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namentlich in Berlin bewiesen. Die Bewegung sei zu einer Racensrage geworden und habe so die aufreizendste, perfideste Wendung erhalten. Der Haß gegen die Race richte sich nicht gegen den Einzelnen; dieser Racenhatz fei ein Schlag tn's Gesicht des königlichen Gebotes des Christenthums, welches laute: Liebet euren Nächsten! Die antisemitische Bewegung sei an Brutalität durchaus nicht niedriger, als die Ausbreitung der Socialdemokratie. Er erinnere nur an gewisse Vorkommnisse in öffentlichen Communikationsmitteln und an die Massenschändung jüdischer Gräber. Das sei die Signatur der Bewegung, für welche die Schürer und Förderer verantwortlich seien. Die jüdischen Schüler seien nicht mehr sicher vor Zurücksetzung und Beleidigung in der Schule. Doch, wie viele Juden könnten nicht das höchste Verdienst um Staat und Gemeinde für sich in Anspruch nehmen? Die jetzige Lage der Dinge sei völlig unvereinbar mit der Parteilosigkeit und Gerechtigkeit. Das haben die Männer ern- vfunden, die jene Manifestation gegen die Antisemitenliga erließen. Er glaube, auch die Regierung habe jetzt die Pflicht, Parteilosigkeit und Gerechtigkeit durch eine Kundgebung zu offenbaren. Er verlange gleiche Sonne und gleiches Licht für Alle. Es existirten Besorgnisse i» den betreffenden jüdischen Kreisen, als ob die Regierung nicht ganz gerecht gegen die Juden sei. Die Regierung müsse um so mehr jetzt sich äußern, als an sie in der bekannten Petition die Forderung gerichtet wurde, im Verwaltungswege die Verfassung zu untergraben. Redner verlieft eine Depesche aus Westfalen, wonach ein Landrath amtlich zu Unterschriften der Antisemiten-Petition habe auffodern lassen. Er glaube verpflichtet zu sein, die Interpellation zu stellen, wenn er völlig unabhängig und selbstständig auf dem ihm durch die Verfassung gegebenen Rechtsboden stehe. Eine runde und volle Erklärung der Regierung im Sinne der Verfassung werde der Antisemitenbewegung die Spitze abbrechen, Beruhigung verbreiten und den jüdischen Mitbürgern die Freudigkeit an ihrer bürgerlichen Thätigkcit zurückgeben. Er hoffe auf eine solche Erklärung Die Stellung der Regierung müsse jedenfalls klar sein. Er halte es für eine Forderung der nationalen Ehre, daß die Parität gewahrt bleibe.
Die Erklärung der Regierung als Antwort auf die Interpellation Hänel lautet nach dem Stenogramm: Die vorher verlesene Interpellation des Abg. Häncl ist davon ausgegangen, daß eine Petition an den Reichskanzler als Ministerpräsidenten eingereicht sei, welche die «örtlich aufgeführten vier Forderungen enthält. In Anlaß dessen richtet die Interpellation die Anfrage an die Staatsregierung, welche Stellung dieselbe den Anforderungen gegenüber einnimmt, die auf Beseitigung der vollen verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger zielen. Hierauf muß ich zunächst conftatiren, daß eine solche Petition wie die hier erwähnte bisher an die Staatsregierung nicht gelangt ist und daß diese daher auch nicht in der Lage war, den Inhalt derselben in amtliche Erwähnung zu ziehen. Gleichwohl nimmt die Regierung nicht Anstand, die an sie am Schlüsse gerichtete Frage dahin zu beantworten: Daß die bestehende Gesetzgebung die Gleichberechtigung aller religiösen Bekenntnisse in jeglicher staatsbürgerlicher Beziehung ausspricht und daß die Regierung nicht beabsichtigt, eine Aenderung dieses Rechtszustandes eintreten zu lassen. (Beifall.)
