Gestern Mittag, so wird auS Prag der „Presse" gemeldet, wurde jenen czecht- < schen UniversttätShörern, gegen welche aus Äntrag deS Unterrichtsministeriums vom akademischen Senat die Dtsciplinar'Untersuchunq eingeleitet worden, in den detr. Decanatskanzleien von den Decanen das Urtheil des akademischen Senats verkündet. Ein Jurist, zwei Medtciner und ein Philosoph wurden für immer relegirt; ein Jurist auf vier Semester; drei Juristen erhielten einen Verweis, der bei einem derselben durch das consilium abeundi verschärft wurde. Allen Verurthetlten steht binnen 8 Tagen das Berufung-recht zu. Vom akademischen Senat wurde ein Bericht in dieser Angelegenheit an das Unterrichtsministerium erstattet und darin ausdrücklich erklärt, daß die in der Resolution des Cesky-Club enthaltene Angabe, als ob die Krawalle von deutschen Couleur-Studenten provoctrt worden wären, eine Verleumdung sei, denn die Excesse seien von czechischer Seite wohl angelegt und organisirt gewesen. Dieselben seien gegen das gesammte Deutschthum und hauptsächlich gegen die Prager deutsche Studentenschaft gerichtet gewesen, um den Bestand der deutschen Unive- sttät zu untergraben. Desgleichen wird in dem Berichte mitgetheilt, daß viele Mitglieder des „Akademiky Spolek", bevor ste in das Versammlungs- Local des Corps „Austria" in Kuchelbad eintraten, vorher in einem andern Gasthause ihre Vereinsbänder und Vereinsabzeichen abgelegt hatten und sich dieselben erst AbmdS, nachdem der Exceß vorüber war, beim Wirthe wieder abholten. Das Referat des Senats erwähnt ferner auch die sehr bedauerliche Erscheinung <inc$ allgemeinen BtldungsrückgangeL unter der Studentenschaft au der Prager Universität. Der Rector der Prager deutschen technischen Hochschule, Profeffor Kick, hat am schwarzen Brett einen Aufruf anschlagen lassen, in welchem er mit Bezug darauf daß in letzterer Zeit mehrere Hörer wegen Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung zur Anzeige gebracht wurden, die Studenten auffordert, sich jeder, auch der unbedeutendsten, Störung der nächtlichen Ruhe zu enthalten und in diesem Sinne auf minder ernste Kollegen etnzuwtrken. Von der deutschen technischen Hochschule wurde gestern auch ein Student czechischer Nationalität relegirt.
Nußland.
Petersburg, 17. Juli. Ein Berichterstatter der „Köln. Ztg." schreibt aus Petersburg: „Eine unheimliche Stille ist in den öffentlichen Angelegenheiten seit einigen Wochen etngetreten. Was thut, was denkt, was plant man in Petersburg? ist die erregte Frage jedes Provinzialen, der in der Hauptstadt erscheint, und ich vermuthe, daß es die Frage ist, welche auch bei Ihnen draußen aufgeworfen wird, sobald man sich Rußlands erinnert. Denn noch, als ich Ihnen zuletzt schrieb, schien die Residenz der Herd einer Fülle von Plänen, Gedanken und Thaten werden zu wollen, und die Erwartungen waren sehr gefltffentltch durch den Erlaß des Czaren und das Rundschreiben des ersten Ministers hoch gespannt worden. Monate sind seit der czarischen Kundgebung in's Land gegangen, aber noch ist nichts geschehen, was darauf deuten könnte, daß man die Worte des Manifestes oder des Rundschreibens in Werke umsetzen wolle."
Afrika.
Algier, 17. Juli. Eine Abtheilung französischer Truppen aus Tiaret erreichte die Nachhut der aufständischen Stämme bet Rezina; die Insurgenten verloren bei diesem Zusammenstoß 30 Todte. — Bou-Amena scheint sich wieder nach Nordosten wenden zu wollen.
Uulgarien.
Sofia, 16. Juli. Fürst Alexander ist unumschränkter Herr von Bulgarien in Folge Entscheidung der großen Volksversammlung, lieber» raschen konnte dies nach dem Wahlresultat weiter nicht, und wir wollen dem Fürsten von Herzen wünschen, daß es ihm gelingen möge, sein Land zu heben und es zu einem geordneten Staate zu machen. Nebenbei dürfte es allerdings auch nicht schaden, wenn er seinen eigenen allzu diensteifrigen Beamten ein wenig auf die Finger paßt, er würde sich dadurch um so schneller die Herzen deS Volkes gewinnen.
