Ausgabe 
30.4.1879
 
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ausgeschlossen. Gerade in solchen Zeiten leidenschaftlich erregten Interesses Ätib ruhige Ueberlegung ausschlirßender Furcht, erscheint es höchst bedenklich die Principen der bisherigen deutschen Handelspolitik, welche unsere Export- Industrie zu einer nie gekannten Blüthe gebracht hat, In ihr Gegenteil ver- kehren zu wollen. Hierzu gehört insbesondere die Etnsührung von Zöllen auf die nothwendigsten Lebensbedürfnisse und auf solche Halbfabrikate, die den wichtigsten deutschen Industrien unentbehrlich stnd. Dazu kommt die allge­meine Belästigung des internationalen Verkehrs, wobei die auf Export ange­wiesene Industrie, trotz aller etwa in Aussicht zu stellender Prämien, sowie auch jede Art des Handels schwer geschädigt werden würde. Wir erwarten deshalb von dem Reichstage, daß er allen Versuchen, den bisherigen Tarif im ausschließlich schutzzöllnerischen Sinne umzukehren, entgegentrete, daß aber da, wo da- unabweisbare Bedürfniß der Retchskasse es erheischt, er neue oder erhöhte Ftnanzzölle nur auf solche Consumgegenstände bewillige, deren Ver- theuerung von den Consumenten leichter getragen werden kann. Wir erachten die Beibehaltung unserer seitherigen bewährten Handelspolitik, wie sie sich nach den Prtnctpien der preußischen Zollreform von 1818 in gemäßigt freidändle- rischem Sinne bisher fortlaufend entwickelt hat, für nothwendig, einer Wirth- schaftspolitik, die unter Preußens Führung Deutschland geeinigt und so weit gekräftigt hat, daß es jetzt eine mächtige und leitende Stellung in Europa ein- nimmt. Bei dem schwerwiegenden Einflüsse Deutschlands könnte sein Vorgehen Europa als besten Frtedenshort den Segen des freien Austausches bringen, andererseits aber Sonderinteressen zu Liebe eine Epoche der Handelsbeschrän­kungen und des ewig erneuerten Zollkrieges herausbeschwören. Die Unterzeich­neten ersuchen hiermit ihre Gestnnungsgenosien aus Rheinland und Westfalen, sich zu einer Versammlung am Sonntag, den 4. Mai, in Elberfeld (Ver­sammlungsort und Zeit wird noch bekannt gemacht) einzufinden, um durch Faffung entsprechender Resolutionen ihren Anschauungen Ausdruck zu geben. Folgen die Unterschriften. (Weser-Ztg.)

KrauKreich.

Paris, 26. April. Der Minister des Innern und des Cultus hat in Auxerre eine Rede gehalten, worin er sagte:Ich werde der Geistlichkeit gegenüber immer den Geist des Anstandes bewahren, den ich gegen Jeden stets beobachtet habe; aber das Gesetz des EoncordatS darf kein leeres Wort blei­ben. Alle Geistlichen, so hoch sie auch gestellt sein mögen, müsien diesem Gesetze Folge leisten. Wenn der Priester auf der Kanzel, anstatt religiöse Lehren zu Brtheilen, die man dort sucht, die Beamten oder die Staatseinrtch. tungen beschimpft, so wird er bestraft werden."

Amerika.

New-Uork. Der Kriegsminister der Vereinigten Staaten hat ein Rundschreiben erlafien, welches anbefiehlt, daß die Indianer unter der Führung von Sitting Bull, da sie ausgehört haben, amerikanische Unterthanen zu sein, tm Falle ihrer Rückkehr nach den Vereinigten Staaten ergriffen und als Kriegs­gefangene behandelt werden sollen.

Telegraphische Depeschen.

Wagxer'S telegr. «orrefpoAdent-Bureau.

