Art. 27 der Reichsverfaffung, welcher lautet: „Der Reichstag.... regelt seinen Geschäftsgang und seine Disctpltn durch eine Geschäftsordnung", die ehrsurchtvoüste Bitte zu richten, AÜerhöchstderselbe wolle die Brvollmächtigten Bayerns im Bundesrath anweisen, dem Gesetzentwurf, die Strafgewalt des Reichstags bett., die Zustimmung zu versagen.
München, den 18. Januar 1879.
Krämer, Dr. Aub, Beckh, Brandenburg, Exter, Föckerer, Frankenburger, Hahn, Dr. Henle, Herz, Keller, Lampert, Dr. Marqaardjen, Sttttg, Stief, Strauß, Strößenreuther, Dr. Völk, Wagner."
Wie der „Corresp. von und für Deuschland" vernimmt, wäre dem Anfrage Seitens der bayerischen Regierung berelts thatsächllch entsprochen, oder würde demselben doch bestimmt entsprochen werden.
Nußland.
Petersburg, 21. Januar. Anläßlich von pesstmisttschen Deductionen über die Verzögerung des Abschluffes des Frtedensoertrages mit der Pforte, welcher vielseitig bereits in voriger Woche erwartet wurde, kann versichert werden, daß hier nichts weniger als ein Abbruch der Verhandlungen erwartet wird. Die „Agence Ruffe" widerlegt die Behauptung, daß die Pforte eine anderweitige Bestimmung der Dobrudscha-Grenze verlangt habe Die Verhandlungen würden mit denselben Hoffnungen wie früher fortgesetzt. Die „Agence" bemerkt weiter, die obenerwähnten Befürchtungen seien möglicher Weise auf die noch zu regelnde Grenzfrage zwischen Bulgarien und Rumänien bet Stltstrta zu beziehen.
— Die Verhandlungen in Konstantinopel über den definitiven Friedens- Vertrag haben in den letzten Tagen noch nicht zur Unterzeichnung geführt, ohne daß Befürchtungen für das Zustandekommen überhaupt durch das nicht ungewöhnliche dilatorische Verfahren der Pforte entstehen. Was über die berelts festgcstellte Fixtrung der Zahlung der türkischen Kriegskosten-Entschädigung gesagt worden, ist somit verfrüht. Bezüglich der Occupation von Ost-Rumelien durch ein gemischtes europäisches Kontingent wird hier wiederholt, daß gegenwärtig ein solches Arrangement überhaupt fraglich erscheine. Es heißt übrigens, wenn der Abschluß des definitiven Vertrages mit der Pforte erfolgt sei, beabsichtige man dieffeits, den Congreßmächten Mitthetlung von deffen Inhalte zu machen.
Türkei.
Konstantinopel, 21. Januar. Ein htefiges Blatt bezeichnet die vor längerer Zeit von Drummond Wolf vorzugsweise wieder aufgenommene Frage einer europäischen gemischten Besetzung Ost-Rumeliens nach Abzug der russi- schen Truppen als gegenwärtig wieder acut geworden und gibt Details über die Zusammensetzung des Kontingents. In türkischen Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß eine solche europäische Besetzung Ost-Rumeliens von der Türker keinesfalls zugestanden werden könne. Der Berliner Vertrag räume auch der Türkei Rechte ein; zu diesen gehöre, daß osmanische Tr >ppen in Fällen von dem demnächst einzusetzenden General-Gouverneur Ost-Rumeliens berufen werden könnten, wo die innere und äußere Sicherheit der Provinz bedroht sei.
Telegraphische Depeschen.
Wagners telegr. Korrespondenz-Bureau.
London, 22. Januar. Der Gioßherzog von Heffen mit Familie, begleitet von dem Prinzen von Wales, ist gestern Abend in Oöbvrne an» gekommen.
Berlin, 22. Januar. Gegenüber der telegraphischen Meldung, daß der Reichskanzler den Gesetzentwurf über die Strafgewalt des Reichstages zurückziehen wolle, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg." : In zuständigen Kreisen sei davon durchaus nichts bekannt.
