Politische Ueberfkcht.
Gießen, 27. April.
Das Tagesereigniß in unserer inneren Politik ist die in der Bundesraths-Sitzung vom Montag, den 24. d. Mts., erfolgte Annahme der Tabakmonopol-Vorlage. Gegen dieselbe waren 22, für dieselbe 36 Stimmen , es hat sich demnach eine größere Majorität für das Monopol ergeben, als ursprünglich erwartet wurde. Den Ausschlag gaben Bayern und Hessen? Nachdem so das Tabakmonopol durch das Feuer der Buudesraths-Verhand- lungen glücklich hindurch ist, fragt es sich nur noch, welche Aufnahme ihm im Reichstage, dessen Eröffnung heute Donnerstag, Nachmittags 2 Uhr, erfolgte, zu Theil werden wird. Indessen ist die Ansicht allgemein, daß der Reichstag sich in dieser Angelegenheit nicht durch das Votum des Bundesrathes beeinflussen lassen, sondern die Monopol-Vorlage mit großer Mehrheit ablehnen werde. Wie freilich der Reichskanzler Fürst Bismarck eine derartige Entscheidung des Reichstages aufnehmen würde, darüber herrscht zur Stunde, selbst bei den Officiösen, noch völlige Ungewißheit.
Die „E l s a ß -'L o t h r i n g i s ch.e Z e i t u n g" veröffentlicht eine aus 5 Paragraphen bestehende Allerhöchste Verordnung, datirt Wiesbaden, 21. April, drrksh welche zur Beaufsichtigung und Leitung des gesainmten höheren und niederen Unterrichtswesens im Reichslande, mit Ausnahme der Universität, der landmirth- schaftlichen und gewerblichen Fach-Lehranstalten, eine mit dein Ministerium in Verbindung stehende technische Centralbehörde unter dem Namen „Oberschulrath" gebildet wird. Mit dem Jnslebentreten des Oberschulraths hört die Unterrichts- abthellung des Ministeriums zu bestehen auf.
In Wien hat am Montag der große Proceß bezüglich der Ringtheater-Katastrophe begonnen. Die Anklage der Staatsanwaltschaft richtet sich gegen folgende Personen: 1) Ritter von Rewald, früherer Bürgermeister von Wien, 2) Theater-Director Franz Jauner, 3) Maschinist Josef Ritsche, 4) Feuerwächter August Breithöfer, 5) Hausinspector Franz Geringer, 6) K. K. Polizeirath Anton Landsteiner, 7) Ingenieur des Wiener Stadtbauamtes Adolf Wilhelm und 8) Requisitenmeister der städtischen Feuerwehr in Wien Leonhard Herr. Die Anklage begründet in klarer und sehr eingehender Weise die Jedem der Genannten gemachten Vorwürfe, doch gestattet uns hier die Beschränktheit des Raumes nicht, die einzelnen Punkte der Anklageschrift anzuführen. — Im Gegensatz zur ungarischen Delegation, welche auf dem Abstrich von 2 Millionen von dem von der Regierung verlangten Pacisications-Kredit beharrt, hat die österreichische Delegation beschlossen, auf der vollen Bewilligung des Kredits zu bestehen.
Die Führer der gegen das neue Schulgesetz gerichteten Bewegung in Frankreich sind durch die verhältnißmäßig geringen Erfolge, die sie in den Generalräthen und bei den Gelvzeichnungen für katholische Schulen gehabt , keineswegs entmuthigt. So werden von ultramontaner Seite energische Anträge gegen dieses „gottlose Gesetz" in den Kammern vorbereitet, obwohl die Antragsteller selbst von der gänzlichen Aussichtslosigkeit ihres Ansturmes überzeugt sein könnten. Außerdem wird vom 9. bis 13. Mar eine große Katholiken- Versammlung in Paris tagen, um die Schulfrage in Schwung zu bringen und auch noch weitere Demonstrationen sind in dieser Angelegenheit in's Auge gefaßt. — Das „Journal officiel" veröffentlicht das auf die Reorganisation der Verwaltung Tunesiens bezügliche Decret.
