Nr. 1. Erstes Blatt. Samstag dm 1. Janlur ISST.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
B«reaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheik.
Das Großherzogliche Steuer-Commissariat Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Bezirks.
Zur Wahrung der Befitzwechsel aus dem Jahre 1886 ersuchen wir Sie um baldigste Einsendung der Ortsexemplare der Brandkataster, soweit solche sich nicht noch hier befinden, oder in den nächsten Tagen mit Declarationen etwa doch hierher gelangen und zwar mit paffender Gelegenheit.
Bescheinigungen über im Laufe dieses Jahres abgebrannte oder niedergelegte und bis jetzt nicht wieder aufgerichtete Gebäude müßten, falls solche noch berücksichtigt werden sollen, umgehend anher vorgelegt werden.
Gießen, den 31. December 1386.__Süffert.
Gefunden: 1 Boa, 1 Ledertasche, 1 Kindergummischuh, 1 Peitsche, 1 Filzhut, 1 Hundehalsband.
Zugelaufen: 1 Mopshund.
Gießen, am 31. December 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekan ntmachi» ng.
Als Gerichtstage für 1887 sind bestimmt: Dienstag und Donnerstag. — Die Gerichtsschreiberei ist täglich — mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage — von Vormittags 10 — 12 Uhr für die Rechtssuchenden geöffnet.
Lich, am 27. December 1886. Großherzogliches Amtsgericht Lich.
Langermann.
Zum Iahre5wechsel.
So mannigfach auch die Fragen und Mahnungen sind, welche am Jahreswechsel an die Menschen herantreten, so steht bei diesem Jahreswechsel doch über allen Fragen die eine: Wird das neue Jahr für die schwebenden politischen Conflicte eine friedliche oder blutige Lösung bringen? — Diese Frage ist von einer so cardinalen Bedeutung für die europäische, ja für die gesammte Culturwelt, denn ein Weltkrieg von furchtbarster Ausdehnung kann im neuen Jahre entbrennen, daß thatsächlich alles Andere, welches das Loos eines Menschen bseinfluflen kann, als minderwichtig zurücktreten muß. Wer würde noch über finanzielle, sociale und kirchliche Fragen streiten, wer die persönlichen Angelegenheiten in den Vordergrund seines Strebens stellen wollen, wenn die Nation, der er angehört, um ihr Dasein und ihre Freiheit ringen müßte? — Und doch giebt es auch Angesichts der bangen Sorgen um die politische Zukunft Europas und der Vaterlandes keine andere Stätte des Trostes als in dem eigenen Herzen und in der eigenen stillen Selbstprüsung. Wie wir in derselben stets neuen Muth und neues Gottvertrauen finden, wenn Hoffnungen unseres Lebens zerstört und Prüfungen uns gesandt werden, so werden wir auch mit einer ge- wissen ruhigen Zuversicht in politischer Hinsicht erfüllt, wenn wir der leisen Stimme des Herzens und der Pflicht Gehör schenken. Was in dieser Hinsicht der Einzelne empfindet, dies wird zum gemeinsamen erhebenden Gefühle für die ganze Nation, welche in der Mehrzahl ihrer wackeren Vertreter doch nur eines Sinnes sein kann, wo es sich um die Fragen der Pflicht handelt. So unentschieden nun aber auch die Zukunft des neuen Jahres in geheimnißvollem Dämmerlichte vor uns steht und so sehr wir uns auch innerlich für Prüfungstage rüsten müffen, so darf doch auch nicht vergessen werden, daß oft die schwärzesten Befürchtungen sich nicht erfüllen und in dunkelster Nacht häufig ganz unerwartet ein strahlender Stern austaucht. In den Augen aller Staatsmänner, welche ihre Ausgabe ernst und heilig auffaffen, ist der Frieden ein so hohes Gut, daß sie nichts unversucht lassen werden, um denselben zu erhalten und an dem Vorhandensein solcher Staatsmänner in Europa dürfen wir nicht zweifeln. Selbst in den Ländern, wo die Hetzereien an der Tagesordnung sind, haben die Staatsmänner noch eine Art hellige Scheu vor dem Kriege. Auch ist es allen Denen, welche über Krieg und Frieden zu entscheiden haben, bekannt, daß der Krieg leicht am schrecklichsten für das Land werden kann, welches ihn anfing oder erzwang. Die erträumten Siege verwandeln sich in der Wirklichkeit nicht selten in Niederlagen und an Stelle der Lorbeeren finden sich Gefangnenketten ein. Mag diese in der Weltgeschichte mit blutigen Lettern geschriebene Mahnung dazu beitragen, den Frieden im neuen Jahre zu erhalten!
Deutschland.
Berlin, 30. December. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht das seinem wesentlichen Inhalte nach bereits bekannte Uebereinkommen zwischen Deutschland und England, betr. das Sultanat Zanzibar und die Abgrenzung der deutschen und englischen JntereffewSphären in Ostasrika.
— Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht den Allerhöchsten Erlaß vom 29. November, welcher genehmigt, daß für Erwerbung des Grundeigenthums für den Nordostsee-Kanal das Enteignungsrecht angewendet werde.
