Schweiz.
Central-Comites.
Srlrgraphische Pepeschen.
LSolsf's ttltfit.
Berlin, 14. August. Fürst Bismarck ist heute früh 1 Uhr 15 Min. hier wieder eingetroffen.
London, 14. August. Wie der „Obseroer" hört, wurde im gestrigen Cabinetsrathe beschloffen, auf der Annahme der irischen Landbill, wie dieselbe am Freitag das Unterhaus verlaffen, factisch zu bestehen. Falls daS Oberhaus Widerstand leiste, so solle das Parlament nach Abwickelung der finanziellen Vorlagen prorogirt und im November wieder emberufen und solle alödann die irische Landbtll wieder eingebracht werden.
Rom, 14. August. Der Cardinal La Valletta vollzog heute früh in der Kirche Trinita bei Monti die Wethe an Dr. Korum und vier neuen italienischen Bischöfen.
Petersburg, 14. August. Der Minister des Innern hat, wie osficiell mttgetheilt wird, verfügt, daß der in Moskau erscheinenden Zeitung „Rußky Kurjer" die dritte Verwarnung ertheilt und daß die Herausgabe derselben auf 4 Monate suspendtrt werde.
Genua, 14. August. Bet dem heute hier abgehaltenen Meeting gegen daS Garantiegesetz verbot der anwesende Polizei-Jnspector nach Verlesung mehrerer Zustimmungs-Erklärungen demokratischer Vereine die weitere Fortsetzung und ließ das Theater räumen.
Paris, 14. August. Aus Tunis wird gemeldet, daß Ali Bm Halifa geneigt sei, den Bey um Verzeihung anzugehen, daß er sich dagegen verpflichten würde, alle aufrührerischen Stämme zur Ordnung und vollständigen Unter-
Vermischtes.
Mainz, 14. August. sVom 12. Mittelrheinischen Turnfest.) Ein günstiger Stern hat bis jetzt über unserem Feste gewaltet. Das Wetter, dieser unberechenbare, launische Hauptfaktor aller solchen Veranstaltungen, machte uns noch bis kurz vor Beginn des Festes schwere Sorge. Wenn nun alle die großen Vorbereitungen vergeblich gewesen und unsere Hoffnungen zu Wasser geworden wären! Daraus mußten wir uns gestern gefaßt machen. Noch am Mittag stürmte und regnete es so, daß Alles verloren schien. Ab-r die Mainzer gaben die Hoffnung nicht auf, gleichwie dem Himmel zum Trotz schmückten sie ihre Häuser, steckten Flaggen auf und zogen Guirlanden um Thüren und Fenster und — ihr guter Muth zeigte sich gerechtfertigt. Schon gestern Nachmittag klärte sich der Himmel auf, der ausgetrocknete Erdboden sog in Kurzem die herabgeftromte Wasserfluth ein und em völlig heiterer Abend begünstigte den eigentlichen Beginn des Festes. Derselbe bestand in einer berathenden Versammlung der Turner (dem 38. mittelrheinischen Turntag), sowie in der Wahl der Preisrichter, woran sich ein solenner Commers mit feierlicher Begrüßung der Turner in der Fest-
Lokales.
Gießen, 15. August. Ein Arbeiter, welcher schon mehrfach wegen Diebstahls bestraft wurde, verschwand am Samstag Abend spurloS, nachdem er sich rechtswidrig mit den Kleibern seines Schlafcollegen herausgeputzt hatte.
— (5m junger Mensch von Wleseck, welcher das hiesige Gymnasium besucht, zerschlug am Samstag Abend, als er nach Hause ging, muthwtlliger Weise «ine Straßenlaterne am Wtesecker Weg. Er wurde von der Polizei ermittelt und zur Anzeige gebracht. _______
England.
London, 13. August. Heute findet ein Cibinetsrath statt, in welchem die nächsten Schritte, betr. die irische Landbtll, erwogen werden sollen. In Folge der Haltung des Oberhauses wird die parlamentarische Situation als eine sehr ernste angesehen. — Der „Standard" erfährt, daß die Regierung nicht nachgeben werde, eher werde sie auf die Vorlüze für dieses Jahr gänzlich verzichten. Wie verlautet, würde daS Parlament, wenn die irische Lmdbtll scheitern sollte, im Herbst zusammentreten und in demselben eine neue irische Landbtll etngebracht werden. Die „Times" meint, daß, wenn kün Com- promiß zu erreichen sein sollte, der Rücktritt des Ministeriums oder die Aus- lösung des Parlaments unvermeidlich sei. „TimeS" und „Daily News" er- klären, die Regierung dürfe nicht nachgeben. Der „Standard" bedauert die Haltung des Oberhauses und spricht stch mißbilligend über das Verhalten Lord Salisbury's aus, Lord Beaconsfield würde anders gehandelt haben.