Die englische Regierung kann sich noch immer nicht entschließen, den den Iren gegenüber neuerdings eingeschlagenen Weg der Milde unb Versöhnung zu verlassen. Wie verlautet, will das Cabinet Gladstone dein Parlamente als weiteres Heilmittel den Erlaß der rückständigen Pachtreste in Irland vorschlagen. So lange aber die irischen Landligisten fortfahren, durch neue Agrarverbrechen die Regierungs-Autorität zu verhöhnen, so lange werden auch alle weiteren Heckmittel nichts fruchten.
Aus Rom wird vom Montag den 24. d. Mts. gemeldet, daß der Papst am Vormittag des genannten Tages den preuß. Gesandten v. Schlözer in feierlicher Audienz empfangen hat. Der Papst saß unter einem Baldachin und mar von seinem ganzen Hofstaate, dem Majordomus, dem Oberceremonien- meister, Oer Nobelgarde und der Palastwache umgeben. Der Gesandte überreichte seine Creditive mit einer officiellen Ansprache. Der Papst gab in seiner Erwiderung der Freude über die Wiederanknüpfung der diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen und dem Vatikan Ausdruck. Hieruf wurden die Hofstaaten entlassen und Herr v. Schlözer hatte sodann noch eine halbstündige Privataudienz beim Papste. Nach derselben stattete der Gesandte dem Kardinal-Staats- secretär Jacobini einen Besuch ab.
Das dänische Landsthing (Herrenhaus) hat das Finanzgesetz in vierter Lesung berathen und alle vom Folkething daran gestrichenen Ansätze mit 44 gegen 14 Stimmen wieder hergestellt. Dieser Vorgang ist für die Ausgleichsversuche, welche von dem hierzu gewählten Ausschüsse zwischen beiden Kammern gemacht werden sollen, gerade nicht von günstiger Vorbedeutung.
In Nordafrika scheinen sich nicht nur in Egypten, sondern auch in Tunesien, resp. Tripolis, ernste Dinge vorzubereiten. In Tripolis soll die Aufregung gegen die Franzosen im Wachsen begriffen sein, die türkische Regierung hat die zum Theil verfallenen Festungswerke von Tripolis vollständig wieder Herstellen lassen und ziemlich beträchtliche türkische Truppen-Abtheilungen lagern vor der Stadt, bereit, wie behauptet wird, demnächst die tunesische Grenze zu überschreiten. Die türkische Regierung befürchtet offenbar, daß die Franzosen auch gegen Tripolis vorgehen könnten und deshalb erklären sich die genannten Maßregeln, welche ihrerseits nicht verfehlen können, das Mißtrauen Frankreichs hervorzurufen.
Darmstadt, 25. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 15. April den Hauptsteueramts-Afsistenten 1. Klasse bei dem Hauptsteueramte Gießen, Georg Schreiber, bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.
— Der erste Ausschuß der zweiten Ständekammer tritt am nächsten Donnerstag, den 27. April, Nachmittags 3 Uhr, zu einer Sitzung zusammen. Gegenstände der Berathung sind: 1) Rückäußerung der ersten Kammer bezüglich des Budgets, 2) Vorlage Großh. Regierung, die Bildung der Provinzialfonds für den Neubau von Kreisstraßen betreffend, 3) sonstige rückständige Gegenstände. Voraussichtlich wird am folgenden Tage mit der Großh. Regierung verhandelt werden.
