtigten Villaume in Petersburg die Einleitung des Strafverfahrens beantragt und dürsten aus gleichem Anlasse auch noch andere Blätter dieses Vorgehen zu erwarten haben.
, Prinzessin Marie von Württemberg, die älteste Schwester des Königs Karl, ist am Dienstag in Stuttgart verschieden.
Deutschland hat stch durch einen in Lissabon unterzeichneten Vertrag nun auch mit Portugal wegen Abgrenzung der beiderseitigen Macht« schären in West« und Ostafrika friedlich auseinandergesetzt, wie dies schon vorher mit Frankreich und England geschehen ist.
Zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxem« bürg soll, Brüsseler Privatnachrichten zufolge, ein „stiller Vertrag" betreffs gemeinsamen Vorgehens gegen Arbetterunruhen vereinbart worden sein. Die osficiösen Blätter der genannten Länder wissen allerdings nichts von einem solchen Vertrage, Der durch die Verhältnisse gewiß nur gerechtfertigt wäre und es kann darum die erwähnte Meldung nur mit allem Vorbehalte wiedergegeben werden.
Im Kohlenbezirke von Mons fand eine Gruben-Exploston statt. Bis M find 6 Tobte und 4 Verwundete ermittelt, doch wird sich leider die Zahl der verunglückten Arbeiter noch erhöhen.
, Die egyptifche Frage hat dem neuen französischen Cabinet Goblet zu einer abermaligen Aeußerung über seine Politik Veranlassung gegeben. Diese Aeußerung ist in dem bekannten Dementi des „Temps" enthalten, welches das Pariser Regierungsblatt den Meldungen englischer Blätter über die Neujahrs- Ansprache des diplomatischen Vertreters Frankreichs in Kairo, Grafen d'Aunay an feine dortigen Landsleute zu Theil werden läßt. Graf d'Aunay sollte geäußert haben, Frankreich werde eventuell zum Schutze seiner egyptischen Interessen besondere Maßregeln ergreifen. Der „Temps" constattrt nun, daß Graf d'Aunay einfach gesagt habe, das gegenwärtige französische Cabinet werde energisch bei der von Freycinet befolgten Politik verharren. Aber auch in dieser Fassung klingen die Worte des französischen Vertreters in Kairo wenigstens für englische Ohren noch bedenklich genug, denn Freycinet betonte ja noch kurz vor seinem Sturze, daß Frankreich in erster Reihe am Nil Lebens-Interessen
zu verfechten habe und wenn nun Graf d'Aunay sagt, daß auch das Cabinet Goblet an dieser Politik „energisch" festhalten wolle, so klingt das doch nicht besonders beruhigend für England. Indessen dürste dieser kleine Zwischenfall schwerlich zu irgendwelchen Weiterungen führen.
Die bulgarische Rundreise-Deputation ist durch den warmen Empfang, den |ie auf englischem Boden gesunden, zu einer scharfen Kundgebung gegen Rußland ermuthigt worden. Bei dem der Deputation zu Ehren im Londoner Stadthause veranstalteten Frühstücke hielt der Delegirte Kaltscheff eine Rede, in welcher er für die der Deputation in England zu Theil gewordene sympathische Aufnahme dankte und erklärte, Bulgarien werde den ihm ausge- zwungenen Kamps um seine Unabhängigkeit und seine nationale Individualität durchkämpsen, bis es hinreichende Garantien zur Sicherung dieses Zieles erlangt habe. Zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Sofia und Petersburg wird Herr Kaltscheff durch seine Auslassungen wohl nicht gerade beigetragen haben.