London, 13. August. Der „Times" werden aus Alexandrien unter dem 13. ds. die Einzelheiten über die am Mittwoch ausgebrochene ministerielle Krisis mttgetheilt. Danach hätte sich der Khedtve beklagt, daß er schlecht in- formirt und sein Einfluß allzusehr zurückgedrängt werde, und hätte den Vorsitz im Ministerrath für sich beansprucht. Der Präsident des Ministerraths, Rtaz Pascha, habe stch, unterstützt von dem englischen und franzöflschen Consul, diesem Ansinnen mit dem Erfolge widersetzt, daß der Status quo provisorisch bestehen bleibe. Der Khedive habe sich ferner auf Vorstellungen Seitens höherer Osfictere dazu verstanden, den gegenwärtigen KriegSmintster Pascha Reski durch Daoud Pascha zu ersetzen.
Bestrebungen im Innern. Da« Land habe im Jahre 1870 zu gut geiehen tn welche Untiefen man sein Schicksal treiben ließ. Heute gehöre Frankreich nur sich selbst und denke nur daran, sich wieder zu sammeln und zu concen- triren, um mit Geduld und Besonnenheit sein Prestige wiederherstellen und den Pret» seiner Verhaltens erhalten zu können. Es werde wohl der Tag erscheinen, wo die aufgestellten Probleme durch daS Völkerrecht und durch den Triumph des friedlichen Geistes gelöst werden würden. Rur das Schwert könne fetzt die Frage entscheiden; die Gerechtigkeit aber sei auch etwas und wer wolle behaupten, daß hierüber nicht eines Tages eine wechselseitige Ueber- einstimmung hervortreten werde? „Ich verlange, daß die Regierung und die Republik meiner Wahl, nämlich die demokratische Republik, aufmerksam, Begonnen und wachsam sei, stet« entfernt von dem Geiste des Angriffes, der Umwälzung und des Brandes. Ich hoffe, daß wir einst kraft der Majestät de» Rechtes die von uns getrennten Brüder Wiedersehen werden." — Diese Worte wurden mit stürmischem Beifall und lang andauernden Bravorufen ausgenommen. Ein Redner, welcher erklären wollte, daß Gambetta sein Mandat nicht erfüllt habe, wurde durch unbeschreiblichen Tumult unterbrochen. — Gambetta war bei seinem Erscheinen in der Versammlung mit lebhaften Beifallszeichen und den Rufen: „Es lebe die Republik!" „Es lebe Gambetta I" empfangen worden.
i^eftülohe.
Die Feuerwehr der Hess. Ludwigsbahn und dazu eine Cavalcade von etwa 30 bis 35 Festreitern bildeten die Vorhut, welcher eine Anzahl Herolde in prachtvollen Costümen begleitet von Fanfaren schmetternden Trompetern, folgten- Schon hierin zeigte sich die alte Carnevalsstadt mit ihrer eingefleischten Vorliebe für bunten Mummenschanz und noch deutlicher trat dies in mehreren der folgenden Gruppen hervor, unstreitig zum Vortheil für den Gesammteindruck des ganzen Festzugs, der durch die Turner und Turnfreunde allein ein ziemlich monotoner hätte werden müssen. Den berittenen Zugführern schloß sich zunächst das Musikcorps des 27. Art.-Rcgiments an, welches ebenfalls mit grünschillernden Costümen bekleidet war, woraus der prachtvoll mit Emblemen und vielen blinkenden Ehrenpokalen ausgestattete Wagen der hiesigen Schützengesellschaft folgte. Jetzt einlautschallendes, vielhundertfaches „Gut Heil!" übertönte auf einmal die voranschreitende Instrumentalmusik — und es erscheint die erste Abtheilung der Turner: es ist der Gauverband Rheinhessen (ohne Castel und Mamz). Die Flügelmänner tragen triumphirend eine Partie reifer Trauben, gleichwie als Wahrzeichen ihres gesegneten Heimathlandes. Ihre schlichten grauen Anzüge bilden einen eigentümlichen Contrast zu den Prachtgewändern der Vorausgegangenen roie zu der Uniform der nachfolgenden Mannschaft der Feuerwehr, welche mit einer bespannten Spritze und zwei Wasserfässern dahergezogen kam. Hinter dieser marschirte das Mmik- Corps des 87. Jnfanterie-Regim nts und der Ruderclub einher, letzterer mit einem herrlich ausgeschmückten Wagen, welcher Felsen und Grotte darstellt und tn der Mitte den Vater Rhein" zeigt, um welchen sich allegorisch Schifffahrt, Handel, Weinbau unb Romantik gruppiren. Vorn auf dem Wagen aber liegt ein vollständig ausgetakeltes Schiff. Röchst elegant kostümirt gehen die Mitglieder mit bekränzten Rudern, sowie eine Anzahl Matrosen und eine Matrosenkapelle nebenher- Das Publikum gibt m lauten Zurufen seine Bewunderung kund. . m
