gelt in fast allen Roggen consumirenden Ländern Europas dringend. Das einzige Land, welches für den Export von Roggen in's Gewicht fällt, Rußland, scheint selbst nur noch sehr schwncy versorgt zu sein. Brachte doch in diesen Tagen ein Börsenblatt schon die Nachricht, daß man in Petersburg an den Erlaß eines Verbots der Geireldeaussuhc denke, damit Rußland nicht von Getreidevorrächen entblößt werde. Die Nachricht mag unwahrscheinlich und unbegründet sein, immerhin kennzeichnet sie die gegenwärtige Situation. Rußland allein kann uns durch Roggensendungen aus der Verlegenheit Helsen, alle anderen uns umgebenden Länder können nicht nur uns keinen B.'istand leisten, sondern sie sind selbst unsere Concurrenten beim Einkauf der russischen Waare. Aus dieser Lage erklärt es sich auch, daß in dem letzten Wochenbe. richt der „Nat.Ztg." über den Productenmarkt schon die Frage eines Surrogats für Roggen ernstlich erwogen wurde. Der Berichterstatter empfahl ins- besondere den billigen Mats als eine durchaus nicht zu verachtende Aushülse. Bei noch weiter steigenden Roggenpieisen würde eine solche sich wobl noch besser im Wetzen darbieten, dessen Preis schon jetzt dem Roggenpreis so nahe steht, wie wohl sonst kaum der Fall war. Nur würde der Charakter des Getreidezolls als einer Steuer aus bas Brod der ärmeren Bevölkerung dann noch weit greller hervortreten als jetzt, denn der Roggenprets, der in dieser Weise zum Wetzenconsum führte, würde schon an sich ein Hungerpreis sein.
Berlin, 28. Juni, Abends. Die Conferenz nahm heute einstimmig die von dem französischen Botschafter entworfene Finalacte, enthaltend die Conferenz Entscheidung, an. Dieselbe wird von den Botschaftern ihren Regierungen unterbreitet, welche dieselbe in Athen und Konstantinopel nottficiren. Die Grenze beginnt östlich bei der Mündung des Flufles MaurolongoS uub bleibt dann aus den höchsten Höhen des Olympos und des Pindusgebirges. Bei Kanhalbacki errreicht sie den Lauf deS Kalarnas und folgt demselben bis zur Mündung. Die-Zagoritischen Bezirke bleiben bei der Türkei. Die Conserenz erledigte darauf Secundärsragen, darunter die Gleichberechtigung und Freiheit der religiösen Culte, die Regelung der Grundeigeuthums-Verhältnisie auswandernder Mohamedaner, die Höhe des von Griechenland zu übernehmen' den Antheils an der türkischen Schuld, alle diese Fragen gemäß den Bestimmungen des Berliner Vertrags; ferner noch Fragen der Grenzpolizei ünd Schifffahrts-Verhältnisse. Morgen ist Sitzung, nach welcher noch eine in Aussicht genommen ist.
Berlin, 28. Juni. In hohem Grade aufsehenerregend ist das finanzielle Resultat der neuen Zolleihöhung. Trotz der namhaft gesteigerten Zölle, trotz der neuen Zölle aus viele, bisher zollfreie Güter, find nämlich in den beiden Monaten April und Mai 1880 fast 13 Millionen weniger eingegangen, als in den beiden Monaten des Vorjahres.
Arankreich.
