1882.
Nr. 1
IMWIUWt
Erstes Blatt. Sonntag den 1. Januar
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint tägfich mit Ausnahme des Montags.
Bureau: Schulstraße B. 13.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheit.
Gießen, am 30. December 1881. Betreffend: Die Beseitigung dürrer Bäume in Feld und Gärten.
Das Moßhmoglichc Kreisamt 6>ießen
an die Großherzoglicken Bürgermeistereien und Ortspolizeibeamten.
Da die in Feldern und Gärten zahlreich vorhandenen abgestorbenen Bäulne einer Menge der Garten- und Feldwirthschast schädlichen Jnsecten zur Brutstätte dienen und daher deren schleunige Wegräumung in landwirtschaftlichem Interesse geboten ist, wird hiermit das nachstehende Polizei-Reglement ertasten. Wir weisen Sie demgemäß an, den Besitzern solcher dürren Bäume zu deren Beseitigung eine geeignete Frist (jedoch keine längere, als bis zum kommenden Frühjahr) vorzubestinnnen und, wenn Ihrer Aufforderung keine Folge geleistet wird, die Säumigen zur Feldrüge anzuzeigen, sowie auch die Wegräumung der fraglichen Bäume aus Feldern und Gärten auf Kosten der Eigenthümer zu veranlaffen.
Dr Boekmann.
Betreffend: Die Beseitigung dürrer Bäume in Feld und Gärten.
Polizei-Reglement.
Mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 16. December 1881 zu Nr. M. d. I. 26014 wird unter Zustimmung des Kreisausschusses Folgendes für den Kreis Gießen angeordnet:
§ 1- .
Jeder ist verpflichtet, vier Wochen nach der Aufforderung durch die Ortspolizei seine dürren Bäuine aus Feld und Gärten zu entfernen.
§ 2-
Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, wird nach Art. 31 des Feldstrafgesetzes mit Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft.
Auch können die dürren Bäume auf Kosten der Säumigen durch die Ortspolizei entfernt werden. Diese Kosten sind in administrativem Wege bei- zutreiben.
Gießen, den 30. December 1881.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
' ' ’ Gießen, am 29. December 1881.
Betreffend: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler.
Das Großherzogliche Kreisamt (Siegen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie an Erledigung der Verfügung uom 28. November l. I., Anz. Nr. 279.
__________________Dr. Boekman n.___
Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. l. M., enthält:
(Nr. 1452.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Erhöhung der in Gemäßheit des Allerhöchsten Erlaffes vom 25. April d. I. aufzunehmenden Anleihe, om 12. December 1881.
Gießen, den 30. December 1881. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Zum neuen Jahre ~ 1 8 8 2.
In der Weltgeschichte <bt es, wie bei dem Weine, gute und schlechte Jahrgänge. Möge das neue ^ahr uns edlen Wein Dringen, vor Allem aber reinen Wein einschänken! Ja, wir bedürfen auch in unserem öffentlichen Leben der Klarheit, und es wird die erste Pflicht des neuen Jahres sein, den gähren- den Most der Zeit zu klären , die herben Stoffe niederzuschlagen und statt des betäubenden Dustes aufsteigender Blasen oder gar faulender Zerfetzungsproducte, statt der verfälschenden und unserem Volksleben fremden Zusätze uns in der Politik einen klaren Trank mit köstlicher Blume zu schaffen. Und diese Blume der Hoffnung möge uns ein Aroma bieten, köstlicher als ein Glas Kometenwein, duftend nach innerem Frieden, Zufriedenheit aller Klassen der Gesellschaft, nach reichlicher ehrlicher Thätigkeit, nach gutem Arbeitslohn und nach wachsendem Wohlstände und Glück der ganzen Nation. In diesem Sinne begrüßen wir das neue Jahr, von dem wir hoffen, es werde Jahr der Erfüllung, nicht nur der Verheißung, ein Jahr des Abschlusses, cht nur der vertagten Hoffnungen sein, und wir wollen es preisen, wenn es sich als so zahlungssähig erweist, daß es alle die Tratten und Wechsel, die wir bisher auf die Firma „Zukunft und Compagnie" gezogen, prompt einzulösen vermag.
