Erklärung überheben könnte, daß der Rücktritt Andrassy's keinerlei Modifica- tion der österreichisch-ungarischen Politik implicire. Ec wolle jedoch keinerlei Zweifel in diesem Punkte bestehen lasten, weil er überzeugt sei, dem Monarchen und der Monarchie nicht bester dienen zu können, als durch die Einhaltung jener politischen Linie, die Oesterreich die Wohlthaten des Friedens und die Aufrechterhaltung feines Ansehens gesichert habe. Er sei bestrebt, die Entente der Mächte aufrecht zu erhalten, den im Orient geschaffenen Zustand zu festigen, der Wiederherstellung des Friedens die Beruhigung folgen zu lasten, der Industrie und dem Handel die nöthige Sicherheit zu bieten und mit größter Sorgfalt über die Monarchie zu wachen und für die Erhaltung und die Pflege guter Beziehungen zu den fremden Mächten bemüht zu sein.
Schweiz.
Bern, 18. Octbr- Das Bundesgericht wies den Recurs in dem bezüglich der Vorfälle zu Stabto schwebenden Proteste zurück. Der Proceß gelangt demnach zur Aburtheilung durch die tesstntfchen Gerichte.
IrauKreich.
Paris, 18. Octbr. Das Amtsblatt publicirt ein Rundschreiben des Justizmtnisters an die Generalprocuratoren, welches die in den letzten Wochen vorgekommenen Kundgebungen und aufwieglerischen Aufforderungen zum Umsturz der gesetzlichen Gewalt constattrt, die geeignet seien, zur Verletzung der Gesetze zu führen und die Bevölkerung zu beunruhigen; demzufolge fordert der Minister die Generalprocuratoren auf, alle Reden und Schriftstücke wider die Gesetze, wenn sich solche zur Unterdrückung eignen, vor die Gerichte zu bringen.
gntfonb.
London, 18. Octbr. Meldung der „Times" aus Konstantinopel: In Folge der Erkrankung des zweiten türkischen Bevollmächtigten sind die Sitzungen der griechisch-türkischen Commission vertagt worden.
Manchester, 18. Octbr. Lord Salisbury hielt bet einem Banket hterselbst eine Rede, in welcher er erklärte, England habe Cypern besetzt, um zu beweisen, daß die Regierung für ihre Pflicht hielt, einen neuen Eingriff Rußlands zu verhindern. Was die Vertheidigung des Balkans anlange, so sei er der Ansicht, daß bet der gegenwärtigen Situation wenig Ursache vorhanden sei, einen Angriff zu befürchten. Gleichviel, welche bedenkliche Politik die Türket treibe, so dürfte England das nicht abhalten, zu verhindern, daß Rußland nach Konstantinopel gehe. Die Aufgabe zu verhindern, daß das sla- vtsche Reich sich von einem Meer zum andern ausdehne, falle Oesterreich zu. Wenn England kein Vertrauen mehr zu den türkischen Soldaten habe, so könne es den österreichischen vertrauen, welche an der Pforte Wache stehen. England konnte in der Türkei keine große Nationalität aufrtchten, um Rußland Widerstand zu leisten, weil dort keine homogene Nationalität vorhanden sei. Rußland könne nicht weiter vorrücken, weil Oesterreich stark sei. Die Stärke und Unabhängigkeit Oesterreichs seien eine Bürgschaft für die Stabilität des europäischen Friedens. Die Vorgänge der letzten Wochen berechtigten die Regierung zu glauben, daß, wenn Oesterreich angegriffen werde, es nicht allein dastehen würde. — Die Nachricht von dem Abschluffe eines Offensiv- und Defensiv - Bündntffes zwischen Oesterreich und Deutschland rief lebhafte Freude hervor. Lard Salisbury gab ferner einen historischen Ueberbltck über die Vorgänge in Afghanistan und erklärte, der Zweck Englands sei die Ver- thetdigung, nicht die Vergrößerung.
Spanien.
Madrid, 18. Octbr. Bet der Ueberschwemmung im Murcia-Thal sind 119 Personen ertrunken und 4 Dörfer zerstört. Tausende von Einwohnern erbaten die Hülfe des Königs. Der König begibt sich am Montag nach Murcia.
Rumänien.
Bukarest, 18. Octbr., Abends. Die Deputtrtenkammer hat heute den Gesetzentwurf zur Lösung der Judenfrage in der von dem Delegirten- Eomitü nach Einvernehmen zwischen der Regierung und Opposition modtfictr- ten Faffung ohne Debatte mit 133 gegen 9 Stimmen angenommen; 2 Deputate enthielten sich der Abstimmung.
