Ausgabe 
29.8.1880 Erstes Blatt
 
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Sßenn diese Erlaubnis; des Kreisveterinär- resp. Thierarztes versagt worden ist oder wenn der Besitzer das Thier nicht abledcrn oder öffnen will, so ist er verpflichtet, das Verenden des Thieres der Ortspolizeibehörde vor Ablauf von 3 Stunden oder wenn solches zur Nachtzeit erfolgte, sofort bei Tagesanbruch anzuzeigen. Dieselbe Verpflichtung liegt auch demjenigen ob, welcher in Vertretung des Besitzers der Wirtschaft vorsteht, sowie demjenigen, welchem Thiere vorübergehend anvertraut sind, insbesondere airch den Hirten.

Die Ortspolizeibehörde hat auf die ihr gemachte Anzeige hin, ebenso wie dann, wenn ste auf andere Weise Kenntnis; von dem Verenden eines Thieres erhält, die Verscharrung und etwa sonst nöthige vorschriftsmäßige Unschädlichmachung des Eadavers mit der Haut und aller dazu gehörigen Theile und Abfälle durch den Wasenmeister zu veranlassen und zu überwachen.

Ein Aufschub ist hier nur dann zulässig, wenn der Besitzer den Kreis­veterinärarzt oder einen dazu polizeilich ermächtigten Thierarzt zur Unter­suchung des Eadavers bereits berufen hat.

§ 3. Ist ein Stück Vieh (Rindvieh, Schweine, Schafe, Ziegen oder Pferde) gefallen, oder ohne Zustimmung des Fleischbeschauers getödtet worden, ohne daß durch den Ausspruch des Kreisveterinärarztes oder des hierzu er- nlächtigten Thierarztes festgestellt worden ist, daß dasselbe frei von Milz­brand war, so muß der Stall, in dem es gestanden, alsbald gereinigt und vorschriftsmäßig desinficirt werden. Der Mist aus der betreffenden Stallung ist nach Anordnung des Kreisveterinär- refp. Thierarztes zuvor zu entfernen und auf dem Wasenplatz entweder zu verbrennen oder zu verscharren.

Bei großen Viehbeständen kann die Desinfektion sowie die unschädliche Beseitigung des Mistes auch nur auf Theile der Stallung erstreckt werden, worüber der Kreisveterinärarzt oder der hierzu ermächtigte Thierarzt zu entscheiden hat.

§ 4- Zur Entfernung der Cadaver gefallener oder getödteter Thiere, sowie der dazu gehörigen Theile uxvb Abfälle und des unschädlich zu beseitigen­den Mistes ist nur der besondere Karren oder Wagen zu benutzen, welchen die Gemeinde' zu beschaffen hat und dessen Brauchbarkeit durch den Kreis­veterinärarzt anerkannt sein muß.

'Rach jedesmaliger Benutzung ist der Karren oder Wagen zu desinficiren.

8 5. Die Wasenplätze müssen gut eingefriedigt und für Menschen und Threrc unzugänglich gemacht sein. Der Graswuchs ist von denselben möalichst fern zu halten und darf keinerlei Verwendung finden.

Unbefugten ist das Betreten des Wasenplatzes verboten.

8 6. Von den durch obige Vorschriften entstehenden Kosten fallen zur Last l, dem Staate,

alle für in sanitätlichem Interesse unternommene Reisen der Sanitätsbeamten entstandenen Kosten, wenn die Requisition hierzu durch eine Polizeibehörde erfolgt ist; 0 v

2, den Gemeinden, sofern der Kreis solche nicht freiwillig auf die Krelsrajse zu übernehmen für angemessen erachtet:

die für Wegschaffung und Verscharrung der Cadaver und aller übrigen zu beseitigenden Gegenstände, sowie für die Desinfeetion des Abdeckersubrwer'ks entstandenen Kosten;

3, dem Besitzer,

die Kosten für Desinfeetion der Stallung und aller sonstigen in seinem Besitze verbleibenden Gegenstände, sowie die auf seine Veranlassung entstandenen thierarztlichen Gebühreii.

V- sofern nicht nach bestehenden gesetzlichen Bestimnmngen eine höhere Strafe verwirkt ist, wird bestrafte

1) mit Geldstrafe von 1017 Jl. wer ein Stück Vieh ohne stu- stlmmung des Fleischbeschauers schlachtet;

2) mit Geldstrafe von 1550 JL wer dem 8 2 zuwider die Anzeige unterläßt;

3) mit Geldstrafe von 3080 yz wird, wer ein gefallenes oder getodtetes Thier ohne Erlaubnis! abledert, öffnet oder Theile davon veräußert oder benutzt;

oder wer einen Waseuplatz unbefugt betritt, beweiben läßt oder verscharrte Theile darauf ausgräbt.

