Ne. 24.
Mittwoch, den 29. Januar
187».
Kichener Mutiger
AWigk- und AultMtt für den Kreis Gießen.
RedaetiorrSbureau t
Expeditionsbureau:
Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohii. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher HHeil.
m . .. , M ae.r zr. r Gießen, am 25. Januar 1879.
Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes vom 9. März 1878 über die Gehalte der Volksschullehrer.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglicken Bürgermeistereien des Kreises.
. Mit Bezugnahme auf unsere Verfügung vom 2. l. Mts. erinnern wir Sie an die sofortige Einsendung der noch rückständigen Besoldungs-Noten. 9
Dr. Boekmann.
Aolitischer Hheil.
Das schwarze Weib.
So nennen die Russen die tm Bezirk Astrachan ausgebrochene Mensch en-Pest. Man erzählt, ein junger Kosacke habe einen türkischen Shaw! seiner Geliebten aus dem Kriege hetmgebrachl, die ihn vor dem Spiegel umgehangen habe und in wenigen Stunden eine Leiche war. Einige Tage darauf war das Haus, wo sie wohnte, ausgestorben, und die Krankheit wüthet seitdem mit ihrem bösartigen, ansteckenden Charakter. Es bilden sich meist in den Achsel- und Leistendrüsen Pestbeulen, welche aufbrechen und dle Luft tnfi- ctren; die Menschen, welche mit dem Kranken in Berührung kommen, sterben m wenigen Stunden.
Nun hat die Seuche in Rußland zwar abgenommen, aber diese Abnahme hat bet großen Pest-Epidemien meist nur kurze Zett gedauert, worauf die Krankheit wieder zunahm. Die fürchterliche Seuche, welche Europa möglicher Weise bedroht, wenn sich der Seuchenheerd ausdehnt, hat die russische Regte- rung veranlaßt, den ganzen Bezirk militärisch abzusperren. Man besprach sogar einen sog. dreifachen Cordon, indesien müßte dazu die gesammte russische Armee mobrltstrt werden.
Aber auch die deutsche Reichsregierung, welche schon bei der Rinderpest eme strenge Absperrung durchgesührt, hat Maßregeln einer Sanitätssperre für Menschen berathen. Das Reichsgesundheitsamt hat zunächst seinen stellvertre- ""^^D^ctor, den Geh. Regierungs- und Sanitätsrath Dr. Finkelnburg, nach Wien geschickt, weil eine Absperrung der russischen Grenze, welcher sich Oesterreich nicht anschlöffe, keinen Zweck hätte.
„ Die österreichische Regierung war jedoch bereit, in eine selbständige Erwägung der großen Gefahr, welche die Pest für den ganzen Conttnent hat, emzutreten; und dürfte schon in allernächster Zett die Grenzsperre durchführen. Wahrscheinlich würde Preußen mit demselben Zeitpunkt die Absperrung vornehmen, welche sich nicht nur auf den Personenverkehr, sondern auch aus den Gütertransport aus den verseuchten russischen Bezirken, welche möglicher Weise das Contagrum wettertragen, erstrecken soll.
Die Menschenpest, welche in Asien nie ganz aussttrbt, ist dieselbe Krank- hett, welche nach dem 30jährigen Kriege ganz Deutschland verwüstete, und veranlaßte, daß viele Dörfer, ja einige Städte bis auf den letzten Mann iln* wolle die Menschheit vor einer solchen Geißel bewahren! Daß nichts versäumt wird, was die Vorsicht und der heutige Standpunkt der Wissenschaft anlangen, erscheint einer so entsetzlichen Krankheit gegenüber als rx i x ri * bCT Regierungen, und das Volk wird gern die nicht unbeträchtlichen Kosten aller Maßregeln tragen, welche das Reichsgesundheitsamt für zweckmäßig erklärt.
Deutschland.
Darmstadt, 27. Januar. Zu dem am 23. November v. Js. in der zweiten Kammer gestellten Antrag des Abg. Wolz, Maßregeln gegen den Wucher betr., hat nunmehr der Abg. Dr. Schröder unterm 23. d. Mts. einen Abänderungs-Antrag eingebracht. Der Antrag Wolz geht dahin: Die Kammer wolle die Großh. Regierung dringend ersuchen, im Bundesrath dahin zu wirken, daß in thunlichster Bälde folgende Maßregeln ergriffen werden: 1) Ein Gesetz, welches allen nicht in die Handelsregister als Kaufleute eingetragenen Personen die Wechselfählgkeit entzieht. 2) Ein Gesetz, welches die Höhe des Zinsfußes festsetzt. 3) Ein Gesetz, welches den Wucher wieder
Strafe stellt und welches alle wucherischen Wechselgeschäfte für unver- kindlich erklärt.