Das verflossene Jahr war von mittlerer Güte; es war eigentlich besser als sein Ruf. Vor Allen: war es ein Jahr des Friedens, und hätten nicht die Franzosen in Algier und Tunis das Bedürfnis gehabt, Lorbeeren zu erringen, so hätte man die srohe Botschaft verkünden können, daß der Kriegsgott sich auch einmal ein Jahr völlig auf der ganzen Erde aus, 'cht habe, ausgenommen etwa jene Gegenden, wo er niemals gänzlich feiert, wie in Südamerika, im fernen Asien oder unter den Piraten des stillen Oceanö. Selbst Türke und Grieche verglichen sich, und Mars begnügte sich mit einem kleinen Postkriege. Am Säbelrasseln hat es freilich auch in diesem Jahre nicht gefehlt, aber der Degen blieb in der Scheide. Offenbar ist dieser) im Allgemeinen friedlichen Verhältniffen ein gewisser Aufschwung der arbeitenden Kulturvölker zu verdanken.
Amerika gelangte zu hoher wirthschaftlicher Blüthe, die Völker der alten Welt erholten sich und hoffentlich vergeuden sie nicht im neuen Jahr in neuer Fehde die neu erwachende wirthschaftliche Kraft. Freilich, über die Grundbedingungen der wirthschaftlichen Wohlfahrt herrscht keine Einigung; hier kann man von einer Art Krieg, vom Zollkriege sprechen, der erst aushören wird,
wenn die verschiedenen Nationen die richtigen Tarife ausprobirt haben werden. Bei dem Streit der wirthschaftlichen Gegensätze im Innern eines Landes, wie auch bei den internationalen Handelsbeziehungen scheint die Wahrheit in der Mitte zu liegen, und diese Wahrheit zu erforschen, ihr durch gesunde Verträge Ausdruck zu geben, das dürfte vornehmlich eine Aufgabe des neuen Jahres sein. In Deutschland hat sich darin das alte Jahr wenig fruchtbringend erwiesen. Der Streit zwischen „Schutzzoll und Freihandel", besser gesagt zwischen den Anhängern des alten und neuen Tarifes dauert fort, eine Maßregelung der Handelskammern wird ihn schwerlich mindern, nur die Zeit, die Bilanz der Folgen des einen oder des andern Systems, in der That nur die „ehrliche Probe" kann Richter sein. An den Erfolg schließt sich der KZunsch von Verkehrserleichterungen im Handel, besonders Rußland gegenüber, an.
Weniger friedlich gestaltete sich das alte Jghr in der Socialpolitik, welche bisher zwar eine Befferung der arbeitenden Klassen erstrebte, aber nicht durchführen konnte. Höchst fraglich ist es, ob es dem neuen Jahre gelingen wird, die Kluft zu überbrücken, welche sich zwischen den Anhängern der „Bismarck'- schen Reform", einer neuen Art Staatssocialismus und zwischen den Förderern der liberalen Anschauung, welche mehr für die Kräftigung des Individuums im Kampfe um das Dasein, mehr für Selbsthllfe als für Staatsunterstützung eintritt, aufgethan hat. Indessen sind beide Parteien im Ziel, in der Besserung der Lage der Arbeiter einig; nur über den Weg bestehen Meinungs- Differenzen.
Sowohl die Wahlen, als die allgemeinen Verhältnisse widerrathen energisch, die Religion mit der Socialpolitik zu vermischen. Was hier durch die Antisemiten zu Tage gefördert worden ist, gereicht dem alten Jahre zur Unehre. Ein Krieg von Meinungen, welcher zu Excessen, zu einer Art Bürgerkrieg führte, muß in Zukunft geächtet werden. Wir haben ernstere Kümpfe durcy- zuführen, als daß wir nicht jeden Zwist int eigenen Hause vermeiden
Das alte Jahr war leider nicht frei von schändlichen Thaten, als deren schimpflichste die Ermordungen des Czaren Alexander U. und des Praiwenten Garfield zu erwähnen sind. Es giebt kaum erneu größeren Gegensatz als zwischen diesen beiden regierenden Häuptern, und gerade dieser Umstand bezeugt die Schimpflichkeit der politischen Verbrechen überhaupt. Der Eindruck beider Verbrechen war erschütternd; er wurde aber übertroffen durch Ereigniste von eleim-ntaYer Gewalt, welche Massenopfer forderten, nnc z. B. das Erdbeben von Chios, die Ueberfchweminungen in Indien und von China, der Untergang großer


