Partei ließe sich eine lange Abhandlung schreiben. Will man die Sache kurz zusammenfassen, so ließe es sich vielleicht in der Formel thun: Mangel an Disciplin und einheitlicher Führung, sowie unnöthiger Widerstand in sachlich wenig bedeutenden, aber einem so reizbaren Menschen wie Fürst Bismarck gegenüber nicht unwichtigen Dingen. Fürst Bismarck respeclirt nur reale Mächte, also von politischen Parteien nur sestgeschlosiene »und anerkannten Führern gehorsam folgende Parteien, wie z. B. das Centrum. Der Vorstand der national'liberalen Partei hat eine solche Disciplinirung seiner Truppen nie versucht. Bennigsen vielleicht aus Indolenz, die anderen, Lasker, Rickert rc-, weil sie die Partei auf ihren Standpunkt nach links nicht mitziehen konnten, sich selbst aber an den gemäßigten Standpunkt der Mehrheit der Fraction nicht binden wollten. So konnte Jeder thun, was er wollte, und mußte das Resultat so kommen, daß die Partei bei ihren Freunden an Achtung verlor und ihren Gegnern keine Furcht einflößen konnte.
Diese Zerfahrenheit ging Jahre zurück und zeigte sich wohl zuerst bei der großen Militärfrage. Als man sich dann später aufraffte und wirklich Opposition machen wollte, wählte man den schlechtesten Punkt, die Frage der Ministeriumsabzweigung und Theilung des Handels- und Finanzministeriums, die man sachlich nachher unbestritten annahm, zuerst aber der Form der Einbringung wegen ablehnte. Das hat Bismarck, wie seine letzte große Rede gezeigt, persönlich tief gekränkt und den Entschluß gezeitigt, mit der Partei zu brechen. Will man einmal Opposition machen, so gehört doch dazu vor Allem eine gute Operationsbasis und Logik.
Auch jetzt dürfte das Schlachtfeld nicht gut gewählt sein. Für den Franckenstein'schen Antrag hat sich außer Völk auch Treitschke ausgesprochen, also Leute, denen man Geneigtheit zum Verrath am deutschen Reiche doch kaum nachsagen kann. Es wwd auch schwer sein, den Maffen, die doch schließlich jede Partei stützen müssen, klar zu machen, warum durch die Annahme dieses Antrages das Reich gefährdet sei. Die partikularistisch und schutzzöll- nerisch angehauchten süddeutschen und überhaupt kleinstaatlichen Liberalen glauben gewiß nicht dran, was wird man also damit erreichen? Und in der That, da der Reichstag nach wie vor souverän beschließen kann, wie hoch er bte Ausgaben für das Reich festsetzt, wie viel also die Einzelstaaten von dem Ueberschuß der Zölle in Form von Matrikularbeiträgen wieder herausgeben müssen, so ist schwer einzusehen, wo die constitutionellen Rechte des Reichstages und wo die Finanzhoheit des Reiches geschädigt sei. Besser hätte uns freilich der ursprüngliche Antrag der Freiconservativen gefallen, wonach die Quote für die Einzelstaaten jährlich durch den Etat des Reichs festgesetzt und nicht ein- für allemal bestimmt werden sollte. Allein schließlich ist es doch nur ein calculatorifcher Unterschied, und für jenen Antrag war ebenso wenig, wie für den an und für sich wenig glücklichen Bennigsensschen Antrag eine Majorität.
Nun sagt man freilich: der Franckensteinssche Antrag führe dazu, die Einzelstaaten den Ausgaben des Reichs gegenüber wenig willfährig zu machen, da sie dann bei jeder Steigerung des Reichsbudgets an ihrer Quote verlören. Allein das ist ja bis jetzt gerade so gewesen, ja noch viel schlimmer, da die Einzelstaaten jeden ferneren Zuschuß ans Reich aus eigenen Mitteln aufbringen mußten, während er ihnen jetzt nur an ihrem Antheil an Den Zöllen abgehalten wird. Man kann daher für die negirende Haltung der national-liberalen Mehrheit nur den Gesichtspunkt anführen, daß man hofft, die Regierung werde in nicht zu langer Zeit die Unterstützung des Centrums zu lästig finden und sich wieder eine liberale Mehrheit, die sie ja jeden Augenblick haben kann, durch Neuwahlen verschaffen und dann den § 7 einfach wieder wegdecre- tiren lassen.