Paris, 26. Juni. Das Volks- und Nationalfest am 14. Juli, dem Jahrestage der Erstürmung der Bastille, soll ganz besonders glänzend werden. Die ursprüngliche Veranlassung des Festes ist bekanntlich die Vertheilung der Fahnen an die Armee. Nach längerem Schwanken wurde der 14. Juli gewählt und damit die Idee einer nationalen Feier, die zugleich eine Verherrlichung der Republik sein sollte, in Verbindung gebracht. Da man sich in Paris auf's Festeseiern versteht und das dazu nöthige Geld ja da ist, so kann man in der That etwas ganz Ungewöhnliches erwarten. Eine aus Mitglie- dern des Gemeinderaths, aus verschiedenen Chefs und Secretären der Direc- tionen der schönen Künste, der Civilbauten, der Polizeipräfectur rc. zusammengesetzte Commission hat ihre Arbeiten begonnen. Longchamps und der Bastiüe- platz werden die beiden Mittelpunkte der Feier bilden. M. Alphaub, Direclor der Arbeiten von Paris, hat bereits einen Plan entworfen, der in vielen Punkten die Feier vom 30. Juni vorigen Jahres nachahmt. Aus der Place de la Republique soll eine Nachbildung der Kolosial-Statue der Republik von Morice ausgestellt werden. Dieser Platz wird mit dem Bastilleplatz Abends durch eine doppelte Lampenreihe verbunden werden, die Tuilerien sollen wieder mit farbigen Lampen erleuchtet, vier Feuerwerke abgebrannt wenden rc., und an dieses allgemeine Fest schließen sich dann in den verschiedenen Arrondissements noch besondere Festlichkeiten. Kurz, Paris wird sich in eine Fluth von Festen stürzen und vergißt darüber vielleicht, daß eigentlich doch wenig Veranlassung da ist, sich solchen nationalen Festlichkeiten hinzugeben.
j— Die gestrige Wiedereröffnung der Universität von Montpellier gab zu enisten Unruhen Anlaß. Als einige Studenten eine Kundgebung machten, ließ der Decan Truppen kommen und vor dem Universitätsgebäude ausstellen. Die Studenten erhoben lärmend Protest. Da ließ der Decan den Truppen Befehl ertheilen, die Studenten aus dem Untoersttätsgebäude auszutreiben. Dies geschah auch. Keine Vorlesung fand statt und in Montpellier herrscht große Aufregung. Em Student wurde verhaftet. Diesen Morgen wurde die rnedi- cinische Facultät mit Truppen besetzt und nur den Studenten, welche mit Karten versehen waren, Eintritt gewährt. — Die Arbeiter von Fives (Dors von 6000 Einwohnern bei Lille) haben heute die Arbeit eingestellt.
England.
Loudon, 28. Juni, Abends. Unterhaus. Gladstone kündigt an, er werde am Donnerstag beantragen, daß jedes Parlamentsmitglied, welches beansprucht, g' setzmäßig eine Erklärung an Eidesstatt jetzt abgeben zu dürsen, solche ungeachtet der am 22. Juni angenommenen Resolution an Stelle Eides abgeben darf. Labouchere erklärt, er werde in Folge dieser befriedigenden Mittheilung Gladstone's morgen seinen Antrag nicht einbringen.
telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. (£»rxefp*nfre*i -
Berlin, 29. Juni. Fürst Bismarck ist mit seiner Gemahlin und seinem Sohne, dem Grafen Wilhelm Bismarck, heute Nachmittag um 4 Uhr nach Friedrichsruhe abgereist.
Konstantinopel, 29. Juni. Die Pariser Nachricht, die Behörden von Prevesa hätten in einer Proclamation die Einwohner mit Todesstrafe bedroht, welche sich für die Annexion an Griechenland erklären würden, wird von amtlicher Seite für unbegründet bezeichnet.
London, 29. Juni. Unterhaus. Northcote kündigt an, er werde ein Amendement zu Gladstone's Antrag stellen, welches diese Resolution, die thatsächlich die Resolution vom 22. Juni annullire, für unannehmbar erkläre.
— Nachrichten aus Nikosia zufolge ist das britische Kanonenboot „Bittern" nach der syrischen Küste abgegangen, da in der syrischen Stadt
Haifa ernste Ruhestörungen zwischen Christen und Muselmännern ausge- drochen sind.
Konstantinopel, 29. Juni. Die Botschafter der Siguatacmächte traten am Samstag zusammen, um die türkische Antwortsnote betreffs Montenegros zu prüfen. Die Botschafter werben, wie es heißt, beschließen, die Note folgendermaßen zu beantworten: Da bie Wiederbesetzung der an Montenegro durch die April-Convention abgetretenen Gebiete in der Seitens der Pforte angegebenen Form eine unbestimmbare Zeit in Anspruch nehmen könnte, so werde als Ersatz für die Durchführung der April-Convention die Abtretung des Hafens von Dulcigno und deS durch den See von Skutari und die Bojuia-Mündung begrenzten Gebietes von Dulcigno an Montenegro vor- geschlagm.