Nach der Erklärung des Grafen Stolberg beantragt v. Minnigerodc eine Besprechung der Interpellation; denselben Antrag stellen Rickert und Klotz. Das Haus stimmt zu. Die Rednerliste wird durch das Loos festgestellt. 9 Redner sind für 18 gegen die Interpellation eingeschrieben. — Abg. Reichensperger: In der Erklärung der Regierung freue ihn, daß dieselbe die Gleichberechtigung der Juden wahren wolle. Die Vorgänge in Rumänien bewiesen nur, welche Bedeutung, welche internationale Macht jene kleinste jüdische Minorität gewonnen habe. Die antisemitische Bewegung sei keineswegs durch religiösen ober Racenhaß bictirt Sie entspringe vielmehr ber Volksüberzeugung, baß nationale unb sociale Interessen in Frage stehen, baß bas eman- clpirte Jubenthum schädlich wirke, namentlich in den unteren Classen durch eine Minorität, welche nicht arbeite, sondern speculire
Die Juden müßten die Emancipation erst verdienen. Man habe sie ihnen keineswegs als Anerkennung ihrer Tugenden gegeben. Er bedaure, daß die guten Elemente unter den Juden nickt so regsam seien wie die schlechten. Er wolle nicht die Gesammtheit ber Juben für bie Fehler eines Theiles verantwortlich machen. Er beharre auf bem Stanbpunkt ber verfassungsmäßigen Parität ber Juben, so schwer sie ihm unb seiner Partei bas gemacht hätten. Die jüdische Presse habe im Kulturkampf den Eymsmus ber übrigen noch Überboten. Die Agitation bes Culturkampfes sei nicht allein gegen bie Katholiken, fonbern gegen das Chriftenthum überhaupt gerichtet gewesen. Er hoffe auf Einkehr unb Umkehr ber jüdischen Mitbürger Die Fortschrittspartei, welche jetzt die Juden beschütze, habe seinerzeit die Hand geboten zur Aushebung' der brei Verfassungsartikel. Von der antisemitischen Bewegung und Interpellation verspreche er sich, daß die Juden zu mehr Besonnenheit unb Mäßigung veranlaßt würden und einsehen, baß mit bem tatsächlichen Princip ber Freiheitsrechte nichts ge- than sei unb daß die Rückprobe bleibe, ob bie Erwartungen erfüllt, bie an bie Eman- cipation geknüpft seien. — Seyfahrt führt aus, die Grunbsätze bes Christenthums gestatteten nicht, bie Juben zu verfolgen. Auck die Erinnerung an 1870 verbiete die Verfolgung. Die Judenfrage wie die sociale Frage könnten nur durch die christliche Toleranz gelöst werden.
v. Heydebranb unb ber Lasa finbet es ungewöhnlich, baß man eine Petition zum Gegenstanbe einer Interpellation an bie Staatsregicrung mache, bie nicht an bas Haus gerichtet unb an ihre Abresse noch nicht gelangt sei. Noch ungewöhnlicher sei es baß bieiemge Partei bie Regierung um Schutz für bie Juden anrufe, welche ihr in andern Dingen den größten Widerstand leiste.
Eine tiefe Mißstimmung gegen einen Theil ber Mischen Einwohner fei nicht zu bestreiten; biefelbe gehe burch ganz Europa. Er müsse aber entschieben bagegen prote- stiren, baß ber konservativen Partei bie Erzeugung ber antisemitischen Agitation zuge- schrieben werbe. Er appellire an die einsichtigen Juden, Achtung vor den christlichen Institutionen, vor den Staatsgesetzen, durch die sie geschützt würden, zu zeigen, und tactvoller unb gemäßigter aufzutreten; anbernfalls vermöge keine Macht irgenb einer Art, keine Interpellation bie Bewegung einzubämmen, welche aus ber innersten christlichen Ueberzeugung bes Volkes hervorgegangen sei.
Virchow führt aus, baß die Agitation gegen die Juden nicht von heute fei aber derart um sich gegriffen habe, daß bie Zeit gekommen fei, hinbernb einzutreten, um bie verfassungsmäßigen Rechte ber Juben zu erhalten. Es sei ihm unverständlich, wie man für möglich halte, die Einwanderung der Juden zu verhindern. Uebrigens eriftire dles gar nicht; es sei dies eine gleiche Verwechselung, wie sie mit Religion unb Race in diesem Falle begangen werbe. Es heiße immer, man richte bie Angriffe nicht gegen die Religion, fonbern gegen einen Stamm. Wenn man aber auf ben Grund gehe so finbe man, baß es bie Religion fei, bie man verfolge. Schließlich fei es aber ber Neid ^"^r zur Verfolgung ber Juben reize wegen bes Vermögens, das sie erwerben wegen der Blldung, die sie sich aneignen. Die conservative Partei könne ificht bestreiten daß aus ihren Reihen heraus ber erste Anstoß zu ber Agitation erfolgt fei. Seine Partei habe geglaubt burch eine öffentliche Discussion zur Klärung ber Ansichten unb Aufrechterhaltung bes Friebens beitragen zu können.
