daß im ganzen deutschen Reichsgebiete die Gerichtsferien am 15. Juli beginnen und am 15. September endigen werden. Erwägt man, daß auf diejenigen Rechtsangelegenheiten, welche ihrer Natur nach eine schleunige Erledigung erheischen und in den §§ 202 und 204 des deutschen Gerichtsverfassungs- Gesetzes verzeichnet sind, die Gerichtsferten ohne Einfluß sind, daß zu der Kategorie der sog. „Fertensachen" insbesondere das gesummte Executions- und Concursverfahren, alle Strafsachen, sowie Wechsel- und Arrestsachen gehören, so ergibt sich, daß die Gerichte auch während der Ferienzeit viele und bedeutende Arbeiten zu erledigen haben, ganz abgesehen davon, daß auch in den Ferien in Nichtfertensachen die fälligen richterlichen Verfügungen, welche die Ansetzung von Terminen nach den Ferien u. s. w. betreffen, zu erlaffen sind. Zur Erledigung der Feriensachen werden bei dem Reichsgerichte und bei den OberlandeSgertchten besondere Feriensenate, bet den Landgerichten besondere Fertenkammern gebildet werden, während die Amtsgerichte sich gegenseitig Aus- hülfe leisten muffen.
England.
London, 14. Juni. DaS Schulschiff „Atalanta" wird aus der Schiffs- liste gestrichen werden. Damit ist es offictell für verloren erklärt. Es sind gerade dieser Tage noch einige Seeleute, die auf der „Atalanta" gedient haben, aber vor ihrem Abgänge von Barbadoes sie verlassen haben, in Spithead angekommen, die sich sehr ungünstig über das Schiff aussprechen. Einer von ihnen erklärt, er habe die „Atalanta" nie gut leiden können und würde lieber in einem Fischerboote über den Ocean gefahren sein, als in der „Atalanta." Alle stimmten überein, daß die „Atalanta" bei jedem Windstöße sich aus die Sette legte, und daß es lange dauerte, ehe sie wieder in die Höhe kam. Nach ihrer Ansicht muß das Schiff Plötzlich gekentert sein.
«elegraphische Depeschen.
rvag«er'» telegr.
Berlin, 16. Juni. Abends. Die heute zusammengetretene Conferenz constttuirte sich, indem sie zum Vorsitzenden den Fürsten Hohenlohe, zu Secre» tären den Geh. Rath Busch und den Grafen Mouy wählte. Die Conferenz berührte den Punkt der Geheimhaltung der Verhandlungen, welche leider bet dem Congreß vielfach durchbrochen worden sei, und war einstimmig in Anerkennung der Nothwendigkeit der Geheimhaltung der materiellen Conferenz- Verhandlungen. Am Freitag findet die erste Sitzung der Delegirten statt; so werden amtlich die den Conferenz-Bevollmächtigten betgegebenen Sachverständigen bezeichnet. Die Delegirten referiren ihren Bevollmächtigten. Die Bevollmächtigten treten Sonnabend wieder tn Conferenz zusammen. Man hat schon jetzt den Eindruck, daß unter den Mächten eine Uebereinsttmmung herrscht, geeignet, der Conferenz einen raschen Verlauf zu sichern. — An dem heutigen Diner bei Fürst Bismarck nahmen die Bevollmächtigten, die Secretäre und ersten Delegirten Thetl. Morgen ist kaiserliche Tafel, zu welcher die Bevollmächtigten, Secretäre und sämmtliche Delegirten gezogen werden.
Berlin, 16. Juni. Die erste Sitzung der Conferenz dauerte heute von 2 bis 3% Uhr und beschäftigte sich nach einer begrüßenden Ansprache des Fürsten Hohenlohe zunächst mit Formalitäten, betr. den Austausch der Vollmachten und der Geschäftsordnungsfrage.
Heute Nachmittag 5 Uhr ist Diner bei dem Fürsten Bismarck, welchem außer den Botschaftern auch die technischen Mitarbeiter der Conferenz beiwohnen, — Die nächste Sitzung der Conferenz findet erst Freitag oder Sonnabend statt. Morgen dürften die Botschafter der Preisverthetlung in der Fischerei-Ausstellung beiwohnen.
Wien, 16. Juni. Der Großherzog von Hessen ist heute früh hier etngetroffen und am Bahnhose, wo eine Ehrencompagnie aufgestellt war, vom Kaiser empfangen worden; die Militär-Capelle intonirte die deutsche Hymne. Der Großherzog fuhr mit dem Kaiser nach der Hofburg. Heute findet Galadiner statt, am Freitag Truppenrevue.