Ein solcher Gedankengang könnte auch den Anschauungen Bismarck's, der es ja liebt, immer eine Partei mit der anderen abzuschlachten, nicht fern liegen. Hat doch die ganze Mmisterkrisis und die wenig angenehme Art der Entlassung der drei Minister, von denen Falk und Friedenthal sich die größten Verdienste erworben und Hobrecht als ganz tüchtig bewährt hatte, ebenso wie die Behandlung des Parlaments durch Bismarck am letzten Ende nur darin feinen Grund, daß diese autokratische Natur absolut keine Fessel ertragen will. Reaction irn Sinne der fünfziger Jahre liegt ihm gewiß fern ; allein in diesem seinem souveränen Gefühl fragt er nicht danach, welche politische Verwirrung er anstiftet, wie sehr er das politische, an und für sich noch so wenig gereifte und confoltbirte Bewußtsein der Nation verwirrt und wie schwer es für spätere Zeit, wenn sein gewaltiger Wille nicht mehr existirt, der Nation und ihren dereinstigen Führern macht, zu einer ruhigen, stetigen Entwickelung zu gelangen.
Dem gegenüber können wir es nur als das größte Glück betrachten, daß der monarchische Sinn im deutschen Volke noch so stark ist, daß derselbe allen vorübergehenden politischen Schwankungen gegenüber noch als das festeste Bindemittel der Nation sich erweist. Das muß uns einstweilen über die zerfahrene Lage der liberalen Partei trösten, bis die jetzigen unnatürlichen Coalittonen zerfallen und auf neuer Basis und mit Vermeidung der alten Fehler eine neue geschlossene und zielbewußte liberale Partei entstanden ist.
Deutschland.
Darmstadt, 14. Juli. Das heute ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 32 enthält: Bekanntmachung, die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Walz- und Hammerwerken, Glashütten und Spinnereien betreffend.
Berlin, 12. Juli, Abends. Aus der national-liberalen Fraction des Reichstags sind folgende Abgeordnete ausgetreten: Bähr (Kassel), Bauer, Fäustel, v. Hölder, Klein, Kreuz, v. Ohlen, Pfähler, v. Puttkamer (Fraustadt), Rentzsch, Römer (Württemberg), v. Schauß, Servaes, Völk, Vopel und Wehrenpsennig. v. Treitschke war schon vor den Genannten ausgetreten.
KeKerreich.
Wien, 12. Juli. Das „Fremdenblatt" bestätigt, daß die Verhandlungen, welche in den letzten Tagen zwischen den österreichischen und serbischen Bevollmächtigten über die Eisenbahn-Anschlüsse stattfinden, zu einer vollständigen Einigung über die Anschlüsse und alle damit zusammenhängenden Fragen, insbesondere auch die Tarife, führten. Die Genehmigung der Beschlüsse Seitens der Regierungen sei nicht anzuzweifeln.
Imnkreich.
Versailles, 12. Juli. Die Kammer der Deputaten hat heute dm
Gesetzentwurf, betr. den Staatsrath, angenommen. Es wurden ferner Die ersten Artikel des Entwurfs, betr. den Sitz der Kammern in Paris, angenommen. Die Abstimmung über den durch den Senat modificirten Art. 5 wurde auf Dienstag verschoben. Der Minister des Innern, Lepere, ersuchte um Annahme der vom Senat beschlossenen Modistcation zur Vermeidung einer Verzögerung in der Annahme des Entwurfs.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. «yrrespondeur-vurea».
Ems, 14. Juli. Se. Majestät der Kaiser ist heute Nachmittag 4 Uhr beim besten Befinden von hier abgereist. Auf dem Bahnhofe hatten sich zur Verabschiedung eingefunden: Prinz Georg von Preußen, der Herzog von Meiningen, Prinz Alexander von Hessen und der Prinz von Battenberg, der Badecommissar v. Lepel, die Spitzen der Behörden mit der Geistlichkeit und den Lehrern. Der Kaiser wurde von der dichtgedrängten Menschenmenge mit begeisterten Hochs begrüßt.
Berlin, 14. Juli. Der „Reichs'Anz." veröffentlicht die Ernennung des Ministers der öffentlichen Arbeiten, Maybach, zum Chef des Reichsamtes für die Verwaltung der Reichseifenbahnen, die Ernennung des Reichskanzleramts-Präsidenten Hofmann zum Minister für Handel und Gewerbe, die Erthei- lung der nachgesuchten Dienstentlassungen an die Minister ^Dr. Falk und Dr. Friedenthal unter Belassung des Titels und Ranges von Staatsministern, ferner die Ernennung des Oberpräsidenten von Schlesien, v. Puttkamer, zum Cultusminister und des Rittergutsbefitzers Dr. Lucius zum Minister für Land- wirthschaft, Domänen und Forsten.
Berlin, 14. Juli. Der Abgeordnete Delbrück verläßt Berlin auf mehrere Monate und begibt sich zunächst nach Kissingen, dann nach Italien.