London, 29. Juni. Die „Times" erfährt, bereits Anfang Juni sei dem Vatlkau das Abberufungs-Schreiben der belgischen Gesandtschaft notificirt worden und seien alle Bemühungen, einen Aufschub dieser Maßregel zu erwirken, erfolglos geblieben.
— „Reuter's Bureau" meldet aus Corsu vom 28. d. Mts.: Abeddin Pascha richtete an die Führer der albanestschen Liga ein vertrauliches Circular, worin er der Zuversicht Ausdruck giebt, die Beschlüsse der Conferenz würden Präjudiz für Albanien enthalten. Die Pforte werde Albanien gegen Annexions- Gelüste seiner Nachbarn zu schützen wissen und empfehle den Albanesen, einig und geschlossen mit ihren patriotischen christlichen Landsleuten zusammenzugchen.
Paris, 29. Juni. Da die den Congregationen festgesetzte dreimonatliche Frist mit heute Abend abläuft, so werden die Decrete erst morgen execu- torisch. Man glaubt, die Ausführung werde um 4V3 Uhr Morgens stattstn- den. Di die Journale sagen, daß die Thore der Niederlassungen geschloffen sein würden, so sollen die Agenten der ausübenden Gewalt gehalten fein, dieselben mit Gewalt zu öffnen, sowie sie auch angewiesen sind, jede Zelle zu öffnen. Jedes Mitglied wird die Verlesung der Deccete verlangen und nur der Gewalt --eichen. Em gegenwärtiger Huijster wird ein Protokoll ausnehmen, um das richterliche Verfahren vorzubereiten. Man versichert, die Decrete werden morgen b!os gegen die Jesuiten ausgeführt und den anderen nicht autorisicten Congreqationen eine Nachfrist bewilligt werden.
PariS, 29. Juni. Ungefähr 35 Magistrate haben bis jetzt dernissio- nirt, weil sie die Decrete vom 29. März nicht ausführen wollm. Der Minister hat sofort Nachfolger ernannt. — Jules Simon lehnt die Benchterstat- tung Namens der Amnestie-Commission im Senate ab, weil er eine große Rede über die allgemeine Politik halten will. — Das Gesetz bezüglich der Nationalfeier am 14. I Ui wurde im Senat mit 173 gegen 64 Stimmen angenommen.
Berlin, 29. Juni, Abends. Die Conferenz beschäftigte sich in der heutigen Sitzung mit den ihr von griechischer und albanesischer Seite zugegangenen Petiiionen. Am Donnerstag ist die Schlußsitzung zur Unterzeichnung der Finolacte, welche die Conferenz-Entscheidung enthält. Donnerstag diniren die Theünchmer der Conferenz beim russischen Botschafter.
Brüssel, 29. Juni, Abends. Das „Journal de Bruxelles" meldet: Gestern, den 28. ds., theilte der Minister des Auswärtigen dem päpstlichen Nuntius in Brüssel mit, daß die belgische Regierung mit diesem Tage die diplomatischen Beziehungen zur Nnntiatur einstelle. Die belgische Gesandtschaft beim Papst ist daher aufgehoben.
Lokales.
Gießen, 30. Juni. ^Sterblichkeit in Gießens Die Zahl der während der Woche vom 20. bis 26 Juni in hiesiger Stadt vorgekommenen Todesfälle beträgt im Ganzen 6. Von Kindern starben 2 im ersten Lebensjahre an Darmcatarrh und 1 im zweiten Lebensjahre an Gehirnentzündung. Bet den verstorbenen Erwachsenen war einmal Altersschwäche, einmal Lungenentzündung, einmal Lungenschwindsucht die Todesursache. G.
Gießen, 30. Juni. S chwurgerichtsverhandlung am 29. Juni ds. Js. gegen 1) Andreas Spahn von Freiensteinau und dessen Ehefrau wegen betrügerischen Bankerutts und 2) Friedrich Köhler 2r von da wegen Bethülfe zu diesem Verbrechen.