Hobrecht sagt, bie Erklärung ber Staatsregierung scheine wohl geeignet, eine Beruhigung ber burch bie Agitation gestörten Gemüther herbeizuführen. Das Haus sei nicht mi Stande, hier bie Frage zum Austrag zu bringen unb hier über einzelne V-Aommmsse zu Gericht zu sitzen. Die Agitation rufe bie Leibenschaften an, bie sich N'cht controliren lassen. Gerade hier sei es nölhiq, all- L-id-nschastlichk-it und Partei- lichkeit bet Seite zu lassen. Die ganze Frage könne nicht burch eine Discussion im Parlament gelost werben; bas könne nur bie Gesellschaft burch sich selbst. Die Antwort ber Regierung befriedige ihn und feine Freunde vollständig. Im Uebrigen müsse das gesunde Herz unb ber gesunde Sinn des Volkes die Frage lösen.
Trager führt aus, es sei beschämend, daß man jetzt in Preußen die Judenfrage im Parlament bebatttren müsse. Der Schwerpunkt ber Bewegung liege auf dem socialen Gebiete. , Cs werbe der Reib ber minber gut Situirten gegen bie Besitzenden erregt. Die Erinnerung an bie Tapferkeit ber Juben in den Kriegen unb ihre Opfer- freubigfeit zum Besten ber Sohne bes Laubes sollten boch jeben Gebauten an die Unterdrückung derselben unmöglich machen. Eine Nothwendigkeit, den Forderungen ber Petition^0^5 ^ geben, liege nicht vor unb ein Abgehen von ber Gleichberechtigung würbe die schädlichste Wirkung haben. (Forts, folgt.) ° 0
Berlin, 21. November. Nach der „Neuen Freien Presse" wären die Feindseligkeiten zwischen den Türken und Albanesen bereits zum Ausbruch ge- kommen. Die Bestätigung bleibt abzuwarten; jedenfalls hat die orientalische Frage, seit Gladstone sich genöthigt gesehen hat, seinen Rückzug anzutreten ihren unmittelbar drohenden Charakter verloren. Deutschland und Frankreich arbeiten in Athen gemeinschaftlich darauf hin, daß Griechenland nicht sich auf
oas Abenteuer üneS Krieges mit der Türkei einlasie und wohl gar noch auf die Unterstützung Kr Mächte hoffe. Der Fall von Montenegro und von Griechenland ist sehr verschieben; dem Fürsten von Montenegro waren durch den Berliner Frieden gevtffe Gebietserweiterungen zugestchert. Es handelte sich also um vertragsmäß^e Rechte- Griechenland haben die Mächte nichts zuze- sichert, als ihre Vermittlung, wenn es sich mit der Türkei über eine neue Grenzlinie nicht einigen könne, und darüber denken die Mächte für jetzt nicht hinauszugehen. Herr v. Radowitz wird wohl schon in Athen angelangt sein.
— Ein Telegramm aus Washington vom 11. b. Mts. ist für die deutsch, amerikanischen Bürger, welche nach Deutschland zurückkehren wollen oder sich bereits hier aufhalten, von großer Wichtigkeit. Daffelbe besagt, daß ein Cir- cular bes StaatSd«partememS bekannt macht, daß alle als Bürger der Vereinigten Staaten naturalistrten Deutschen, welche Deutschland in der Absicht, nach Amerika zurückzukehren, besuchen, Seitens der Unions-Regierung gehörigen Schutz erhalten werden. Dieses Circular ist, wie die „Magdeb. Zig." hört, dadurch veranlaßt worden, daß neuerdings die deutschen Centralbehörden eine höchst wichtige Jnterpretatlon der bett. Vorschriften der Naturalisations-Ver- trä.ze zwischen den Vereinigten Staaten einerseits und dem vormaligen Nord- deutschen Bunde und den süddeutschen Staaten andererseits vorgenommen haben. Nach diesen Vorschriften soll, wenn ein in Amerika naturalistrter Deutscher seinen Wohnsitz wiederum in Deuschland nimmt, ohne die Absicht zu haben, wieder nach Amerika zurückzukehren, dies so angesehen werden, als habe er auf seine Naturalisation in den Vereinigten Staaten verzichtet. Die Absicht, nicht zurückkehren zu wollen, kann als vorhanden angesehen werden, wenn die Person sich länger als zwei Jahre ir Deutschland aufhält. Die Unions' Regierung hält nun einen länger als zweijährigen Aufenthalt in Deutschland an sich noch nicht für einen Beweis der rlbstcht, nicht nach Amerika zurück- kehren zu wollen. Die deutschen Regierungen dagegen haben bisher das Gegenthell behauptet und wiederholt zurückgekehrte Auswanderer, welche sich länger als zwei Jahre in Deutschland aufgrhüten haben, als auf ihre amerikanische Naturalisation verzichtend angesehen und ausgewiesen. Nach der neuerdings Seitens der deutschen Centralbehörden gegebenen Interpretation der bett. Vorschriften sollen jetzt solche Personen als Individuen, welche weder dem einen noch dem anderen Staate angehören, angesehen und behandelt werden. Die Ausweisung nach zweijährigem Aufenthalte in Deutschland soll nur dann erfolgen, wenn ein besonderer Anlaß dazu vorlikgt, als welcher die durch die Auswanderung selbst begangene Verletzung der Militärpflicht in der Regel nicht angesehen werden soll.
