E. R. Berlin, 16. April, [Neidjfctag.] In der heutigen Sitzung des Reichstags wurde zuerst die jüngst abgebrochene Beratbung der Novelle zum ReichSbeamtengcsehc fortgesetzt, die wider (Erwarten einen großen Umfang annahm, da die Materie den verschiedenen Parteien zu Streiflichtern aus daS Beamtcnthum im Allgemeinen, auf die Abhängigkeit desselben vom jeweiligen Regierungssystem Gelegenheit bot. Dabei war cS natürlich nicht zu verwundern, daß auch die Ernennung eines DoctorS zum Professor, sowie der Brief eines Regierungspräsidenten an einen Minister in der Debatte berührt wurden.
Der in Frage stehende Gesetzentwurf bestimmt, daß ein Reichsbeamter, welcher die ihm obliegenden Pflichten verletzt, ein Dienstvergehen begeht und die DiSciplinar- bcstrafung verwirkt hat. War der Beamte vorher im Dienste eineS Bundesstaates angcstellt, so soll er wegen aller in diesem Dienstverhältnisse begangenen Dienstvergehen bestraft werden. Im Uedrigen soll ein DiSciplinarocrfahrcn wegen Handlungen, welche ein ReichSbcamtcr vor seiner Anstellung im Reichsdienstc begangen hat, nur dann zulässig sein, wenn diese Handlungen die Entfernung auS dem Amte begründen.
'Jiadibcm von den Gegnern des Entwurfs eingehend auSgeführt worden war, daß diese einseitige Ergänzung nicht genügen könne, eine wirksame Maßregel vielmehr nur im Zusammenhänge mit einer Regelung deS DiseiplinargesetzeS möglid) sei, wurde die Vorlage endgültig abgelebnt.
Bei der darauf fortgesetzten Berathung des Zolltarifs wurden die Bestimmungen der Vorlage für Häute und ixcUc, sowie für literarische und Kunstgegenstände, die zollfrei sind, mit einer kleinen, gegen den früheren Tarif geänderten Gruppirung der einzelnen Positionen angenommen. Artikel aus Asbest, Pappe, Papier, Garne, Schnüre, Gewebe u. dgl. erfuhren unter Ablehnung gestellter Vermittelungsanträge, eine erhebliche Erhöhung nach den Anttägen der Regierung; für laut» und flußwäris eingehenden Eement wurde, trotzdem die Reichsregieruug sich dagegen ausgesprochen, der beantragte Zoll von 0,30 X per 100 Kg. genehmigt, für Schlemmkreide dagegen verworfen.
In der Abstimmung über die von der freien wirthschaftlichen Vereinigung beantragten Einführung eines Zolles von 1 für Eidwrie, welche die Regierungsvorlage frei lassen will, wurde derselbe mit HO gegen 109 Stimmen angenommen, ein Beschluß, der in dritter Lesung hoffentlich Remedur erfährt.
Darmstadt, 16. April. Die zweite Kammer der Stünde hält am Dienstag den 21. April, Vormittags 9 Uhr, ihre nächste Sitzung. Auf der Tagesordnung steht:
I. Verkündigung neuer Einläufe.
II. Berichtsanzeigen.
111. Berathung über:
1) Die Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, den Gefetzentwurf, die Herstellung von Nebenbahnen betreffend;
2) die durch den Hauptvoranschlag der Staats-Einnahmen und Ausgaben in den Jahren 1886—88 unter Kapitel 119 (Centralbauwesen im Reffort der Section für innere Verwaltung^ und unter Kapitel 120 (Centralbauwesen im Reffort der Section für Justizverwaltung) ange- forderten Beträge, welche von den Ständen unter Beschränkung bewilligt sind;
3) den Antrag der Abgg. Baur und Friedrich, auf Verlegung der Station Arheilgen der Main-Neckar-Eisenbahn und zweckmäßige Regelung der Stations-Verhältniffe der Gemeinden Wixhausen und Erzhausen;
4) das Gesuch der Angestellten der Oberhessischen Bahnen, Gleichstellung | mit den Angestellten der Main-Neckar-Bahn betreffend;
5) die drei Beschwerden des Johann Zimmermann II., Schmied zu Bensheim, gegen Urtheile des Landgerichts und Oberlandesgerichts zu Darmstadt, in Sachen des katholischen Kirchensonvs zu Bensheim als Kläger gegen denselben;
6) die Bitte des Karl Reitz von Flensungen um Ertheilung eines Jagdwaffenpaffes ;
7) die Petition des Pfarrers Kaul zu Ruhlkirchen, bett, die Regelung der Diöcefan-Verhältniffe der Pfarrei Ruhlkirchen und die Erhöhung des Diensteinkommens des gegenwärtigen Inhaber» dieser Psarrstelle.
