Ausgabe 
3.9.1882 Zweites Blatt
 
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Wochenschau. Z

Gießen, 2. September. J

Mit der großen Herbst-Parade, welche der Kaiser am vergange- ' nen Mittwoch auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin über das Garde-Corps r abhielt, haben die diesjährigen Besichtigungen der Berliner und Potsdamer Gar- - nison ihr Ende erreicht. Diese Parade bildet aber auch zugleich die Einleitung zu den alljährlich im Herbst stattfindenden großen Kaiser-Manövern, zu denen die verschiedenen norddeutschen Armee-Corps der Reihe nach herangezogen wer- ! den. In diesem Jahre werden die Kaiser-Manöver bekanntlich in Schlesien (für das 5. und 6. Armee-Corps) und im Königreich Sachsen (für das 12. Armee- ] Corps) stattfinden, wozu bereits die Reise-Dispositionen des Kaisers auf das 1 Genaueste festgestellt sind.

Bon Neuem ist mit dem 2. September der Tag erschienen, an welchem vor 12 Jahren die junge deutsche Einheit auf den Kampfgefilden ' von Seoan die Blut- und Feuertaufe erhielt. Die Erinnerung an die großen J nationalen Errungenschaften, welche uns jener Tag brachte, verbunden mit dem Bestreben, das Gedächtniß der auf dem Felde der Ehre für das Vaterland ge- ' sallenen Helden wach zu halten, nicht aber der Triumph über einen besiegten 1 Feind ist es, was das deutsche Volk bisher veranlaßte, den 2. September festlich ; zu begehen. Dieser Gedanke ist trotz vereinzelter gegnerischer Stimmen glück- 1 licherweise in der großen Mehrheit unserer Nation lebendig geblieben und darum sehen wir, wie man sich auch in diesem Jahre in allen Gauen des weiten deut­schen Vaterlandes vorbereitet hat, den heutigen Tag, unbeirrt von verbittertem Parteihader, in würdiger Weise zu feiern. Möchte nirgends das schönste Fest der deutschen Nation durch einen, wenn auch noch so leisen, Mißklang gestört werden!

Unser politisches Leben streßt noch immer ziemlich einförmig dahin und selbst das Interesse an dem Misch-Ehen-Streit in Preußen stumpft sich allmälig ab, da dieses leidige Thema in der Presse schon so verschiedenartig behandelt worden ist, daß es schwer werden möchte, demselben eine neue Seite abzugewinnen. Immerhin ist es bemerkenswerth, daß dieNordd. Allg. Ztg." in ihrer Nummer vom letzten Mittwoch einen an dieGermania" aoressirten Artikel bringt, dessen Schärfe in dein langen kirchenpolitischen Streite noch kaum erreicht worden sein dürfte. Das Regierungsorgan hebt namentlich die tiefe Entrüstung der protestantischen Bevölkerung Preußens hervor, welche das Auftreten der Hierarchie und deren Organe in der Frage der gemischten Ehen erzeugt habe; es ist demnach kein Zweifel mehr, daß das Vorgehen des Bres­lauer Fürstbischofs in den Berliner Regierungskreisen tief verstimmt hat und daß der erwähnte Artikel als der Ausfluß dieser Verstimmung gegen die Kurie zu betrachten ist.

Das preußischeMilitär-Wochenblatt" veröffentlicht die Ver­setzung in den Ruhestand des Prinzen August von Württemberg, bisherigen commandirenden Generals des Garde-Corps. Derselbe verbleibt ä la suite des 1. Garde-Regiments z. F. und des Garde-Kürassier-Regiments, foiüie in seinem Verhältnis als Chef des Posener Ulanen-Regiments Nr. 10 und wird ferner in den Listen der activen Generalität weitergeführt.

Für Oesterreich war die mehrtägige Anwesenheit des Fürsten Nikita von Montenegro in Wien ein nicht unbedeutendes Ereigniß. Das eigentliche Reiseziel desHerrn der schwarzen Berge" ist zwar nicht die österreichische Hauptstadt, sondern Petersburg, aber der mehrtägige Aufenthalt, den derselbe in der Residenz des österreichischen Herrschers nahm, hat sicher auch seine politische Bedeutung. Es ist bekannt, daß die große Mehrzahl der Montene­griner dem mächtigen österreichischen Nachbarstaat mit nichts weniger als freund­lichen Gefühlen gegenübersteht und Oesterreich hat bei den wiederholten Aufstän­den der Bosniaken und Herzegowiner hinreichende Proben der Gesinnungen der Montenegriner erhalten. Der bei dem Orte Kalinovic gemachte Fund von Papieren ist für viele montenegrinische Woiwoden äußerst compromittirend und es scheint, als ob die Anwesenheit des Fürsten Nikita in Wien mit dieser Ange­legenheit in Verbindung steht. Weiter heißt es aber auch, daß der Fürst dem Wiener Cabinet eine Rechnung von über eine halbe Million Gulden präsentirt habe, welche sich aus die Verpflegungskosten der nach Montenegro geflüchteten Insurgenten bezieht. Ob Oesterreich diese Rechnung honoriren wird, so lange noch Tausende von Aufständischen in Montenegro Unterschlupf finden, ist freüich sehr fraglich.

