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Nach der im Reichs-Eisenbahnamt aufgestellten Nachweisung über die im Monat Juni dieses Jahres auf deutschen Eisenbahnen mit Ausnahme derjenigen von Bayern vorgekommenen Unfälle waren im Ganzen zu ver­zeichnen : 23 Entgleisungen und 10 Zusammenstöße fahrender Züge, und zwar wurden hiervon 13 Züge mit Personenbeförderung von je 10,476 Zügen dieser Gattung einer und 20 Güterzüge, bezw. leer fahrende Maschinen betroffen; ferner 43 Entgleisungen und 8 Zusammenstöße beim Rangiren und 67 sonstige Betriebsereignisie (Ueberfahren von Fuhrwerken auf WegeübergLn- gen, Defecte an Maschinen und Wagen rc.). In Folge dieser Unfälle wurden 1 fremde Person getödtet, 3 Beamte, 1 Arbeiter und 5 fremde Personen ver­letzt, 22 Thiere getödtet und 1 verletzt, 36 Fahrzeuge erheblich und 129 un­erheblich beschädigt. Außer den vorstehend aufgeführten Verunglückungen von Personen kamen, größtentheils durch eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen, noch vor: 22 Tödtungen (6 Beamte, 6 Arbeiter und 10 fremde Personen), 73 Verletzungen (3 Reisende, 39 Beamte, 22 Arbeiter und 9 fremde Personen), 14 Tödtungen und 3 Verletzungen bet beabsichtigtem Selbstmorde.

Bezüglich der Mitthetlung derKöln. Ztg.", daß das Project einer Jnseraten-Steuer bisher an maßgebender Stelle nicht in Erwägung gezogen worden sei, wird derAugsb. Allg. Ztg " aus München geschrieben, daß in der Sitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer am 5. d., auf eine hierauf bezügliche Anregung, der Herr Abg. Strauß u. A. erwiderte:Ich kann nicht unverhehlt lasten, daß wir, d. h. die Finanzminister von ganz Deutschland, schon ebe der (vom Herrn Abg. Strauß erwähnte) Vorschlag des Herrn Be­zirksgerichtsraths Dr. Meyer in Ansbach verbreitet wurde, die Frage wegen Einführung einer Jnseraten-Steuer in Erwägung gezogen haben; ein einzelner Staat kann sie in keiner Weise einführen." Es ist demnach das in Rede stehende Project allerdings schon an einer und zwar sehr maßgebenden Stelle in Erwägung gezogen worden, und wenn sich auch der bayerische Finanzmini. fier enthalten hat, zur Zett Näheres hierüber mttzutheilen, so geht man viel- leicht doch nicht irre, wenn man anntmmt, daß in dem Verzetchniß projectirter neuer Reichssteuern auch die Jnseraten-Steuer einen Platz gesund:n haben mag.

Die Chefs des kaiserlichen statistischen Amts und der amtlichen Statistik Preußens, die Herren Becker und Engel, werden in der zweiten Octoberwoche ihre deutschen College» von der Staatsstattsttk in Berlin um sich versammeln, damit man sich über die Ende 1880 vorzunehmende nächste Volkszählung ver­ständige. Es ist im Plane, mit derselben nicht allein die längst beabsichtigte allgemeine Aufnahme des Viehstandes zu verbinden, sondern auch eine neue Gewerbestatistik, aber erweitert zu einer vollständigen Berufsstattstik. Zweifel­haft ist nur noch, ob diese Zuthaten obligatorisch sein sollen für sämmtltche Etnzelstaaten oder aber facultativ. Hoffentlich spricht die Versammlung sich für obligatorische Vornahme aus und entscheidet demnächst der Bundesrath so, da sonst die Arbeit auch in den Ländern, wo sie vorgenommen wird, nur hal­ben Werth erlangen kann.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. Garrefpaudeur' Burea«.

Berlin, 27. August. Die heute früh eingetroffenen Großfürsten Wladimir und Alexis begaben sich Nachmittag um 3l/2 Uhr zum Besuch der Majestäten und der übrigen Mitglieder des königlichen Hauses nach Potsdam und folgten dann einer Einladung der Majestäten zum Diner nach Babelsberg, wozu auch das Personal der russischen Botschaft geladen war.

