Ausgabe 
23.7.1882 Zweites Blatt
 
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einandersetzungen Freycinet's über die egyptische Politik des gegenwärtigen fran* zöfifäen Cabinets wurden von der Kammer wiederholt mit lebhaftem Beifall ausaezeichnet. Unter diesen Umständen hielt es Gambetta für geraden, gegen feinen Nachfolger in der Minister-Präsidentschaft recht zahm aufzutreten, wobei er sich aber die Gelegenheit nicht entgehen ließ, sich in glänzenden, patriotisch klingenden Redewendungen zu ergehen, welche ihm nicht nur den Beifall seiner Parteifreunde, sondern sogar den der Rechten einbrachten, die aber im Uebrigen nicht vermochten, die wohlwollende Stimmung der Kammer gegen Freycinet umzuändern.

Herr Gladstone kann von Gluck sagen, daß er bei seinem, wenn vielleicht auch nothwendigen, so doch immerhin brutalen Vorgehen in Egypten die öffentliche Meinung Englands auf seiner Seite hat, er wäre sonst am läng­sten Premier gewesen. Auch die Minister-Collegen Gladstone's erklären sich mit einerenergischen" Politik Englands in Egypten einverstanden und nur Bright, der Kanzler für Lancaster, trat aus dem englischen Cabinet aus, als Quäker und demnach ausgesprochener Friedensfreund. Einen Nachfolger hat Herr John Bright noch nicht erhalten, doch werden als solche Mr. Dilke, Lord Derby und Mr. Forster, der ehemalige Staatssecretär für Irland, genannt.

Rußland ist in der letzten Zeit in den großen politischen Fragen der auswärtigen Politik immer mehr und mehr zurückgetreten und die unsichere innere Lage des Czarenreiches rechtfertigt auch diese Zurückhaltung. Die Ge­rüchte von nihllistischen Verschwörungen sind endlich einmal zur Ruhe gekommen, vielleicht aber nur, um in nächster Zeit in vergrößertem Umfange wiederzu­kehren. Arn 23. d. Mts. wird die Taufe der jüngst geborenen Tochter des russischen Kaiserpaares, der Großfürstin Olga, in Peterhof in Gegenwart des griechischen Königspaares und des Kronprinzen von Dänemark stattftnden.

Darmstadt, 17. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Bei­lage Nr. 18) enthält:

1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That:

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben dem Schiffer Wilhelm Krämer zu Nierstein, in Anerkennung der von ihm am 24. Februar l. Js. mit Muth und eigener Lebensgefahr vollbrachten Errettung der Elise Martin von Wald- Uelversheim vom Tode des Ertrinkens, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür Rettung von Menschenleben" zu verleihen und eine Geldprämie Allergnädigst zu bereinigen geruht.

2. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That:

Am 24. Mai l. Js. hat sich der Musketier Wilh. Dörr von der 2. Com­pagnie des 2. Großh. Infanterie-Regiments (Großherzog) Nr. 116 bei dem von ihm unternommenen Versuche, den Musketier Wallenfels von derselben Compagnie vom Tode des Ertrinkens zu erretten, durch muthvolles und aufopferndes Be­nehmen ausgezeichnet.

In Gemäßheit Allerhöchster Entschließung Sr. Königl. Hoheit des Groß- Herzogs wird dieses zur öffentlichen Kenntniß gebracht.

3. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Erbach, die Niederschlagung der zwei letzten Ziele der Umlagen der israelitischen Religions-Gemeinde Kirch- Brombach für 1882 betreffend.

4. Berichtigte Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal-Bedürfniffen in Gemeinden des Kreises Erbach i. O. pro 1882/83.

5. Uebersicht der für das Jahr 1882/83 von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal- Bedürfniffen in den Gemeinden des Kreises Heppenheim.

6. Namensveränderung.

7. Dienstnachrichten:

Am 25. Juni wurde dem Schullehrer Michel Kreuz zu Walldorf die zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule daselbst übertragen.