Das Interesse an den Ereignissen in Frankreich concentrirte sich in dieser Woche hauptsächlich aus den Zwischenfall mit dem deutschen Turn­verein in Paris, welchen Vorfall erst das Lärmgeschrei, das die Chauvinisten an der Seine hierüber anstimmten, zu einem Ereigniß von politischer Bedeutung aufgebauscht hat. Inzwischen hat zwar die französische Regierung in einer von derAgence Havas" veröffentlichten Note die gegen den deutschen Turnverein erhobenen lächerlichen Anschuldigungen als grundlos bezeichnet, aber die meisten Pariser Blätter übergehen geflissentlich diese offtciöse Berichtigung und setzen die Deutschenhetze einstweilen lustig fort. Das Pariser Cabinet soll allerdings be­schlossen haben, alle Maßregeln zu ergreifen, um der antideutschen Bewegung in Paris ein Ende zu machen, aber vorläufig scheint die Regierung noch keines­wegs den Muth zu diesem Experiment zu besitzen. Sämmtlichen nach Tripolis geflüchteten tunesischen Stämmen, welche um straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath gebeten hatten, ist die Erlaubniß hierzu nunmehr von der französischen Regie­rung ertheilt worden.

Während Englands Streitmacht gegenwärtig in Egypten fest engagirt ist, erwächst der englischen Regierung aus dem plötzlich ausgebrochenen Strike der irischen Constabler eine neue nicht geringe Verlegenheit. Officiöse Berichte wollen diese eigenthümliche Erscheinung auf die Entlassung mehrerer Constabler zurückführen, aber die eigentliche Ursache des Strikes liegt darin, daß die Osficiere der Constabler kürzlich eine Gehaltszulage erfuhren, während die Mannschaften leer ausgingen und dies veranlaßte unter letzteren eine bedenk­liche Gährung. Die strikenden Constabler stellen als nächste Bedingung ihres Wiedereintrittes in den Dienst die Wiederaufnahme ihrer entlassenen Kameraden hin, doch ist noch unbekannt, wie sich die englische Regierung dieser Forderung gegenüber verhalten wird; verschiedene der strikenden Constabler sollen unterdeffen ihren Dienst wieder ausgenommen haben. (S. telegr. Dep.)

In Sebastopol, der aus dem Krimkriege so bekannten russischen Festung, fand am 28. August die Einweihung des Grabdenkmals für die im Kriemkriege gefallenen Italiener statt. Die Geschütz- und Gewehrsalven, die bei solchen Gelegenheiten üblich sind, wurden von der Garnison abgegeben, deren Officier-Corps später der italienischen Deputation zu Ehren ein Diner gab.

In Griechenland haben verschiedene an der Grenze in diesen Tagen

zwischen griechischen und türkischen Truppen stattgefundene Rencontres große Erregung hervorgerufen, zumal da sich die Griechen blutige Köpfe bei den Türken geholt haben. Zwei griechische Kriegsschiffe sind sofort nach der Küste von Volo abgegangen, ferner concentriren die Griechen ihre Streitkräfte in der Nähe von Koralidervend, wo die Zusammenstöße stattgefunden haben. Auch heißt es, daß das griechische Ministerium vom König Georg, welcher sich bekanntlich gegenwärtig in Wiesbaden befindet, bereits den Befehl ausgewirkt habe, drei Klassen der Reserve einzuberufen.

Der Entscheidungskampf auf dem egyptischen Kriegsschauplätze wird, soweit sich dies übersehen läßt, vermuthlich bei Tel-el-Kebir, der stark befestigten Position der Egypter, welche die Engländer auf dem Wege von Jsmallia nach Kairo vorfinden, vor sich gehen. Die englische Avantgarde hat "ich nach dein letzten für die Engländer erfolgreichen Kampfe bei Kassassin den Verschanzungen von Tel-el-Kebir bedenklich genähert, so daß man wohl in den nächsten Tagen^ einem ernsten Angriffe der Engländer entgegensehen kann. Uebrigens stellt es sich immer mehr heraus, daß die englischen Berichte über die angeblich unter den Truppen Arabi Pascha's herrschende Insubordination und den fluchtartigen Rückzug derselben nach den letzten Gefechten bedeutend über­trieben haben, wenigstens wissen unparteiische Berichte den Egyptern weder nach der einen noch nach der andern Seite etwas Derartiges nachzusagen.