Berlin, 28. April. Reichstag. Vor Eintritt in die Tagesordnung verlieft der Präsident ein Schreiben des Abgeordneten Knobloch (Labiau), wonach derselbe aus privaten Rücksichten sein Mandat niederlegte. Der Präsident theilt mit, daß während der Osterferien die Zoll- und Steuervorlagen eingegangen sind, sowie ein Schreiben des Reichskanzlers, welches die Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung Hassel- mann's wegen Zuwiderhandelns gegen verschiedene Bestimmungen des Socialisten- gesetzes nachsucht. Dieses Schreiben geht an die GeschäftSordnungs-Commission. Hier­auf wird eine Reihe von Wahlprüfungen nach den Commissionsbeschlüssen erledigt ES folgt nunmehr die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffs Anfechtungen von Rechtshandlungen des Schuldners außerhalb des Concursverfahrens. Staatssecretär Fnedberg begründet und erläutert den Entwurf. Mayer (Donauwörth) bemängelt denselben unter Hinweis auf die einschlägigen Verhältnisse in Bayern und Württemberg. Staatssecretär Friedberg sucht diese Einwande zu entkräften. An der weiteren Debatte nehmen Theil Bär, Schmidt, Wolffson und v. Maltzahn. Der Entwurf geht an die Commlssian für den Gesetzentwurf, betreffend die Consulargerichtsbarkeit. Es folgt die dritte Berathung des NahrungsmittelgesetzeS. Rach Annahme der SS 1 und 2 be- antragt Zimmermann die Auszählung des Hauses; dieselbe ergibt die Anwesenheit von 199 Mitgliedern, das Haus ist somit beschlußfähig.

In längerer aber unerheblicher Debatte wird der Entwurf des Nahrungsmittel- Gesetze« mit unwesentlichen Aenderungen nach den Beschlüssen zweiter Lesung ge- nehmigt. Nächste Sitzung Mittwoch; Tagesordnung: Kleinere Vorlagen. Donnerstag soll laut Ankündigung des Präsidenten die erste Berathung der vereinigten Holl- und Steuervorlagen stattfinden.

Wie», 28. April. Meldung derPolit. Corresp." aus Belgrad vom 28. d.: Der Sectionschef Popovic und der Zolldirector Ruskalfic, die zu Vertretern bei den Verhandlungen über den Handelsvertrag mit Oesterreich. Ung«rn ernannt wurden, begeben sich demnächst nach Wien. Der Minister deS Auswärtigen beabsichtigt die Großmächte um Festsetzung der Gebirgsgrenze zwischen Serbien und der Türkei zu ersuchen, behufs Verhinderung von Ein­fällen der Arnauten. Die Regierung entsandte Schätzungscommiffäre in die neuen Gebietstheile zur Regelung der Besitzverhältniffe der mohamedanischen und serbischen Bewohner.

Der Kaiser erklärt in einem Handschreiben an den Minister deS Jn- nern: Eine reinere, innigere Freude konnte ihm kaum geschaffen werden, als die ihm in den letzten Tagen durch die Liebe seiner Völker bereitet wurde. Der Kaiser und die Kaiserin fühlen sich tief bewegt von diesen spontanen Kundgebungen aufrichtiger Liebe aus allen Ständen und Schichten der Bevöl- kerun-. Der Kaiser ist stolz und glücklich, die Völker, wie sie dieses Reich umfaßt, als seine große Familie betrachten zu können. Die rauschenden Fest- Weiten stnd vorüber, aber die dankbare Erinnerung wird nie au- des Kaisers Herzen schwinden. Der Minister soll es allgemein verkünden, daß die Maie- stäten Allen innigst und herzlichst danken.

_ VeiexMmtfc, 28. April. Durch heute veröffentlichten kaiserlichen Ukas vom 24. dS. wird das Taurische Gebiet dem zeitweiligen General. Gouverneur von Odeffa unterstellt. Der Kaiser und die Kaiserin, begleitet von der Großfürstin Alexandra Josefowna und dem Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch stad am 27. ds., Nachmittag 5i/2 Uhr, wohlbehalten in Livadia angekommen. Auf allen Reisestattonen wurden die hoben Reisenden von unzähligen Volksmaffen enthusiastisch begrüßt. In Twer, Moskau, Orel, Kursk, Charkow, Pawlograd, Sewastopol, auf den Stationen Sergtewo und Sinelnikowo empfing der Kaiser Deputationen des Adels, der Landschaften, der Stadt- und Landgemeinden mit Ergebenheitsadreffen.

Rom, 28. April. Ein Manifest Garibildi's an die Italiener ver­kündigt De Bud mg .Hier demokra tsche. Ligr behufs E langu ig oer thatiah. Uchen Ausübung der natio taten Souverän.tüt. D e Liga werde mit fctebh he * Mitteln arbeiten, insolange ihr Werk nicht durch Die Refieru ia behi ide-t werde.