Gießen, deu 28. April 1880.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_______ Dr. Boekmann.

Bekanntm a ch u n g.

Gefunden: 1 Strohhut, 1 Thetl eines goldenen Medaillons, 1 Serviette, 1 Paar Glacehandschuhe, 1 Thürschloß.

Zugelaufen: 1 Hündchen (grau und weiß von Farbe).

Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Wetdengasse 93) ausbewahrt.

Gießen, den 27. August 1880. Großherzogltche Poltzeiverwaltung Gießen.

_______________________________________________________ Fr esenius.

Deutschland.

Berlin, 25. August. Die letzten schweren Beschädigungen der Ernte durch Negenwetter und Überschwemmungen scheinen auch in schutzzöllnertschen Kreisen die Ueberzeugung von der Unhaltbarkett der Getretdezölle zu erwecken. So tritt dieWestfälische Zeitung" sehr nachdrücklich für ihre recht baldige Aufhebung ein, obwohl sie sich doch nicht verhehlen kann, was der Fortfall dieser Zölle für den Bestand des ganzen im vorigen Jahre za Stande gekom­menen Tarifs bedeutet. Ste bemerkt dabet:Einen erheiternden Eindruck macht es, wenn von einem Theile der ultramontanen Presse gerade der jetzige, denkbar ungünstigste Zeitpunkt gewählt wird, um einer Erhöhung der Gerretde- zölle das Wort zu reden. Die in Bonn erscheinendeDeutsche Reichs-Ztg." versteigt sich sogar zu folgender Forderung!Ein Schutzzoll zu 1 v4t. pro Centner (Weizen) kann gar nicht in Betracht kommen. Ein Erhöhung um das Dreifache ist unerläßlich, sollen nicht Land und Leute dem sicheren Ver­derben entgegenetlen!" Das klingt doch wie offenbarer Hohn im einem Augen­blicke, da der Landrath des Kreises Marienwerder die Ämtsvorsteher zu gut­achtlicher Aeußerung darüber auffordert,ob nach dem jeweiligen Stande des Ernteergebnisses in dem Zeitpunkte der betreffenden Berichte ein Nothstand, event. in welchem Maße zu befürchten sei." Die Ultramontanen beweisen nicht eben durch die That, daß ihnen, wie ste so häufig versicherten, das Wohl des armen Mannes am Herzen liege. Wenn, wie wir erwarten, die Regierung sich dazu entschließt, die Aufhebung der Getretdezölle herbeizuführerr, dann möchten wir wünschen, daß dies möglichst schnell geschehe, damit der vielen Thetlen unseres Vaterlandes drohende Nothstand bet Zetten abgewendet werde. In diesem Falle heißt es mit einer Variante des bekannten Sprüchworts: Doppelt gibt, wer schnell zurückntmmt!"

Berlin, 25. August. DieMagd. Ztg." läßt sich depeschtren :Ultra­montane Blätter lassen sich aus Wien schreiben, Fürst Bismarck werde sich nach Gastein begeben und dort mit einem von der Curie dorthin gesandten Cardinal in erneute kirchenpolittsche Verhandlungen treten, und zwar soll es sich um nichts Geringeres handeln, als um die Octroyirung des vom Land­tage verworfenen sog. Bischofs-Paragraphen und einiger weiteren abgelehnten Bestimmungen der letzten Ktrchenvorlage im Verordnungswege. Diese Ver­handlungen sollen aus die Initiative des Fürsten Bismarck angeknüpst werden. Nach Allem, was man aus hiesigen Regierungskreisen erfährt, dürfte diese sensationelle Nachricht der übrigens schon mehrfache Jucorrecthetten den Stempel der Unglaubwürdigkeit ausbrücken mehr den srommen Wünschen der Klerikalen als den Thatsachen entsprechen." (Fürst Bismarck ist mittler­weile in Berlin etngetroffen. ES dürfte deßhalb vorstehende Depesche der Magdeburger Zeitung" wohl nur eine Irrige Vermuthung der interesstrten Kreise sein.)