m. Darmstadt, 26. April. Das Bedürsniß der Großherzoglichen Brandversicherungskasse aus dem Jahre 1881, auf welchem der in 1882 zu zahlende Brandsteuerausschlag beruht, berechnet sich nach einer soeben erschienenen Bekanntmachung b££ Brandversicherungs - Commission an Brandentschädigungsgeldern mit Abschatzungskosten in der Provinz Ob crh ess en auf 160,162 JL 55 H, in der Provinz Starkenburg auf 466,073 Jü 4 4 (darunter 137,267 69 H vom
Brande zu Klem-Steinheim am 4. September 1831) und in der Provinz Rheinhessen auf 195,798 16 folglich an Entschädigungen und Abschätzungskosten
zusammen auf 822,033 75 Die Verwallungskostcn betrugen 16,654 7 \
darunter 12,712 J6 10 $ Besoldungen und ständige Remunerationen; die Gebühren der Großh. Steuercommissäre 17,378 JL 10 H Bei letzterem Posten sei bemerkt, daß nn Jahre 1831 7303 Veränderungen im Besitze und 9038 Veränderungen an den Verstcherungskapitalien stattgefunden haben. Die Erhebgebühren für die Unter- und Ober-Erheber berechnen sich auf 35,010 JL, die verschiedenen Ausgaben auf 609 Als Beitrag in den Fonds zur Unlerstützung an Personen, welche in Folge ihrer Theil- nahme an den Löschanstalten verunglückten, und ihrer Hinterbliebenen, sowie zur Forderung des Feuerlöschwesens, insbesondere zu Beiträgen an Feuerwehren und Gemeinden gemäß Art. 1 des Gesetzes vom 10. September 1878 erscheint 1 pCt. der mit 9314 M.. Zur Ergänzung des Betriebsfonds dec Brandversicherungs- kasse sind 30,412 JL 54 erforderlich Zur Deckung des Bedürfnisses sollen auf ie 100 Versicherungskapital 10 H Beitrag ausgeschlagen und in einem Ziele rm Monat Juli d. I. erhoben werden. Das Versicherungskapital beträgt nach dem Htande am Schlüsse des Jahres 1881 in der Provinz Oberhessen 252,694270 Jt, Starkenburg 271,159,010 und in der Provinz Rheinhessen 307,558,180 JL, demnach im Ganzen 931,411,460 J4.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Correspondenz-Birreau.
Berlin, ,26. April. Das Abgeordnetenhaus lehnte den Antrag Büchle- inann's auf Einsetzung einer parlamentarischen Eisenbahn-Commission ab, genehmigte sodann den Rest der Vorlage über die Eisenbahnräthe und nahm das Gesetz über den Erwerb der Anhaltischen Bahn in zweiter Lesung nach den Anträgen der Commission an, ebenso den Nachtrags-Etat. — Morgen Petitionen.
— Gegenüber der Blättermeldung, daß die Regierung mittelst der Genehmigung des Compromisses mit dem Centrum einen Handel in der Monopolfrage treibe , sagt die „Nordd. Allg. Ztg.", daß bisher in keiner Erwägung des Staatsministeriums über das Compromiß weder schriftlich noch mündlich die Stellung des Centrums in gedachter Beziehung auch nur entfernt berührt oder angedeutet worden sei, daß vielmehr die Erwägungen lediglich von den Gründen, welche der Regierungsvorlage beigegeben sind, geleitet worden seien.
Leipzig, 26. April. Der Professor der physikalischen Astronomie an der hiesigen Universität, Dr. Zöllner, ist gestorben.
München, 26. April. Die Kammer der Abgeordneten lehnte sämmt- liche von der Reichsrathskammer wieder eingestellten Positionen in den Etats aller Ministerien, sowie alle Dispositionsfonds und den Namens des Gesammt- ministeriums gemachten Vorschlag des Finanzministers ab, die Summe aller Dispositionsfonds (45,000 ji.) als „Unterstützungen" in den Staatshaushalts- Etat einzusetzen. Heute findet eine Abendsitzung statt.
Mannheim, 26. April. Heute Mittag ist ein großer Brand in der Zeughauskaserne ausgebrochen, in Folge dessen ein großer Vorrath an Ausrüstungs-Gegenständen zu Grunde ging. Das Dach und der vierte Stock sind gänzlich ausgebrannt. Leider sind einige schwere Verletzungen von Militär- und Feuerwehrleuten zu beklagen.
Straßburg, 26. April. Der Statthalter General-Feldmarschall v. Manteuffel ist heute Mittag nach Wiesbaden abgereist.