— Durch Beschluß der Königlich Preußischen Regierung, Abtheilung des Innern, in Kaffel vom 15. Januar L Js. ist die der Heffen-Naffauischen Viehversicherungü-Geselljchaft zu Marburg auf Grund des Statuts vom 10. Febr. 1870 ertheilte Concession zum Geschäftsbetrieb zurückgenommen worden. Der Beschluß ist am 8. Februar l. Js. rechtskräftig geworden. Die laufenden Der- sicherungS-Verträge haben bis zum 1. April L I«. Giltigkeit behalten. Da» LiquidationSverfahren ist eingeleitet.
— Die „N. A. Z." schreibt: „Bezüglich der aus der Bismarck-Spende zu errichtenden Stiftung hören wir, daß der Reichskanzler der Ueberzeugung fei, dieselbe müffe einem mehr als lokalen Zwecke dienen, da die Beiträge zu der gedachten Spende aus allen LandeStheilen herstammen. _ Aus dem Gebiete der Socialpolitik wird sich mit einem Kapital, das etwa 50,000 JL Zinsen jährlich abwirft, nichts Lebensfähiges schaffen taffen. Für eine allgemeine Stiftung, etwa im Sinne der Altersversorgung, reichen die vorhandenen Mittel nicht aus. Aus diesen Erwägungen ist der Herr Reichskanzler zu der Ansicht gekommen, daß sich als StistungSzweck die Gewährung von UniversitätS- stipendien empfehlen würde, und zwar fpeciell zu Gunsten der Studirenden und Kandidaten des höheren Lehrfaches. Dafür dürste unseres Erachtens insbesondere sprechen, daß die bezeichneten Kreise nach ihrem Ausgangspunkt und ihrer Dotation in Bezug aus Kindererziehung nicht bester gestellt find, als die Studirenden der Theologie und daß die Schwierigkeiten, welche in consessionellen Verhältniffen liegen, bei ersteren wegsallen".
Vorsicht sticht gegen den kriegerischen Taumel, in den sich die meisten Londoner Blätter hineingearbeitet haben, vortheilhast ab. UebrigenS erklärte der Premier Gladstone in der Dienstagssitzung des Unterhauses, daß von Petersburg gegenüber den Gerüchten von dem Vormarsch der Rusten im Murghab-Fluffe die Versicherung eingegangen sei, daß ein solcher Vormarsch nach den Befehlen und Intentionen der russischen Regierung nicht stattsinden werde. Dies klingt denn doch wieder hoffnungsvoller, zumal auch die „Daily News" schreiben, daß die betr. russische Depesche im versöhnlichen Tone gehalten und als Fortsetzung der durch die Affaire bei Pendjeh unterbrochenen Verhandlungen anzusehen fei. Hoffentlich dauern diese friedlichen Symptome an, trotz aller Nachrichten über die fortgesetzten Flottenrüstungen England».
Die Feindseligkeiten zwischen den mittel-amerikanischen Staaten haben, einer Depesche aus La Libertad zusolge, ausgehört. Eine allgemeine Amnestie ist verkündigt und sind die Friedens-Grundlagen von San Salvador wie von Guatemala acceptirt worden: Die Bevollmächtigten der mütel-amerikanischen Republiken würden demnach zum Abschluß eine» difinitiven Friedensoertrages in Acajutla zusammentreten.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'» telcgr. Eorrcspondcnz - Burean.
Berlin, 16. April. In der heutigen Sitzung bes Bundesratds wurde der zu Petersburg am 20. Mär; unterzeichnete Auslieferungsvertrag zwischen Deulfchland und Rußlanb an bcn Ausschuß verwiesen.
— Den Adenbblänern zufolge wirb bie Verlobung bc<? Erbgroßberzogs von Baben mit brr Prinzessin Hilba von Nassau bemnächft ofsiciell verkunbigt werden. Tie Vermählung bürste vielleicht schon im Herbste der Anwesenheit bes Kaiserpaares in Baben stattfinben. Der Erbaroßherzog kehrt am 1. September bauernd nach Baben zurück; er übernimmt währcnb des Sommers bas erste Garbe Ulanen-Regiment, worin er bisher eine Schwabron führte.
— Laut ber „Kreuzzeitung" ist der Stab der Kavalleriebivision des 15. Armee corps von Metz nach Straßburg verlegt und der Divisionscommandeur, Generallieutenam v. Hcnduck, unter Beibehaltung feines Tivisionscommandos, zum Generalcemmandv des 15. Armeecorps commanbirt worben.