8. Ruhestandsversetzung.

9. Concurrenzeröffnungen:

Erledigt sind: Die eoang. Psarrftelle zu Melbach; dotationsmäßiger Ge­halt 4569 -^.; das Präsentationsrecht zu dieser Stelle steht den Freiherren v. Schenk zu Schweinsberg zu. Die eoang. Pfarrstelle zu Stumpertenrod; dotationsmäßiger Gehalt 1593 <X Eine mit einem eoang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Wiesen mit einem Gehalt oon 900 eX; mit der Stelle ist Organistendienst oerbunden. Eine (die zweite) mit einem eoang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Klein- Karben mit einem Gehalt oon 900 JL Eine (die zweite) mit einem eoang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Münzenberg mit einem Gehalt oon 900 «X

10. Sterbefälle:

Gestorben sind: Am 26. Decbr. 1881 der Ministerial-Calculator 1. Kl. Hermann Röder zu Darmstadt; am 27. Decbr. der Hoftheater-Maschinerie- Director Karl Brandt zu Darmstadt; am 16. Januar 1882 der Aemter-Com- missar Oeconomierath Andreas Brandt in Hötensleben; am 31. Januar der Schullehrer Wilhelm Schultheiß zu Götzen; am 13. Febr. der Oberförster i. P. Karl Heß zu Darmstadt; an dems. Tage der Schullehrer Valentin Lautenschläger zu Harpertshausen; am 16. Febr. der eoang. Pfarrer Christian Friedrich Ernst Kuntz zu Klein-Umstadt; am 27. Febr. der Schullehrer Ludwig Gompf zu Eber­stadt ; am 4. März der Pedell an dem Gymnasium zu Gießen Ph. Vowinkel; an dems. Tage der Gradirmeister i. P. Johs. Mörler zu Bad Nauheim; am 7. März der Amtsgerichtsschreiber i. P. Johs. Schmeckenbecher zu Darmstadt; an dems. Tage der Forstmeister Theodor Jäger zu Fürth; an dems. Tage der Kreisrath i. P. Geh. Regier.-Rath Pfannebecker zu Worms; am 8. März der Schullehrer Valentin Tremper zu Hainhausen; am 11. März der Amtsrichter Adolph Follenius zu Michelstadt; am 18. März der Kammermusiker i. P. Konrad Stautz zu Darmstadt; am 19. März der Reoisionsinspector i. P. Lud­wig Bartholomäus Eberhard zu Bessungen; am 25. März der Rechtsanwalt Justizrath Philipp Werle zu Darmstadt; am 27. März der eoang. Pfarrer Friedr. Herrn. Wilh. Seeger zu Zotzenbach; am 1. April der Forstmeister i. P. L. Weidig zu Darmstadt; am 2. April der Oberlehrer an der Volksschule zu Mainz Philipp Görtz; an dems. Tage der öber|teuerreoi)or i. P. Steuerrath Trapp zu Bessungen; am 6. April der Rechtsanwalt Karl Lindt zu Darmstadt; am 7. April der Schullehrer an der eoang. Schule zu Gundersheim Wilhelm Wallhäuser; am 8. April der Forstwart i. P. Kaspar Heß^ zu Helpershain; am 10. April der Schullehrer an der eoang. Schule zu Nierstein Karl Bernh. Ittel; am 11. April der eoang. Pfarrer i. P. Anton Adolf Stöhr zu Sprend­lingen; am 15. April der Landger.-Diener i. P. Heinrich Seng zu Beerfelden;

am 17. April der Schullehrer Johs. Gaß zu Fauerbach, im Kreise Büdinqeu- am 23. April der Gensd'arm Johann Heinrich Winkenstern in Binnen: am 27. April der Landrichter i. P. Joseph Gutsleisch zu Darmstadt: am 4. Mai der Rechtsanivalt Justizrath Ferdinand Schenck zu Darmstadt; am 6 Mai der evang. Pfarrer Friedr. Weihl zu Herchenhain; am 9. Mai der evanq Pfarrer Ludwig Eigenbrodt zu Steinbach; am 16. Akai der Minister des Großb Hau,es und des Aeußern, sowie der Justiz a. D. Frhr. Friedrich v Lindelof zu Darmstadt. 1

Die egyptische Krisis.

Das Reutns'sche Bureau melDet aus Alexandrien vom 15. ds. Mis.-

Den Berichten von Personen, welche in Alexandrien während des Bombardements blieben zufolge waren die wahrend des 11. os. erlittenen Leiden unbeschrE'ch Während und nach dem Bombardement, welches an diesem Tage von 7 Ubr Morn ns bts 5 Uhr Nachmittags dauerte bahnten sich Mörderbanden einen Weg in fajt jedes

