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rade in kirchlichen Dingen jeder Versuch eines Zwanges leicht den Widerstand hervor­ruft, dieses Verfahren nicht für geboten; man zieht es vielmehr vor, die Einführung des neuen Gesangbuches den einzelnen Gemeinden freizustellen. Es wird sonach an die Landessynode das Ersuchen gerichtet, das neue Gesangbuch zur facultativen Ein­führung zu genehmigen. Hebet diese Vorlage hat Namens des dritten Ausschusses der Landessynode der Abg. Engelbach Bericht erstattet. Derselbe bespricht kurz die äußeren und inneren Vorzüge des Entwurfs, sowie die ihm nach Ansicht des Ausschusses anhaftenden Mängel und kommt zu dem Schluffe, daß mcht wenige und zum Theil erhebliche Fragen bezüglich des vorliegenden Gesangbuchs-Entwurfes ihrer Erledigung harren. Eine Annahme en bloc dürfte sich hiernach nach Ansicht der Mehrheit des Ausschusses nicht empfehlen, ebenso wenig aber auch eine Discussion des Einzelnen im Plenum der Synode. Die Mehrheit des Ausschusses beantragt deßhalb, die Synode möge eine aus fünf Mitgliedern bestehende Eommission mit der Aufgabe bestellen, den Entwurf nach den im Berichte erwähnten Gesichtspunkten im Einzelnen zu prüfen und in einer endgültigen Redaetion der Synode zur einfachen Annahme oder Ablehnung vorzulegen. Mit dem Vorschläge des Ober-Consistoriums, die Einführung des neuen Gesangbuches der Gemeinde völlig freizugeben, ist der gesummte Ausschuß emerstanden. Eine Minderheit, bestehend aus den Abgg. Bonhard, Pauli und Curtmann, erklärt sich mit der Bestellung eines nochmaligen Ausschusses ad hoc nicht einverstanden, weil sie darin nur eine unnütze Verzögerung, wenn nicht gar Gefährdung der Ein­führung des Gesangbuches sieht, und beantragt daher, ohne Weiteres in die Berathung des Entwurfes einzutreten. M r

Berlin, 28. Mat. DieVoß'sche Ztg." schreibt: Der Reichskanzler hob in der Reichstagssitzung vom 8. März d. I. hervor, daß die Bevölkerung der landwirthschaftlichen Provinzen Pommern, Preußen und Posen in höherem Maße auswandere, als die der übervölkerten Fabrikgegenden^und zog hieraus den Schluß, daß das landwirthschaftliche Gewerbe durch die Steuergesetzgebung erschwert worden sei. Hieraus entgegnete der Abg. Richter unter Anderem, daß jene Erscheinung eine Folge der zunehmenden und durch die geltende Ge­setzgebung erleichterte Bildung großer Fideicommißgüter sei. Tatsächlich waren schon im Jahre 1867 in den alten Provinzen 6*/2 Mill Morgen ertrags­fähiger Flächen im Besitz von Fideicomrmssen und diese Zahl hat sich seitdem fortwährend vermehrt. In Pommern, wo die Auswanderung am stärksten ist, ist ein Drittel, im Regierungsbezirk Stralsund sogar die Hälfte des ertrags­fähigen Grundbesitzes im Besitze des Staates, der tobten Hand und der Fldei- commisie. Das hat die Reaction zu Wege gebracht, indem sie den Verfassungs- Artikel aufhob, der die Auflösung der Fideicommifle decretirte. Der Entstehung einer übermächtigen Bodenaristokratie ist es größtenthetls zuzuschreibe., daß der kleine Mann, der Arbeiter, sich nicht auf einer Scholle ansiedeln kann und es schließlich vorzieht, dem Vaterlande den Rücken zu kehren. Darum wird man mit der Theilung von Domänen und der Wiedereinführung der Erbpacht allein eine genügende Vermehrung der ländlichen seßhaften Arbeiter nicht erreichen.