Arrßkaud.
Petersburg, 30. December. Generalmajor Kaulbars ist zur Verfügung des Obercommandirenden der Garde-Truppen des Petersburger Militärbezirks gestellt.
Telegraphische Depeschen.
Wolsks telegr. Correspondenz ° Bureau.
Berlin, 30. December. In der heute Abend auf Tivoli stattgehabten, von mehr als 2000 Menschen besuchten Versammlung wurden zwei Resolutionen angenommen, deren erste es für nationale Pflicht erklärt, der Regierung die unbedingte Zustimmung zur Militärvorlage auszudrücken, und die Erwartung ausspricht, das deutsche Volk in den verschiedenen Gauen des Vaterlandes werde sich dieser Kundgebung anschließen. Die zweite an Bismarck gerichtete drückt das tiefste Bedauern über den Beschluß der Militär-Commission aus, hofft auf eine Mehrheit für die Vorlage bei endgiltiger Abstimmung und spricht, falls dies nicht geschehe, die Ueberzeugung aus, daß, was Bismarck immer beschließe, die begeisterte Zustimmung des deutschen Volkes finden werde. Die Versammlung wurde von Socialdemokraten vielfach gestört, so daß die Polizei mehrere verhaftete. '
Leipzig, 30. December. Die heute Abend im Krystallpalafte stattgehabte, von über 2000 Bürgern besuchte Versammlung nahm eiustimmig eine Resolution an, welche festes und unbegrenztes Vertrauen in die politische und militärische Leitung des Reichs, sowie die Ueberzeugung ausspricht, die Reichsregierung werde dem deutschen Volke keine Lasten ansinnen, die nicht für die Sicherheit des Vaterlandes unerläßlich seien, das deutsche^Volk werde daher die einem großen Zwecke dienenden Opfer willig auf sich nehmen. „Wir halten es für eine vatriotische Pflicht, alle Parteirücksichten schweigen zu lassen gegenüber der die Existenz des Reiches berührenden Wehrfrage und so sprechen wir die Erwartung aus, daß der Reichstag ohne Zaudern der Militärvorlage im Sinne der Negierung zustimme."
BreSlau, 30. December. Die feierliche Beisetzung der Leiche des Fürstbischofs fand heute Vormittag 10 Uhr im Dome unter Theilnahme des Oberpräsidenten, den drei Regierungspräsidenten, der städtischen Vertretung und der Maltheserritter statt. Erzbischof Dinder aus Posen celebrirte das Pontifical-Requiem, Prälat Spieske hielt die Trauerrede.
Paris, 30. December. Der Botschafter Herbette ist zum Großosficier der Ehrenlegion ernannt.
London, 30. December. Der Minister des Aeußern, Lord Jddesleigh, empfing gestern Nachmittag die bulgarische Deputation in herzlicher Weise und betonte die Sympathien Englands für Bulgarien. Lord Jddesleigh lud die Deputation ein, sein Schloß bet Exeter zu besichtigen, welche Einladung die Deputation annahm. Der frühere Generalconsul in Sofia, Frank Lascelles, welcher der Unterredung beiwohnte, folgte der Einladung ebenfalls. Die bulgarischen Delegirten werden sich von hier nach Paris begeben, wo sie bisher noch nicht verweilt haben.
— Lord Hartington ist gestern Abend um acht Uhr hier eingetroffen.
— Gutem Vernehmen nach hat Lord Hartington nach einer Berathung mit seinen Parteifreunden den Entschluß gefaßt, den von Salisbury ihm angebotenen Premierposten nicht anzunehmen.
Lokales.
Gießen, 1. Januar. Nach altgewohnter Gepflogenheit legen wir der Nr. 1 des Anzeigers den Miniatur-Kalender pro 1887 bei. Wir wünschen unseren Lesern, daß das neue Jahr alle die Hoffnungen erfüllen und die Befürchtungen zerstreuen möge, welche am Jahresschlüsse in der Brust des Einzelnen walten. Ein von Herzen kommendes Prosit Neujahr! rufen wir allen zu.
Universität- - Chronik.
— Der Privatdocent und Landes-Geologe Professor vr. Lossen, ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität Berlin ernannt worden.
Marburg, 29. December. Dem Vernehmen nach ist an Stelle des verstorbenen Geheimen Raths Professor Dr. Wigand Herr Professor Göbel von Rostock an die hiesige Universität berufen worden. Derselbe soll einen gleichzeitig an die Universität Leipzig erhaltenen Ruf abgelehnt und sich für Marburg entschieden haben.
verwischtes.
Kassel, 28. December. Die frühere Meldung, daß das hier und in Hanau garnisonirexde 97. Infanterie - Regiment mit dem 1. Juli 1887 nach Saarburg verlegt werde, bestätigt sich. Die Officiere und Unterofficiere haben bereits theilweise ihre Wohnungen rc. bis zu obigem Termine gekündigt. Aus Hanau wird Gleiches berichtet.