?asM?"dern Ufib Nrederbrennen von Hausern begann am 12. und kaum em Wohnhaus bli-b verschont. Es scheint, daß große Vorräthe von Petroleum k der Feindseligkeiten hierher versandt worden zu dem aus­

drücklichen Zweck die Stadt ,n Brand zu stecken. Die Brandstifter erklären, daß ste Weisungen erhielten, die Hauser anzuzünden. Di- Leichen vieler Europäer sind in der Stadt gesunden worden. Die eingeborenen äußern sich jetzt in Ausdrücken des Adscheues über Aradr Pascha und bewillkommnen die Landung englischer Marine- truppen. Di- Rue Sch-ris Pascha und der Place des Consuls sind Trümmerhausen- Äi? rcentTr wird eine Hungersnoth, sowie auch ein- Epidemie

i-sürchtet, weil so viele Leichen in der Stadt noch unbeerdigt sind. Fast sämmilicke Bankmstitup sind -ing-äsch-rt. Nur di- Bureaus des Credn Lyonnais und der o to

2snnof'P°lch° beschlagnahmte vor seinem Abmarsche 25,000 Pfd. St. aus der Zollamtskasse. Eine zweite Rund- durch bk Stadt zeigt, daß viele Hauser, die gestern noch intakt waren, jetzt cingeäschert sind, darunter das englische Consulat, welches bis zum Grunde niedergebrannt ist. Auacn- zeugen der Feuersbrunst erzählen, daß Soldaten und Andere, nachdem sie die Häuser geplündert, mit Petroleum getränkte Betten aufhäuften und dieselben anzündeten. S-ut- stnd kein- neuen Feuersbrünste ausgebrochen, aber die Ruinen der Häuser stürzen ein und versperren die Passage in den Straßen. In Alexandrien herrscht Todtenstille, obwohl einige Griechen und Malteser noch ih den Straßen sichtbar sind. Mann schäften sind von den amerikanischen, deutschen, russischen und griechischen Kriegsschiffen gelandet worden, um als Polizei in den verschiedenen Sladlth-ilen zu sungtren, während br"rsch-n Marin-truppen die Forts, di- Bastionen und di-Stadtthore besetzt halten. Di- B-f-h shab-r der französischen und italienischen Schiffe haben es bis jetzt abgelehnt Mannschasten zu landen. Die Zerstörung der Forts durch di- englischen Kanonen ist viel großer, als ursprünglich angenommen wurde. Eine Schwester des Kyedwe starb wahrend des Bombardements in Folge einer Frühgeburt. Em Telegramm aus Port Smd meldet daß daselbst ein Circular des egyptischen Ministeriums -ing-gangen ist, we ch-s die Bildung e^ner militärischen Regierung anzeegt und all- Einkünfte für mili- tarische Zwecke mit Beschlag belegt. Britische Schiffe liegen an der Einfahrt des Canals bereit, ohne Verzug einzulaufen."

n Der ,Dmes"-Corr-spond-nt, welcher am Freitag Morgen di- Ras-el-tin-Forts besichtigte, berichtet u. A.: °

Spuren von der Anwesenheit von Europäern sind allenthalben vorhanden. Umherliegende französische Zeitungen, theils eröffnet, theils uneröffnet, europäische Kleidungsstücke und andere Umstände sind dazu angethan, die Wahrheit des Gerüchtes darzuthun, daß die egyptischen Kanonen von französischen und italienischen Artilleristen diriglrt wurden.

Derselbe Correspondent theilt die Erzählung des M. Goussio, eines Beamten der Anglo-egypttschen Bank, mit, welcher mit seiner Frau die Schreckenstage in Alexan­drien zugebracht hat. Die Erzählung lautet:

Am 11. Juli war vom frühen Morgen an große Aufregung und Unruhe in der Stadt. Von 3 Uhr Morgens an marschirten zahlreiche Trupps über die Rosettastraße nach dem Ras-el-Tin. Es herrschte tiefes Schweigen unter ihnen. Um 4 Uhr kamen einige Hundert Redifs oder Soldaten der Reserve die Scherif-Paschastraße herunter marschtrt. Um 5 Uhr kamen größere Haufen von Soldaten. Die ganze Nacht hin­durch strömte die einheimische Bevölkerung unter allen Anzeichen großen Schreckens in das Innere der Stadt-

Um 5 Minuten nach 7 Uhr kam der erste Schuß von den Fregatten. Die Erregung der Bevölkerung und der sich Flüchtenden wuchs beständig. Um 8 Uhr fuhr Arabi, begleitet von Tulba Pascha, durch die Stadt. Um 9 Uhr zogen Soldaten durch die Stadt, die, wie sie sagten, untersuchen wollten, ob die Europäer durch Telephon oder den Telegraph mit der englischen Flotte in Verbindung ständen. Ein Officier, von mehreren Soldaten begleitet, stieg auf die Terrassen der Häuser und schnitt die Telephondrähte entzwei.

