Ausgabe 
1.7.1880
 
Einzelbild herunterladen

Nr. ISO.

Donnerstag den 1. Juli

L88V.

6>icliciicr MnMger

AMSk- Mld AmtsbKtt fit its Kreis Gießen.

9U>ACtW**Hrre<iti r 1

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme bei MsntagO.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post be-ogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1880.

gen rechtzeitig zur Stelle sind. Gießen, am 22. Juni 1880.

Das Ober-Ersatz-Geschäst für 1880 wird im Kreise Gießen

Dienstag den 13. Juli, im Rathhause zu «ich, Vormittags »Vr Uhr,

Mittwoch den 14. Juli, in dem alten Rathhaust zu Gießen, Vormittags 8 Uhr,

Donnerstag den 15. Juli, im Gasthaus zum Rappen zu Grunberg, Vormittags 9 Uhr, stattfinden^ sich na$ Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade in färrrmtlichen AuShebungSorten zu gestellen:

a. die zur Ersatz-Reserve I. Klasse in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen; A

b. die von der Ersatzcommission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgangen, c. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Soldaten;

d. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen; ..h-mäa.

Den Großherzoglichcn Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militä^flicht^enk.H.,ziehen, welchedenBetreff^denunVerzug. lich zuzustellcn sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 14 Tagen anznzeigen. Die Militärpflichtigen find auperdem anzuweifen, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen. k ,__.

Die zur Beurtheilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben «b«nfalls zu erscheinen.

Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berlchtlich anzuzelgen und ist, wenn ein MUttarpfUcyrrger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen tit. «irsav-

Bon denjenigen Militärpflichtigen, welche beim Ersatz-Geschäfte für dauernd untauglich "kannt, oder der Ersatz. Reserve II. Klaffe überwiesen wurden, find die Loosungsscheine z« erheben »nd spätestens bis »um «. Juli hierher e,n- zusenden, inzwischen verzogene Personen sind unter Angabe ihres jetzigen Aufenthaltsortes "arnhaft zu .

Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober-Ersatzgeschäste selbst anwesend zu sem und sich darum zu bemühe , ß Pst ch

Der Civilvorsitzende der Großherzoglichen Ersatzcommission des Kreises Gießen. vr. Hoffmann, Regierungsrath. ___

Die Leichenverbrennung.

L

Die Anhänger dieser eigenlhümlichen Liebhaberei, das edelste Gebilde der Schöpfung zu schmoren und, was davon sterblich ist, gewaltsam zu zerstören, ergehen sich, wie es scheint, mit um so größerem Elfer in dithyrambischen Auslastungen über ihre Erfolge, je weniger bet feinerer wirklicher Bildung diese allem feineren nur menschlichem, geschweige christlichem, Gefühl widerstre­bende Art der Bestattung Anklang gesunden hat, findet und jemals finden wird. So wie wir die angeblichen Gründe für die Verbrennung ter Leichen, als: 1) Vergiftung des Wassers und der Atmosphäre überhaupt, 2) Mangel an Raum u. s. w. nicht weiter der Widerlegung bedürftig erachten, da sich alle diese Gefahren und Nachthetle bet vernünftiger Anlage der Friedhöfe ver­meiden lassen, so halten wir auch kaum für nöthtg, die positiven Gründe gegen die Leichenverbrennung vorzusühren, obgleich diese von viel realerem Gewichte find. Denn sicher werden schon 1) die viel höheren Kosten, welche Profestor Reclam selbst auf 6080 «X taxirt, 2) die so lange dauernde Procedur des Schmoren- bis zur Verbrennung (über 2 Stunden), die schon für den nicht näher bethetligten Leichenconduct, natürlich aber für die nächsten Ver- wandten noch mehr, ein wahrer Greuel sein muß, einer weiteren Verbreitung im Wege stehen. Wie aber Juristen, wie eine Gesetzgebung in eine Einrich­tung willigen können, welche die Entdeckung einer Vergiftung oder einer anderen Mordthat (Nagel, Nadel in den Kops schlagen rc.) unmöglich macht, ist nicht abzusehen. Das Vertrauen, daß eine solche Möglichkeit nicht gemißbraucht werde, würde doch schlechthin eine totale Verkennung der menschlichen Natur vorauösetzen, wie freilich von gewister Seite geschieht, und worin ja ein großer Thetl der Krankheit unserer Zett liegt. Darum ist auch wohl sicher anzuneh­men, daß das juristische Gewisten mehr und mehr sein Veto etnlegen wird, wie es ja bereits tn einzelnen Ländern geschehen ist. Wir wollen hier den metaphysischen Streit über das Wesen des Geistes und der Materie nicht weiter berühren. Für die, welche den christlichen Standpunkt einnehmen, ist es nicht nöthtg, sür die Materialisten aber gänzlich ohne Verständniß, weil ihnen bet threr einseitigen Bildung die dazu nöthtgen Vorbedingungen fehlen, übrigens auch die metaphystsch-theologische Frage für die Entscheidung, welche Bestattungsart Christen gezieme, ohne Gewicht ist. Wir geben zu, daß die Verbrennung der Leichen dem christlichen Glauben, man mag die Lehre von der Auferstehung nur als Symbol der persönlichen Fortdauer (ohne welche es kein Chrtstenthum giebt gegen etliche neuere, angeblich christliche Dogma­tiker) oder wörtlich nehmen, nicht widerspreche. Es dürften ja sonst überhaupt Christen nicht durch unglückliche Ereignisse verbrennen. Aber das Alles zuge- geben, ist nun um so sicherer, daß das Zudecken der Leichen mit Erde, wie für Alles, was wieder zu Erde zu werden bestimmt ist, das Natürliche ist, daß der Vorgang der Auflösung gerade durch das Zudecken mit Erde dem menschlichen Auge und Gefühle entzogen wird, während das Schmoren die Auflösung tn allen ihren Phasen und Farben dem Auge und Gefühle bloßlegt, und es, wie schon bemerkt, für alles bessere menschliche Gefühl ein Greuel ist,