Das Resultat der Abstimmung wurde beifällig ausgenommen. Die Regierung war zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihr ursprünglicher Entwurf nicht dte Zweidrittel'Majorttät erlangen würde, und sah sich daher veranlaßt, in Pourparlers mit der Opposition einzutreten und einige Amendements anzu- n-hmen, welche sich ausschließlich auf dte zur Erlangung des Jndtgenats zu erfüllenden Formalitäten beziehen, ohne das Wesen der Regierungsvorlage zu verändern. Das Prtncip deS Art. 44 des Berliner Vertrages wird in die rumänische Verfaffung an Stelle des Art. 7 derselben ausgenommen; nur dte Namensltsten sind unterdrückt, indeß sind nach dem vottrten Gesetzentwurf Alle, welche dem Lande wichtige Dienste geleistet haben, welche große Etabliffe- mentS besitzen, sowie diejenigen, welche in Rumänien geboren und erzogen sind, von dem Aufenthalts-Nachweise befreit. Die Naturaltsatton wird ihnen von den gewöhnlichen Kammern auf persönliches Verlangen zugestanden. Da zu diesem Votum nur dte einfache Majorität erforderlich ist, so ist zu hoffen, daß man leichter zur sofortigen Emanctptrung derjenigen gelangen werde, welche ein Recht darauf besitzen und sie wünschen. Diejenigen Israeliten, welche während des Krieges unter den Fahnen gedient, werden en bloc durch ein und daffelbe Votum naturalifirt. Das neue Gesetz hält die Bestimmung aufrecht, daß nur rumänische Bürger ländlichen Grundbesitz erwerben können.
Nach Verkündigung des Votums der Kammer erklärte Rosettt, daß die Revistonskammer ihr« Arbeiten beendigt habe. Er fügt hinzu: Ich bin so glücklich, abermals constatiren zu können, baß in allen schwierigen Verhält- niffen, welche Rumänien durchzumachen hatte — und es hat sich niemals in schwierigeren befunden als den heutigen — dte Vertreter des Landes ihren innersten Gefühlen Schweigen aufzuerlegen wußten, um einmüthtg vor Eurova dem nationalen Willen Ausdruck zu geben. (Großer Beifall.) — Man glaubt, der Senat werde bereits morgen Sitzung halten, damit die Frage bis Montag erledigt sei.
Amerika.
San Francisco, 18. Octbr. In Folge des Aufschwunges des Han- (
dels und der Preissteigerung des Weizens herrscht hier sehr bedeutende Nachfrage für Frachtschiffe. Dte Exporteure telegraphiren überall hin, um Sch.ffe zu mtethen.
Telegraphische Depeschen.
Waguer'S telegr. Correspondenz - Bureau.
London, 19. Octbr. Meldung des „Reuter'schen Bureaus" aus Simla von heute: Der Emir Jakub gab fct.i Entschluß kund, abzudanken. General Roberts versuchte vergeblich ihn zu überreden, diese Absicht aufzuge- den und traf provisorische Vorkehrungen, dte Ordnung aufrechtzuerhalten und dte Verwaltung wetterzuführen. Der tm Nagagebirge (südlich der Provinz Affam) ansässige britische Commtffär ist vom Stamme der Nagahs ermordet worden.
Paris, 19. Octbr., Abends. Dte „Agence Havas" veröffentlicht eine Note, worin sie dte Zettungsgerüchte dementirt und erklärt, daß Präsident Grevy und fein Cabinet vollkommen einig sind und keine Metnungsverschteden- heit zwischen den Ministern besteht.
Frankfurt a. M., 20. October. Am Samstag traf hier Staats- Minister v. Bülow ein und stieg im „Englischen Hof" ab. Gestern rührte ihn der Schlag. Die tn Folge deffen eingetretene Bewußtlosigkeit dauert heute noch an. Sein Zustand wird von dem Arzt als hoffnungslos bezelchnet. Seine Söhne sind bereits etngetroffen. Seine Maj. der Kaiser erkundigte sich auf telegraphischem Wege nach dem Befinden des Ministers.
Lokales.
Gießen, 20. October. Trotz des ganz abscheulichen WetterS heute Nacht, es regnete als wenn mit Kübeln geschüttet würde, keilten sich diverse Herren in der Neustadt und am Markt. Die Schutzmannschaft beruhigte dte streitenden Gemüther.
