de-halb als unentbehrlich im Pariser auswärtigen Amte; es scheint demnach seine Ernennung bis zur letzten Stunde geflissentlich als Geheimniß behandelt worden zu sein. Der neue französische Botschafter ist 47 Jahre alt und hat nach einer kurzen Wirksamkeit im Consulatsdienste seine ganze Carriöre im auswärtigen Amte gemacht, wo er unter Freycinet die einflußreichste Persönlichkeit des ganzen CabinetS geworden ist. Herr Herbette wird sich gegen Milte des nächsten Monats, nachdem der Kaiser von Baden-Baden zurückgekehrt sein wird, nach Berlin begeben, um sein Beglaubigungs-Schreiben zu überreichen.
Daß die Liebe zu dem gemeinsamen Herrscherhause immer wieder dasjenige Band ist, welches mit am stärksten die verschiedenen Völkerstämme der österreichisch-ungarischen Monarchie umschlingt, beweist die geradezu enthusiastische Stimmung, welche in der galizischen Bevölkerung anläßlich der bevorstehenden Gegenwart des Kaisers Franz Joses bei den Manönern in Galizien herrscht. Dieselbe dürste sich überall, wo der Monarch erscheinen wird, namentlich Seitens der Landleute, in stürmischer Weise äußern. An allen Stationen, welche der kaiserliche Zug passiren wird, sind bereits großartige Empsangs-Vorbereitungen getroffen. In Lancut werden den Kaiser nach polnischer Art bäuerliche Reiterschaaren begrüßen und den Hofzug und die Hof- Equipagen begleiten. Es werden Bemühungen ausgebolen, die durch den militärischen Charakter der Kaiserreise den Begrüßungen des Monarchen durch die Bevölkerung gezogenen engen Schranken einigermaßen zu erweitern und den Aufenthalt des Hofzuges in mehreren Stationen zu erwirken.
Die Christen-Massenmorde in Cochinchina und Anam bilden ein dunkles Blatt in der neueren Geschichte der französischen Herrschaft in Ostasien. Denn selbst den angestrengtesten Bemühungen der französischen Regierung ist es bis jetzt nicht gelungen, diesen Greuelscenen Einhalt zu thun und das ist im Grunde genommen für Frankreich, welches sich so gern als die christliche Vormacht im östlichen Asien aufspielt, doch recht beschämend. Erst im vergangenen August haben sich diese Metzeleien einer Depesche des Bischofs Puginier in Tongking zufolge wiederholt, indem in der Provinz Tanhoa 30 christliche Ortschaften niedergebrannt und hierbei 700 eingeborene Christen von tongkingnesischen Banden ermordet wurden. Vielleicht wird Frankreich doch noch genöthigt sein, den unverkennbar im Wachsen begriffenen Einfluß des Vatikans in Ostasien in Anspruch zu nehmen, um diesen fortgesetzten Massacres durch die Vermittelung des heiligen Stuhles bei China ein Ende zu machen; denn daß China in irgend einer Weise hinter diesen Metzeleien steckt, kann kaum bezweifelt werden.
Die beiden in Central-Asien mit einander rivalisirenden Mächte, Rußland und England, fechten dort gegenwärtig eine Art Eisenbahnkamps mit einander aus. Rußland baut bekanntlich eine zum Theil schon vollendete wichtige strategische Eisenbahn mit verschiedenen Seitenlinien mitten durch das Turkmenen-Gebiet bis hin zur afghanischen Grenze. England dagegen baut von Indien aus durch den Bolanpaß nach Quetta, diesem starken englischen Beobachtungsposten an der Grenze von Beludschistan und Afghanistan, eine ebenfalls in strategischer Beziehung wichtige Bahn. Wer von den beiden Rivalen als Sieger aus diesem eigenthümlichen Kampfe hervorgehen wird, läßt sich indessen noch nicht sagen.