Berlin, 16. Juni. Die „Prov. Corresp." enthält einen Artikel über die Conferenz, worin es heißt: Die vom Congresse angegebene Grenzlinie zwischen Griechenland und der Türket konnte nur die allgemeine Richtung der Grenze angeben, indem sie nur die Endpunkte, nicht den Lauf der Linie bezeichnete. Aufgabe der Conferenz sei es zunächst, dem Lause der im 13. Con- greßprotokoll angezeigten L.nle möglichste Bestimmtheit zu geben und alsdann der Pforte vnd Griechenland die Annahme der Linie zu empfehlen, um dieselbe der vorzunehmenden Grenzbertchttgung zu Grunde zu legen.
London, 16. Juni. Das Telegramm des „Reuter'fchen Bureaus", daß die Pforte erklärt habe, die Conferenzbefchlüsse könnten für sie nicht bindend sein, da die betheiligten Parteien von der Conferenz ausgeschlossen seien, gilt in unterrichteten Kreisen nicht für correct. Die Erklärung der Pforte gehe vielmehr dahin, daß sie gern bereit sei, deren Eröffnungen entgegenzu- nehmen. Die Pforte habe die in dem Art. 24 des Berliner Vertrages vorgesehene Mediation selbst sehnlichst herbeigewünscht und zweifle nicht, daß die Mächte die schwierige Stellung berücksichtigen werden, welche ihr durch Hergabe von Gebietstheilen an und für sich erwachse.
— Ueber die Stellung, welche die Pforte für jetzt tn der griechischen Frage einnimmt, verlautet, dieselbe zeige sich bezüglich der Abtretung von thessalischen Gebietstheilen bereitwilliger, während sie tn Bezug auf Abtretungen aus der epirotischen Seite geltend mache, daß solche bet den mohamedanischen Albanesen tn Epirus Widerstand finden würden. Die Pforte scheint also dem Grundgedanken des Waddtngton'schen Vorschlags nicht entgegenzustehen, wennschon sie über Einzelheiten desselben wesentlich abweichender Ansicht ist und die thessalischen Abtretungen zu beschränken sucht, während sie andererseits die hiermit tn Connex stehenden geminderten epirotischen Abtretungen nicht gerade zurückweist.
Darmstadt, 17. Juni. Der Muttermörder Pfaff wurde heute früh mittelst Fallbeiles hingericktet
Lokales.
tt festen, 17. Juni. Der Jahresbericht der Handelskammer enthalt in seinem II. Theue nachstehenden Bericht einer hiesigen Firma über die Cigarrenfabrikation:
Die Lage der Cigarrenfabrikation ist durch die fortwährend neu geplanten Steüer- proiecte eine sehr schwierige geworden, wenn auch durch die in Aussicht gestellte rroll- erhöhung eine bedeutende Zunahme des Absatzes stattgefunden hatte. Jeder Ciaarren- händler versorgte sich auf lange Zeit, wodurch aber für die Zukunft wieder eine große Abnahme des Absatzes und eine mehr oder weniger verminderte Production in Aussicht steht.
Das Absatzgebiet ist zum größten Theil auf das deutsche Reich beschränkt; ein kleiner Theil der Fabrikate wird nach England und Portugal ausgeführt
Die Wünsche sämmtlicher Tabaks- und Clgarrenfabrikanten gchen dahin, daß da nunmehr der Zoll und die Steuer auf Tabak die äußerst zulässige Höye erreicht haben, von weiteren Steuerprojecten, ganz besonders aber von demjenigen des Monopols, welche dem deutschen Reiche nicht einmal Bortheile bringen könnten, m Interesse aller Betheiligten abgesehen werden möchte.
Kaum ist das neue Zoll- und Sleuergesetz in's Leben getreten, so wird die Frage wegen Einführung des Tabaksmonopols schon wieder lebhaft besprochen. Noch in kein Geschäftszweig durch die fortdauernden Beunruhigungen so schwer, wie die Tadaks- und Cigarrenfabrikation, geschädigt worden, obgleich diese Industrie über 500000 Arbeitern direct und 200000 Hülfsarbeitern indirect Beschäftigung gewährt. Würde das Monopol in der Thal eingefühct, so gingen die Preise von Tabak und Cigarren wohl gerade so, wie in Frankreich und Oesterreich, um das Sechsfache in die Höhe, der Cigarrenconsum würde sich in Folge dessen auf's Aeußerste beschränken und das Tabakrauchen ebenfalls wesentlich abnehmen und zwar in dem Maße, daß dann eine sehr große Anzahl Arbeiter brodlos würde, welche nicht so leicht wieder lohnende Arbeit fände und sich deßhalb genöthigt sähe, den heimatlichen Herd zu verlassen und ihre Existenz im Auslande zu begründen. Die Industrie wäre damit ruinirl, viele Familien I durch diese Einrichtung der deutschen Regierungen der Roth preisgegeben und die Steuerkraft des Reiches in hohem Grade geschwächt.