r .Das englische Cabinet ist in einem förmlichen Umhäutungsproceß begriffen. Zunächst hat der liberale Secessionist Goschen definitiv das Schatzkanzleramt an Stelle des grollenden Heißsporns Lord Churchill'« übernommen, womit Lord Salisbury bis aus Weiteres wenigstens der größten Verlegenheit entrückt ist. Weiter verlautet, daß Lord Jddesletgh, der Staatssecretär des Aeußern, ausscheiden und der Premier Salisbury dieses Portefeuille mit übernehmen werden; außerdem wird die Ersetzung des seitherigen Staatssecretärs für Indien, Croß, durch Lord Northbrook und die Uebernahme der Führung der conservativen Partei im Unterhause durch den bisherigen Kriegsminister Smlth angekündigt. Goschen wird, da er als Minister auch im Parlamente Sitz und Stimme haben muß, um einen erledigten Liverpooler Wahlkreis candidiren, wo fein Sieg durch das Zusammengehen der Conservativen und Unionisten gesichert ist. Eine weitere Londoner Depesche meldet, daß Smith die Führerschaft im Unterhause und zugleich den Sinecure-Posten als erster Lord des Schatzamtes angenommen habe; wer ihn im Kriegsministerium ersetzen soll, ist noch ungewiß. Jedenfalls werden diese umfassenden ministeriellen Veränderungen ihre Folgen in der inneren wie äußeren Politik Englands geltend machen.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 6. Januar. Das Dankschreiben des Kaisers an die hiesigen Stadtverordneten anläßlich der Reujahrs-Gratulations-Adresse schließt: „Die Fürsorge für das Wohl meiner Unterthanen ist die höchste Ausgabe meines Lebens. Ich werde in den Bestrebungen, sie zu erfüllen, nicht müde werden und hege das Vertrauen daß unter dem Schutze des Friedens, den Gott der deutschen Nation erhalten möge der Erfolg davon nicht ausbleiben werde." '
Berlin, 6. Januar. Der Kaiser nahm heute Vormittag militärische Meldungen entgegen und empfing daraus den Kriegsmintster, sowie den General Albedyll zu Vorträgen. Morgen findet zu Ehren des heute hier eintreffenden Herzogs von Coburg em größeres Diner bei den Majestäten statt, zu dem gegen dreißig Einladungen ergangen find. ö
Hirschberg i. Schl., 6. Januar. In Folge heftiger Stürme und enormer Schneeverwehungen sind auf's Neue große Verkehrsstörungen nach allen Seiten bin eingetreten. Bei Riebnitz entgleisten 7 Wagen eines Güterzugs/ Der gestrige Berliner Abendzug ist erst beute früh angekommen. Der Verkehr in der Richtung Breslau ist gesperrt. Zwischen Janowitz und Schildau ist ein Zug stecken geblieben, da die Maschine entgleiste Bei Merzdorf ist die Strecke vollständig verweht. Die Richtung Schmiedeberg bei Zillcrthal ist gesperrt, so daß Zuge nicht verkehren.
c, W*", 6. Januar. Dem heutigen Diner beim Kaiser wohnten die Botschafter Rußlands Md Frankreichs bei. ' 7 '
„ Paris, 6. Januar. Der deutsch- Botschafter, Graf Münster, wohnte gestern zum ersten Riale seit seinem llnwohlsein dem Empfange im auswärtigen Amte bei Er beabsichtigt stch heute auf einige Wochen nach Cannes zu begeben 8 C *
, Der Marineminister ordnete den Abgang aller Torpedoboote erster Elaste nach Toulon an, um größere Uebungen vorzunehmen.
der„Debats" aus Aden meldet, der französische Commandeur in Obok habe sich des Haupturbebers des Massacres in Ambadu bemächtigt
„ - Nachrichten aus Philippopel zufolge führte die Steuererhebung 'an einigen
Landorten zu Schwierigkeiten. Die Bauern flohen theilweise in die Berge, um sich der Steuerentrichtung zu entziehen. 1
„ „ London, 6. Januar. Der Staatssecretär der Colonien, Stanhope, nahm den Posten des Knegsministers an. F ’
Lissabon, 6. Januar. Die Deputirtenkammer ist heute aufgelöst worden. Die
Sofia, 6. Januar. Das Gerücht, die Regierung würde den Vrinren «nn «närtbCrS eriUd,en' nad) Bulgarien zurückzukehren, wirst osftctell für unbegründet
Lokales.
Gießen, 7. Januar. Beim Wcgräumen der Kohlenbllhne an der Oberhessischen Bah» wurde gestern durch Arbeiter eine Menge menschlicher Knochen blosgelegt,welch- ledenfalls nach Lage der Knochen von einem Massengrabe berrührten. Die Knochen lagen durcheinander und waren mit emer Kalkschicht überdeckt, so daß anzunehmen ist die hier Beerdigten seien vielleicht an einer Seuche verstorben. Vielleicht St un§ eine berufenere Feder Auskunft über diesen Fund? 9 cüt unö
Gießen, 7. Januar. Flurschütze Luh in Dudenhofen, welcher in Folge seines Berufes anerkennenswerth sich nebenbei auch bemüht, Wilddiebereien zu verhüttn batte einen beruchtlgten Wilddieb auf frischer That abgefaßt Z
0C ^aC^‘ neben einer namhaften Belohnung vom derzeitigen Jagdpächter
° $e P0U 50 ÖOln Allgemeinen deutschen Jagdschutzverein, Section
Der Schneefall.
t s. SCter, hriugt neue Meldungen über Opfer, welche der große Schneeiall geordert hat Man stnd-t letzt die Leichname vieler Personen, welche sich während des Schneetreibens unterwegs befandey und nicht an ihren Bestimmungsort gelangt Indern spurlos verschwunden waren. An einzelnen Stellen sind ganz ungeheure Schneemassen gefallen. Der einsam gelegene Bahnhof Oberhof bk
Station der thüringischen Bahnlinien, war mit seinen Beamten und Arbeitern sowie "E Anzahl erngeschnetter Fahrgäste mehrere Tage vollständig von der Außenwelt abgeschmtten, sodaß mehrmals dringend telegraphisch um Zuführung von Lebensmitteln gebeten werden mußte. Unter außerordentlichen Anstrengungen gelang «