Amerika.
New-Uork, 18. Juli. Die Stadt Neu-Ulm in Minnesota ist schon Freitag Abend, nicht erst Sonnabends — wie irrthümltch gemeldet wurde — von dem verheerenden Orkane heimgesucht worden, die Verwüstung und die dadurch herbeigesührte Bestürzung der Einwohner waren aber so groß, daß die ersten Nachrichten über die Katastrophe erst heute hierher gelangten. Die Zahl der zerstörten Gebäude beträgt über 100, die Zahl der getödteten Personen 14, die Zqhl der Verwundeten 25. Die gedachten Zahlen vermehren sich aber noch durch die bezüglichen Meldungen, welche von anderen entfernteren Punkten etngehen, über welche sich der Orkan erstreckte. Anscheinend sind z vei auS geradezu entgegengesetzten Richtungen kommende Sturmwinde bei Neu-Ulm aufeinander gestoßen; in der kurzen Zett von nur 15 Minuten war das Zer- störungswerk vollendet.__
«elegraphischk^pescheu^
Wolffs telear. (UnrefpwtMyBRstau.
Koblenz, 18. Juli. Von den Ihre Majestät die Kaiserin behandeln- den Aerzten, welche gestern nach mehrtägiger Pause zu einer Consultation zusammentraten, ist folgendes Bulletin ausgegeben worden: Die Reconvalescenz Ihrer Majestät der Kaiserin ist in regelmäßigem, aber sehr langsamen Fort- gang begriffen. Der an der Operattonsstelle bestehende, in mäßige Tiefe süh- rende Gang zeigt günstige Absonderung und wird sich erst nach vollständiger Abstoßung kleiner Gewebstheile schließen. Obwohl die Kräfte zunehmen, bleiben doch noch mancherlei kleine Störungen zu bekämpfen und sind deshalb Schwan- kungen des Allgemeinbefindens für die nächste Zukunft noch nicht ausgeschloffen. Der Zustand ist jedoch im Allgemeinen nach den Umständen befriedigend zu nennen.
Berlin, 18. Juli. Graf Hatzsildt machte gestern sämmtlichen noch hier weilenden Botschaftern und Staatsministeru Besuche.
— Der „Reichs'Anz." meldet bie Ernennung des Geh. Raths Glatze! zum Präsidenten des Oberlandes-CulturrathS.
Kiel, 18. Juli. Die britische Flotte, von dem deutschen Geschwader begleitet, trat heute Vormittag um 10 Uhr die Heimfahrt an. Prinz Heinrich hatte sich an Bord des „Herkules" eingeschifft, Prinz Wilhelm begleitete daS englische Geschwader am Bord der „Grille." Ec wird heute Abend nach Potsdam zurückkehren. Die englische Flotte nimmt morgen Abend Post in Frederikshavn und geht bann sofort birect weiter nach Leath.
PariS, 18. Juli. Die Commission der Deputictenkammer für Vor- berathung des Preßgesetzes beschloß, die vom e>euat an dem Entwürfe vorge- nommmen Aenderungen ihrerseits anzunehmen. — Der Kriegsministec brachte in der Deputirtcnkammer einen Gesetzentwurf wegen Wetterführung der algerischen Eisenbahn von Saida bis Kreider ein. Die Kammer lehnte mit 324 gegen 91 Stimmen den Antrag auf gerichtliche Verfolgung des bisherigen Polizeipräfekten Andrieux wegen Verhaftung der Frau Eyben ab. Andrieux hatte verlangt, unter Anklage gestellt zu roeroen, um Gelegenheit zu haben, die Verleumdungen gegen ihn zu widerlegen.
Der Senat lehnte es ab, den Antrag Tolain auf Verlegungs-Revision in Erwägung zu ziehen.
Rom, 18. Juli. Die „Agenzia Stefani" stellt in Abrede, daß der Minister des Aeußern, Mancine, in Beziehung auf die Zwischenfälle bei der Ueberführung der Leiche des Papstes Pius IX. ein Rundschreiben an d.e Vertreter Italiens im Auslände gesandt habe. Derselbe habe sich darauf beschränkt, den europäischen Vertretern daS Ereigniß an sich telegraphisch bekannt zu geben und sich im Uebrigen auf die Berichte bezogen, welche die am italie- Nischen Hofe accreditirten Vertreter des Auslandes ihren respectiven Regierungen darüber einsenden würden.
