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unb lärmendsten Auftritte, die einem Handgemenge ähnlicher sahen, als einer geordneten Berathung. Dr. Mandl sah stch schließlich genöthigt. in einer ge­heimen Sitzung den von ihm gebrauchten Ausdruck:Verdächtige Wirthschast" zurückzunehmen. Die Wiener Tagesprefle bezeichnet einstimmig derartige Vor­gänge als keinesfalls förderlich für den Ruf des Gemeinderathes und überhaupt der Hauptstadt und verdammt in kräjtigen Worten das Gebühren Dr. Mandl's und seiner Anhänger.

Mit dem Wechsel im französischen Kriegsministerium ist zugleich eine energische Wiederaufnahme der französischen Operationen aus dem tongkingnesischen Kriegsschauplätze erfolgt. Hier glänzt jetzt der Name des Generals Negrier, welcher den Chinesen unmittelbar hintereinander zwei blutige Niederlagen bereitet hat. Beide Male war der Ort Chu der Schauplatz des Kampfes, wohin die Chinesen nach ihrer ersten Niederlage in verdoppelter Stärke zurückgekehrt waren. Aber auch diesmal wurden die vortrefflich ge­wählten chinesischen Stellungen von den Franzosen nach heftigem Kampfe durch­brochen und die Chinesen mußten sich unter Zurücklassung von zwei Batterien und ihrer gesammten Kriegsbagage zurückziehen. Ihr Verlust beträgt ca. 6000 Todte und zahlreiche Verwundete, während die Franzosen in beiden Gesechten zusammen nur 19 Todte und 68 Verwundete gehabt haben wollen. Ob Negrier's Erfolge durchschlagende gewesen sind, muß freilich nach Lage der Sache bezweifelt werden, immerhin kommen sie dem neuen französischen Kriegsminister Lewal gerade gelegen, um sich bei der öffentlichen Meinung des Landes günstig einzuführen.

Seitens der Londoner Regierungskreise fühlt man sich bewo­gen, den Unmuth und die Erregung, welche die neuesten deutschen Colonial- Erwerbungen in Südafrika und m der Südsee bei der englischen Nation her- vorgerusen haben, zu beschwichtigen, dies um so mehrmals sich diese Erregung zum guten Theile gegen das Cabinet Gladstone selbst richtet. In Birmingham ließ sich kürzlich der Handelsminister Chamberlain in einem Arbeiter-Meeting über die deutschen Colonial-Erwerbungen aus. Er erklärte hierbei, England dürfe sich nicht darüber beunruhigen, daß Deutschland von einigen Gebieten Besitz ergriffen habe, deren Erwerbung der englischen Negierung zu unbedeutend erschienen sei. England habe seine Verpflichtungen gegen seine Colonien nicht vergessen, sei aber nicht befugt, Annexionen fremder Mächte zu verhindern; nur wenn die Rechte und Freiheiten der englischen Colonien in Australien bedroht fein sollten, würde das Mutterland energisch für dieselben eintreten. Aus den ganzen Aeußerungen Chamberlain's geht hervor, daß sich das Londoner Cabinet durch den colonialen Chauvinismus eines Theiles der englischen Nation nicht zu unbedachtsamen Schritten gegen Deutschland hinreißen lassen will und diese Mäßigung kann nur gute Früchte tragen.

Jenseits der Pyrenäen tritt die Politik vor dem namenlosen Unglück, welches die jüngsten Erdbeben über das südliche Spanien gebracht haben, einstweilen in den Hintergrund zurück. Noch ist die Größe des angerich­teten Schadens und des Elends, in welches die Bevölkerung der heimgesuchten Provinzen durch jene Elementar-Ereignisse versetzt worden ist, nicht genau bekannt, aber schon steht fest, daß hieran keine der elementaren Katastrophen, von denen man in den letzten Jahren in Europa gehört hat, hinanreicht. Wie bei der Katastrophe von Ischia, so wird sicher auch jetzt das Unglück, welches gerade die blühendsten spanischen Provinzen, denGarten Europas", betroffen, die all­gemeinste Theilnahme in Europa Hervorrufen. Bereits ist der Papst mit schönem Beispiel vorangegangen, indem er für die von dem Erdbeben betroffenen Bewohner des südlichen Spaniens 40,000 Frcs. gespendet hat. In Granada wie in Malaga haben übrigens am Montag neue Erderschütterungen stattge­sunden, auch in Motril und Loja nahm man Erdstöße wahr.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correfpondenr-Bureau.