DieProv.-Corresp." schließt einen längeren Artikel über die national- liberale Partei mit dem Satze: Wenn diese Partei sich so wenig geeignet zeigte, den Beruf einer Mtttelpartet festzuhalten, und dies zu dem Bedauer­lichsten in unserer neueren Entwickelung gehört, so läßt sich eben deshalb das Dedürfniß nicht verkennen, daß die Bildung einer solchen Partei von Neuem versucht werde, zu welcher die bisherige nationalliberale Partei durch geistige und politische Befähigung hervorragende, an Zahl nicht geringe Kräfte dar­bietet. Wenn von der anderen, bereits bestehenden Mittelpartei gesagt werden kann, ihre Aufgabe sei die Geltendmachung berechtigter Gedanken des Libera­lismus in conservativen Kreisen, so bleibt fürs Erste noch Raum für eine andere Mtttelpartet mit der Aufgabe, die für die Erhaltung der deutschen Nation und ihrer Cultur unveräußerlichen conservativen Einsichten in liberale Kreise zu letten.

Stuttgart, 27. August. Der Genoffenschaftstag erledigte die An« gelegenheiten Der Consumveretne und nahm eine Instruction zur Verhütung des Verkaufs verfälschter Nahrungsmittel und ferner eine Resolution an, nach welcher eine einheitliche Methode bei der Untersuchung von Lebensmitteln herbeigeführt werden soll und vor großen Gelegenheitseinkäufen gewarnt wird. Schenck (Wiesbaden) schließt den Vereinstag mit einem Dank an Stuttgart.

Wien, 27. August. DiePoltt. Corresp." meldet: Der Fürst von Montenegro wird sich am 28. d. Mts. auf dem österreichischen Kriegsschiffe Andreas Hofer" in Cattaro etnschiffen und am 2. Septbr. in Wien eintreffen.

Prag, 27. August, Abends. Der Kaiser ist heute Abend 10 Uhr zu den morgigen Dtvistonsmanövern auf dem Staatsbahnhofe angekommen und von der Volksmenge mit stürmischen Hochs begrüßt; die Straßen, durch welche der Kaiser fuhr, waren glänzend illumtnirt und decorirt.

Nom, 27. August. In Folge der Mißernte ersuchte der Minister des Innern, Villa, den Minister der öffentlichen Arbeiten, Bacarini, die Ausführung der vom Parlamente beschlossenen öffentlichen Arbeiten zu beschleunigen und die Präfekten aufzufordern, die Provinzen, Gemeinden und reichen Grundbe­sitzer zu veranlassen, den Bedürftigen Arbeit zu verschaffen.

Berlin, 27. August. Der gestrigen Meldung derNordd. Allg. Ztg." gegenüber bezeichnet es dieNattonalzeitung" als unrichtig, daß am Sonntag eine Versammlung des national-liberalen Wahlvereins stattgefunden habe. Richtig sei, daß am Sonntag eine Versammlung national-liberaler Männer über einen Wahlaufruf berathen, die Versammlung sich aber nicht für die Zu­stimmung zu zweijährigen Budget-Perioden schlüssig gemacht, sondern einen entgegengesetzten Beschluß gefaßt habe und zwar nach kurzer Motivirung des zweijährigen Budgets seitens eines einzigen Dissentirenden.

Wirthschaftliche Wandelungen.

Durch unsere Zeit geht ein eigenthümliches Gefühl des Unbehaglichen, der Unruhe. Zu einem Beharren auf gewohnten Pfaden, zu ruhiger, gleichförmiger Arbeit, geschweige denn zu behaglichem, zufriedenem Genießen kommt man nicht. Das Leben spinnt sich gleichsam im beständigen Fieber ab, die Gleichmäßigkeit hat unregelmäßiger Hast Platz

gemacht, die stille ruhige Entwickelung einem vollständigen Durcheinander, die Behag­lichkeit des Lebens steter Unruhe. Alle Lebcnsverhältnisse sind heute, im Verhällniß zu früher, auf die Spitze geschraubt; wir arbeiten entschieden mehr als unsere Vorfahren, bei welchen es Plauderstündchen zu Frühstück und Vesper, gemüthliche Dämmer­stündchen, Besuche beim Nachbar u. s. w. gab; wir genießen weit mehr als sic, die von all' den rauschenden Vergnügungen, die uns heute fesseln, keine Ahnung hatten. Aber trotz dieser Steigerung von Arbeit und Genuß wird man kaum sagen können, daß die Welt angenehmer die Menschheit zufriedener geworden. Selbst wenn nicht die Social- Demokratie il)r Mene tekel unheimlich leuchtend an die Wand geschrieben hätte, müßten uns zahlreiche Erscheinungen unseres socialen Lebens, die Bitterkeit des Kampfes um's Dasein, die steigende Noth nicht nur der sog. arbeitenden Klassen, sondern auch der mittleren Schichten der Bevölkerung, das Wanken ehrenwerther Existenzen und das Emporkommen erbärmlicher Parvenüs belehren, daß es mit dem socialen liebel denn doch etwas mehr auf sich hat, als der Leichtsinn und die Hartherzigkeit gemeinhin eingestehen will und daß das Mißbehagen, welches einen großen Theil unserer Be­völkerung ergriffen hat, nicht nur auf Hetzereien zurückzuführen ist.