Petersburg, 18. Juli. Die schon längere Zett in Aussicht stehende definitwe Entlastung des Großfürsten Constantin Nikolajewitsch vom Präsidium des ReichSraths und von der Marine wird als bald bevorstehend bezeichnet. Wcr für den Großfürsten Michael, der daS Präsidium des Reichsraths führen wird, nach Tiflis geht, scheint noch nicht fest bestimmt.
Reitende Dögel.
Es ist weltbekannt, daß die kräftigen Flieger unter unfern Zugvögeln im Winter nach Afrika gehen und dabet den Weg über das Mittelländische Meer in einem Zuge zurücklegen. Die weniger kräftigen benutzen die Inseln als Ruhepunkte und werden von der Reife stark angestrengt; Jedermann kennt ja z. B. die hundertfach wlederholten Schilderungen von den ermüdeten Wachteln auf Capri. Man findet aber auch ganz kleine mitteleuropäische Vögel, und zwar solche, deren kurze runde Flügel ihnen gar keinen weiten Flug gestatten, in den Wintermonaten auf afrikanischem Gebi te, währen) sie zur Sommerszeit in Europa sind. Wie kommen die über das Meer? Oder nehmen sie etwa den Landweg über Kleinasien? In englischen und amerikanischen Blättern finden wir eben jetzt eine Anzahl von Beobachtungen verzeichnet, welche auf diese Frage eine ebenso hübsche wie unerwartete Antwort geben: sie reiten hinüber, und zwar auf dem Rücken von größeren Zugvögeln, hauptsächlich von Kranichen. — Ein Correfpondenc der „New-Aorker Evening-Post" schreibt: Im Herbste 1878 brachte ich mehrere Wochen auf Kreta zu. Bei mehreren Gelegenheiten lenkte der Dorfgeistliche, mit dem ich viel verkehrte, meine Aufmerksamkeit auf das zwitschernde Singen kleiner Vögel, welches deutlich hörbar wurde, wenn eine Herde von Kranichen auf dem Fluge nach dem Süden über uns wegzog. Ich sagte ihm, ich sähe keine kleinen Vögel und vermuthe, daß das Geräusch von den Flügeln der großen herrühre. „Nein, nein", sagte er, „ich weiß, es ist das Gezwitscher der Kleinen, sie sitzen auf dem Rücken der Kraniche, ich habe sie oft auffliegen und wieder aufsitzen sehen, und sie bleiben während der Futterpause immer bei den andern " Ich war immer noch ungläubig, fand aber bald, daß das Dasein dieser kleinen gefieberten Begleiter bei alten und jungen Leuten für eine feststehende Thatfache galt Ich sprach die Vermuihung aus, die Kleinen möchten vielleicht vom Ufer eine kleine Strecke seewärts fliegen und dann mit den Kranichen zurückkehren, aber „nein", hieß es, „sie kommen von Europa". Ich selbst habe das Gezwitscher der Thierchen mit Sicherheit mehrfach gehört, auf dem Lande sowohl wie über dem Meere. Eines Tages endlich fischten wir. etwa 24 Kilometer weit vom Ufer auf dem Meere, als ein Zug Kraniche ganz nahe an der Nacht vorüberflog. Die Fifcher hörten die „kleinen Vögel" und machten mich auf ihren Gesang aufmerksam. Auf einmal rief einer: „Da ist einer!" aber es gelang nur nicht, ihn zu sehen. Da schoß ein Fischer seine Flinte ab; drei kleine Vögel fliegen aus der Herde in die Höhe und verschwanden bald wieder unter den Kranichen. — In der „Gartenlaube" erzählte k irzlich Herr A. Ebeling, daß unsere gemeine Bachstelze im Winter in Ae ppten sehr häufig ist und daß die bortigen Beduinen überzeugt sind, der Storch bringe die Thierchen hinüber. Heuglin soll sich bestätigend ausgesprochen haben. — In Peterrnann's Reifen finbet sich eine Notiz, wonach man in Rhodus bet Ankunft ber Störche oft kle.ne Vögel fingen hört, ohne sie zu sehen. Der schwedische Reisenbe Hebenborg folgte einmal einer Herbe von Störchen, und als sie sich niederließen, sah er von ihrem Rücken kleine Vögel auffliegen. Er konnte sich nicht hinreichend i ähern, um die Art der Thierchen zu bestimmen. — Dr. van Lennep schreibt in seinem Werke „Biblo customs in Bible Jands“ eine Notiz, welche zeigt, daß Aehnliches in Kleinasien ftattfinbet. „Manche Vögel", heißt es da, „sind durchaus unfähig, die ganze Breite des Mittelländifchen Meeres