Ausgabe 
22.6.1881
 
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Befinden deS in Ebenthal erkranklen Herzogs August von Koburg bisher keine Befferung ringetreten.

Arankreich.

Paris, 19. Juni. Auf dem Banket der Kunstdrechsler in St. Mand6 hielt Gambetta eine Rede, in welcher er sagte, daß er keine politische Rede halten, aber doch constatiren wolle, daß das französische Volk frei und glücklich sei und seit 10 Jahren sich aus gutem Wege befinde. Frankreich habe Stürme durchgemacht; aber heute könne eS nicht mehr geschehen, daß unerhebliche per­sönliche Streitigkeiten die Republik in's Schwanken bringen könnten. Wenn mühevolle Bestrebungen nicht sofort mit Erfolg gekrönt würoen, so nehme man dieselben am folgenden Tage eben mit um so größerem Eifer wieder auf. Man spreche von der großen Zahl seiner Candidaturen;ich kenne für mich nur ein Arrondissement und dies wird man mir nicht ernstlich streitig machen können."

England.

London, 18. Juni. Von Australien kommen bittere Klagen über die drohend anwachsende Chinesen-Einwanderung in Neu-Südwales. In 14 Tagen langten nicht weniger als 2000 an; und bis gegen Ende dieses Jahres wird diese Zahl wahrscheinlich auf 20,000 anwachsen. Sämmtlich sind sie blutarme Parias ohne jegliche Bildung, ohne die geringsten Hüljsmittel; fit fallen der Gemeinde zur Last, sodaß selbst chinesische Kaufleute sich aus Kräften gegen ihre Landsleute wehren. Die Noth, die augenblicklich in China herrscht, soll sie in die Fremde treiben. In Australien sinnt man auf Mittel, diese Em- Wanderung abzuschrecken, waS tndefleu mit sehr großen Schwierigkeiten ver­bunden ist.

Spanien.

Madrid, 18. Juni. Ein Israelit, der sich als den Vertreter von 60 000 unter der Verfolgung in Rußland leidenden Glaubensgenossen bezeichnete, hatte bei dem spanischen Gesandten in Konstantinopel um Schutz gebeten. König AlsonS besprach sich mit den Ministern und es wurde darauf telegraphisch geantwortet, daß alle Israeliten, welche den Wunsch hegen sollten, nach Spa­nten zu kommen, in der alten Heimath ihrer Vorfahren jeden gewünschten Schutz finden würden.

«eirgraphischr Depesche».

Wolsf's telefit. EOrresKo»de«t»Bnr« su

(Sm$, 20. Juni. Se. Majestät der Kaiser euipfing gestern Vormit­tag das Lehrcrcollegium und die Schüler des Seminars und der Töchterschule in Trier und bewirthete dieselben. An dem gestrigen Diner bei Sr. Majestät nahmen Theil der Oderpräsident der Rheinprovtnz, v. Bardeleben, die Generäle v. Retbnitz und v. Pasiow, Oberßlieutenant Colomb und Graf Schmissing- Kersienbrock. Abends erschien Se. Majestät im Theater und besuchte hierauf daS gestern hier veranstaltete Nachtfest. Heute früh machte der Kaiser seine Brunnenpromenade und nahm hierauf die Vorträge des Hofmarschalls, Grafen Perponcher, und des Chefs des Civilcabinets, v. Wllmowski, entgegen. Der König von Schweden ist gestern Nachmittag nach Brühl abgeretst.

Berlin, 20. Juni. Der Viceprästdent des Staatsministertums, Graf Stolberg, hat aus wiederholtes mit seinen Privatverhältntffen begründetes An­suchen von Sr. Majestät dem Ka'.ser und König die Entlaffung aus seinen Aemtern erhalten. Wie schon gemeldet, ist der Staatsminister v. Bötticher mit der generellen Vertretung des Reichskanzler, soweit dieselbe nicht durch die Resiortchefs gedeckt ist, beauftragt. Den Vorsitz des Staatsministeriums führt bis auf Weiteres der in Berlin anwesende die..stälteste Mmister.

DiePost" schreibt: Der Regierungprästdent v. Schlieckmann zu Gumbinnen ist zum UnterstaalSsecretär im Cultusministerium, v. Wolff zum Oberpräsidenten von Sachsen, Tiedemann zum Regierungspräsidenten von Trier, OberregierungSrath v. Lohmann zu vortragenden Rath in der Reichskanzlei er­nannt worden.