Die Colonmifragen und Deutschlands Stellung ;u denselben.

Eine Menge Faktoren sind es, die immer und immer wieder unsere National- Oekonomen und Staatsmänner nöthigen, die Colonialfrage vom deutschen Standpunkte aus in Erwägung zu ziehen. Die nächste Ursache, dieser Frage näher zu treten, ge­währt schon der Bevölkerungsüberschuß und die zahlreichen Auswanderungen in Deutsch­land, dann ist es aber vor allen Dingen auch da? Streben nach größerer Macht- vollkommenbeit im weitesten Sinne des Wortes, welche eine so lebenskräftige Nation wie die deutsche nöthigen müssen, sich mit Colontalfragen zu beschäftigen. Wenn wir nun von größerer Machtvollkommenheit sprechen, die für unser Volk durch Colonien zu erreichen wäre, so meinen wir weniger, daß das Scepter des deutschen Kaisers über möglichst große überseeische Länder geschwungen werden soll, sondern wir wollen die Machtvollkommenheit des deutschen Reiches vor allen Dingen durch die segensreichen Wechselwirkungen zwischen Mutterland und Colonialland gestärkt und erweitert sehen, ganz in dem Sinne wie unser berühmter Nationalökonom Fabrt in seinem Werke: Bedarf Deutschland der Colonien?" sagt: Jeder mächtige staatliche Bestand bedarf in den Zeiten seiner Blüthe eines Ausbreitungsgebietes, in das er nicht nur seine über­schüssigen Kräfte entlassen, sondern deren productive Leistungen auch durch einen stetigen Rückfluß in's Mutterland wieder aufnehmen und durch neues Ausströmen in lebendiger Wechselwirkung zu vermehren vermag. Kein Staat, der diesem Gesetze der Expansion und der Repulsion sich verschlossen gehalten, hat es auf die Dauer zu Macht und Wohlstand gebracht. Auch die Blüthe Deutschlands im Mittelalter ruhte wesentlich mit auf der gewaltigen Ausbreitung der deutschen Hansa und auf seiner Jahrhunderte lang nach Osten in slavisches Gebiet gerichteten energischen Colo- nial-Politik.

Versuchen wir aber nun, in Deutschland der Colonialfrage praktisch näher zu treten, so leuchtet auf den ersten Blick em, daß die eigentlichen Colonialländer, Eng­land und die Vereinigten Staaten von Nordamerika, durch ihren colossalen Colonial­besitz in der reinen Ansiedelungsfrage einen solchen Vorsprung vor Deutschland haben, daß es geradezu thöricht wäre, in dieser Richtung, die wir diequantitative" nennen, concurriren zu wollen, und daraus leuchtet auch ferner ein, daß wir von wirklichem Colonialbesitz durchaus nicht in dem gewünschten Maße Vortheil haben können, weil die Engländer und Amerikaner schon fast überall die besten Länder tn Besitz genommen haben. Wenn wir nun auch im Falle sich eine ganz besonders günstige Gelegenheit dazu bietet, die Erwerbung einer ober mehrerer Colonien nicht von uns weisen dürfen, so müssen wir in der Hauptsache in Deutschland der Colonialfrage doch in anderer und zwar inqualitativer Weise" nahe treten. Es gibt eine ziemliche Menge Jvdustrie- branchen, in denen Deutschland nicht nur der Concurrenz aller Länder gewachsen ist, sondern durch die billigeren Lebensbedingungen auf deutscher Erde auch bei Auf­wendung genügender Energie im Stande sein muß, die auswärtige Concurrenz aus dem Felde zu schlagen. In dieser Beziehung müßten von deutschen Fabrikanten und # Kaufleuten rechtzeitig alle Hebel in Bewegung gesetzt werden und der entsprechende Gewinnantheil an den Colonialländern dürfte Deutschland nicht ausbleibrn. Doch nicht für Fabrikanten und Händler allein exisiirt diese günstige Perspective, sondern auch für andere deutsche Unternehmer, denn wer hindert diese daran, durch Boden­erwerbung in den Colonialländern diejenigen Landesproducte zu bauen, welche wir erst aus zweiter und dritter Hand den Engländern und Amerikanern abkaufen? Ihren nationalen Character dürften natürlich solche Unternehmungen nicht verlieren, sie müßten die Wahrzeichen deutschen Geistes tragen und so auch uns einen Antheil an den Colonialländern sichern. _

Vermischtes.