Berlin, 8. Januar. Auf die von dem Magistrate anläßlich des Jah­reswechsels an Ihre K. K. Hoheiten den Kronprinzen und die Frau Kron­prinzessin gerichteten Glückwunsch-Adressen sind folgende Antworten eingegangen:

Mit ausrichtigem Danke habe Ich das sreundliche Schreiben erhalten, in welchem Mir der Magistrat nach altem Brauche seine Glückwünsche zunr 1. Januar darbringt und zugleich der Erlebnisse theilnehmend gedenkt, welche das abgelaufene Jahr für Mich einschloß. Der Rückblick auf dasselbe giebt Mir begründeten Anlaß, Meiner Genugtuung über den glücklichen Aufschwung Aus­druck zu geben, welchen die Entwickelung Berlins mit der Hebung des Wohl­standes wie der Ausbreitung von Bildung und Gesittung unter der Einwohner­schaft fortgesetzt nimmt. Möge das neu beginnende Jahr die Hoffnungen erfüöen, welche Ich für das Wohl der Hauptstadt und ihrer Bürger in unver­änderter Theilnahme hege.

Berlin, 3. Januar 1885.

gez. Friedrich Wilhelm, Kronprinz."

Ich danke dem Magistrate von Berlin für die guten Wünsche, welche Mir derselbe beim Eintritt in das neue Jahr in alter, Meinem Herzen liebge­wordener Weise dargebracht hat. Gern erwidere Ich dieselben mit Meinen besten Wünschen für das fernere Wohl Berlins und seiner Bewohner. Möge das neu beginnende Jahr der immer mächtiger sich entwickelnden Hauptstadt ein Jahr des Glücks und des Segens werden.

Berlin, 4. Januar 1885.

gez. Victoria, Kronprinzessin.

In der heutigen Stadtverordneten-Sitzung wurde Straßmann mit 98 von 111 Stimmen als Vorsteher, Büchtemann mit 73 von 115 Stimmen als dessen Stellvertreter wiedergewählt. Der Gegen-Candidat Straßmann's war Büchtemann, der Gegen-Candidat des Letzteren bei der Stellvertreterwahl Dr. Stryk; auch die bisherigen Beisitzer und Stellvertreter wurden wieder­gewählt.

Einer Anregung des Staatssecretärs v. Schelling solgend, haben sich sämmtliche im Reichstage sitzenden Rechtsanwälte zu einer freien Commission zur Revision der Gebührenordnung vereinigt.

Berlin, 8. Januar. Reichstag. Zweite Etatberathung. (Retchsamt des Jnnernj Im Laufe der Debatte über das Auswanderungsgesetz erklärt StaatSfecretär Bötticher, bte Vorarbeiten darüber feien noch nicht abgeschlossen, doch sei dessen Vor­legung sehr ernstlich tn8 Auge gefaßt. Schon jetzt warne die Regierung vor der Aus­wanderung in Territorien, welche für die deutschen Auswanderer ungünstig seien. (Der Reichskanzler tritt tn8 HauS ) Die Controle der AuSwavderungSschiffe sei so strenge, wie die betreffenden Vorschriften solche zulassen. Die deutschen Schiffe seien viel besser 418 die englischen. Gegenüber Dirichlet, welcher behauptete, daß an der Fortdauer der Zroße« AuSwandernng der neue Zolltarif Schuld sei, erklärte BtSmarck, die Aus­