®erIin' 28. Juni. DieNorddeutsche Allg. Ztg." sagt, indem sie die Meldung des Wolff'schen Büreaus über die Entlaffung Stolbergs repro- duzirt, Graf Stolberg habe bereits im vorigen Sommer um seine Entlastung gebeten gehabt, habe sich jedoch durch den Reichskanzler bewegen laffen, hier­von vorläufig abzustehen. Beim Beginne deS Frühjahrs habe Graf Stolberg sein Abschiedsgesuch wiederholt und nur die Bitten deS Reichskanzlers und der übrigen Minister, sowie der persönliche Wunsch des Kaisers hätten ihn veranlaßt, bis zum Schluß des Reichstags in Function zu bleiben.

DerReichsanzetger" publicirt die Verleihung deS SternS der Groß- comthurn^ des Hohenzollernschen Hausordens an den bisherigen Minister Grafen Stolberg, die Beauftragung des Ministers Bötticher mit der allge­meinen Vertretung des Reichskanzlers bis auf Weiteres, die Ernennung des Grafen Wilhelm Bismarck zum ständigen Hülssarbeiter in bet Reichskanzlei, ferner die Genehmigung des Entlasiungsgesuchs des Grafen Stolberg und die Ernennung Puttkamer's zum Minister des Innern und von Gvßler's zum Kultusminister,^sowie die Erhebung des Oberpräsidenten Günther zu Posen

Kiel, 20. Juni. Nach einer Meldung derKieler Ztg." ist der Com- mandant G. M. S-Freya", Capitän zur See, Kupfer, am Sonnabend in Honkong gestorben und roirb heute beerdigt.

OTarfetfle, 20. Juni. Die Schlägereien haben während der Nacht an mehreren Punkten der Stadt fortgeoau?rt, man spricht von 8 Todten und 23 Verwundeten. Im Hospitale befanden sich zwei Tobte und ein Dutzend Verwundete. Bis jetzt finv 65 Personen verhaftet; der Staatsprocurator hat mit der Untersuchung begonnen.

Marseille, 20. Juni. Bei den Schlägereien im Laufe des gestrigen Abends und der Nacht verwundeten Italiener mehrere junge Leute mit Mestern. Einige der so Verwundeten sind gestorben. In einigen Stadttheilrn schoflen Italiener sogar mit Revolvern. Die dadurch in Wuth versetzte Volksmenge verfolgte die Italiener, ron denen mehrere dabei verwundet wurden. Von der Behörde wird große Thätigkeit entwickelt, um die Schuldigen zu verhaften und einer Wiederholung der Schlägereien vorzubeugen.

Bei den gestern Abend und während'der Nacht stattgehabten Schlä- gereien wurden, wie jetzt festgestellt ist, fünf Personen getödtet und zwei tödt- lich verwundet. Im Hospital befinden sich außerdem 17 Verwundete. In Folge der gestrigen Vorfälle sind 125 Personen, theils Italiener, theils Fran­

zosen, verhaftet morden. Heute scheint die Ruhe wieder herzestellt zu sein. Der italienische Consul hat eine Proclamation erlaflen, in welcher die italie­nischen Emwohner aufgesorden werden, für die Aufrechterhaltung der Ruhe Sorge zu tragen und die böswilligen Jnfinuatio.ien zurückzuwelfen welche be­zwecken, Zwietracht zwischen den Italienern und der hochherzigen Bevölkerung von Marseille Hervorzurusen.

Die Jubiläumsfeier

der 50jährigen Vereinigung der Großh Hessischen Forstlehranstalt mit der ltniverfität Gießen.

Durch Decret vom 14. Juni 1831 ist der höhere forstliche Unterricht im Groß- herzogthum Hessen, unter Aufhebung Der seit 1825 bestehenden besonderen Forstlehr- an|ialt und unter Verleihung des vollen ataD mis en Bürgerrechts an Mehrer und Studirende der Forstwirthschaft, der LandeSuniversität einverleibt worden, um hier fortan als ein den älteren Disciplinen gleichgeachtetes Lehrfach seinen Platz zu be- haupten. Hervorragende Männer unserer Wissenschaft Haden seitdem die forstlichen Lehrstühle Gießens bis vor Kurzem die einzigen an deutschen Hochschulen lnne- gehabt; aus ihren Hörsälen sind viele hundert Fachgenossen hervoigegangen und haben ihr dort erworbenes Wissen und Können wett Über Hessens und Deutschlands Grenzen hinaus zur Geltung gebracht; jene Vereinigung hat, obwohl vielsach angefochten, doch nicht allein standgehalten, sondern auch, wenngleich erst nach Jahrzehnten, Wadmhmuna gefunden.