Emer von den Soldaten war mit Blut bedeckt. Mein Begleiter erzählte mir, daß derselbe soeben einen Engländer getödtet habe, den er mit der Flotte in Verbindung stehend gefunden habe. Es war dies wahrscheinlich der junge französische Tele­graphenbeamte, der in dem Gebäude derEastern Telegraph Company" Zuflucht gesucht hatte.

Das Bombardement dauerte während des ganzen Tages fort- Wenige Granaten fielen in die Stadt, viele flogen über dieselbe hinweg. In jedem Augenblick hörten wir über unseren Köpfen das Pfeifen der Granaten und ein donnerähnliches Geräusch beim Platzen derselben. In der Nähe der Bank, genau hinter dem Hause Antoniadts am Boulevard Ramleh, schlug eine Granate in die Mauer ein und drang in das Gebäude. Den ganzen Tag über flohen die Einwohner, denen man den Schrecken an den Gesichtern ansehen konnte.

Um 5 Uhr trat eine merkwürdige Veränderung ein. Die Leute, welche auf der Flucht waren, flockten auf einmal, Andere, die schon draußen waren, kamen wieder in die Stadt herein, mit strahlenden Gesichtern; man drückte sich dke Hand, umarmte und beglückwünschte sich und die arabischen Weiber stießen ihren eigenthümlichen Jubelschret aus. Was war geschehen?

Zwei Marine-Officiere kamen in diesem Augenblick vom Hafen und meldeten, daß das Feuer aufgehört habe, weil die egyptischen Forts zwei Panzerschiffe in den ®rlivV0C5-- unb f° Zum Schweigen gebracht hätten. Das wirkte natürlich auf die arabische Einbildungskraft. Mir aber war es gewiß, daß die egyptischen Forts zum Schweigen gebracht worden waren. Ich rechnete darauf, daß ich noch drei oder vier Stunden aushalten müßte, daß dann Truppen landen und daß wir gerettet würden. Nun aber, nach dem vielstündigen Bombardement, war kein Soldat mehr da, um die Stadt zu halten und der Jubel des Pöbels war ein bedrohliches Zeichen. Dagegen begann der Auszug wieder und d'es belebte meine Hoffnung. Am 12. dauerte die Flucht der Bevölkerung in noch größerem Maßstabe fort.

Im Laufe dieses Tages besetzten etwa 1000 Mann den Platz und stellten sich gegenüber dem Gerichtshof und der Mündung der Scherif-Pascha-Straße auf, als ob sie einen feindlichen Angriff von der Börse her erwarteten. Zweimal versuchten es die Officiere der Truppe, in die Bureaus der Anglo-egyptischen Bank und des Credit Lyonnais zu dringen, welche die Fonds der öffentlichen Schuldkasse enthielten. Sie erklärten Mr. Monge, von der Kaffe, sie hätten Befehl alle Europäer zu tobten, allein wenn sie Geld erhielten, würden sie ihn und seine Familie schonen. Mr. Monge lehnte bündig ab und verbarrtkadirte sich noch stärker.

Nachmittags wurde der Auszug aus der Stadt allgemein. Um 3 Uhr erhielten die Soldaten das Zeichen zur Plünderung. Wie am 11. Juni begannen sie damit, dle Thüren der Läden zu erbrechen und die gefundenen Maaren zu vertheilen. Die Soldaten, unter Anführung ihrer Officiere und sogar höherer Officiere, theilten die Beute in ganz unverschämter Weise, aber die Sache hatte doch auch ihre komische Seite. Kattunballen wurden in Stücke geschnitten und gingen von Hand zu Hand, während Albums, Uhren und Phantasie-Gegenstände aufgebrochen und häufig in Stücke geschlagen wurden, nachdem sie eine Weile in den Händen von Leuten geweien waren, die deren Gebrauch nicht verstanden. Die Officiere nahmen häufig die Flinten an sich, um den Soldaten freie Hand zu lassen, die Beute wegzuschaffen. Ein Oberst stieg zu Pfcrd mit einem Paar neuer Schuhe unter dem Arme; ein anderer brach eine Schlag­uhr in Stücke, weil sie ihm zum Schleppen zu schwer war. Thatsächlich wurde mehr und werthvolleres Eigenthum zerstört, als wcggeschleppt wurde. Sobald ein Laden leer war, wurde Papier und anderes Brennbare herbeigeschafft, Feuer drangelegt und cm Nu stand das Ganze in Flammen