DieN. Hess. Volksblätter" schreiben: Kaum ist Prinz Alexander von Battenberg zum Fürsten der Bulgarei erwählt, so beschäftigen sich die Zeitungen wieder mit angeblichen Heirathsprojecten für denselben. Während man vor Jahresfrist die Tochter der Großfürstin Marie, die Comtesi? Stro­ganow, als die zukünftige Braut des Fürsten bezeichnete, wird jetzt die junge Fürstin Aoussonpow als die Erwählte genaniit. Auswärtige Blätter bringen sogar alle möglichen Details, wonach die 20jährige junge Fürstin, welche eine sehr interessante und graziöse Erscheinung und außerdem bereinige Besitzerin eines Vermögens von vielen Millionen sein soll, ihre Verlobung mit dem Für­sten, der sie allerdings von Berlin und Petersburg wohl kennen mag, in Paris feiern würde. Wie uns nun von absolut zuverlässiger und unterrichteter Seite mitgetheilt wird, beruhen alle diese Gerüchte aus Erfindung und sind nur als müßige Combinationen sensationssüchtiger Reporter anzusehen, welche vielleicht durch den rein zufälligen Umstand entstanden sein mögen, daß die erwähnte Fürstin mit ihrem Vater gegenwärtig in Paris weilt, wohin sich Fürst Alexan­der demnächst begeben wird. Man scheint nun ganz außer Acht gelassen zu haben, daß der Fürst eben aus einer europäischen Rundreise begriffen ist. um bei den Regierungen, welche als Unterzeichner des Berliner Vertrags figuriren, Besuche abzustatten, wie dies bereits in Wien und Berlin geschehen ist und in London, Rom und Paris noch geschehen wird. In letzterer Stadt gilt sein Besuch dem Präsidenten der französischen Republik und dem Minister Wad­dington ; an eine Brautwerbung denkt der Prinz sicher nicht.

Betreffs der Wahl des Herrn v. Seydewitz zum Reichstagspräsidenten ist noch eines kleinen Zwischenfalles zu gedenken: Die kurze Ansprache, welche der neue Präsident v. Seydewitz bei Uebernahme seines Amtes an den Reichs­tag richtete, war das Erste, was er überhaupt im Parlament geäußert hat. Das Erste, was er that, enthielt einen Verstoß, welchen wir hier nur erwäh­nen wollen, während wir das Urtheil darüber den Lesern selbst überladen. Herr v. Seydewitz sah sich nicht zu der Aufforderung an den Reichstag ver­anlaßt, dem abgetretenen Präsidenten die schuldige Anerkennung etwa durch Erheben von den Sitzen zu erkennen zu geben. DieRat.-Ztg." bemerkt darüber:Die sonst üblichen Danksagungen an scheidende Präsidenten sind diesmal bei den letzten Vorkommnissen unterblieben. Niemand hat daran ge­dacht, das Haus zu einer bezüglichen Kundgebung zu veranlaffen. Das Maß von Anerkennung, welches man im öffentlichen Lcbeu gewähren will, ist eine Sache des Taktes und der unmittelbaren Empfindung, wir entschlagen uns selbstverständlich jeder Klitik."

England.

London, 27. Mai. Das Unternehmen des Herrn Albert Rentner, das PanzerschiffGroßer Kurfürst" und auch diePommerania" vom Mee­resgründe emporzuheben, ist, wie ein hiesiges Blatt berichtet, im B.griff, gegründet" zu werden. Es ist eine Actiengesellschaft mit einem Capital von 100,000 L. in der Bildung begriffen, welche sich damit befaffcn wird, in allen Theilen der Welt gesunkene Schiffe zu heben oder doch von solchen und von anderen verunglückten Schiffen zu retten, was zu retten ist. Diese Gesellschaft, Wreck Recovery and Salvage Company genannt, übernimmt die Contracte Leutner's und auch das Patentrecht für Pullar'sunbiegsame Pontons."