zu paffiren und selbst ber Lanbweg über Syrien unb Palästina würbe ihnen viele Wochen kosten. So z. B. bie Ortolane, Rothkehlchen, Zeisige, Meisen unb kleine Finken, nebst hundert anderen kleinen Angehörigen der gefieberten Welt; unb ba die Strenge des Winters ihnen verderblich sein würde, nicht nur in Kleinasien, sondern auch in Syrien und Palästina, so hat Er, der immer für die kleinsten feiner Geschöpfe sorgt, ihnen die Mi:tel zur Reise in ein wärmeres Klima gegeben In der That, viele von ihnen finden ihren Weg von Palästina nach Arabien und Aegypten und da dies schwer, ja unmöglich sein würde, wo hohe Gebirge und breite Meeresarme den Weg kreuzen, hat die Vorsehung für solche Fälle den Kranich geschaffen. Die meisten von diesen (Kranichen) sind Zugvögel. Im Herbste sieht man bei den ersten kalten Winden zahlreiche Herden derselben von Norden kommen; sie fliegen niedrig und stoßen, während sie über cultioirte Ebenen ziehen, einen eigentümlichen Schrei, wie einen Allarmruf aus. Dann kann man sehen, wie kleine Vögel jeder Art m ihnen emporfliegen, während der zwitschernde Gesang derjenigen, die fchon einen bequemen Platz auf ihrem Rücken haben, deutlich hörbar wird. Bei der Rückkehr im Frühjahr fliegen bie Kraniche hoch, anscheinend weil sie wissen, daß ihre kleinen Passagiere den Weg zur Erde hinab leicht finden können." (Dr. van Lennep hat fast ein Lebensalter im Orient zugebracht und schreibt wie ein Augenzeuge.)
Endlich wird aus Amerika berichtet, daß dort die wilde Canadagans den kleinen Finken denselben Dienst leistet, der am Mittelmeer den Kranichen zugeschrieben wird. Die Jäger von der Hudsonsbai versichern, daß namentlich eine Finkenart regelmäßig auf dem Rücken der Gänse ankommt und ab reift. Wenn bie großen Vögel ankommen, fliegen sie hoch und steigen in weiten Kreisen zur Erde herab; dann sieht man die kleinen Gäste von ihren Rücken absteigen. Werden sie aber, nachdem sie ihr Nachtlager auf der Erde schon gesucht, aufgescheucht, so fliegen sie niedrig; und die Jäger wissen, daß bei niedrig fliegenden Gänsen keine kleine Begleiter gefunden werden; diese sitzen während der Ruhe ab und sorgen selbstständig für Nahrung unb Nachtquartier. Es liegt gar fein Grund vor, den vielseitigen Angaben, die wir im Vorstehenden berühren, zu mißtrauen. Das bei uns das Aufsteigen ber Bachstelzen u. s. w. auf g oße Zugvögel noch nicht beobacht t worden ist, findet feine einfache Erklärung darin, daß letztere sehr scheu sind, ihre Züge meist im Halbdunkel antreten, gleich hoch aufsteigen und in großer Höhe fliegen, so daß dem Beobachter nicht leicht Gelegenheit geboten wird, ihrer Abreise zuzusehen. Die Kraniche sichern sich ja sogar durch besondere Wachtposten. Im Süden haben wir selb,: die Thiere viel niedriger als bei uns fliegen sehen, und wo so große Vögelmengen zusammenkommen, wie z B- am Rothen Meer und auf den Jnselstationen, da wird es gewiß viel leichter als bei uns, von einer fache Kenntmß zu nehmen, die Beobachtung aus der Nähe verlangt. Den Angaben der Jäger und Fifcher dürfte zu trauen sein, wo sie sich auf die Lebensgewohnheiten ihres Wildes und ihrer gefiederten Concurrenten beziehen. Außerdem sind freundschaftliche Beziehungen ähnlicher Art im Thierreich schon in hinreichender Menge bekannt: Haifische unb Piloten, Ameisen und ihre Hausthiere, Prairiehunde unb Prairie-Eulen, Schafe unb Stare wären als Beispiele kameradschaftlichen Zufa'.menlebens ganz verschiedener Arten unb aus ganz verschiedenen Gründen zu erwähnen. Das Bildchen aber, welche diese Beobachtung uns vorführt, ist eines der reizendsten aus der reichen Galerie der Natur; wie das große, starke bereitwillig einen Theil seines Kraft-Ueber. schusses zur Verfügung stellt, und der kleine, behaglich auf feinen Rücken geduckt, ihm die lange Reise mit fröhlichem Gezwitscher verkürzt, vielleicht auch mit Warnung ober