Das englische Unterhaus nahm in der Nacht vom Freitag zum Samstag da» von Parnell eingebrachte irische Bodengesetz in erster Lesung an.
Mit der Abreise des Fürsten Alexander aus Bulgarien ist in den bulgarischen Angelegenheiten eine gewisse Stille eingetreten, wenigstens fließen die bezüglichen Meldungen lange nicht mehr so reichlich als zuvor. Von b-merkenswertheren Nachrichten ist da lediglich eine Mittheilung der Londoner „Morning Post" zu verzeichnen. Das genannte Blatt erfährt, der letzten Samstag in London stattgefundene Cabinetsrath habe über die Antwort auf die letzte Note der Pforte bezüglich Bulgariens berathen. Es handelte sich um die ernste Frage, ob die Signatarmächte Rußland gestatten wollen, die Unabhängigkeit Bulgariens zu zerstören und sich die Straße nach Konstantinopel auf- zuschließen. Aus dem Vergleiche des neuesten Artikels des „Journ. oe St. Pötersb." mit der türkischen Note folgert die „Morniq Post", daß das viel behauptete Einverständniß zwischen Rußland und der Psorte über die bulgarische Frage nicht exiftiren könne. — Nun, dem sei, wie ihm wolle; jedenfalls wird jetzt die englische Hintertreppen-Politik an dem Gange der bulgarischen Ereignisse nichts mehr ändern können.
Deutschland.
Darmstadt, 13. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog nahmen gestern Vormittag in Straßburg die Glückwünsche des Staatsministers v. Hofmann und dessen Familie zu Allerhöchstihrem Geburtsseste entgegen. Der Herr Staatsminister ließ Sr. Königl. Hoheit durch eine Militärkapelle ein Ständchen bringen. Daraus gratulirten Allerhöchstdemselben Se. Kaiser!, und Königl. Hoheit der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen. Um halb 9 Uhr fuhren Se. Königl. Hoheit der Großherzog nach Bickenbach, wo Allerhöchst- derselbe von Sr. Hoheit dem Fürsten Alexander von Bulgarien und Sr. Durchl. dem Prinzen Ludwig von Battenberg empfangen wurde. Demnächst sand in Jugenheim, wohin sich von Friedberg aus auch Se. König!. Hoheit der Erbgroßherzog und Ihre Großh. Hoheiten die Prinzessinnen Irene und A!ix begeben hatten, Großh. Familientasel statt. Die Rückfahrt Sr. König!. Hoheit des Großherzogs nach Straßburg erfolgte um halb 6 Uhr.
Darmstadt, 12. September Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst zu verleihen geruht:
1) das Comthurkreuz 2. Klasse des Verdienst-Ordens Philipps des Großmüthigen:
dem Oberst Baron v. Collas, Commandeur des 2. Infanterie-Regiments (Großherzog) Nr. 116;
2) das Ritterkreuz 1. Klasse desselben Ordens:
dem Stabsarzt Dr. Rabenau im 2. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116;
3) das Ritterkreuz 2. Klasse desselben Ordens:
dem Zahlmeister Kronbauer im 2. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116.
Außlaud.
Petersburg, 12. September. Der Prinz Wilhelm ist gestern früh
§on Brest-Litow»k abgereist. Aus dem Bahnhose verabschiedeten sich dar Kaiser
paar, der Thronfolger, die Großfürsten Georg und Wladimir herzlichst vom Prinzen, welchen der Kaiser wiederholt umarmte.
TeiegrcrMche Depesche«.
«ul«’» te8s-r. Ssrrts-orrdML -
Straßburg, 12. September, Abends. Der Kaiser machte heute Nachmittag eine Spazierfahrt. Um 5Vr Uhr fand bei den Majestäten ein Diner statt, an welchem die hier anwesenden fürstlichen Personen mit ihrem Gefolge theilnahmen.