Wenn wir darum den 14. Juni 1831 als den Tag der Mündigkeits-Erklärung unserer jungen Wissenschaft bezeichnen Dürfen, so erscheint es Ehrenpflicht Der forst­lichen Kommilitonen unserer alma mater Ludoviciana, die 50. Wiederkehr dieses Tages am 14. Juni 1881 in würdiger, wenn auch einfacher Weise zu feiern."

Mit diesen Worten hatte der ad hoc conftituirte Festausschuß, an dessen Spitze Herr Forstmeister Dr. Ha berkorn stand, seine in den forst wissenschaftlichen Zeitschriften erschienene Einladung zu dem jetzt hinter uns liegenben Feste motiDirt Heute freuen wir uns, mitt heilen zu können, daß die mühevollen Lordereitungsarbeiten des Fesi- ausschusies d n besten Erfolg gehabt haben, daß das Fest Dank der zahlreichen Betheiligung aus den Kreisen^ der ehemaligen Kommilitonen, Dank dem freundlichen Entgegenkommen der Universität, der Stadtverwaltung und der Einwohnerschaft einen allseitig vollkommen befriedigenden Verlauf genommen hat.

Von reichem Flaggenschmuck an öffentlichen, sowie auch an vielen Prioatgebäuden freundlich begrüßt, zogen am Montag Nachmittag, von allen Richtungen der Wmdrosc herkommend, die Festgäste im grauen und grünen Jägergewande ein Der Vorabend des Festes verlief unter gegenseitiger Begrüßung der Eoimnilitonen von luü Semestern bis zum jüngsten Fuchs herab in zwangloser Heiterkeit beim Glase Bier auf dem Lenz'schen Felsenkeller, wo der Vorsitzende des Festausschusses das ersie EWillkommen" in herzlichen Worten aussprach.

Die eigentliche Festfeier wurde sodann am Dienstag den 14. Juni, Vormittags 10 Uhr, mit dem FestactuS in der großen Aula des neuen Universitätsgebäudes eröffnet. Hier hatten sich daS corpus academicum, die Vertreter der Universität Münche , der Forstacademien Tharand und Aschaffenburg, der Großh. Staatsregierung, Der obersten staatlichen und städtischen Behörden, die Festgäste und zahlreiche Einwohner der Stadl versammelt. Ein Mannerchor von Hauptmann, vorgetragen von Mitgliedern des aka demischen Gesangvereins unter Leitung des Herrn Musikdireciors Felchner, leitete die Feier ein, worauf der derzeitige Rector magnificus, Herr Professor Dr. i&euffert Namens der Universität eine begrüßende Ansprache an die Festtheilnehmer richtete. Alsdann bestieg der ordentliche Professor der Forftwissenschast an unserer Hochschule, Dr. Richard Heß, geschmückt mit dem Kreuze des ihm Tags zuvor von Sr. K. H. dem Grotzherzog verliehenen Ludewigsordens, die mit reichem Blumenflor und Den Bildern Hundeshagen's und Karl Heyer's, seiner hochberühmten Vorgänger, gezierte Redtierbühne und verbreitete sich in längerer eingehender Rede überUmfang und Bedeutung der Forstwissenschaft als Unioersitäts-Disciplin", indem er die letzter, als ein auf dieGrundlagenider Mathematik, Natur- Staats- und Rechtswisseiischast streng systeinatisch aufgebautes Lehrfach charaktensirte und zweitens auf ihre hohe Bedeutung für die Staatsverwaltung hinwies. Den Schluß der Festrede bildeten warme Worte der ehrenden Anerkennung für die Verdienste der soeben genannten beiden Hingeschiedenen Koryphäen des Forstfaches, deren geistiger Arbeit eben dessen Erhebung zur modernen Wissenschaft zu danken sei, und deren Bilder gleichzeitig von zwei Studirenden mit Lorbeerkränzen ges mückt wurden. Einem zweiten Gesangsoortrag ausDer Ro>e Pilgerfahrt" von Schumann folgte die kürzere Festrede deS Herrn Forstmeister Ur ich von Büdingen, eines ehemaligen Schülers unserer Universität, dem Die schwierige Aut gäbe zugefallen war, das gleiche Thema nun nochmals, wenn auch von verändertem Standpunkte, nämlich dem des ausübenden Forstmannes, zu behanoeln; eine Auf gab., der sich der Redner mit wahrer Meisterschaft entledigte. Sem formvollendeter, schon abgerundeter und schwungvoller Vortrag erntete Den allgemeinsten Beifall.