Zwingenberg, 28. August. Die neue Verordnung, betreffend:Anordnungen wegen der Heegzeit", hat bei den Landwirtyen an der Bergstraße gerechtes Erstaunen erregt, da der Dachs, der in unserer Gegend zu den allerschädlichsten Thieren der Landwirthschaft gehört, in hervorragender Weise geheegt werden soll. Seine Erlegung ist in unserer Gegend fast illusorisch gemacht, da in den beiden Monaten October und November, in welchen er gejagt werden darf, die Weinberge die meiste Zeit für den Jäger geschlossen sind und er in den anliegenden Waldungen, welche theils Domanial- waldungen sind oder sich in anderen Händen befinden, den Dachs nicht verfolgen kann. Wenn man den Schaden berücksichtigt, welchen der Dachs in den Wembergen anrichtet, so sollte er in weinbauenden Gegenden gänzlich vertilgt werden. Außerdem thut er nicht unbeträchtlichen Schaden an weichem Wälschkorn und der unreifen Sp'lz, deren Kolben und Aehren, so lange sie noch in der M-lch liegen, er massenhaft zermalmt- Der geringe Nutzen, den er durch Vertilgung der Engerlinge bietet, ist verschwindend durch den ungeheuren Schaden, den er bet di'ser Gelegenheit durch das Herauswerftn von vielen Stöcken unreifer Kartoffeln anrichtet, bis er nur einen Engerling erwischt. In diesem Jahre ist von Zwingenberg bis Schönberg auf diese Weise schon bedeuteter Schaden entstanden. Brehm sagt in seinem illustrtrten Thierleben von dem Dachse, 1 nachdem er verschiedene Nahrung desselben anführt, wie: Wurzeln, Bucheln, Elcheln, i Hummel- und Wespennester, Schlangen, Schnecken, Maulwürfe, junge Hasen u. s. ro.;

Honig und Trauben scheinen aber doch seine Hauptnahrung zu sein.und in den Weinbergen richtet er nach Umständen große Verwüstungen an. (5r brücft die trauben­schweren Reben ohne Umstände mit den Pfoten zusammen und mästet sich förmlich mit ' der süßen Frucht. _ , , o

l München, 28. August. Im Starnbergersee hat Kestern ein Liebespaar den ? Tod gesucht und gefunden. Ein Selbstmörder, der sich vor einigen Tagen aufdem . nördlichen Fnedhose in München erschossen hat, ist jetzt als der Kgl. Rentbenmte Meckl ' von Marktschorgast agnoscirt worden, der schon seit langer Zeit antiefer Melancholie' ' gelitten und sich auf einer Urlaubsreife befunden haben soll. Ein zweiter Selbst- > mörder, der sich vorgestern hier erhängte, wurde als ein Oeconom aus Passau erkanO. - In der Frobnfeste zu Bayreuth erhängten sich kurz nacheinander ein wegen Er­mordung seiner Frau inhastirter Färbermeister von Sterneck und ein wegen Einbruch- diebstahls in Untersuchungshaft befindlicher Hafner aus Goldkronach. Im Zuchthaufe zu Ebrach erschoß sich ein dort als Posten aufgezogener Soldat vermittelst feines Dienst­gewehrs. In Bad Bocklet (Unterfranken) ertränkte sich eine Dame aus Schaffhausen in der Schweiz, in der Saale. In der protestantischen Hauptkirche dahier gab es gestern Vormittag eine Aussehen erregende Scene. Ein Taschendieb, höchst elegant ge­kleidet, wurde erwischt, als er gerade bei derArbeit" war, und konnte erst nach längerem Widerstande forttransportirt werden. Laut Meldung von Wemfee sind seit einigen Tagen an dessen Ufern Ingenieure mit Vermessungen beschäftigt, welche mit dem Projecte der Tieferlegung des Wasserspiegels unseresbayerischen Meeres' tn Verbindung stehen sollen. ' _ r ,

- Die seit 1340 bestehende altehrwürdige Moselbrücke bei Coblenz soll im künftigen Jahre eine Umänderung erfahren. Dieselbe genügt nämlich den Anforderungen d's Verkehrs nicht mehr. Es soll deshalb der steinerne Oberbau zum Theil abgetragen

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