— Ein Gewohnheitstrinker, welcher in einem Hause der Grünberger Straße sich sehr frech eindrängte unv den Hausherrn lebensgefährlich bedrohte, wurde kurzer Hand eingesponnen.
— Die neue Uhr auf dem alten Rathhause scheint auch ihre Finessen iu haben. Bon gestern Morgen 11 Uhr bis heute um dieselbe Zeit rappelte dieselbe bei« Bollschlagen ihr Pensum herunter, daß man meinen sollte, es wäre Fcuerlärm. Glücklicherweise ist es nur da« Armensünderglöckchen, welches sich als neue Sturmglocke etnführte.
— Dte Leistungen der Akrobaten-Gesellschaft des Herrn Schneider, welche gestern Abend in Wenzel's Eaalbau auftrat, werden als ,ganz vorzüglich geschildert. Rauschender Beifall belohnte fast jede aufgeführte Piece. Namentlich der Schlangenmensch erregte durch seine fast unglaublichen Productionen den regsten Applaus. Des schlechten Wetters halber konnte am Nachmittag der Wettkampf mit den 2 Pferden nicht Statt finden.
Vermischtes.
Frankfurt a. M., 16. October. Die „Fr. Ztg." veröffentlicht nachstehende« Eingesandt: Obgleich in allen Läden der Zwischenverkäufer noch Dutzende von Loosen der Heff. LandeS-Gcwerbe-Ausstellung zum Berkaufe ausgelegt sind, besitzt der Vorstand derselben dte Unverfrorenheit, anzukündtgen, daß, obgleich sämmlltche Loose vergriffen, die Vorbereitungen zur Ziehung am bestimmten Tage noch nicht beendigt seien, weßhalb die Ziehung erst am 12. November stattfinden würde. Wahrscheinlich soll durch diese Manipulation Zeit gewonnen werden, um dte noch übrigen Loose zu placiren und dürfte man einer derartigen ungerechtfertigten, in jeder Beziehung rücksichtslosen Handlungsweise am besten dadurch begegnen, wenn dtrjentgen Sooft: besitzet, welche nicht gesonnen sind, unter den gegebenen Umständen den htnausgeschobenen Ziehungstermin abzuwarten, sich den Betrag zurückzahlen ließen, wozu der Vorstand der Ausstellung verpflichtet ist.
— In Duisburg ist dem scheidenden Oberbürgermeister Wegner ein festlicher Abschied bereitet worven. Der Chor der Dolksschullehrer sang dabei das Lied: „Wem Gott will recht« Gunst erweisen, den schickt er in dte wette Welt." (Wem fällt da n'cht die Geschichte mit dem schönen Lied: „Brüder reicht dte Hand zum Bunde" gelegentlich der Ochsenprämttrung bet einem landwtrthschaftltchen Feste zu G. ein?)
— Ein seltener Zug aus dem Thterleben wird aus Bolkenhatn tn Schlesien gemeldet: Der Förster Schenk in Kauder, dortigen Kreises, besaß länger« Zett etn zahmes Reh, welche« sich tn Haus und Hof frei bewegte und insbesondere gute Freundschaft mit den Hunden hielt. Im Mai dieses Jahres wurde dieses Thier von Kindern einmal herumgehetzt, floh in den Wald und war und blieb seitdem zum Leidwesen seines Besitzers verschwunden. Dor einigen Tagen steht derselbe zu seiner nicht geringen Verwunderung ein Reh tn das Gehöf« kommen und hetzt, ohne es zu erkennen, die Hunde auf daffelbe. Diese fahren wüthend darauf los, bleiben jedoch bald stehen, beruhigen sich und lasten alle Zeichen der Freude erkennen: sie hatten ihren alten Bekannten und Hansgenosten, das entsprungene Reh, wieder erkannt. Seit dieser Zeit lebt das zahme Thier in gewohnter Weise wieder tm Hause seines Herrn.