Es ist lebhaft zu bedauern, daß die öffentliche Aufmerksamkeit, nachdem sie sich im vergangenen Jahre den Quellen dieser Uebel und den Mitteln ihrer Beseitigung »ugewandt, so schnell wieder abgelenkt worden ist und daß man, wie es scheint, alles dem Socialisten-Gesetz überläßt, als ob damit allein etwas ouszurichten wäre. Die Gleichgültigkeit, welche die Gesellschaft der drohenden Gefahr gegenüber beweist, ist fast beängstigend.

Sehen wir für heute indeß von der socialen Frage im engeren Sinne, die sich ja doch in einem Zeitungsartikel nicht genügend erörtern läßt und die überhaupt nicht durch irgend ein Universalmittel gelöst werden kann, vollständig ab und wenden wir uns der im Eingang erörterten allgemeinen, die Merkmale einer Uebergangs-Periodc deutlich an der Stirn tragenden Unruhe und Währung in allen Verhältnissen des socialen Lebens zu, so finden wir auf den ersten Blick, daß wir uns in einem wirth- schaftlichen Umwandlungs-Processe befinden, wie er tiefer eingreifend und umfassender noch nie dagewesen ist. Dieser Umwandlungs-Proceß beruht auf verschiedenen Ursachen: der Steigerung des Werthes von Grund und Boden, hervorgerufen durch die Zunahme der Bevölkerung; der Entwerthuna der edlen Metalle und der in Folge dessen ein- gettetcnen Preissteigerungen; der Erfindung der Dampfkraft und der in Folge desfen bewirkten Vermehrung der Production; die Erbauung der Eisenbahnen und der dadurch bewirkten Abkürzung der Entfernungen.

Von diesen vier Erscheinungen, welche im Laufe der letzten Jahrzehnte auf unser wirthschastliches Leben eingewirkt haben, wäre schon eine allein hinreichend gewesen, eine Umwälzung in unserem Leben hervorzubringen; alle vier auf einmal aber konnten natürlich nur um so großartigere Wirkungen zu Tage fördern, und es ist Angesichts dieser vier Thatsachen, welche im wirthschaftlichen Leben wie Elementar-Ereignissc wirken mußten, fast als ein Wunder zu bezeichnen, daß in den letzten Jahrzehnten bei uns nicht alles völlig auf den Kopf gestellt worden ist im Erwerbsleben.

Der Zusammenhang dieser vier Thatsachen, ihr Zusammenwirken und das Pro­gressive in der Acußerung dieser Wirkungen zu schildern, würde den Raum eines Buches beanspruchen. Wir können jede der vier Kräfte nur für sich betrachten und kurz die Richtung andeuten, in welcher sie sich äußerte.

Das Wachsthum der Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten so stark gewesen, wie wohl noch nie. Nach Dieterici wuchs die Menschenzahl pro Quadrat-Meile jährlich:

17001800 18001825 18251846

in Frankreich um 4 um 16 um 32, Preußen717 68,

Hannover612 32,

Württemberg17 12 56.

Die Vermehrung kommt größtentheils den großen Städten zu Gute, welche in den letzten Jahrzehnten ein ganz enormes Wachsthum zeigten; aber auch auf dem platten Lande ist die Dichtigkeit der Bevölkerung, wenn auch ein Theil des Ueberschusses der Geburten über die Sterbefälle an die Städte abgegeben wurde, gewachsen und damit der Preis von Grund und Boden enorm gestiegen. Zwei Beispiele nur mögen diese Preissteigerung in Stadt und Land erläutern: Das Haus, in welchem Alexander v. Humboldt geboren wurde, kostete 1746: 4350 Thlr., 1761: 8000 Thlr., 1796: 21,000 Thlr., 1803: 352,00 Thlr., 1824 : 40,000 Thlr., 1863: 92,000 Thlr. - Der mittlere Pachtzins der preußischen Domänen stieg in der kurzen Zeit von 18491864

Reg.-Bez.