Trotzdem hat man Grund anzunehmen, daß der Finanzpunkt es sei, der das Reich bestimmen könne, das Tabaksmonopol einzusühren; dieses würde sicherlich falsch calculirt haben, denn das weniger bemittelte Deutschland kann kaum mit Oesterreich, geschweige denn mit dem reichen Frankreich finanziell in Vergleich gebracht werden, und wenn die deutsche Regierung:
1- 5% Zinsen von dem Kapital, welches die östereichische Tabaksregie erfordert, 2. die dem deutschen Reiche bei Einführung des Tabaksmonopols entgehenden Einkommen-, Gewerbe- und Communalsteuern,
3. die Einnahmen aus dem enorm hohen, vom Reichstag genehmigten Zolle, dessen wirkliche Erträgnisse sich übrigens erst nach 4—5 Jahren feststellen lassen,
4. den Ausfall der Hülfsindustrien und anderer Erwerbsquellen, welche nur neben der Privatindustrie bestehen können, aber bei Einführung des Tabaks- monopoltz meist ihren Betrieb einstellen müßten,
5. den bedeutenden Ausfall der Frachten auf den Eisenbahnen und das dem Reich entgehende Porto von enormer Höhe, welches die Tabaksindustrie einbringt,
\ eingehender Berechnung unterwirft, so wird sie gewiß zu dem Resultate gelangen, daß | diese Verluste größer sem werden, als der Nettogewinn des österreichischen Tabaks- ' Monopols im Ganzen beträgt, wohingegen der nunmehr eingeführte hohe Zoll die erwartete höhere Einnahme ergeben wird, ohne die blühende, fteuerkräftige Privatindustrie | ihrer Existenz zu entkleiden und ihre stets wachsende Fortentwicklung zu hemmen. Zieht ! man nun weiter in Betracht, daß das Reich sämmtliche Tabaks-und Clgarrenfabrikanten i und deren Gehülfen entschädigen, die vielen Fabriklocalitäten, Fabrikutensilien und ! Maschinen, welche die Fabrikation verlangt, ablösen und ferner alle Roh- und fabricirten : Tabake und Cigarren kaufen müßte, so tritt das Jrrationelle dieser Einrichtung für ! Deutschland, gegenüber Frankreich und Oesterreich, die s. Z. fast keine Entschädigungen zu zahlen hatten, so evident hervor, daß jeder Unbefangene einsehen muß, man habe । es hier nicht mit dem Plan einer glücklichen, sondern einer recht verfehlten Finanzoperation zu thun, welche nebenbei einen Theil der Deutschen zu Bettlern machen würde.
Herr von Moser mit seinen Wahrscheinlichkeitsberechnungen über den zukünftigen Ertrag des Tabaksmonopols — bemerkt die gedachte Firma weiter — setze dabei voraus, daß der Consum der Tabaksfabrikate bei dem Monopol nicht abnehme, ; sondern sich gleich bleiben werde, und rechnet auf diese Art eine halbe Milliarde Gewinn ! heraus; — wie sehr er sich aber in seiner Ansicht täuscht, geht daraus hervor, daß seit Erhöhung des Tabakszolles von J4. 24 auf «X 85 sich der Consum schon um etwa ein [ Drittel reducirt hat, und mit der größten Sicherheit angenommen werden darf, daß bei Einführung des Monopols der Verbrauch noch sehr bedeutend mehr herabgedrückt wird und statt einer halben Milliarde Gewinn nicht einmal für eine viertel Milliarde Tabaksfabrikate verkauft werden, deren Erträgniß noch nicht die Zinsen für die Entschädigungen zu decken im Stande wäre. Es könnte daher vor den ersten 30 Jahren von einer Rentabilität des Tabaksmonopols auch nicht entfernt die Rede fein.
(Fortsetzung folgt.)
Gi esten, 17. Juni. An der, Sonntag, den 20. dss. in Mainz stattfindenden Regatta betheiligt sich auch die hiesige Rudergesellschaft mit ihrem 4 riems outrigged Raceboot Brittania. Wir wünschen derselben recht guten Erfolg.
Vermischtes.
IV . Provinzial - Aeuerwehrtag in Offenbach a. M. Am 26.-28. d. Mts. findet Hierselbst der Feuerwehrtag der Provinz Starkenburg statt und sollen, wie wir hören, die Anmeldungen von hessischen und außerhessischen Feuerwehren sehr zahlreich einlaufen.
Wir hatten Gelegenheit Einiges über das von dem Comitö getroffene Arrangement zu erfahren und können nur constatiren, daß allen gerechten und billigen Ansprüchen von Seiten des Comttö's Rechnung getragen werden und das Fest voraussichtlich einen glänzenden Verlauf nehmen wird.