Irankreich.
Paris, 20. Novbr. Die Urtheile der von klerikalen Richtern besetzten Gerichtshöfe über die Vorgänge bei der Ausweisung der Jesuiten machen böses Blut. So sprach der Gerichtshof von Nancy den Advocaten Cantal, der bei der Austreibung^der Oblaten den Polizei-Commiffar beschimpft, und den Abbe Lutz, der „A bas les crocheteurs“ gerufen hatte, von jeder Schuld frei; so verurthetlte der Gerichtshof von Lyon den Mitschuldigen am Morde des Ccos, Namens Gourdiat, nur zu 50 Frcs. Geldstrafe, obgleich er einen Todtschläger bei sich trug, was gesetzlich verboten und mit den strengsten Strafen belegt ist. Die Regierung selbst geht noch immer entschloffen vor und ergreift Verwaltungsmaßregeln gegen die, welche sich an den Kundgebungen bei der A isttei- bung der Mönche beteiligten. Der Haupt-Casstrer der Sparkaffe von Bou- logne wurde deshalb seines Amtes entsetzt, und der Artillerie-Lieutenant Berihault, ein Sohn des ehemaligen Kriegsministers (er steht in Bourges) erhielt 30 Tage Gefängnißstrafe, weil er einen jungen Mann durchgepmgelt, der bei der Austreibung der Jesuiten ein Hoch auf die Republik gerufen hatte. Die Sprache der klerikalen Blätter ist frecher denn je; sie predigen geradezu Aufruhr 1 So schreibt der ehemalige päpstliche Zuaoe Marchand in der „Civ.- lisation", einem der heftigsten Blätter des „Roy", wie folgt: „Wir haben nichts mehr von den parlamentarischen Mitteln zu hoffen, um dem gehässigen Joch zu entgehen, das auf Frankreich lastet. Wir können es nicht genug wiederholen : Lossen wir vor den Pforten unserer Versammlungen die letzten Hoffnungen. Wir müssen uns heute selbst befreien und die Regierung, bie Gesetze herstellen, indem wir ben Thron bes Königs aufrichten."
Rußland.
Petersburg, 20. Novbr. Man hat einen umfangreichen Hanbel mit gestohlenen oder gefälschten deutschen Pässen aufgebeckt, bie zu 100 bis 1000 Rubel das Stück verkauft wurden. Es findet dieserhalb ein lebhafter Briefwechsel mit der russischen Botschaft in Berlin statt. — Der Kurdenkrieg nimmt einen bedenklichen Umfang an; Rußland ergreift Maßregeln zum Schutz seiner Grenze.
Türkei.
Konstantinopel, 20. November. Die Truppen Derwisch Paschas in der Umgebung von Dulcigno sollen von den Albanesen eingeschloffen sein. Die Albanesen verweigerten zuletzt, das zur Fahne einberufene Redifscontingent zu stellen. — Die albanestsche Liga zeigte OLman Pascha an, daß sie jedem Versuche, das Decret des Sultans auszuführen, gewaltsam entgegentreten würde. — Das österreichische Consulatsgebäude in Prizrend wurde geplündert.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'- telegr. Correspoudenz-Bureau.
Darmstadt, 22. Novbr. Der Großherzog besuchte gestern mit bem Erbgroßherzog unb den Prinzessinnen Victoria, Elisabeth unb Irene bie krön- prinzlicken Herrschaften in Wiesbaben zum Geburtstage ber Kronprinzessin.
Agram, 22. Novbr. Samstag Nacht unb gestern Nachmittag erfolgten wiederum locale Erderschütterungen.
Konstantinopel, 22. November. Der Sultan ließ gestern durch einen Adjutanten dem deutschen Botschafter Graf Hatzfeldt mittheilen, daß Derwisch Pascha die Mazurabrücke besetzte und heute die Mazurahöhen besetzen wird. Die Occupation Dulcignos sei bevorstehend. Heute Abend ist Con- ferenz der Botschafter der Mächte. E^ bestätigt sich, daß der Sultan bie Tobesstrafe Veli Mahomeb's in lebenslängliche Gefängnißstrafe umwanbeln will. Riza Pascha ist zum Mitglieb ber Militär-Reform-Commission ernannt.
Mainz, 22. Novbr. Bei ber hiesigen Stabtverorbnetenwahl siegten bie Canbibaten ber vereinigten Nationalliberalen unb Demokraten.
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