Bur Abwechslung kommt daraus zunächst wieder eine lange, zahlreiche Vereine umschließende Abtheilung Turner, es ist der Saar-Moselgau, sowie der Main-Rbeingau, darunter viele stramme, kernige Gestalten, denen der Segen des Turnens aus allen Gliedern guckt. Und jetzt kommt eine lange Schaar, fast durchgehend tn Schwan gekleidet es sind die Pfleger des Gesangs, die Mitglieder der Mainzer Liedertafel, des Liederkranzes, des Mannergesangvereins, des Sängerkranzcs und Liederzweiges. Ein Musikeorps bildet den Abschluß dieser Gruppe; dann folgt der Fechtclub mit einem prachtvoll gestickten neuen Banner und wieder eine Anzahl verschiedener Vereine, an die sich die Turner des Gauverdands Frankfurt und des Gaues Hessen anschließea. Höchst originell nimmt sich die folgende Nummer aus, sie wird von Karchern n blauen Fuhrmannskitteln gebildet, von denen ca. 40 Mann hoch zu Roß sitzen, während die übrigen zwei Wagen dirigiren, einen großen schwerbeladenen Frachtwagcn und ent Küferfuhrwerk mit Weinfaß, das laut Inschrift puren Naturwein enthält.
Nun erscheint wieder ein Musikcorps mit dem Casteler Turnverein und den Mitgliedern des Gauverbandes Maingau nebst dem Casteler Gesangverein, daraus abermals ein pompöses Schaustück: Die Schifferzunft mit dem Vater Rhein, allerlei Mattosen und einem stattlichen Nachen, dies Alles zu einer malerischen Gruppe auf einem von 6 Pserden gezogenen Wagen vereinigt- Dann wiederum Musik und wiederum Turner, diesmal von der Turngesellschaft Mainz und dem Gauverband Sud- Nassau. Das Auge des Zuschauers ruht hierbei einen Moment darauf, um mit der nächsten Gruppe einen neuen Genuß zu empfangen: Zwei hoch aufgebaute Wagen, ntu Blumen, Bäumen und Gewächsen aller Art aufs Geschmackvollste ausgestattet, veranschaulichen die Erzeugnisse der Gartenbaukunst und erregen allgemeine Bewundermig-
Gleichwie zur Erhöhung des späteren Effekts marschiren nun im einfachen Civilanzuge die Mitglieder verschiedener geselliger und musikalischer Vereine auf, das Musikcorps des 80. Infanterie-Regiments folgt und jetzt rollt wieder ein herrlich auf- aevutster Wagen daher, dieser, eine hohe Säule in der Mitte, repräsentitt das Baugewerbe- Maurer und Steinhauer, Zimmerleute, Dachdecker, Schreiner und Schlosser ic. sind ttn Gefolge. Es ist unmöglich, all' ihre Standesmerkmale hier abzuzeichnen; das
Bei dem Gelage entfaltete sich ein außerordentlich frohbewegtes Treiben. Die Halle war bis aus den letzten Platz von Damen und Herren besetzt und in den Gängen wogte und wimmelte es von Menschen, die wenigstens stehend Theil nehmen wollten, da sie nicht sitzen konnten. Conccrtvorträge einer Militärmusikkapelle, Festreden, Gesänge und Trink prüche wechselten in bunter Reihenfolge, so daß die Zeit wie im Fluge dahineilte und Mitternacht herankam, ehe man sich's versah. Obwohl es für die Meisten nothwendig war, am andern Morgen siüh am Platze zu fein, zerstreute sich das fröhliche Gewimmel doch erst in sehr vorgerückter tunte.
Der heutige Tag nun sollte den eigentlichen Glanzpunkt des Festes zur Entfaltung bringen, den großen Festzug, der in seiner originellen Zusammensetzung, seiner bunten Mannigfaltigkeit und seiner Ausdehnung bisher kaum einen ähnlichen auf turnerischem Gebiete gehabt haben dürfte. Der Himmel hatte sich über Nacht wieder überzogen und zeigte sogar stellenweise drohende Regenwolken, aber er war gnädig und einen ganz kurzen, kaum eint Minute langen Regenschauer abgerechnet, dem der heiterste Sonnenschein folgte — ließ er den Zug ungestört in all seiner Herrlichkeit zur Entwickelung kommen. Tausende und Abertausende von Zuschauern hatten sich aus den Nachbar- ; ftäbten und umliegenden Ortschaften dazu e ngefunden und bildeten auf den Strafen ’ und Plätzen, durch die sich der Zug bewegen sollte, in dichten Reihen Spalier, wie denn ' auch alle Fenster Kopf an Kopf mit Neugierigen besetzt waren.