Kriechentaud.

Athen, 28. Mai, Abends. Eine ungefähr 500 Mann starke türkische Truppenabtheilung überschritt in Verfolgung einer etwa 150 Mann (toten RLuberschaar die griechische Grenze bei Ktemenion in der Meinung, daß sich die Verfolgten dahin geflüchtet hätten. Da die türkeschen Truppen der Aus- iorderung der griechischen Grenzwache, sich über die Grenze zurückeuztehen, nicht nachkamen, vielmehr Feuer auf die Wache gaben, entspann sich ein gegen drei Stunden dauernder Kampf, worauf die Türken über die Grenze zurückgingen. Die Türken verloren einige Mann. Anf griechischer Seite hat kein Verlust stattgefunden.

Telegraphische Depeschen.

Waguer's tclegr. Eorrcspouderrr« Bureau.

Darmstadt, 29. Mai. Durch Erlaß Sr. Kgl. Hoh. des Großherzogs wird der Fürst von Bulgarien ä la suite des Dragoner-Regiments Nr. 24 gestellt.

Marburg, 29. Mai. Heute findet die Hauptfeier anläßlich der Ein­weihung des neuen Universitäts-Gebäudes statt. Am Vormittag bewegte sich ein großartiger Festzug durch die festlich geschmückten Stcaßen unter großem Andrang des Publikums nach der Universitär, woselbst die Uebergabe der Schlüssel des neuen Gebäudes an den Universttätsrector Prof. Mannkopff erfolgte. Darauf fand die E ithüllung des Bildes Sr. Maj. des Kaisers statt; dem Hoch auf Se. Majestät folgte vieltausendfacher Wiederhall.

London, 29. Mai. Acht Compagnien Manne-Infanterie und zwei Compagnien Marine Artillerie, im Ganzen 1130 Mann, erhielten Befehl, sich nach dem Cap emzulchiffen.

Messtna, 28. Mai, Abends. Am Westabhange des Aetna haben neue ÄiaterbilOungen mit vehementem Lava-Auswucf stattgefunden. Letzterer bedroht die Ortschaften der Umgegend, deren Bevölkerung sich in großer Be- sorgmß befindet.

Kisfingen, 29. Mai. Der deutsche Kronprinz ist mittelst Extrazuges heute Vormittag abgereist. Zur Verabschiedung war Regierungspräsident Graf Luxburg mit den Spitzen der Behörden erschienen. Von dem zahlreich ver­sammelten Publikum ertönten begeisterte Hochrufe.

Berlin, 29. Mai. Ihre Maj. der Kaiser und die Kaiserin beabsich­tigen morgen nach Babelsberg überzuuedeln. Der Fürst von Bulgarien dinirte gestern bei dem russischen Botschafter v. Oubril und wohnte heute der Parade bei. Nach dem Parade-Diner begibt sich der Fürst nach Potsdam und reift morgen Abend nach Paris und London ab.

Berlin, 29. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." veröffentlicht eine aus­führliche Erwiderung des Fabrikanten Schwartzkopf in Berlin auf die Be­hauptungen des Reichstags-Abgeordneten Richter in Betreff der von Schwartz­kopf für die Warschau-Wiener Eisenbahn, resp. der von der Firma Henschel in Cassel für die Oöerschlesische Eisenbahn gelieferten Locomotiven, welche in dem Satze gipfelt, daß die Argumentationen Richter's auf eine tendenziöse und willkürliche Vermengung der Begriffe von offeriren, accepticen, verkaufen und liefern hinausliefen und an deren Schluß Schwartzkopf sich erbietet, Richter oder dem von ihm Bevollmächtigten unter Vorlegung der Geschäftsbücher zu überzeugen, daß seine Quellen unlauter und die Angriffe gegen die Firma Schwartzkopf und die Mitglieder des Locomotiv-Lerbandes ungerechtfertigt leien.

