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Die Mittheilung über den Abschluß des russisch-türkischen Vertrages hat noch immer nicht eine osficielle Bestätigung erhalten. Die Schlußred ctton scheint von beiden Theilen absichtlich htnausgesckoben zu werden. Die Türkei wie Rußland kann eben die Formel nicht sinken, in welcher diejenigen Thetle des Friedens von San Stefano gedacht werden soll, die von btm Ber­liner Frieden nicht aufgehoben oder abgeändert wurden. Hinter dieser Formel steckt aber der wichtigste Punkt, nämlich die Wesenheit des zukünftigen Ver- hältntsies des Sultans zum Czaren.

Der englische Minister der Colonien hat vor Kürzerem in einer bedeut­samen Rede seinen Wählern, in welcher er das gewaltsame Verdrängen des britischen Handels von den Märkten Europas und Amerikas bekl gte, ausge­führt, daß man einen Ersatz dafür in Afrika suchen müsse. Er ließ dabei unerwähnt, daß seine Regierung schon seit Langem ihre ganze Aufmerksamkeit dem afrikanischen Kontinente zugewendet, dessen Erschließung sie von den ver­schiedensten Seiten erstrebt. Angesichts dieser offenkundigen Politik des Lon­doner Cabinets, welche in wissenschaftlichen Kreisen nicht unbeachtet blieb, erscheint die Frage zeitgemäß, ob nicht auch dem Handel und der Industrie Deutschlands ein neues Feld des Absatzes in Afrika eröffnet werden könnte, bevor dieser Weltthetl glelchsalls von England usurpirt ist. In dieser Hin­sicht ist es von Jntereffe, daß im nächsten Reichsbudget 70,000 Mk. für die deutschen Forschungen in Afrika angesetzt sind.

England.

London, 26. Januar. DasReuter'sche Bureau" ist ermächtigt, die Nachricht, daß die Königin im Frühjahr Darmstadt und Koburg zu besuchen beabsichtige, für unwahr zu erklären. Nachrichten aus der Cap-Colonie vom 7. Januar bestätigen, daß Cetewayo das Ultimatum abgelehnt hat und für den Krieg entschieden ist. Die britische Regierung hat Maßregeln ge­troffen , um Genugthuung zu verlangen; indeß wird der britische Commandant mit Eröffnung der Feindseligkeiten bis zum li. b. warten, bis zu welchem Termin die britische Regierung Cetewayo Frist zur Unterwerfung gestellt hat; inzwischen treffen die Engländer Vorbereitungen zum Überschreiten der Grenze.

Rumänien.

Bukarest, 25. Januar. Ein in Galatz erscheinendes Journal meldet, die rumänischen Truppen hätten die neuen Grenzen zwischen der Dobrudscha und Bulgarien, wie solche von der Grenzregultrungs Commission festgesetzt seien, besetzt, ungeachtet die Minorität der Commission gegen die Theilung des Gebietes von Stlistria protestirl hatte.

Amerika.

New-Aork, 24. Januar. Am Mittwoch unternahm Capttän W stell mit vier Compagnien die Verfolgung der flüchtigen Cheyenne-Indianer. Etwa 70 Km. von Fort Robtnsou entspann sich ein Gefecht, bei dem 23 Indianer auf dem Platze blieb n.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Torrefpondenz-Bureau.