von

Königsberg Danzig Marienwerder Stettin Stralsund Liegnitz Potsdam

pro Morgen im

1,16 Thlr.,

1,61

1,06

1,73

1,50

1,75

1,59

0,73 Thlr. auf

1,02

0,63

1,07

0,95

1,17

1,08

Frankfurt 1,29 2,00

also durchschnittlich um etwa 59 pCt., was einen Rückschluß auf die Preissteigerung im Grundbesitz gestattet. Wie viel Vermögen ist da ohne jede Anstrengung, ohne jede wirthschaftliche Leistung, einzig und allein durch die günstige Conjunctur erworben worden! Wie viel an Grund und Boden ist da aber auch viel zu thcucr gekauft worden im Wirbel der Speculation, ohne Rücksicht auf die vorhandenen Kräfte, und wie Vielen droht nicht der Verlust der ganzen Habe, wenn eines schönen Tages die wirthschaftlichen Factoren, welche dieses Steigen der Preise veranlaßten, zu wirken

aufhören!

Die Entwertung der Metalle, hervorgerufen durch die Entdeckung der enormen Gold- und Silberscyätze in Australien, Kalifornien, Nevada, hat an dieser Steigerung des Werthes van Grund und Boden ebenfalls mitgewirkt, aber sie bat außerdem auch alle anderen Lebensverhältnisse gründlich umgeftaltet. Wir haben freilich keine solche Preisrevolution erlebt, wie sie im 16. Jahrhundert, nach der Entdeckung Amerikas, dagewescn ist; aber die ungeheure Production an edlen Metallen, welche Nordamerika aufweist (im Jahr 1846 hatte es nur 3600 Psd. Gold producirt, von 1849 an hat es jährlich immer über 100,000 Pfd., teilweise bis 200,000 Pfd. producirt), diese unge­heure Production konnte von dem Konsum nicht aufgesogen werden, sic mußte zu einer Entwerthuna der edlen Metalle und, was dasselbe ist, zu einer allgemeinen Preis­steigerung fuhren. Laspeyres veranschlagt sie allein in Bezug auf die Jahre 1851 bis 1864 auf 20 pKt. Das also bedeutet eine abermalige Verschiebung der Vermögens­verhältnisse, eingetreten zu Gunsten Derjenigen, deren Eigenthum in Grund und Boden, Maaren rc. bestand, und zu Ungunsten Derjenigen, welche ihr Vermögen in baar Geld, Schuld-Forderungen, Staatspapiere rc. angelegt hatten. Wer vor 40 Jahren ein Kapital von 1000 Thlrn. auf Hypotheke anlegte und bis heute stehen ließ, der ist (wenn wir von dem Zinserträge absehen) jetzt ärmer als er damals war; mit den 1000 Thlrn. kann er heute kaum die Hälfte von dem ausrichten, was er damals damit erlangen konnte. Wer aber die 1000 Thlr vor 40 Jahren zum Ankauf eines Häuschens, eines Grundstücks oder dergl. anwendete, der wird heute in den weitaus meisten Fällen mehr als das Doppelte dafür erlangen.

Bezüglich des Einflusses der Verwerthung der Dampfkraft und des Baues von Eisenbahnen können wir uns kurz fassen. Die Wirkungen dieser Faktoren liegen klar vor Augen. Die Produktion ist in das Ungemessene gestiegen und die Bedürfnisse des Menschen haben in Folge dessen zugenommen (wie denn die Production viel mehr die Bedürfnisse des Publikums beeinflußt, als daß die Bedürfnisse die Production beein­flussen) das ist der Einfluß der Dampfkraft. Es gibt keine Entfernungen mehr, die Unterschiede der Preise, welche früher durch die Entfernungen hervorgerufen waren, haben aufgehört, die Preise werden mehr und mehr nivellirt, das ist der Einfluß der Eisenbahnen.

Was folgt aus dem Allem? Nichts anderes doch, als daß wir uns still bescheiden müssen, wenn unser Leben unter der Wirkung solcher Elementar-Ercignissc sich nicht so patriarchalisch abspinnt, wie das unserer Vorfahren. Wir müssen uns damit trösten, daß es eben nur ein Uedergang ist, den wir mitmachen, und daß vielleicht unsere Enkel dereinst ruhigere Tage sehen. Scheint es ja schon jetzt, als ob der bis­herige tolle Wirbel ein ruhigeres Tempo annehme. (Rh -Z.)

Lokales.

Gießen, 28. August. Der in Frankfurt a. M. erscheinendenDeutschen Reichspost" wird von hier Nachstehendes geschrieben: Hier ist ein neues Bau-Project im größeren Styl aufpn taucht, daö für unsere Universität, bezw. Stadt nicht ohne Interesse ist. Es ist in öffentlichen Blättern, auch in derR.-P.", wiederholt die Rede gewesen von den Klagen über die Zustände