wanderung sei gewachsen und wachse stets nicht mit dem Niedergänge, sondern mit dem Wachsen der allgemeinen Wohlhabenheit. Je größer der Woulstans um so hoher würde die AuswanderungSzrffer sein- Der Zolltarif habe also seine Dienste gethan. Die Communallastrn seien bei unS so groß, daß die Arbeiter, die etwas erüvrtgt Haden, auSwandern, um sich diesem Drucke zu enlsiebrrr. Richter betont die Auswanderung der Tabaksarbeitcr und die aus armen ländlichen Bezirken der östlichen Gegenden. BiSmarck sagt dem gegenüber, die ausgewanderten Tadaksarbeiter wüßten doch Geld gehabt haben. Die von Richter erwähnte große Auswanderung auS den östlichen Pro- v nzen beweise nur, daß dort keine Wohlhabenheit herrsche; deßhalb müssen wir unsere Arbeit noch mehr schützen, damit der Landmann nicht nach Amerika geht. Der kleine Besitzer wandere auS, weil er seine Arbeit nicht mehr belohnt sähe. Außer der Com- munalsteuer drücke noch die Grundsteuer und die Lasten der neuen Justizverwaltung ouf die Gemeinden. D'e Zollgesetzgebung hat die Wohlhabenheit und diese wieder die Auswanderung vermehrt. Richter behauptet, die Politik deS Reichskanzlers belaste die Besitzlosen zu Gunsten der Besitzenden. Bismarck behauptet, daß gerade das Gegev- theil der Fall fei. Wenn wir die Landwirthschaft schützen, so geben wir den Besitzlosen Gelegenheit, bei den besitzenden Landwirlbm Geld zu verdienen. Auf die Frage deS Vorredners erwiderte er, er wolle durch Erhöhung der Kornzölle die Lasten mindern und fei hierin im Etnorrständmß mit allen Landwirthen. Richter bezeichnet die Korn­zölle als kein Glück für die Landw rtbschaft und erinnert den Reichskanzler an die Ansichten vor 1876. Bismarck wünscht Richter dieselbe Fähigkeit zu lernen, die ihm eigen. Wir brauchen Kornzölle, denn wir sind ein Volk von Bauern. Richter versteht Land unb Zeit nicht. Kardorff tritt Richter entgegen. Rickert erinnert an die Grundsätze der Conservaltvrn biS 1876 und constatirt den Erfolg der Kornzölle als Ziel der Regierung.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Meldung verschiedener Blätter, daß daS g:sammte, Ostern 1879 an das Unterrichtsministerium übergegangene technische Unterrichtswesen mit neuem Etat an daS Handelsministerium überwiesen werden solle, tst in dieser Ausdehnung, wie wir hören, nicht richtig. Insbesondere bestätigt eS sich nicht, daß die technischen Hochschulen von dem Unterrichtsministerium wieder abgezweigt werden sollen.

Ferner reproducirt dieNorddeutsche" daS vomStandard" am d. d. M veröffentlichte Schreiben deS Parlamentsmitglieds Forster, betitelt:Unsere Pflicht gegenüber den Colonieen", und sagt, der rublge, sachliche Ton der Auslassungen sticht vortheilhaft von der Leidenschaftlichkeit und Erregtheit ab, womit ein Theil der eng­lischen Presse und, wie eS scheint, auch amtliche Kreise in den australischen Colonien die Nachricht von den deutschen Besitzergreifungen in der Südsee ausgenommen haben."

Paris, 8. Januar. Der Proceß der Madame ClovlS HugueS begann heute vor dem Schwurgerichte. Der Zuschauerraum war überfüllt. Madame HugueS gibt zu, ihren Verleumder mit Vorbedacht getödtet und sich mit diesem Ent­schlüsse schon seit dem 25. März v. I. getragen zu haben. DaS Verhör ergibt nur bereits Bekanntes. '

Paris, 9. Januar. (Privat - Depesche). Das Schwurgericht sprach Frau Clovis-HugueS von der Anklage der Ermordung Morin's frei, verur- theilte sie jedoch mit Rücksicht auf den Civilkläg-r zu einer Entschädigungs­summe von 2000 Frcs. mit Zinsen, sowie in die Kosten.

Die Gebrüder Ballertch, von denen der eine PoUz ücommtffar und der andere Polizeioffizter ist und deren Mutter kürzlich ermordet wurde, drangen um 11 Uhr in das Geschäftslokal des ultra-radikalen JournalsCrt du peuple", von welchem sie heftig angegriffen waren, gewaltsam ein und verwundeten.den Redacteur durch einen Degenstich, worauf dieser den einen der Brüder, Norbert Ballertch, mit einem Revolver leicht verwundete. Die anderen Redacleure stürzten sich auf die Brüder und entwaffneten sie.

Wien, 8. Januar. Heute fand daS feierliche Leichenbegängniß des Fürsten Adolf Auersperg statt, der Kaiser und der Kronprinz hatten zu demselben Vertreter entsandt. Ministerpräsident Taaffe, die Minister und viele Notabilitäien wohnten dem­selben persönlich bet.