Charkow, 22. Januar. In Folge eines bereits dreitägigen sehr heftigen Schue'gestöbers wurde der Beirleb der Charkow Asower Eisenbahn heute eingestestellt. Mit der Befreiung des Bahnkörpers von Schnee sind 7000 Arbeiter beschäftigt. Aus Pultawa wird berichtet, daß die Sum- Bahnen ebenfalls den Verkehr eingestellt haben. Auf den Brhnen von Sebasto- pol nach Moskau und Kursk ist der Verkehr äußerst erschwert.
Pesth, 22. Januar. Das auswärts verbreitete G-rücht über eine bei der allgemeinen ungarischen Creditbank in Pesth vorgekommene Defraudation «trd^von der Direktion des genannten Instituts für vollständig unbegründet
Wien, 22. Januar. Meldungen der „Polit. Corr." aus Konstantinopel. Die gestrige Conferenz zwischen den russischen und türkischen Bevollmächtigten führte anscheinend noch nicht zur Unterzeichnung des definitiven Friedenöver- ^s- Eine auf Anordnung des Großvezirs eingesetzte Kommission hat unverweilt Vorschläge, betreffend die Reform des Steuerwesens und die Verwaltung der Zolletnnahmen, zu erstatten. Der Finanzminister Zuhdi Bey soll zurück- treten und durch den egyptischen Prinzen Habin Pascha ersetzt werden. Der demnächst hier erwartete tunesische Minister Rustem Pascha soll mit einer be- sonderen Mission des Beys von Tunis an die Pforte betraut sein.
I^uar. Die „Polit. Korrcsp." meldet officiell: Morgen treffen in Wien bte Vertreter der ungarischen Regierung ein zu den gestern angekündtgten Besprechungen über Maßnahmen anläßlich des Auftretens der pestartigen Epidemie in Rußland. D.e erste gemeinsame Besprechung findet am 24. d. unter Vorsitz des Ministerpräsidenten statt. 9
Konstantinopel, 22. Januar. Savfet Pascha ist nach Paris abgereist und Aarlfi Pascha von dort angekommen. Das Gerücht von einem Pest- sall im Bosporus und Salonichi entbehrt durchaus der Begründung. Die Pforte bat Vorsichtsmaßregeln gegen das Eindringen der Pest beschlossen.
Karlsruhe, 22. Januar. Zweite Kammer. Eine Interpellation von ultramontaner Seite wegen Einführung von Innungen beantwortete Staats- miniKer Turban dahin, daß die Bildung von Genossenschaften regierungsseitig gefördert werde; die Initiative der Regierung sei hier nicht am Platz die Sacke müffe der freien Tätigkeit der Bethetligten überlaffen werden. — In Beantwortung einer weiteren Interpellation von gleicher Seite bezüglick des Frankfurter Eentralbahnhofes verneint der Minister das Oberaufsichtsrecht Preußens, welches auch nicht beansprucht fei. Baden sei nicht verpflichtet an den Baukosten theilzunehmen.
Petersburg, 22. Januar. „Golos" erfährt, von dem Generalgou- mrneur Baron Fredericks sei authentische Meldung über die Expedition des
schwedischen Professors Nordensk'ölds eingelaufen. Darnach ist der Dampfer "VHa" 40 Meilen vom Ostcap tm Eise eingeschloffen. Dte Behörden von Jakutsk ftno augero efen worden, bte gefährliche Lage des Dampfers den Ein- geborgen sofort a.izuzeigen und die Leute aufz tfocdern, der Expedition Hülfe zu leisten. Gleickz itig wurde eine besondere Expedition orgamstrt, welche ver- s.'chen wird, die „Vega auf dem Wege über das Eis auf Rennthier- oder Hundeschlitten zu erreichen. Man befürchtet jedoch, bte Hülfe würhe zu spät kommen. Ei i Sch'ff aus der Flotille des Stillen Oceans geht demnächst durch die Beh-ingsstraße ab, um zu versuchen, die „Vega" vom Etse zu befreien oder die Equipage zu retten.