Straßburg, 13. September. Der Kaiser weilte nach dem Diner einige Zeit auf dem Balkon des Statthalterpalais und wurde von der draußen harrenden Volksmenge jubelnd begrüßt. Der Kronprinz begab sich Abends nach der Freimaurerloge, das badische Großherzogspaar wohnte der Vorstellung von „Carmen" bei.
— Der Kaiser ist mit einem Extrazug um 10 Uhr 10Min. zum Corpsexerciren nach Brumath abgereist.
Straßburg, 13. September. Morgen Vormittag beabsichtiat der Kaiser, den Münster zu besuchen, Mittags den gestern abgesagten Empfang der Behörden und Körperschaften und Nachmittags die Huldigung der Landleute der Umgegend anzunehmen. Für 5Vz Uhr ist ein großes Diner in Aussicht genommen, woran die Civilbehörden, der Landes-Ausschuß und der Gemeinderath theilnehmen sollen.
Berlin, 13. September. Der „Kreuz-Ztg." zufolge würde dem Reichstag in der Herbstsession die Unfallversicherung für die Seeleute vorgelegt, auch seien Er- wäaungen im Gange über die Unfallversicherung für die bei Canalbauten beschäftigten Bodenarbeiter.
Berlin, 12. September. Der Afrikareisende Robert Flegel ist gestern in Braß (Nigermündung) gestorben.
— Der allgemeine deutsche Congreß zur Förderung überseeischer Interessen wurde durch Peters eröffnet. Jannasch bezeichnete als Zweck des Kongresses die Bildung einer starken colonialpolitischen Partei, welche gewillt sei, die colonialen Bestrebungen der Reichsregierung zu unterstützen. Den Vorsitz führen neben den Genannten Graf Behr-Bandelin, Viceadmiral Livonius, KnollPrag, Wolff-Siebenbürgen, v. Kosseritz Porto Allegre. Vier Sectionen wurden gebildet: Für praktische Colonisation, für deutsche Auswanderung, für deutsche Missionen, für Erhaltung der deutschen Sprache und Art in der Fremde.
Danzig, 13. September. Wie die „Danziger Ztg." meldet, wird das große Uebungsgeschwader der deutschen Marine am 16. September auf der hiesigen Rhede und zwar vor Zoppot eintreffen, wo der Schluß der Manöver- vor dem Chef der Admiralität, Generallieutenant v. Caprivi, stattfindet.
Wien, 13. September. Das „Fremdenblatt" schreibt: Kaiser Franz Josef brachte am Sonnabend bei dem Galadiner zu Ehren des Zaren einen Toast auf das Wohl desselben aus. Die Capelle spielte die russische Nationalhymne. Im Laufe der Nacht traf ein Danktelegramm des Zaren ein. Dem gestrigen Kaiserdiner wohnte Sturdza bei, welcher den Besuch Kalnoky's empfing und erwiderte und Nachts nach Lemberg zurückreiste.
Marseille, 13. September. In vergangener Nacht explodirte unter dem Haupt- thore des Docks eine Dynamitpatrone. Der Schaden ist unerheblich. Es heißt, die Patrone sei böswillig gelegt worden.
London, 13. September. Die „Morning-Post" schreibt: Die britische Antwort auf die türkische Note werde mit den Interessen des europäischen Friedens und den Traditionen Englands übereinstimmend befunden werden. Der Zweck der britischen Politik sei nicht einfach, einen zeitweiligen Frieden zu schaffen, der nur momentane Verwickelungen abwende, aber einen Zeitraum folgen lasse, wo politische oder militärische Vorbereitungen eintreten, die zu einer Katastrophe führen würden. Was England anstrebe, sei die Sicherung eines dauerhaften Friedens, welcher den ganzen Continent von den Befürchtungen und Bürden erlöse, die ihm durch die gegenwärtigen' Zustände auferlegt seien.
London, 13. September. Das Bureau Reuter erklärt die Nachricht, der englische Consul in Srfia, Lascelles, sei nach London zurückberufen worden, für unbegründet, mit dem Bemerken, daß der ehemalige Geschäftsträger in Sofia, Stevens, nach London zurückgekehrt sei.