Berlin, 25. August. Die Sezession unter den Nationalltberalen hat eine große Rührigkeit im conservattvrn Lager hervorgerufen. Es wird mtt- getheilt, daß Führer der konservativen Partei, wahrscheinlich schon vor Beginn der LandtagSfession zu einer Besprechung über die emzuschlageude Taktik, zu­sammentreten und namentlich darüber berathschlagen werden, welches Vorgehen bei den Wahlen zu beobachten sein wird. Die veränderte Situation wird vielleicht die Annäherung der Conservativen an das Centrum schneller bewerk­stelligen, als allgemein noch angenommen wird; die wenigen Culturkämpfer par oxcellcnco in den Rethen der Conservativen, wie Graf Udo Stollberg und Genossen, werden der politischen Strömung endlich folgen müssen. Was die Stellung des Reichskanzlers betrifft, so ist bei seinem bekannten Maxime,

die Majorität zu nehmen, wo er ste findet, eben Alles zu erwarten und er wird so sicher die Allianz der Centrumsfractton für die Bewilligung der Steuern annehmen, als er auf der andern Sette in diplomatischen Schrift­stücken auf das Allerheftigste sich gegen das Centrum ausgesprochen hat. All-r- dings werden sich die Herren Windthorst und Genossen nicht mehr, wte beim

Zolltarif, mit schönen Versprechungen abspetsen lassen, sondern nur gegen Con-

cessionen auf ein Compromtß sich einlassen. Das Centrum ist in der Lage,

viel bieten" zu können, und in solchen Fällen läßt sich mit dem Reichskanzler

ein Wenig reden.

AuS Hanau wird derVolksztg." geschrieben: Da« Tabaksmonopol gewinnt Anhänger in Kreisen, in denen man ste wohl zu allerletzt gesucht hätte. Cigarrenarbeiter Hanau's, besonders die einer Fabrik, waren dieser Tage bei dem dortigen Landrath und ersuchten denselben um seine Unterstützung in ihrem Bestreben, eine Filiale der Straßburger Tabaksmanufaktur nach Hanau zu bekommen. Sie erklärten, bei den jetzigen Löhnen nicht mehr ex.stireu zu können, und da ihnen zu Gehör gekommen, daß die Manufaktur bedeutend höhere Preise bezahle, so wollten ste lieber da« Monopol resp. vorerst eine Staatsfabrik, als in dem alten Wirkungskreis auf befferc Zeiten warten.

England.

London, 25. August. In Irland sind Agrarverbrechen noch immer an der Tagesordnung. Unter der großen Anzahl, welche die Blätter beute verzeichnen, greifen wir nur die nachstehenden beraus: In Ballintough dran- gen fünf Bewaffnete in das Haus eines Gutsbesitzers und bedrohten ihn mit dem Tode, falls er einen seiner Pächter rntlaffe. Nachdem sie mehrere Schüsse abgegeben, entfernten sic sich, ohne irgend welchen Schaden zu thun. Donner- stag Nacht wurde das HauS eines Pächters eingcäschert, der ein Gut gepachter hatte, von welchem ein anderer wegen Nichtbezahlung des Zinses exmittier worden war. In der Grafschaft Galway wurde ein Krämer aus gleichem Grunde außerhalb seines Dorfes von zwei maskirte» Mämr-rn überfallen und erstochen. In Cappanole verursachte die angedrohte Entiaffung eines Hirten große Aufregung. Am Donnerstag Abend forderte einDer Wolf" unter- schriebeneS Plakat das Volk auf, sich zu Tausenden zu versammeln, um Em- ff>rache gegen die Unterdrückung zu erheben und den Wolf zu vertreiben. Am Freitag Mittag versammelten sich etliche Hundert mit Schaufeln, Heu- gabeln und Sensen bewaffnete Männer vor dem Hause des bedrobten Pächters. Es fehlte nicht an Polizetmannschast, allein die Haltung der Menge war so drohend, daß der Gutsherr vorzog, die Exmission seines Pächters zu unter- lassen. Am späten Abend fand eine Versammlung vor dem Hause deS Letzteren statt; die Mehrzahl der Redner äußerte ihre Entrüstung über den Angriff des Staatssecretärs für Irland gegen den irischen Agitator Dillon. Die von der irischen Landliga am letzten Sonntag in verschiedenen Theilen Irlands veran­stalteten Landmeetings sind durchweg ohne Ruhestörungen verlaufen. An auf- ruhrertschen Reden hat es natürlich nicht gemangelt, aber die Bethetligung war in den meisten Fällen nur mäßig und hervorragende Redner glänzten durch ihre Abwesenheit.

, , London, 26. August. Gladstone tritt beute eine Seereise längs der britischen Küste auf dem PacketbootGrantully Castle" an und kehrt in acht oder zehn Tagen zurück.

Türkei.

Konstantinopel, 26. August. Der deutsche Botschafter, Graf Hatz­feld, ließ heute, als Doyen des diplomatischen Corps, der Pforte die Collectiv- Antwort der Mächte auf die türkische Note vom 27. Juli, betr. die griechische Angelegenheit, zustellen.

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