— (So werden Neuigkeiten geschaffen.) Einem Schützen begegnete beim Nachhalls-« gehen von der Jagd etn Bekannter, welcher ihn fragte, ob er auch glücklich gewesen sei. Der Angeredete erwiderte: „Nicht sonderlich, ich habe einen Buchfinken geschaffen." Im Wege stand eine alte Frau, die dies gehört. Zwei Freundinnen gesellten sich zu ihr mit der Frage: „Nichts NeueS?" worauf sie mit höchst wichtiger Miene erzählte, daß fi« aus dem Munde des Jägers gehört: . soeben hat sich ein Buchbinder erschaffenI
** (Dte neueste Seelenlehre.) Wo man gegenwärtig htnhört, ist von der neuen Entdeckung des Herrn Professor Gustav Jäger in Stuttgart die Rede, der bekanntlich nichts Geringeres, als die Seele ausfindig gemacht haben will, und zwar durch den Geruch. In verschievenm Abhandlungen älteren und neueren Datums sucht der Stuttgarter Gelehrte daS Ergebniß seiner Studien zu begründen, und vielleicht ist es manchem Leser nicht unwillkommen, mit möglichst wenig Zeitaufwand die neue Theorie in ihren Hauptzügen kennen zu lernen, wobei er freilich auch ein wenig erstaunen wird, auf welche Abwege Die wissenschaftliche Spekulation gerathen kann. — Verschiedene Reisende wollen gefunden hahen, daß namentlich unter den weniger cultt- virten Völkern ein jedes seinen ureigenen Ausdünstungsgeruch habe. Aber auch jeder Thicr- gattung, ja jedem Stand und Handwerk ist ein besonderer Ausdünstungsgeruch eigen. Es gibt einen Bauerngeruch, einen Schustergeruch, einen Schneidergeruch u. s. w. Damit begnügt sich indeß Herr Jäger nicht, sondern er will an jedem einzelnen Individuum einen besonderen Aus« dünstungsgeruch nachweisen. Dieser Geruch sei aber fein nur äußerlich anbaftender, von Verunreinigungen herrührender, sondern eS sei ein lebendiger Kerngeruch, der seine Ursache im Blut« habe, unabhängig von der Art der Nahrungsstoffe, welche in dieseS übergehen, und der auS dem Blute durch Zersetzung desselben gewissermaßen extrahirt oder ausgeschieden werden könnte. Dieser Geruchs- und Geschmacksstoff haftet schon dem Urkeime an, ist also erblich und sogar ein wesentlicher Factor des Fortpflanzungstriebes, ist mit tinem Worte: die Seele. So lange dieser Duftstoff im unversehrten Eiweißtüqelchen (Moleküle) eingeschloffen ist, kann er nichts ausrichten; mit der Zersetzung des Eiweißes aber tritt er, nach Jäger'- Behauptung, aus dem gebundenen Zustande heraus und geht zur Selbstthäiigkett über, in welcher er sich seinen eigenen Leib gestaltet. Alle körperlichen Lebensformen sind weiter nichts, al- die Folge der Eiweiß« zersetzung, durch welche der ausgeschloffen gewesene Duftstoff zur Wirksamkeit gelangt. Die Seele des Menschen oder vielmehr die menschlichen Kerndüft« bringt Jäger in drei Katyegorien. Er unterscheidet nämlich einen „Seelenruheduft-, einen „Lrrststoff", welcher angenehm duftet, und einen „Unluststoff", welcher stinkt. Der Seelenruheduft ist der beständigste. Er theilt sich sogar der Wäsche mit, ganz besonders den leinenen und baumwollenen Stoffen, weil diese aus Holzfasergeweben bestehen, und haftet nicht nur der schmutzigen Wäsche (als „Schwarzwäscheduft"), sondern sogar noch an der gereinigten (alS „Bügelduft"), an der er noch nach vielen Jahren von einer feinen Nase gerochen werden kann. Jäger will sich soaar eine Sammlung solchen Duftes angelegt und davon die intereffantesten Studien gemacht haben. Am kräftigsten entströmt dieser Seelenruheduft dem Kopfhaare, wo er sich in Baumwollnetzen am sichersten fangen läßt. Wenn Jemand ein solches Baumwollnetz acht Tage getragen hat, vorausgesetzt natürlich, daß er sich die Haare nicht mit Pomade schmiert, so kann man aus dem stark duftenden Netze schon riechen, weh' Geistes Kind der Träger ist. Je nachdem das Haarnetz am Tage oder während der Nacht benutzt wird, ist der Duft verschieden. Den reinen Seelenruheduft trägt nur die Rachtwäsche an sich, weil nur tm tiefen Schlafe die Seele sich in vollständiger Ruhe befindet, daher ist dieser Duft auch lieblicher, als derjenige am Tage, wo Gehirn und Muskeln sich in Tbätigkeit befinden und ihre Gerüche sich unter den Seelenruheduft mischen. Die anderen beiden Duftsorten, nämlich der Lust- und Unluststoff, richten sich nach der jeweiligen
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