Nach beendigtem Actus besichtigten die Festgenossen d:e Räume und Sammlungen im neuen Universitätsgebäude und begaben sich alsdann zum Festmahl in Wenzel's Garten, daS in äußerst animirter Stimmung verlief, gewürzt von zahlreichen, theils ernsten, theils launigen Tischreden, von welchen wir folgende besonders heroorheben Herr Geh. Staatsrath Knorr von Darmstadt brachte den Toast auf S- K- H. den Großherzog, der Herr Rector Denjenigen auf die so. st liehe Docenten der Hochschule aus, Professor Heg ließ die Großh. ,raatsregierung, insbesondere das um die Hebung des forstlichen Unterrichts hochverdiente Ministerium des Innern, For/tmeist r Habe.- körn die Universität hochleben. In ansprechendster, von Geist und frischem Humor sprühender Rede erging sich Professor Dr. Gustav Heyer aus München, des vorhin erwähnten Karl Heyer ebenbürtiger Sohn und Nachfolger auf dem forstlichen Lehr­stuhle Gießens, von 1849 bis 1868 eine Zierde unserer Hochschule, über Sonst und Jetzt der forstwissenschastlichen UnterrtchtSanstalten; außer ihm redeten u. A. noch Oberforstrath Judeich aus Tharand, Professor Bobn aus Aschaffenburg und Forst- inspector von Da oall aus Vevey in der Schweiz, letzterer in französischer Sprache; fein Toast galt der Stadt Giegen Dem Festmahl folgte ein von Den Angehörigen und Freunden Der Theilnehmer aus Der Stadt zahlreich besuchtes Gartenconcert Der Gießener Militärkapelle, dem sich aus Wunsch Der fröhlichen Jugend ein bis Mitternacht währendes improvisirtes Tänzchen anschloß.

Am zweiten Tage, dem Mittwoch, versammelten stch Die Festgenossen Morgens 9 Uhr am Neuenweger Thor, um unter Führung des Herrn Oberförster Lang eine Wanderung durch den Gießener Stadtwald, dereinst die Stätte ihres ersten praktischen und Anschauungsunterrichts, anzutreten. Eme sehr angenehme Unterbrechung bildete gegen Mittag das amLumpenmannsbrunnen" im kühlen Waldesschatten von Seiten der Stadtverwaltung gespendete Frühstück, bei welchem die Herren Bürgermeister Bramm und Stadtverordneter Homberger die Festgäste begrüßten und Professor Heuer, wiederum in zündender Rede, Der eifrigen Fürsorge gedachte, welche Der Stadtoorstand jeberjeit Dem Walde zugewenDet habe, und demselben dafür im Namen des Forst- verwaltungspersonals, Dem er seiner Zeit auch angehört, herzlich dankte. Hierauf trat man Die WanDeramg wieDei an und erreichte Deren vorläufiges Ziel, den Schiffenberg, wo den Gästen das Mahl bereitet war und trefflich mundete. Auch hier strömte wiederum die festliche Rede in reichem Fluß; auf die Mittheilung der einzelnen Toaste muß aus Rücksicht auf den Raum dieses Referats verzichtet werden. Nachdem Hunger und Durst gestillt, theilte sich die Excursion; die einen besuchten u ter Führung des Herrn Professor Heß den academischen Forstgarten am Fuße des Schiffenbergs, andere gingen mit Herrn Oberförster Georgi durch Den Schiffenderger Wald. Erst gegen Abend langten Die meisten Theilnehmer wicDer in G'eßen an, zum Theil wohl ziemlich müDe, Das Darf nicht geleugnet werDen. Aber alle MüDigkett war vergessen, als am AdenD im festlich geschmückten Wenzel'schen Saale Die alten Burschenwelsen erklangen, als StuDenten unD bemooste Häupter bunt gemischt im Schmucke Der verschiedenen Farben an langen Tafeln Die altbewährten Burschenbräuche übten und Oberförster feepb, ter erwählte Präses, mit Schlägerklang und Salamander den Festcommers eröffnete. Auch hier erscholl wieder manch hohes, manch scherzendes Wort auf Fürst und Vaterland, Hochschule und Studentenschaft, auf dies und Das, was Alles Dem Bunchen fein Herz erhebt, bewegt unD zuweilen auch bedrängt. Schnell und un- merklich verrannen die Stunden, wie lange aber DieSitzung" gedauert und zu welcher stunde Die Einzelnen Den Saal verließen, um mit mehr oD?r minDer beflügeltem Schritte Die Wohnung aufzusuchen,^ Davon schweigt der Bericht. Und sollte auch Morgens früh um Acht^ Manchem ähnlich zu Muthe gewesen fein, wie Dazumals Dem