Berlin, 23. Januar. Die „Nationalzeitung erfährt, die national* liberale Frwt on des Abgeordnetenhauses werde den Antrag H.'eremann's in Betreff der Retchstagsdtsctplin ablehien, dagegen eine Resolution annehmen, welche erklärt: Die bestehenden Garantien der Redefreiheit bilden die unerläßliche Grundlage der preußischen wie der deutschen Verfassung. Es sei dem Reichstag vertrauensvoll zu überlaffen, dem Gesetzentwurf gegenüber die ver- saffungsmäßigen Rechte zu wahren. Die Zustimmung der Fortschrittspartei zu diesem Anträge ist gesichert.
Triest, 22. J muar. Kinern Telegramm der Lloyd«Agmtur in Suez zufolge iit oe: Lloyd-Dampfer „Aretula" in der Nähe von Gedda aufgefahren. Rettungsversuche find eingeleitet. Der Werth des Dampfets ist 169,000 fl.
Lokales.
Gieß-m, 23. Januar. Im „Oberhess. Verein für Localgeschichte" hielt gestern Abend Herr Dr. Buchner seinen angekündigten Vortrag über „Gießen vor hundert Jahren". Wie Redner bemerkte, müßte es eigentlich heißen: Fragmente aus Gießen vor hundert Jahren Als Anhaltspunkt diente das Giesser Wochenblatt, welche« 1750 von Krieger gegründet, dann die darauffolgenden 14 Jahre mangels Unterstützung pausirte, um dann später wieder fast regelmäßig wöchentlich einmal zu erscheinen. Die aus dem „Wochenblatt" citirten Nachrichten und Artikel geben uns ein getreues Bild der damaligen Sitten und Zustände Einzelne derselben zeigest ein erschreckendes Beispiel von der Zuchtlosigkeit und Moral, welche damals öffentlich verbreitet werden durfte. Von Preßgesetz und Eensur scheint man zu damaliger Zeit nicht viel gewußt zu haben. — Es kann hier nicht unsere Sache sein, des Längeren über den ganz ausgezeichneten Vortrag zu referircn, wir möchten vielmehr dazu rathen, durch Beitritt zum Vereine sich die Gelegenheit zu verschaffen, öfters über Gießener Zustände belehrreiche Vorträge zu hören. Der Zutritt ist so leicht und der Beitrag gering. Gibt man für sonstige Vereine viel Geld aus, so dürfte es auch nichts schaden, wenn man einem gemeinnützigen, der Vaterstadt nutzenden Verein angehört.
--Bei den Wirthen und Restaurateuren wird eben von der Schutzmannschaft Revision nach richtigen Maßen gehalten. Auch hier sind zahlreiche Unrichtigkeiten zu verzeichnen gewesen.
--Ein total betrunkener Handwerksbursche, welcher auf der Herberge scandalisirte, den „Vater" bedrohte und sich sehr ungebürltch benahm, mußte nach Nr. Sicher verbracht werden. Beim Transport benahm derselbe sich so excessiv, daß ein zweiter Schutzmann zugreifen mußte.
--Auch das gestrige zweite Concert der „Rainer" erntete vom Publikum da« reichste Lob. Die Gesellschaft wird heute in Wetzlar im Musikverein concertiren, um dann von morgen an bis Mitte Februar in Hannover aufzutreten.
Vermischtes.