Die drei genannten Personen sind beschuldigt und zwar:
I. Andreas Spahn
a) daß er als Kaufmann, welcher seine Zahlungen eingestellt, in der Absicht, seine Gläubiger zu benachtheiligen, in der Zett von Anfang März biS zum 1. October des vergangenen Jahres Vermögensgegenstände verheimlicht ober bei Seite geschafft habe,
b) daß er auch nach dem 1. October v- I. in gleicher Absicht Vermögensgegenstände verheimlicht oder bet Seite geschafft habe;
II. dessen Ehefrau
daß sie im Interesse ihres Ehemannes, eines Kaufmannes, welcher seine Zahlungen eingestellt, im Sommer des vergangenen Jahres Vermögcnsgegenstände oesselben verheimlicht oder bei Seite geschafft habe;
III. Friedrich Köhler 2r
daß er dem Andreas Spahn zur Begehung des diesem zur Last gelegten Verbrechens, wiffentltch Hülfe geleistet habe, indem er, wissend, daß derselbe seine Ueberschuldung angezeigt, im März v. I. eine Zahlung von 5 oder 6 JL und an Zahlungsstatt weiter ein Ofenrohr und einen Eimer annahm.
Die Geschworenen hielten sich aber von der Schuld der Angeklagten nicht überzeugt und sprachen bas „Nichtschuldig" aus, worauf dieselben fretgesprochen wurden.
Gießen, 30. Juni. Gestern Abend gegen 8 Uhr ertrank ein junger Mensch von hier beim Baden in der Lahn. Derselbe hatte das durch ©langen bezeichnete, für Nichtschwimmer bestimmte Terrain des Freibades verlassen und war an eine tiefe Stelle des Flusses gerathen, wo er sofort unterging. Sein jüngerer Bruder mußte jammernd den sofort angestellten, aber vergeblichen Rettungsversuchen zusehen. Die Leiche des Ertrunkenen ist noch nicht aufgefunden worden.
Vermischtes.
Franks urt, 26. Juni. In seiner jüngsten Sitzung am Freitag Abend hat der Wirthschafts-Ausschuß für das 5. deutsche Turnfest Bestimmungen über die von dem Festwtrthe in der Festhalle aufzulegende Speisekarte getroffen. Nach denselben wird den Besuchern ziemlich reichhaltige Auswahl warmer und kalter Speisen geboten werden. Die Preise sind nach den hier herrschenden Durchschnittssätzen normtet; bei möglichst niedrigen Ansätzen ist es gleichwohl möglich geworden, auf einige der hauptsächlichsten der von der Saison gebotenen Deltcatessen Rücksicht zu nehmen. Das offictelle Festbanket wird Montag, 26. Juli, Nachmittags um 1 Uhr, abgehalten werden; der Preis des Gedeckes beträgt JL 3. Außerdem sind noch Bankete am Samstag, den 17. Juli (für tie Ausschußmttglieder und von diesen einzuführenden Personen) Abends 6 Uhr und am Sonntag, den 18. Juli (mit allgemeiner Betheiltgung) Nachmittags 1 Uhr in Aussicht genommen. Auch bei diesen soll der Preis des Gedeckes JL 3 betragen. An den Festtagen findet täglich Nachmittags um 1 Uhr gemeinschaftliche Tafel in der Festhalle (das Gedeck zu JL 3) statt. Dem Publikum wird Gelegenbeit geboten werben, sich Karten zu den einzelnen Banketen an noch näher zu bezeichnenden Verkaufsstellen zu verschaffen.
A. C. Düsseldorf, 22. Juni Eine ans Fabelhafte grenzenbe Leistung fast electrtsch schneller Fabrication sind die für den Kaiserbesuch von der Firma Gebrüder Schöller in Düren für das Gebäude kunstgewerblicher Alterthümer gelieferten Teppichläufer. Nachdem am Donnerstag Abend von dem Dessinateur der Fabrik an Ort und Stelle Muster und Farbe festgestellt waren, wurden in der darauf folgenden Nacht die Webstühle für den extra anzuferttgenden Stoff in Bewegung gesetzt und am Samstag Morgen lagen bereits sämmtliche Läufer in der besten, fast zu zarten Ausführung für den großen Besuch der Ausstellung. Es handelte sich übrigens bet