Der Abänderungs-Anirag des Abg. Schröder lautet: „Die in das Detail der wichtigen und schwierigen Frage eingehenden Anträge des Abg. Wolz kann ich aus verschiedenen Gründen nicht für zulässig und ebenso wenig für zweckmäßig erachten und beantrage: Die Kammer wolle den Antrag des Abg. Wolz, Maßregeln gegen den Wucher betr.. ablehnen, dagegen beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, dahin zu wirken, daß ohne Verzug 1) auf dem Wege der Landes-, bezw. Reichsgesetzgebung, sowie 2) durch Unterstützung der cuf Hebuug des Credtts, insbesondere des landwtrthschafHichen Credtts gerichteten Bestrebungen alle die Maßregeln ergriffen werden, welche nothwcndig erscheine,, zur Beseitigung der wucherischen Benachtheiligungen des Publikums." » 27. Januar. Der Abgeordnete Netdhardt hat unterm
24. ds. M. in der zweiten Kammer folgenden Antrag mit der Bitte um schleunige Berathung eingebracht: Die Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, ihre Vertreter bet dem Bundesrathe und der Zolltarif- Commission dahin zu instruiren, daß an dem seitherigen System der Handelsverträge festgehalten werde und daß unter keinen Umständen Eingangszölle auf Rohproducte, welche seither nicht besteuert waren und die wir in Deutschland in nicht genügender Menge produciren, erhoben werden.
Berlin, 24. Januar. (Zur Wilhelms - Spende). Die am 20., 21. und 22. Juli v. Js. tm deutschen Reiche stattgesundenen Sammlungen der Wilhelms-Spende haben mit den nachträglich, insbesondere von Deutschen im Auslande etngegangenen Beiträgen, nach Abzug der für Drucksachen, Porti rc. enstandenen Kosten einen Reinertrag von 7,749,75087 Mk. ergeben.
Dieser Fonds der Wilhelms-Spende ist bet oer Königlich Preußischen Seehandlung zinsbar angelegt und steht in Gemäßheit des Aufrufes des Ge- sammt C.mttss vom 29. Juni v. Js. zur Disposition Sr» Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des deutschen Reiches und von Preußen.
Indem wir bet dem Abschluß unserer Thättgkeit dies zur öffentlichen Kenntniß bringen, sprechen wir zugleich Allen, welche das vorliegende patriotische Unternehmen unterstützt haben, namentlich allen Gemeinde-Vorständen, welche die örtliche Organisation der Sammlung geleitet, den Zeitungs-Redac- ttonen, welche die Spalten ihrer Zeitungen mehrfach unentgeltlich zur Verfügung gestellt, insbesondere auch den Bankhäusern, welche sich ohne Entgelt der Mühewaltung unterzogen haben, die Sammlungen aus den einzelnen Bun- desstaaten, bezw. Provinzen anzunehmen und weiter zu befördern, unfern wärmsten Dank aus. Der geschäftsführende Ausschuß für die Wilhelms-Spende.
SD un cf er.
Berlin, 25. Januar. Es gehen dem Reichskanzler zahlreiche Zustim- mungsadreffen zu seiner Finanzpolitik sowohl aus landwtrthschastltchen, als auch gewerblichen Kreisen zu. Dem gegenüber ertönen allerdings auch viele Warnungsrufe. So schreibt man aus Süddeutschland : Die Industriellen sehnen sich nach höheren oder neuen Schutzzöllen, sie denken, die haben die Landwirthe und das übrige consumtrende Publikum zu zahlen; die Landwirthe sehnen sich nach Getreide- und Vtehzöüen, die sollen die Industriellen und das übrige Publikum zahlen. Solche, denen die directen Steuern zu hoch stnd, preisen nur indtrecte Steuern an; in der Hoffnung natürlich, daß sie dabe, weniger zu zahlen haben und Andere aus ihrer Tasche den Ausfall decken müssen. Kurz, Jeder nimmt sich aus den Bismarck'schen Steuerprojecten das heraus, was ihm in den Kram paßt, und gtebt sich dabet der stillen Hoffnung hin, daß Andere die Zeche zu bezahlen haben werden, er aber zechfrer gehalten wird. Bei einiger Ueberlegung aber könnte man sich leicht sagen, daß es anders kommen wird. Das ganze Volk, ohne Ausnahme, wird die Zeche zu zahlen haben und sie wird sehr hoch ausfallen.
— Die Berathung des Berichts der Tabaks-Enquete-Commisfion in den Ausschüssen des Bundesraths wird tm Laufe der nächsten Woche beginnen. Wie man daher jetzt schon in den freiwillig-gouvernementalen Blättern frohlockend verkünden kann, der Bundesrath werde sich für das Tabaksmonopol erklären, bleibt unerfindlich.
Die deutsch - österreichische Commission zur Berathung der Abwehr der Pestgefahr wird der Regierung Vorschlägen, nebst einer strengen Quarantaine alle solche Artikel, welche besonders geeignet sind, den Ansteckungsstoff aufzunehmen, von der Einfuhr aus Rußland bis auf Weiteres gänzlich auszuschließen. Der deutsche Sanitätsbevollmächtigte, Herr Dr. Finkelnburg, wohnte der Sanitäts - Conserenz bet und beantragte die Errichtung eines Mtlttär- Cordons gegen Rußland, sowie Quarantainen an den Etsenbahn-Anschluß- punkten. — Aus Odessa gelangte die competente Erklärung nach Wien, daß daselbst kein Pestfall vorgekommen ist.
— Die Opposition der Jesuiten gegen die Politik des Papstes nimmt an Heftigkeit zu. Sie haben dem Papst eine Art von Ultimatum unterbreitet, worin das der Kirche erwachsende Uebel hervorgehoben wird, das nach ihrer Ausschließung von der Regierung entstehen dürfte. Der Papst bleibt fest m seinem Widerstande gegen dieselben, aber es ist augenscheinlich, daß viele Personen, die auf Setten des Papstes stehen, die Resultate der Opposition der Jesuiten zu fürchten ansangen.