London, 28. April, Abends. Unterhaus. Norlhcote erklärt auf eine Anfrage Goldimid's: F a ckreip und E igla id richteten an den Kyedio? k ine gemeinsame Note, aber beide Mähte hielten es für notbwendig, dem Khedive ihre Ansicht über seine jüngste Action auszudrücken. Die bez. Depffche sei unterwegs, daher die Mi theilung ihres Inhaltes unthunlich. Unterstaats, secretär Bourke erwidert aff eine Anfrage Harting on's: Die Refieruna werde weitere egyptlsche Schnflstücke oorlegen, sobald Die Unterhandlungen beendet seien. Derselbe theilt auf Bffragen CHimberl,ii's mit: Die inter­nationale Commiifion für Ostrumelien bemDete die Berathung der ostruneli- scheu V-rf iffung und unterzeichnete dieselbe. Der Sultan habe die Verfassung noch nicht ratlficirt; sie werde dem Parlamente zugehen, sobald ste ratlstcirt sei. Derselbe eiklärt auf Veranlaffung Monk's: Die Berichte aus Kreta lauten sehr unbefriedigend. Der britische Consul glaubt, der wirkliche Grund davon sei der Mangel einer guten Polizei. Northcote erklärt auf eine An­frage Denison's: Die Unterhandlungen, betr. Ostrumelien, dauern fort; es besteht unverselles Einvernehmen, die stricte Ausführung des Berliner Ber- träges zu fordern.

Nachts. Unterhaus. (Fortsetzung.) Im Laufe der Debatte über Ryland's Antrag, welcher die Vermehrung der Staatsausgaben tadelt und deren sofortige Reductton verlangt, greift Gladstone die Finanzpolitik der Re- gie-ung auf's Heftigste an. Die Strafe für die enormen Ausgaben, für die Zwecke, um derentwillen ste gemacht seien, für die Principien, wonach die Re- gierung dabei zu W?rke gegangen, werde nicht ansbleben. Redner tadelt namentlich, daß auf kein Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben Bedacht genommen fei. Northcote vertheidtgt die Regierung, deren Politik keine aggresstoe sei, allein Frieden und Prosperität des Lande« könnten nur erhalten werden, wenn ste auf der Achtung bastrten, die man der Stärke zolle.

London, 20. April, früh. Unterhaus. (Fortsetzung.) Ryland's Tadelsantrag, welcher Bedauern über die Vermehrung der Ausgaben aus- gesprochen haben will, wird mit 303 gegen 230 Stimmen verworfen; Majorität für die Regierung 73.

L o^k a l e s.

Gießen, 29. April. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzuni am Donnerstag den 1. Mai 1879, Nachmittags 4 Uhrr

1. Die Erbauung eines Schlachthauses.

2. Gesuch des Maschtnenfabrtkanten HeUigenstädt um Erlaubniß zur Erbauung etneS Nebengebäudes.

3. Gesuch des Heinrich Weber von Heuchelheim um Erlaubniß zur Erbauung eines Hintergebäudes.

4. Gesuch des Philipp Kreiling um Erlaubniß zur Anlegung einer Einfriedigung.

5. Das Fabrikgebäude der Firma Ottens & Jughard, betreffend.

6. Erbbegräbnisse betreffend.

7. Expropriations-Verfahren gegen Hartmann Eulers Erben.

8. Gesuch des Kaufmanns Karl Richard Textor um Octroi Rückvergütung.

Die Rathhaus-Uhr steht jetzt schon wieder über acht Tage still, sollte sie sich nicht genug ausgcruht haben? Warum entfernt man denn nicht das Alterthum und überweist cs dem historischen Museum, als daß es das Publikum doch immer nur irre führt?6.

Ein schwer Betrunkener veranlaßte gestern Abend auf dem Kreuz einen großen Menschenauflauf. Die Schutzmannschaft nahm denselben in ihre schützende Obhut und ver­schaffte ihm Nachtquartier.

Wegen Unterschlagung von mehreren Hundert Mark wurde gestern ein junger Mann aus einem hiesigen Geschäfte verhaftet.

Vermisch t e H.