Berlin, 27. Januar. Bezüglich der reichsgesetzlichen Regelung der Eisenbahntariffrage thetlt dieNordd. Allg. Ztg." aus einem Schreiben, das der Reichskanzler bei den bezüglichen vorbereitenden Verhandlungen an einen seiner deutschen College» richtete, einen längeren Passus mit, worin es heißt: Er beabsichtige, am Reiche die Frage anzuregen, ob das Tarifwesen der Eisen­bahnen unabhängig von dem intendirten Reichseisenbahngesetz der reichsgesetz­lichen Regelung durch ein Tarifgesetz bedürfe. In Preußen sei es unmöglich, eine Aenderung im Wegegeld oder Brückenzoll ohne königliche Genehmigung vorzunehmen; damit stehe die Rechtlosigkeit der Bevölkerung gegenüber den viel wichtigeren Eisenbahntarifen in auffälligem Widerspruche. Wenn die Post nur auf Grund gesetzlicher Bestimmungen ihre Tarife regeln könne, wenn es als ein unabweisliches öffentliches Bedürfntß erkannt worden sei, daß der letzte Rest von Prlvatpost-Einrtchtungen (TaxtS'sche Privilegien) beseitigt wurde, so sei es schwer erklärlich, wie der viel wichtigere und größere Jnterestenkreis, der von den Eisenbahntarisen abhängig sei, der Ausbeutung im Pctoattntereste durch Localbehörden ohne gesetzliche Controle für die Dauer überlasten werden konnte. Eine Analogie in der Geschichte des wirthschaftlichen Lebens der modernen Staaten finde ein solcher Zustand nur in den früheren General­pächtern finanzieller Abgaben. Wenn nach denselben Modalitäten, wie die Eisenbahnen das Verkehrsregal ausüben, die Erhebung der Elasten- und Ein­kommensteuer oder der Grenzzölle an Privatactiengesellschasten überlasten würde, so wären letztere immer noch durch die gesetzlich feststehenden Abgabensätze ge­bunden, während bet den Eisenbahntartfen die Bürgschaft der gesetzlichen Regelung fehle. Es scheine daher eine vorbereitende Prüfung der Frage geboten, ob und wie wett es thunlich set, tm Anschluß an die Reichsversastung bie gesetzliche und so wett möglich einheitliche Regelung des Tarifwesens herbeizuführen. Wenn dieses Ziel erreicht werde, so könnten auch Ausnahmetarife nur auf Grund der Gesetzgebung eingeführt und beibehalten werden.

Wien, 27. Januar. Ein Telegramm des österreichischen Botschafters in Petersburg meldet, daß in Wetlianka am 8. und 9. Januar alten Styls (20. und 21. Januar) je ein Todesfall stattgchabt und seitdem fein neuer Fall vorgekommen sei; auch in ben cmberen Localitäten hätten keine neue Er­krankungen stattgefunben. Die Epibemie nehme entschieden an Jntenfltät ab, der Cordon sei neuerdings verstärkt. Der österreichische Consul in Moskau widerlegt das Gerücht, daß in einem Orte des Gouvernements Moskau eine Epidemie ausgebrochen sei.

Madrid, 27. Januar. Bei der bevorstehenden Zusammenkunft der Könige von Spanien und Portugal in Elvas wird angeblich auch die Idee eines Ehebundes zwischen der Infantin Maria della Paz, Schwester des Königs von Spanien, und dem Prinzen August, Bruder des Königs von Portugal zur Besprechung kommen.

Kalkutta, 27. Januar. Der afghanische Führer Mir Akhor, frühe­rer Minister Schir Ali's, ist gestorben. Die afgdanischen Truppen wur­den, um der Desertion zu steuern, von Kabul nach Sheralf zurückgezogen

Berlin, 27. Januar. In der heutigen Sitzung der Budget-Commission des Abgeordnetenhauses lagen Anträge der Äbgg. v. Benda und Rickert vor, welche im Wesentlichen darauf hinausgehen, das Gesetz vom 25. Mai 1873, betr. bie Klaflensteuer, dahin abzuändern, daß es ermöglicht werde, jährlich soviel Klaffen- und Einkommensteuer in Ansatz zu bringen, als zur Deckung

Zoll auf Gifen.

Mitte Februar tritt der Reichstag zusammen. Wenn ihm sofort ein Gesetz, welches auf fremdes Eisen 15-20o/g Einfuhrzoll legt, vorgelegt würde, so könnte dasselbe am 15. März in Kraft treten und einem außergewöhnlichen Nothstande, einer neuen in acuter Gefährlichkeit drohenden Invasion des Auslandes wäre einigermaßen gesteuert.

Bekanntlich haben die englischen Bankbrüche eine ganz neue Situation für die deutsche Eisenindustrie geschaffen, die große Achnlichkeit mit den Turko- und Zuaven-Ueberschwcmmungen hat, welche uns Napoleon 1870 zugedacht hatte. Damals wartete König Wilhelm nicht auf Parlamentsbeschlüsse; er schickte seine Regimenter an die Grenze und hielt den feindlichen Ueber- fall von seinem Volke ab. Etwas Aehnliches verlangen wir heute vom deutschen Reichstag zur Beschützung unserer Grenzen gegen die mörderischen Ueberfälle der überfüllten englischen Eisen­lager zu Bankerottpreisen. Die englische Eisenindustrie, welche das drei- und vierfache des eigenen Bedarfs producirt, hat in der Zeit der Roth auf Lager gearbeitet, und diese vollen Lager theilweise bei den Banken verpfändet. Der Bankerott einiger der größten erzeugt jetzt Ausverkäufe zu Schleuderpreisen. Von allen Industrieländern ist nur Deutschland Ischunlos gegen diese Bankerott-Verkäufe. Unserer Eisenindustrie droht daraus der Todesstoß, noch bevor die allgemeine Zollreform kommt. Deßhalb ist rasche Hülfe dringendes Bcdürfniß.