einen theuren Tobten, desien Leben man eben noch mit allen Mitteln zu erhal­ten bestrebt war, nun wie ein Stück Holz verbrennen zu taffen. £>o gewiß nach dem christlichen Glauben Gott die Liebe ift, und in der Liebe der christ­lichen Persönlichkeiten gegen einander der Adel und die Wurde des mensch­lichen Wesens liegt, so daß das Abscheiden einer in Liebe uns verbundenen Persönlichkeit uns in einen Schmerz versenkt, der nur durch die christllche Hoffnung des Wiedersehens gemildert wird, so natürlich und dem Adel schon des menschlichen Wesens überhaupt entsprechend, noch entschiedener aber deö christlich geläuterten Bewußtseins und Gefühls allein würdig ist der Wunsch, die leibliche Form der geliebten Persönlichkeit zu erhalten, und so natürlich und christlich allein geziemend ist, da die Erhaltung nicht möglich ist, wenig­stens der Abscheu gegen alle gewaltsame absichtliche Zerstörung. Darum schmücken die gebildeten Christen die Gräber ihrer Lieben mit Blumen und sinnigen Denkmälern, und lindern damit den Schmerz, indem sie das geliebte irdische Bild mehr und mehr zu einem geistigen, die irdische Liebe zu einer geistigen verklärt. Aber immer kann diese Liebe nur Abscheu empfinden gegen gewaltsame Zerstörung!

Deutschland.

Berlin 26. Juni. Der überaus empfindliche Mangel an Roggenoor- räthen, welcher sich ziemlich plötzlich, aber nur mit desto größerer Dchärse herausstellt, hat zu einem Preisstande des Roggens gestählt, der längst den Roggenzoü sammt allen anderen Getretdezöllen hinweggeschwemmt haben würde, wenn die guten Traditionen der Handelspolitik des Zollverein« noch Gettung im deutschen Reiche hätten. Indessen mag heute die Regierung "nmerhin m starrem Festhalten an threr Vertheuerungspolitlk dieser Lage der Dinge gleich giltig gegenüber stehen und durch den Hinweis auf die neue Ernte sich und Andere über die Zwischenzeit hinwegzuhelsen suchen, eine heilsame Wir^ng wird die Ealamität, in welcher wir uns befinden, wenigstens haben eine Wir- kuna welche weder die Gleichgiltigkeit noch tue offene Feindseligkeit «wer Regierung aus der Welt schaffen kann. Sie wird die öffentliche Aufmerksam, lei®, welche zum Unglück unseres wirthschaslltchen Lebens nur aUzu lange em. settig auf die Production gelenkt war, wieder auf den Consum nchien Helsen. Lange genug ist immer nur davon die Rede gewesen, daß dieser oder jener Industriezweig ohne Nutzen arbeite, daß der Getreidebau bet einem Pre.se von 3 pro Ctr. Roggen nicht renttren könne. Es wurde ja wohl auch fin recht schönes Ding sein, wenn Deutschland das Getreide, welches es braucht, eibst erzeugt, obwohl der Zweck aller auf der Arbettsthe.lung bastrend.r Cultur gerade dartn besteht, daß nicht Jeder Alles, was er brmicht, selbst zu erzeugen9nöthig hat. Aber wie Wünschenswerth es auch sein möchte daß jeder Deutsche nur deutsches Getreide consumtre, wichtiger ist es jedenfalls, daß d.e Bevölkerung Deutschlands überhaupt das zu ihrer Ernährung nothwendige Getreide sich beschaffen kann. Dies letztere ist seit einiger Zeit fast immer als nebensächlich, weil selbstverständlich, behandel, worden. Aber die iefclgen Ver­hältnisse der Getreidemarktes sind, soweit Roggen in Frage kommt, wohl dazu angethan, diese Zuversicht zu erschüttern. Dte Nachfrage nach Roggen tst zur