Wien, 26. April. Ofsiciell. Bei Jelovido (südwestlich Crkoice) wurde am 23. ds. eine Abtheilung, welche zum Wasserholen commandirt war, von Insurgenten, die über Pazum gekommen waren, aus Hinterhalten beschossen. Hierbei warben 4 Mann schwer verwundet. Die Bedeckungsmannschaften vertrieben, unterstützt durch herbeigeeilte Abtheilungen der Feldwachen, nach kurzem Gefechte die etwa 30 Mann starke Jnsurgentenabtheilung. Am 15. und 22. ds. wurde das Terrain zwischen Trebinje, Ljubinje, Nevesinje und Gaczko von 26 neben einander vorrückenden Compagnien durchstreift, wobei kleinere Jiffurgen- tenbanben bis zu 50 Mann stark bei Koseindol, Krstac und auf der Baba Planina zersprengt wurden. Die Insurgenten verloren mehrere Todte und Verwundete, sowie Lebensmittel und Munition; 7 Insurgenten wurden gefangen. Die Truppen hatten keine Verluste.
Wien, 26. April. Rmgtheaterproceß. Heute wurde das Zeugenverhör fortgesetzt. Es wurven vernommen der Architekt Forster und der Theater - Jnspector Richter, welcher den Angeklagten Rüsche leichtfertiger GeschäftSzebahrung zeiht; ferner der Administrator des Stadterweiterungsfonds, der ehemalige Ringlheater-Director Völkl, der Stadtbauamts-Director Arnverger, welcher den Ingenieur Wilhelm und den Requisitenmeister Heer als pflichttreue und gewissenhafte Beamte bezeichnete. Ferner wurden mehrere belanglose Zeugen und der Secretär Giesrau vernoinmen.
London, 26. April. Im Unterhause beantragt Redmond die zweite Lesung oer Novelle zur irischen Landakte, wobei er betont, daß die Nolhwendigkeit, letztere zu amendiren, jetzt allseitig anerkannt werde. Gladstone nimmt gern an, daß die Bill der authentische Ausdruck des Wunsches der Mitglieder Redmond und Genossen sei, die wirksame Ausführung der Landakte behufs Wiederherstellung der Ordnung in Irland herbeizuführen; er könne aber die zweite Lesung nicht unterstützen, weil er an der Ansicht festhalte, daß jede Störung der Wirksamkeit der Landakte unerwünscht sei. Er wolle heute nicht auf die etwa in dieser Session nöthigen Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung in Irland eingehen; die Frage der Pachtrückstände erheische eine praktische Erwägung und eine unparteiische Lösung durch das Parlament in dieser Session, unter Berücksichtigung aller Interessen. In Betreff der Frage des Ankaufs von Pachtgütern durch die Pächter werde die Regierung sich anläßlich des Antrages Smith's aussprechen. Die Bill sei der erste Hoffnungsstrahl in dem dunklen Zustande; denn obwohl er an der Macht des Reiches nicht im Geringsten zweifle, glaube er doch, daß der Zwang dem Geiste der Verfassung gänzlich fremd sei. Er wünsche ernstlich die Vervollständigung einer befriedigenden Gesetzgebung als den Schluß wichtiger parlamentarischer Arbeiten für die Wohlfahrt, den Frieden und die Glückseligkeit Irlands. — Die Debatte wurde bis gegen den Schluß der Sitzung fortgesetzt und dann auf unbestimmte Zeit vertagt.
Paris, 26. April. Bezüglich der aus München gemeldeten Verhaftung eines französischen Officiers sieht sich die „Agence Havas" veranlaßt, ihrerseits mitzutheilen, daß ein Officier Namens Grailier in Den Reihen der französischen Armee nicht existire, daß also, wenn ein Mann dieses Namens in München verhaftet fei, derselbe nicht französischer Officier sei. Es werde versichert, daß der Verhaftete belgischer Nationalität sei.
Nom, 26. April. Prinz Heinrich von Preußen ist heute Nachmittag um 2 Uhr mit dem Bahnzuge nach Pisa abgereist.
Petersburg, 26. April. Gestern Nacht sind in Kamenetz Podolsk viele Häuser und Läden jüdischer Besitzer durch eine große Feuersbrunst einge- äschert worden. Der Schaden wird auf eine halbe Million Rubel geschätzt.
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Darmstadt, 26. Aprll. sLandwirthschaftliche Landesausstellung In der gestern stattgehabten zahlreich besuchten Sitzung des Centralausschusses wurde zum Ausstellungs-
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