Lokales.

Gieficn, 28. Januar. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag den 30. Januar 1879, Nachmittags 4 Uhr:

1. Gesuch des Schneidermeisters Weiner um Bauerlaubniß.

2. Desgleichen des Kaufmanns August Montanus.

3. Gesuch des Philipp Kreiling um Erlaubniß zur Niederlegung eines städtischen Spaliers, jetzt Geländeerwerb.

4. Tauschverträge mit den Bauunternehmern Konrad Koch und Johann Georg Kraus grill betreffend.

5. Die Quellenwasserleitung betreffend.

6. Die Parcellen-Vermeffung betreffend.

7. Die Straßenrcinigung, insbesondere die Schulstraße.

8. Octroirückvergütung betreffend.

9. Kostendccreturen.

10. Fristgesuche auf Communalrückstände.

Gießen, 28. Januar. Aus den Derhandlungrn der Großherzoglichen Handelskammer. Anwesend: DieHerren Homberger, Liebrich, Georgi, Noll, F. Koch, F.C.B.Koch.

Der Vorsitzende recapitulirt die Thätigkeit der Handelskammer im vorigen Jahre, in welchem 20 Plenarsitzungen stattfanden und 92 Vorlagen erledigt wurden, während das Register der Eingänge mit 4'2 Nummern abschloß. Er gibt dem Wunsche Ausdruck, daß die noch in Behandlung befindlichen schwebenden Fragen befriedigende Resultate liefern möchten und daß die allgemeine Lage von Handel und Gewerbe im laufenden Jahre eine günstigere werden möge, wenn auch die Anzeigen dazu bis jetzt nur noch bescheidene Erwartungen rechtfertigten.

31 neue Eingänge werden zur Kenntniß gebracht, theils der Bibliothek, der Lasse und den Acten überwiesen, theils zur Circulation bestimmt.

Das Protokoll der Eisenbahnconferenz vom 5. December v. I. zu Köln liegt nun ebenfalls gedruckt vor und beschließt man, die diesseitigen Anträge, welche in den Konferenzen Au Frankfurt a. M. und Köln eine vorläufig befriedigende Lösung nicht gefunden haben, nun: meh^ bei der deutschen Eisenbahntarif-Commission durch den ständigen Ausschuß der VerkehrS- intereffenten weiter zu verfolgen.

Eine Eingabe des Herrn Georg Langheinrich in Schlitz, in welcher darüber geklagt wird, daß bei der stattgefundenen Reichsenquete über sie Lage der deutschen Leinen- und Baumwollenindustrie nicht auch ein Vertreter der Leinenbranche aus den Kreisen Alsfeld und Lauterbach berufen worden set, während Hessen-Nassau durch vier Betheiligte aus dem Fabrikanten- und Kaufmannsstande vertreten war, wird durch die Erwiderung erledigt, daß die Berufungen der einzelnen Persönlichkeiten durch den Vorsitzenden der von dem Bundesrathe eingesetzten Enquetecommission, Herrn Unterstaatssecretär Herzog, in Berlin erfolgt seien und hinzugefügt, daß der zur Reichsenquete für die Leinen- und Baumwollenindustrie berufen gewesene Präsident

ber jeweiligen Ausgaben nothwenbig sei, unb ferner ben burch Herabminberung des gegenwärtige MatrtknlarbeirragS ober burch Überweisung birecter ElN- na^men vom Reiche für Preußen Disponibel roerbenben Betrag jährlich unser- kürzt zur Herabminderung der Klaffen- unb klajsificirten Einkommensteuer zu verwenden.

DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet bie Meldung berKreuz-Zlg." von ber bevorstehenden Abreise ces Geh. Legationsrathes v. Jisrnrmb auf ben Bukarester Diplomatischen Posten als nicht richtig und fügt hinzu: Die Entsendung des biplomatiscken Vertreters in Bukarest hänge bekanntlich von der E"tledigung der Bedmgungm ab, deren Erfüllung noch nicht erfolgt sei. Unter ben zu erlebigenben Bedingungen, von denen bieNordd. Allg. Ztg." spricht, dürste wesentlich auch bie Bestimmung des Berliner Vertrags betr. die Stellung der Juden, sich befinden.

Rom, 27. Januar, Abends. Einem königl. Decret zufolge sollen die aus ruffischen Häfen des Schwarzen unb Asowschen Meeres kommenden Schiffe einer Sannäts-Revrsion unb gründlichen Desinfection unterzogen werden.

Bern, 27. Januar, Abmds. Bezüglich des Abschluffes einer proviso­rischen Handels Convemton mit Italien wird gemeldet, daß die Antwort deS Bundesrathe^ auf Italiens letzte Co Zessionen demnächst erfolgen würde.

(Eingesandt.)

Die sogenannte Ueberproduktion.

Da die freihändlerischen Männer der Theorie neuerdings die vorgebliche Deutsche Ueberproduktion" in Versammlungen und Zeitungen als imposantes Paraderoß vorreiten und damit auf alle Uneingeweihten einen überwältigenden Eindruck machen, so dürfte es verdienst­lich sein, das Publicum wieder einmal daran zu erinnern, daß jenes Gespensterroß der deutschen Ueberproduktion lediglich eine freihändlerische Luftspiegelung, ein Produkt der Phantasie und Sophtstik ist. 2Bir_ bedienen uns zur Führung dieses Beweises nachfolgender Zahlenzusammen- stellung aus der soeben im Niendorff'schcn Verlag erschienenen ausgezeichneten Brochüre des Fabrikanten Hessel über denVerfall unserer wirthschaftlichen Zustände."

Nach Hessel sieht es mit derDeutschen Ueberprodukion" ganz anders aus:

Deutschland erzeugt pro Kopf Vs Ctr. Eisen, Belgien 3'/«, England 3V2. Würden wir die Production pro Kopf auf Vs Ctr. also auf ein Viertel einschränken so bliebe unter der jetzigen freien Einfuhr sicher immer noch dieselbeUeberproduction".

Unsere Leinen-Industrie ist durch die freie Einfuhr von Oesterreich, durch die billige aus England und Belgien so weit heruntergebracht, daß wir jetzt für 43 Mill. Mark mehr ein- als ausführen, würden wir auch in diesem Artikel die Produktion um die Hälfte, selbst um drei­viertel einschränken- unter heutigen Verhältnissen bliebe da immerUeberproduction".

Die Schweiz hat bei 2/2 Millionen Einwohnern 10,000 Gardinen- und Confections- Strickmaschincn; Deutschland bei 43 Millionen Einwohnern nur 2000 solcher Maschinen. Von letzteren sind seit Jahr und Tag nur 800 im Betriebe. Würden wir den Betrieb vielleicht auf 80 beschränken, so bliebe doch immer nochUeberproduction."

England hat 42 Millionen Spindeln, Deutschland 7 Millionen. Wir beziehen für 130 Millionen Mark Garne mehr als wir ausführen; würben wir unsere Spindelzahl um 90 Procent verringern, so bliebe sicher eine großeUeberproduktion". So ließen sich alle Industrie­zweige, sowie alle kunstgewerblichen Handwerkerbranchen durchgehen, in allen Zweigen läßt sich dasselbe nachweisen. Selbst in der Landwirthschaft treten Erscheinungen vonUeberproduction" hervor (durch massenhafte Einfuhr). Unsere Landwirthe haben ihr Fertvieh oft aber Monate über die Zeit im Stalle, das Getreide auf dem Speicher, nur zu den allergedrücktesten Preisen können sie losschlagen.

Im Jahre 1868 führte England für 20 Millionen Mark tuchartige Stoffe, 1873 schon für 160 Millionen bei uns ein. Dem gegenüber haben wir dort importirt für noch nicht eine Million.

Frankreich importirte 1865 für 385 Millionen Frcs, 1873 aber schon für 774 Millionen bei uns. So verhält es sich mit derDeutschen Ueberproduktion".

Ohne den Freihandel würden alle deutschen Fabriken und Arbeiter vollauf Beschäftigung haben und Niemand würde vonUeberproduktion" reden.

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