— Das Abgeorbnctenhaus nahm beute bcn Antrag bes Adg. v. Eoncrn, den. bie Verwaltung ber örtlichen Polizei unb bie Vcrtheilung ber Soften für bicfelde, in ber von ber Commission beschlossenen Fassung an. Sodann wurde eine Reibe von Petitionen, darunter eine solche von Gymnasiallehrern über Rangoerhältnifse, erledigt. Bei ber Debatte über biete Lehrerpetition erklärte der Eultusmuiister v. Goßler, daß, wenn es gelänge, ben Wohnungsgelbzuschuß auch für bie Lehrer der nicht ftaatlidxn höheren Lehranstalten in dem nächsten Etat disponibel zu erhalten, auch bezüglich ön Rangoerhältnifse der Lehrer entgegenkommend entschieden werben solle; bost'entlich werde es gelingen, eine gewisse Ascension innerhalb ber einzelnen Provinzen einzuführen. Für bie auf morgen Vormittag 11 Uhr anberaumte nächste Sitzung ist bas Lehrer Pensionsgesetz auf bie TageSorbnung gefetzt.
— Der vormalige chinesische Gcsanbte Lisongpao reiste heute Abend nach Brindisi ab, um von da nach China zurückzukehren.
Bremen, 16. April. Der am 11. b. M. von Rewyork adgegangene Dampfer „Main" vom Norddeutschen Lloyb hat am 13. bs. mit ber nach Havre bestimmten russischen Barke „Kalaja" collibirt; bie „Kalaja" ist gesunken, ber „Main" ist leicht de schädigt unb hat Halifax angelaufen. Rach vorgenommener Reparatur wirb der „Mainseine Reise nad) hier fortsetzen.
Pari», 16. April. Die „Agence Havas" meldet, baß ber Finanzminister' zurück tritt, wahrscheinlich aus Gesundheitsrücksichten; er dürfte burch Sadicarnot ersetzt werben. DaS Unterstaatssecretariat ist Menarlborian angeboten; Cavaignac roirb Unter staatssecretar im Kricgsministerium.
— Eine Depesche Courbet's melbet: Der Kreuzer „Estaing" nahm noch vor Notisicirung ber Friedenspräliminarien ein chinesisches Schiff weg. woraus sich 750 Soldaten, Officiexe und 3 Mandarinen befanden.
— sadicarnot wurde zum Finanzminister, T»mole zum Arbeitsminister er nannt. „Journal Ofsiciell" wird dies morgen publicircn.
Part», 16. April. Eine Depesche des Generals Bridre bc l'JSle aus Hanoi von gestern sagt: Ich hatte Boten abgefanbt, um bie Chinesen von dem Aufhören der Feindseligkeiten zu benachrichtigen, bie Chinesen haben aber am 14. b., bevor meint Boten bcn militärischen Manbarinen Chinas, bie noch keine Nachricht aus Pekmc erhalten hatten, bavon Anzeige machen konnten, Kep mit etwa 2000 Mann angegriffen Der Angriff ber Chinesen ist zurückgeschlagen worden. Wir haben 1 lobten unk 7 Verwunbete. Die.Kanonenboote auf bem hellen Flusse erhielten gestern bei Ge legenheit einer auf dem schwarzen Flusse Dorgenommcncn Recognoscirung Gewehrfeuer erlitten aber keinen Verlust. Ein chinesisches Detachement, welches unsere Kanonen I boote angriff, würbe burch bie Garnison von Hon^hoa, bie einen Ausfall machte, ü. bie Flucht geschlagen. Ich habe auch nach bieser toeite Boten abgeschickt, um die Ein stellung ber Feinbseligkeiten zu oerfünben.
London, 16. April. Die 3. Ausgabe beS „Daily Telegraph" enthält eine Te peschc aus Wien von heute, welche besagt, baß bie russische Antwort an bie englische Regierung folgcnbe Stelle enthält: „Id) bin von bem Czaren beauftragt, der Regic rung ber Königin mitzuthcilen, baß nach ber Meinung bes Ezaren ber Krieg für beide Länder beklagenswerth fein werbe. Seine Majestät hat bie feste Hoffnung, daß ein Vergleich sich wohl rafch unb leicht bewerkstelligen läßt." Der russische Gefandte tele graphirte hierauf bie folgcnbe Antwort: „Das englische Cabinet bat bie Mittheilung Ihrer Excellenz gut aufgenommen." Die Depesche schließt, baß Grunb vorhanben fei eine friedliche Lösung ber Streitfrage zu erwarten.