Zwei riesige Fascikel lagen kürzlich dem Wiener Schwurgerichtshofe vor. Sie ent­hielten einige tausend Briefe, geschrieben innerhalb eines Jahres von nahezu achthundert Frauen­zimmern an eine und dieselbe Persönlichkeit, von welcher sie alle geheirathet zu werden wünschten. Der arme Mann, welchem in achthundertfacher Vervielfältigung ein Glück zugemuthet wurde, deffen man erlaubtermaßen nur in einfacher Auflage theilhaftig werden kann, mußte mit der Erledigung dieser^ Correspondenz nicht wenig Mühe haben. Er erleichterte sich die Arbeit durch Anlegung einer förmlichen Registratur, und indem er zunächst das überreiche Material in zwei Gruppen schied, und zwar: a. Briefe von Frauenzimmern, die nurSinn für Häuslichkeit", oderanspruchsloses Wesen", oderinniges Gcmüth" und dergleichen zu ihren Gunsten auf­führen können; auf diese Briefe schrieb er:Nicht zu beantworten" oderad acta; b. Briefe von Frauenzimmern, dieeine schön möblirte Wohnung",eine Jahreswohnung und kleine Ersparnisse" odereiniges Vermögen" haben. Diese Briefe wurden registrirt alsfreundlich zu beantworten" odersehr freundlich zu beantworten", oder endlich, wo schon ein größerer Geldbetrag erwartet werden konnte,sehr Heb und sehr fein zu beantworten". Die Namen der Frauenzimmer, mit denen dieser Herr in Folge der Anzeigen bekannt wurde, füllten ein langes Verzeichniß, und nicht nur über die Namen, sondern auch über das Stadium, in welches jede einzelne Beziehung getreten war, wurde ein förmliches Protokoll geführt, weil sonst leicht Mißverständnisse möglich waren und man sich dort vielleicht größere Freiheiten herausnehmen konnte, wo man über die Vorfragen noch nicht hinaus war, während man anderswo Gefahr laufen konnte, eines auffallend kalten Benehmens geziehen zu werden, wo daS Eis der Zurück­haltung längst geschmolzen war. Der Umfang dieser intereffanten Correspondenz war so groß geworden, daß der so viel werbende und viel umworbene Herr genöthigt war, eine Kanzlei aufzunehmen, die aus zwei Zimmern bestehen mußte, damit nicht zwei oder mehr seiner Bräute miteinander zusammentrafen. Wenn die Sache noch länger gedauert hätte, so wäre es dahin gekommen, daß er eine Anzahl gefühlvoller junger Leute, welche die Briefe zu beantworten hätten, als Beamte anstellen und sein Bureau durch ein Einreichungs-Protocoll und ein Expedit hätte vervollständigen müßen. Aber der Gebieter über achthundert Frauenherzen, die ihm sehn­süchtig entgegenschlugen wurde verhaftet, und heute wollte man es nicht glauben, daß er die ganze Correspondenz nur geführt habe, um für eine von ihm herausgegebene eulturhistorische Brochüre Material zu sammeln. Herr Anton Bartholomäus Kleinert ist ein grauhaariger Sünder im Alter von 58 Jahren, wegen Helrathsschwindels mit sechs Monaten, drei Jahren und fünf Jahren ZuchtbauS bestraft. Im September 1877 aus der letzten Strafe entlasten, betrieb er Den Helrathsschwindel von Neuem, diesmal in einer beispiellosen Ausdehnung, wie Eingang- geschildert haben. Don den Personen denen er Geld entlockte, baben sich nur sechs gemeldet; cS sind ältliche Frauenzimmer, denen er zusammen über 2000 Gulden abgenommen hat, indem er ihnen die Ehe versprach, ihnen sagte, er seiJournalist und Literat" und gebe eine Brochüre herauS, welche reißenden Absatz finden und ihm viel Geld eintragcn werde. Kle'nert ist bereits längst, und zwar nach katholischem RituS, verhetrathet, er lebt von seiner Frau geschieden, und zwar erfolgte die Scheidung aus seinem Verschulden wegen Mißhandlung de" Frau, und, wie eS in dem Urtheile bei Ehegerichts heißt,als der ehelichen Untreue mehr alS verdächtig". In der Führung der Liebescorrespondenz erwieS sich Kleinert nicht ganz un­geschickt und er wußte seine Antworten jedeSmal nach den Intentionen der Antragstellerin ein» zurichtcn. Einer Dame z. B., die ihm poetisch schrieb:Ich wünsche einen Mann, an dem ich mich hinaufranken kann, wie die Rebe am Weinstock", schrieb er empfindsam zurück:Wie schön ist Ihr Vergleich mit der Rebe und dem Weinstock. Sie wollen sich an mir emporschlängeln? Sie wollen mich umfasten mit süßen Trauben, au8 denen die Liebe quillt? Ich bin bezaubert von diesem Gedanken und freue mich, daß Sie in mir, einen allgemein geachteten Schriftsteller, einen treuen, wenn auch nicht mehr jungen, aber doch kräftigen Weinstock, die ersehnte Stütze finden. Ihre Ersparnisse (der Brief war untersehr Heb, sehr fein zu beantworten" registrirt) werde ich gewistenhaft verwalten; einen Theil davon werde ick für meine Brochüre verwenden. Adieu, meine liebe, süße Rebe, denken Sie an Ihren treuen Weinstock." Eine 50jährige hagere Dame, die unter den Beschädigten erschien, hatte das Glück, daß ihre Briefe in der Registratur des Herrn Kleinert alsbesonder- liebenswürdig zu beantworten" figurirten, und so entdeckte