| Nachdem sich nun die betheiligten Gruppen des Zuges m mehreren größeren Abheilungen auf verschiedenen Plätzen gesammelt und formirt hatten, begaben sie sich um 10 Uhr auf den Boulevard, wo die gesammte Aufstellung stattfand. Von hier aus bewegte sich der Fug unter fortwährenden Zurufen der Menge nach der großen Bleiche, der Schillerstraße entlang, dann durch die Ludwigsstraße, über den Guttenbergsplatz und das Höschen, sowie den Markt und Liebfrauenplatz, durch das F'schthor nach der Rheinsttatze bis zum „Holländischen Hof", dann durch die Carmeliterstraße über den Carmeliterplatz, von da durch die Christophs- und Flachsmarktstraße über den Flachs- markt und weiter durch die Peterssttaße und über den Deutschhausplatz bis zum
i Weisung zurückzuführen und daß er beanspruche, zum Cü) der Nefetti ernannt i zu werden. — Durch Berichte aus Oran wird das Erscheinen von 200 auf- ständischen Reitern im Norden der Schotts in Abrede gestellt.
Belgrad, 14. August. Eine Deputation von Tabakshändlern verlangte von dem Minister des Jmern, Garascharin, daß ihnen erlaubt werde, keine Bücher über Kauf und Verkauf zu führen, wurde aber abgewiesen. Einige Tabaksbändler haben übrigens ihre Geschäfte inzwischen wieder geöff.iet.
Marseille, 15. Auq. Bei dem gestrigen Sttergesechte brachen die ! Bänke in der Arena em. 12 Personen tobt, 150 verwundet.
Bern, 10. August. Die internationale Friedens- und Freiheitsliga hat soeben j von Gens aus folgenden Aufruf an die französischen Wähler erlassen: !
Französische Wähler! Ihr bildet die einzige große Republik Europas! Ihr ; habt das allgemeine Stimmrecht; alle vier Jahre ernennt ihr da Manner welche die ; Geietze machen, denen ihr gehorchen sollt; diesen Männern übertraget Ihr die Voll- . macht, Eure Regierung zu erhalten ober zu stürzen, indem sie ihr die Mehrheit > verweigern oder geben; Ihr seid die Herren, also seid Ihr auch verantwortlich; verantwortlich gegen Euer Land, verantwortlich gegen die anderen Völker, denn der Platz, welchen Ihr unter den Volkern in der Vergangenheit eingenommen und in der Gegenwart einnehmt sowie die Solidarität, welche alle Völker und unter ihnen namentlich die freien Völker thatsächlich vereinigt, geben den Wahlen, welche Ihr treffen werdet, Folgen die Eure Grenzen überschreiten. Das ist der Grund, welcher unsere Worte veranlaßt und rechtfertigt. Ihr habt große Fragen zu entscheiden : Ihr habt Eure Verfassung zu reoibiren, bie Vcrbinblichkeit, Unentgeltlichkeit unb Weltlichkeit bes > Elementarunterrichts zu vollenben; ihr habt bie Trennung ber Kirche vom Staate, die I Kündigung des Concordats, die Aufhebung der Cultusdudgets auszuführen; Ihr habt I die Ehescheidung wieder herzustellen; Ihr habt den Arbeiter-Verbindungen vollen Auf- \ schwung und volle Freiheit zu geben. . . Vor allen diesen Fragen, über allen diesen } Fragen steht aber eine noch wichtigere, dringendere, vielleicht schwerere: Die Erhaltung des Friedens! Keinen Krieg anfangen, keinen Krieg unternehmen, versteht wohl: Keinen! Franzosen! laßt Euch nicht unter der Republik bethören, wie Ihr bethört wurdet unter dem Kaiserreich; seid nicht zum zweiten Male Spielzeug und Opfer zu- I gleich Erinnert Euch an Mexico, erinnert Euch an Sedan, mißtraut Tunis. Widersteht den Aufreizungen, widersteht den Aufhetzungen. Kein falsches Ehrgefühl! Eure Ehre sei, Euch frei und gerecht zu erhalten! Gebt Elsaß und Lothringen nicht auf, niemals; aber keinen Krieg, keinen Krieg! Ihre Befreiung wird durch den Frieden erfolgen. Nur noch ein Wort: Laßt Euch von keinem Menschen einnehmen! Französische Wähler! denkt an Eure Väter; macht ihren unvergänglichen Wahlspruch: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit — mehr denn jemals zu einem internationalen Grundsatz! Im Namen des Central-Comites: CH. Lemonnier, Präsident des