London, 16. April. Die „Pall Mall Gazette" schreibt: Die Friebensnacbrichs. . finb fortgesetzt sehr günstige, ber Friede ist beinahe als gesichert anzufehen. Die Wünsche beider Regierungen sind höchst friedliche. Die Hoffnung, baß bie Krisis in nädntn Woche überftanben sein werbe, ist nicht grunblos. „Globe" äußert bagegen, eS sei die größte Thorheit, wenn Englanb angesichts der gigantischen Rüstungen rRußlunb I Letzterem eine weitere Frist zu Kriegsvorbereitungen gebe und warten wolle, bis Ruß I lanb es rundweg abschlage, Genugthuung zu gewähren. Dazu werde eS kommen, fobalb I Rußland sich stark genug fühle, ins Feld zu rücken.
— Oberhaus. Salisbury fragt, ob die Regierung Informationen über ben I Stand des Meinungsaustausches mit Rußland ertheilen könne, worüber io viele I Gerüchte umliefen. Granville erwidert, die Antwort Lumsdens sei noch nicht eingt I gangen. Thornton zeigte an, die Antwort Komaroffs werde erst in einigen lagen non I der russischen Regierung erwartet. "Natürlich habe er in so kritischen Zeiten öftere I Eommunikationen mit dem Botschafter Staat gehabt, es Habe sich dabei aber uni feine I officiellen Eommunikationen gehandelt, ausgenommen soweit es Tbatfachen betrefff- I Jersey vermuthet, cs sei unrichtig, daß die Regierung cingewilligt Habe, Pendjeh aui I zugeben. Granville erwidert, er müsse es wirklich ablehnen, über alle nicht autorifirten, I fast immer ungenauen Berichte betreffs des Vorgehens der Regierung Erklärungen I abzugebcu. — Die Bill über die Constituirung des australischen Bundesraths wurde I in erster Lesung angenommen.
Im Unterhaus erklärte Gladstone, ein "Nachmittags eingegangencs Telegramm I Thorntons sage mit wenigen Worten, es sei eine provisorische Verwaltung in Pendjet: I errichtet.
— Das „Bureau Reuter" meldet, ber ber russischen Botschaft beigegebnu I Ingenieur Lessar habe beute gegen einen Zeitungsrebacteur erklärt, bie Abttetung I Pendjehs an Rußland bilde bie Basis ber russischen Forberungen, weil die Occupaticn I Pendjehs durch bie Afghanen feine Hoffnung eines bauerhaften Friebens fei. I Gegenwärtig habe man starke Hoffnung auf ein befriebigenbeS Abkommen zwischen I Englanb unb Rußlanb. ,
— Unter bem Vorsitze bes Lorbmayors fanb heute Nachmittag im Hotel I Eannonftreet eine Versammlung statt, bie über ben gegenwärtigen Zustanb ber englischer I Marine beriech. Mehrere einflußreiche Parlamentsbeputirte ohne Unterschied bei I Parteistellung wohnten derselben bei. Es wurde eine Resolution angenommen, welch? I die Regierung aufforbert, für eine Vermehrung ber Schiffe, Geschütze unb Matrostr I unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, bamit bie Sicherheit bes Laubes fein' I Gefahr leibe. , ■
Petersburg, 16. April. Der „Regierungsanzeiger" melbet: Nach dem »c I richte des Generals Kamaroff aus Tafchfepri vom 6. d. M. flüchteten bie Reste de« I afghanischen Detachements nach Herat; ber Verlust ber Afghanen überschreitet hehödu I lich bie früher angegebenen Ziffern; viele kamen in Folge ber Kälte unb des Hunger' I um. Zwölf Tage bereits fällt Regen und Scknee. Tas von Luinsden ötTlaum I Lager Balamurghab ist durch die Afghanen verbrannt, die Kameele mit bem Proown I unb Theilen des englischen Eonvois sind durch Saryks forigejagt worden Um ewe I Anarchie vorzubeugen, mirb in Pendjeh eine temporäre Verwaltung organHirt. T» russische Detachement bleibt in Taschkepri. Zur Vorwärtsbewegung ist einstweilen feni I Rothwendigkeit vorhanden. ,
Rewyork, 16. April. Der Friedensvertrag zwischen den Staaten Eentrc Amerikas ist von den Friedensbevollmächtigten unterzeichnet worden.
Kairo, 15. April, sReuter Meldung.j Aus Dongola wird ecu von dm ' w I gcborenai berftammenber Gerücht gemeldet, wonach Osman Digma s ü«nze >Ltre«nna I sich zerstreut bade, weil bie Orte, worauf er wegen Verprooiantirung unb Wall erzürn rechnete, von ben Engländern besetzt seien. . ,.{A_
Luakim, 16. April. Heute wurde Ctao wrdentandslov von den engltl®r Truppen besetzt. Der Bau der Eisenbahn bis Handub roirb morgen vollendet i
Bahn soll bann sofort bis Otao roeitergefübrt werden. Zur Verwendung der dc Babnarbriten werden 100 indische Kulies erwartet.
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