Sandringham, 8. Januar. Heute begannen die zur Feier der Großjährigkeit deS Prinzen Albert Victor, ältesten SohneS des Prinzen von Wales, veranstalteten Festlichkeiten; zur Theilnahme an denselben find die meisten Mitglieder der königliche« Familie und zahlreiche andere hohe Gäste hier eingetroffen- Von einer großen Anzahl von Städten sind Deputationen entsendet, welche Glückwunschadressen über­reichten-

Bafel, 8 Januar. Wie dieAllgemeine Schweizer Ztg." meldet, tst bei dem heute früh um 7 Uhr bet der Station Oerltkon (Zürich) stattgehabten Zusammenstoß zweier Eisenbahnzüge Niemand getödtet, aber mehrere Personen verwundet worden; ein Schaffner wurde lebensgefährlich verletzt, eine Locomotioe und 6 Wagen wurden ganz oder tbeilwetse zertrümmert. Der Zusammenstoß soll durch unrichtige Weichen­stellung herbetgeführt sein.

Petersburg, 8- Januar. Nach einer Meldung aus Bigawestschentk traf dort jüngst ein chinesischer Präfect von Aigun ein, um die russischen Behörden zum Ein­schreiten gegen die russischen Untertanen zu veranlassen, welche auf chinesischem Ufer des Amur befindliche Goldfelder ausbeuteten. Der russische Gouverneur lehnte eine Einmischung ab und stellte den Chinesen anheim, sich selber zu schützen. ES ver­lautet, daß daraufhin 500 Mann chinesischer Truppen zum Schutze der Goldfelder ab- gesandt werden sollen.

Riga, 8. Januar. Das Fahrwasser bis zur Einmündung der Duena in die See wird durch Eisbrecher sreigehalten, der Schiffsverkehr ist deshalb ganz unbehindert.

Lokales.

Gießen, 9. Januar- Wie wir erfahren, ist der Großherzoglich hessische Bau* Accessist vr. Emil Laubenheimer, ein geborener Gießener, zum Etsenbahn-Bau- tnspector bet der Verwaltung der Reichs-Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen ernannt und demselben die Stelle deS Vertreters des Vorstehers des bautechnischen BureauS der General-Direction zu Straßburg übertragen.

(Musik.) Nach dem für nächsten Sonntag vorliegenden Programm des im Saale des GesellschafisveretnS stattfindenden ConcertS darf man die besten Erwartungen hegen, da die Mitwtrkenden sowohl, wie die gewählten Mustkpidcen einen genußreichen Abend versprechen.

Ein Covcertprogramm gewinnt immer bedeutend an Interesse, wenn eS Solo­vorträge mit Orchesterbegleitung bringt, wie in diesem Falle das Beethoven'sche Vtoltnconcert und die schöne Don Juan Arie:Thränen vom Freunde getrocknet" für Tenor.

Da Herr Tivadar Nachez, wie wir bereits erwähnt haben, nicht nur eia berufener Violinist, sondern auch ein eifriger strebsamer Künstler ist, der durch fleißiger Studium nach den höchsten Zielen strebt, so wird er seine ganzen Kräfte aufbteten, um unserem musikalischen Publikum zu gefallen.

Dasselbe wird bet Herrn Georg Ritter der Fall sein, der unS außer oben­genannter Arie noch ein interessantes Lied aus den Ztgeunermelodien von Anton DvorLk und daS immer wieder gern gehörte Wanderlied von R- Schumann zum Besten gibt.

Wir verfehlen daher nicht, alle Concertfreunde nochmals ganz besonders auf den bevorstehenden Concertabend aufmerksam zu machen.

Eine ergötzliche Scene ereignete sich gestern Morgen in einem entlegenere» Theile unserer Stadt. In einem Hofe stritten sich zwei Frauen wüthend, die eine 6ei der angehenden Kälte nur mit Hemd und Schuhen bekleidet, um ein Waschsetl, das t« diesem Falle aus mehreren aneinander gebundenen Stückchen Kordel vertreten wurde. Durch daS Gelächter der herbeiströmenden Zuschauer sah sich die hitzigste aenötbiat da« Feld zu räumen. * y

Vermischte-.

Schmalkalden, 3. Januar. Als ein gewiß außerordentlich seltene« Vor« kommmß muß es bezeichnet werden, wenn eine Familie in einem Kalenderjahr mit einem Zuwachs von fünf Sprößlingen erfreut (?) wird, ein Curiosum, welche« that- sächlich tn die hiesigen Annalen hat verzeichnet werden können. Gerade der letzte Tag