Greiz. Auch aus der neuesten Nummer (pro December) der bei Christian Teich hier erscheinenden „Monatlichen Uebersicht der auf Grund des Gesetzes vom 21. October 1878 er lassenen Verfügungen gegen die Socialdemokratie" ersehen wir, daß sich im Monat December 114 Einschreitungen nothwendig machten; es wurden wieder 33 Vereine geschloffen, 80 Druckschriften verboten und 1 Lasse aufgehoben. Seit Erlaß des Gesetzes wurden bis Ende December 189 Vereine aufgelöst, 244 Druckschriften confiscirt, 2 Lassen aufgehoben und 1 Bezirk in Belagerungszustand versetzt. — Wenn sich schon die übersichtliche Zusammenstellung des genannten Blattes an und für sich im Jntereffe der Sache werthvoll und für jeden Politiker, Juristen und Beamten unentbehrlich macht, so ist es noch mehr anzuerkennen, daß der Herausgeber das Blatt noch systematischer zu gestalten sucht, wie die December-Nummer zeigt, damit dasselbe von polizeilicher Sette, von allen Behörden auch als practisch dienendes Hülfs- mittel benutzt werden kann. Auch für später wird es von unschätzbarem Nutzen sein, da es uns dann klar vor Augen legt, inwieweit sich das Einschreiten gegen die Socialdemokratie nöthig machte.
Hospital Hofheim, 17. Januar. Die Bewohner des Landes-Hospitals wurden in der Nacht vom 15./16. d. M. von einer furchtbaren Gefahr bedroht. In zwei Schlafsälen eines älteren, mit nahezu 100 Pfleglingen belegten Gebäudes brach in Folge eines Kamin- brandes, welcher das Holzwerk der anstoßenden Zimmer ergriffen hatte, Feuer aus, das glücklicherweise in einer unglaublich kurzen Zett mit Hülfe zweier, einige Monate vorher von der Direction der Anstalt angekaufter Extincteurs gelöscht wurde. D. Z.
Offenbach, 18. Januar. (Zur Landes-JudustrieAusstellung in Offenbach.) Nach den Anmeidungen, welche dem Comite in den letzten Tagen zugekommen sind, ist das Zustandekommen der Ausstellung ziemlich stchergestellt. Dieselben nähern sich bereits der Zahl von fünfhundert und stehen sowohl von Mainz, Worms als auch von vielen kleineren Orten deS Großherzogthums noch eine namhafte Zahl von Betheiligungs-Anzeigen zu erwarten. Unsere Nachbarstadt Mainz hat sich schon mit übrr hundert Ausstellern angemeldet und wird ohne Zweifel in ganz hervorragender Weise auf der Ausstellung glänzen, da die Möbelbranche allein, außer vielen einzelnen Möbelstücken, mit 15 kompletten Zimmergarnituren vertreten sein wird. Die Zahl der Aussteller in hiesiger Stadt ist nun auch auf 165 gestiegen und dürfen wir wohl noch auf den Beitritt vieler rechnen, welche sich de« Unternehmen gegenüber bis heute ablehnend verhalten haben (Offen. Ztg)
Zusammenstellung
aller Standesacten, welche im Jahre 1878 bei einer Bevölkerung von 14980 Seelen auf dem Großherzoglichen Standesamt Gießen ausgenommen wurden:
Aufgebote , 180
Eheschließungen fanden statt:
a. zwiscyen ledigen Manns- und Frauenspersonen .... 92
b. „ „ Mannspersonen und Wittwen .... —
c. „ Wittwern und ledigen Frauenspersonen . .13
d. a „ Wittwern und Wittwen 2
e. „ ledigen Mannspersonen und geschiedenen Ehefrauen . • —
f. „ geschiedenen Manns- und ledigen Frauenspersonen ■ • 1
g. „ Wittwern und geschiedenen Frauen —
Total 108
Hierunter befinden sich: a. evangelische Ehen ... 94
b. katholische Ehen — c. israelitische Ehen —
d. Mischehen...........14
Summe wie oben 108
Bei dem Abschluffe der Ehen wurden 8 Kinder legitimirt.
Geborene. Männlich. Weiblich.
I. Eheliche 238 241
II. Uneheliche und zwar:
a. von Gießenerinnen ...... 2 4
b. „ ortsfremden Inländerinnen 63 59
c. „ Ausländerinnen —
303 304
Total 607