London, 29. Mai. Im Oberhause antwortete Lord Salisbury auf eine Frage Colchester's: Gestern sei eine Depesche des britischen Consuls auf Kreta eingegangen. Nichts darin lasse glauben, daß Unruhen daselbst herrschten oder daß die Bevölkerung kein Vertrauen in den neuen Gouverneur setze. In Folge ves Mangels einer starken Gensdarmerie, die nur durch genügende Geld­mittel zu unterhalten wäre, fielen mitunter Gewaltthätigkeiten vor. Er habe nicht gehört, daß die Bevölkerung mit der Verfassung unzufrieden sei.

Lloyds veröffentlichen eine Depesche über ein Gefecht zwischen der peruanischen PanzerfregatteJndependencia" und zwei chilenischen Holzschiffen Esmeralda" undCvvadonga" bei Jquique, wobei alle drei Schiffe sanken.

Berlin, 30. Mai. In der heutigen Plenarsitzung des Bundesraths wird auch der Gesetzentwurf über die Verfassung Elsaß Lothringens vorgelegt werden. Die Anträge der Bundesraths-Ausschüsse für die Verfassung und das Justizwesen von Elsaß Lothringen zielen darauf ab, dem Entwürfe eine prä- ctfere Fassung zu geben. Neu ist folgende Bestimmung: Das Ministerium von Elsaß Lothringen zerfällt in Abheilungen. An der Spitze dieser Abthei- lungen stehen Unterstaacssecretäre, unter diesen die Directoren, Räthe und Übri­gen Beamten. Der dem Dienstalter nach älteste Unterstaatssecrelär vertritt in Behinderungsfällen den Staatssecretär. Der § 7 soll lauten: Zur Vertretung der Vorlagen aus dem Bereiche der Landesgesetzgebung und der Interessen Elsaß Lothringens, sowie bei Gegenständen der Reichsgesetzgebung körnen durch den Statthalter Commifläre in den Bundesrath abgeordnet werden. Zum Staatsrathe sollen vom Kaiser 8 Mitglieder ernannt werden (nrch der Vor­lage nur 7), der Delegirte für den Bundesrath wird gestrichen. Der Zeit­punkt des Inkrafttretens deS Gesetzes soll durch kaiserliche Verordnung festge- setzt werden.

Lokales.

Gießen, 30. Mai. Das von uns bereits früher erwähnte Geschenk des Herrn Fe rnie an die hiesige Rudergesellsckaft, 4 riems outrigget Ra^eboot, ist dieser Tage von London hier eingetroffen und erregt dasselbe durch seine Eleganz und vorzügliche Bauart allgemeine Bewunderung.

Irischbäcker in Gießen.

Sonntag den 1. Juni. (1. Pfingstfeiertag.» Martin Lenz, Marktplatz. Montag den 2. Juni (2. Pfingstfeiertag.) Daniel Nühl, Marktplatz. _

I Kirchliche Anzeigen

der evangelischenGemeinde zuGießcn.

Gottesdienst:

Sonntag den 1 Juni.

1. heil. Pfingstfeiertag.

Morgens: Pfarrer Dr. Seel. Nachmittags: Pfarrvicar Schöner. (Collekte für arme Theologiestudirende.) Montag den 2. Juni.

2. heil. Pfingstfeiertag.

Morgens: Pfarrer Schlosser.

Confirmation der Knaben und Feier des heil. Abendmahles. Nachmittags: Gymnasiallehrer Stamm.

(Collekte für die Stadtarmen).

Es wird gebeten, bei der Confirmation am 2 Feiertage die zehn vorderen Bankreihen für die Angehörigen der Konfirmanden frei zu laffen.

Nächsten Sonntag den 8. Juni findet bte Confirmation der Mädchen und Feier des heil. Abendmahles statt.

Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 1. bis 7. Juni besorgt Pfarrvicar Schöner.