Rom, 13. September. Gestern Abend fand eine nicht unerhebliche Bodensenkung vor dem Hauptthore der deutschen Botschaft (Palast Caffarelli) statt. Niemand ist verunglückt; nach demUrtheil der Architecten ist auch für den Bolschaftspalast selber keine Gefahr vorhanden.
Sofia, 13. September. Die Sobranje wurde von Stambulow mit einer Rede eröffnet, worin es heißt:
Sie kennen die letzten traurigen Ereignisse, welche das Land ertragen mußte und das Manifest des Fürsten, worin er erklärt, daß er in der Ueberzeugung, die Unabhängigkeit und die Rechte des Landes würden nicht verletzt werden, beschlossen habe, dem Throne zu entsagen, um die guten Beziehungen zwischen Bulgarien und Rußland, welchem Bulgarien seine Befreiung verdanke, schnell wieder herzustellen. Angesichts der kritischen Lage sind mir überzeugt, daß alle Bulgaren ohne Unterschied der Race, der Religion und der Partei durch ihr patriotisches Zusammenwirken die Regierung kräftig unterstützen werden, damit einerseits Ordnung, Ruhe und Sicherheit im Innern gewahrt werden, andererseits das Land die gegenwärtige Krisis unter voller Wahrung seiner Interessen überstehe. Damit der jetzt erledigte Thron nicht zu lange unbesetzt bleibt, wird die Regierung verfassungsgemäß in kürzester Zeit die große Sobranje einberufen.
Vor der Bureauwahl äußerte ein Deputirter, der erste Gedanke müsse dem fortgegangenen Fürsten gelten. Die Versammlung erhob sich mit dem Rufe: Es lebe der Fürst Alexander!
Sofia, 13. September. Auf das Glückwunschtelegramm anläßlich seines Namenstages beauftragte der Kaiser von Rußland den russischen Consul, der Regierung und den angesehensten Personen der hiesigen Bevölkerung zu danken und sprach die Hoffnung aus, daß Bulgarien, dessen Wohl dem Kaiser so sehr am Herzen liege, es verstehen werde, die Ruhe und Ordnung, deren es dringend bedürfe, zu sichern. Je mehr Bulgarien sich der Höhe dieser Aufgabe gewachsen zeige, desto mehr werde es sich die wohlwollende Protection des Kaisers sichern.
Lokale-.
Gießen, 14. Septbr. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 16. September 1886, Nachmittags 4 Uhr.
1. Verpachtung der Gemeindejagd.
2. Besetzung der Schuldienerstelle in dem Stadtmädchenschulgebäude.
3. Gesuch der Firma Goldenberg und Markus um Octroirückoergütung.
4. Quellwasserleitung.
5. Herstellungen in dem neuen Realschulgebäude.
6. Gesuch des Zugführers Franz Gerhards um käufliche Ueberlassuna städtischen Geländes.
7. Erbauung einer Tonhalle.
8. Die Aufnahme des Hamm in den Bauplan der Stadt Gießen.
9. Den Bau und die Unterhaltung der Kunststraßen.
10. Baugesuch des Gastwirths Heinrich Eiertänzer.
11. Gesuch des Vorstandes der katholischen Kirche um Wasserabführung.
12. Baugesuch des Tapeziers Wilhelm Reiber.
13. Gesuch des Kaufmanns Georg Emil Möhl um Wasserabführung.
14. Unterhaltung der Canäle auf dem Brand.
15. Erbauung eines Hauses für die Herberge zur Heimath.
16. Erbauung eines Schulhauses für die Stadtmädchenschule.
17. Bestellung eines Hilfsschützen.
18. Die Abschätzung der durch Truppenübungen entstandenen Flurschäden in der Gemarkung Gießen.
19. Grundzinsen.
20. Kostendecreturen.