Butzbach, 15. Juni. Gestern wurde mit der Einrichtung des Festplatzes am Lahn- thor begonnen. Wenn der Himmel günstig ist, wird, so viel sich setzt schon übersehen läßt, das Sängerfest nächsten Sonntag und Montag ein sehr stark besuchtes werden. Mit den hiesigen Vereinen betheiligen sich an demselben nahezu 500 Sänger. Das Verlangen nach Festkarten ist so stark, daß von denselben noch nachgedruckt werden mußten, da die vorgesehene Zahl nicht ausreichte. Unser sehr schön und bequem gelegener Festplatz in nächster Nähe der Stadt und des Bahnhofes bietet aber allen genügend Raum und freie Bewegung nach Herzenslust. Für gute Speisen und Getränken bei billigem Preise ist ebenfalls Sorge getragen. Das Concert verspricht in seinen 20 Piecen einen seltenen Geuuß, da jeder Verein nach den vorliegenden Gesangsstücken sich bestrebt, bei diesem Wettstreit sein Bestes vorzutragen. Zwei große Tanzböden bieten nach Beendigung des Concerts allen Tanzlustigen Gelegenheit, sich bei den Klängen einer ausgezeichneten Kapelle von 18 Mann des Marburger Jägerbataiüons zu erfreuen. Bet einbrechender Dunkelheit wird der Platz zwischen den Restaurationszelten mit el ec irischem Licht beleuchtet. Die Apparate dazu von der Firma Wilh. Horn in Berlin geliefert, sind bereits unterwegs und erwarten wir täglich deren Eintreffen. Die zum Betrieb des Dynamo-elee- rrischen Apparats nöthige Dampfmaschine ist ebenfalls schon engagirt. So sind alle monatelangen Vorbereitungen ihrer Vollendung nahe und hoffen wir nur auf heiteren Himmel, so werden, wie bei allen Butzbacher Festen Lust und Freude der Festbesucher diese Tage zu unvergeßlichen stempeln.
Darmstadt, 16. Juni. Nachdem Seine Königliche Hoheit der Großherzog zu beschließen geruht haben, bezüglich des gegen Philipp Pfaff aus Nieder-Ramstadi wegen MordeS ergangenen, durch Verwerfung des eingelegten Rechtsmittels der Revision rechtskräftig gewordenen Todesurthcils von dem Begnadigungsrecht keinen '>ebraucb machen zu wollen, und die Allerhöchste Resolution dem Verurtheilten am Heutigen eröffnet worden ist, steht die Vollstreckung dieses Urtheils nunmehr unverzüglich zu erwarten. Die Vollstreckung findet der gesetzlichen Vorschrift entsprechend nur bei beschränkter Oeffentltchkeit statt. (Neueren Nachrichten zufolge ist die Hinrichtung heute Donnerstag Morgen 6 Uhr erfolgt. D. Red.)
Berlin, 12. Juni. Von der Kameradschaftlichkeit des Kronprinzen erzäblt daS „Fremdenblatt" einen liebenswürdigen Zug. An eine militärische Besichtigung, welche der Kronprinz alljährlich hier vorzunehmen pflegt, schließt sich unter seiner Anwesenheit gewöhnlich ein kleines Frühstück der betheiligten Officiere. Im vorigen Jahre war nun dasselbe febr opu» lent, mit Hummer und Gänseleberpastete rc. angerichtet, auch hatte man für den hoben Gast eine Flasche Champagner hingestellt. Der Kronprinz lehnte aber damals nicht allein d,n letzteren mit dem Bemerken ab, daß er auch bei sich zu Hause nur ganz außergewöhnlich Champagner trinke, sondern rührte auch keine der Delicatessen an. In diesem Jahre war nun ein ganz frugales Frühstück, hauptsächlich aus Butterbroden mit kaltem Aufschnitt, daneben Rothwein und Bier, htngestellt worden. Dem Kronprinzen entging diese veränderte Anrichtung des F»üh- stücks nicht. Sofort nahm er Platz an der Buffet-Tafel mit den Worten: „So gehört es sich unter Kameraden", ließ sich die Butterbrode sehr wohl schmecken, holte fodann seine kurze Pfeife hervor und verweilte noch längere Zeit in heiterster Stimmung.
Vom Südharz. Die Gewitter am Freitag und Sonnabend hoben in unserer Gegend furchtbaren Schaden angerichtet. Bei Osterhagen brachte ein Wolkenbruch eine solch' große Menge Wasser zur Erde, daß der größte Theil der E'nte als vernichtet anzuschen ist. Eine« traurigen Anblick bieten die vorher so üppigen Kartoffelfelder. Die obere Schicht mit der Frucht
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