— Die „Post" veröffentlicht einen Bries des Abgeordneten v. Treitschke an die national-liberale Fraction, worin er seinen Austritt aus der Fraction begründet. Er erklärt, die Fraction werde wider den Willen vieler ihrer Mitglieder durch ihre Abstimmung über die Zolltarifvorlage in die Stellung einer geschlossenen Oppositionspartei hinübergedräugt. Getreu seiner Heber» zeugung halte er diese Wendung für einen verhängnißoollen politischen Fehler und fühle sich außer Stande, dabei mitzuwirken.
Berlin, 14. Juli. Nach der „Nordd. Allg. Ztg." haben die Forderungen der Generalversammlungen der Berlin-Potsdamer und Köln-Mindener Eisenbahn auf Zuzahlung einer Prämie von 20 resp. 30 Mk. auch nicht entfernt Aussicht, von der Regierung bewilligt zu werden; es sei möglich, daß so die Verhandlungen sich alsbald zerschlagen, der Nachtheil werde nicht auf Seiten des Staates sein.
London, 14. Juli. Der „Morning Post" zufolge hat Prinz Jerome Napoleon Die Einladung der Kaiserin Eugenie, sie nach dem Begräbniß zu besuchen, abgelphnt.
Washington, 14. Juli. Das öffentliche Gesundheits'Comit6 Hierselbst trifft Vorbereitungen zur Verhinderung der Weiterverbreitung des gelben Fiebers in den Südstaaten.
Wien, 14. Juli. Meldungen der „Polit. Corresp." Der Investitur- Ferman für den Fürsten von Bulgarien ist von einem Schreiben des Groß- vezirs begleitet, in welchem dem Fürsten das Wohl der in Bulgarien ansässigen Muselmänner besonders anempfohlen wird. — Erzbischof Graselli überreichte ein päpstliches Schreiben an den Sultan, welches dankende Anerkennung wegen der Haltung der Pforte in dem Haflunistischen Kirchenstreite ausspricht. — Gerüchtweise verlautet, der Sultan habe Mahmud Damat Pascha, der als Gouverneur nach Tripolis verbannt war, begnadigt und sei dessen Rückkehr bevorstehend. Ein noch unbestätigtes Gerücht bezeichnet Mahmud Nedim Pascha als Nachfolger Mahmud Damat's in Tripolis.
London, 15. Juli, früh. Oberhaus. Auf Befragen Stratheoens erklärt Salisbury: Der britische Consul in Rumänien berichtete, daß in Rumänien westlich vom Pruth sich keinerlei russische Soldaten mehr befänden. Schuwaloff versicherte längst schon, daß die dort vorhandenen verhältnißmäßig wenig zahlreichen russischen Truppen sich rasch nach dem Einschiffungsorte zurückziehen würden. Philippopel war, wie er höre, gestern von russischen Truppen gänzlich entblößt. Letztere rücken behufs ihrer Einschiffung von allen Seiten nach Varna und Burgas; er schließe daraus, daß die russischen Truppcn das Gebiet westlich vom Pruth in Der festgesetzten Frist würden ver- laffen haben.
Lokales.
Gieren, 15. Juli. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag den 17. Juli 1879, Nachmittags 4 Uhr:
1. Die Vergebung der Hasttschen Stiftungs-Zinsen.
2. Die Zusammenlegung der Grundstücke in der Gemarkung Gießen.
3. Planirarbeiten auf dem Friedhof
4. Die Anschaffung von Feuereimern.
5. Gesuch des Stadtbaumeisters S t i e f um Baucrlaubniß.
6. Desgleichen des Bautechnikers Ludwig Huhn.
7. Desgleichen des Instrumentenmachers Schellenberg.
8. Gesuch des Schuhmachers Wilhelm Herbert um Erlaubniß zur Vornahme von Bauveränderungen.
9. Gesuch des Chemikers G. Tbrom um Erlaubniß zur Erbauung eines Lagerhauses.
10. Gesuch des Schreincrmcisters Georg Franz um Erlaubniß zur wohnlichen Einrichtung eines Schuppens.
11. Gesuch des Kaufmanns Käß um Erlaubniß zur Herstellung einet Einfriedigung.
12. Gesuch des Kaufmanns Emil Pistor um Erlaubniß zur Erbauung eines Stocks auf sein Gartenhaus.
13. Gesuch des Jacob Häuser um Erlaubniß zur Errichtung eines Kamins.
14. Die Festsetzung der Jahrmärkte für das Jahr 1881.
15. Kostendecrcturen
Gießen, 15. Juli. Das Turnfest des Gaues Hessen wurde am 18. und 14. Juli, wenn auch gerade nicht vom herrlichsten Wetter begünstigt, doch programmmäßig durchgefubrt. — Bis Sonntag Morgen 11 Uhr waren trotz schlechter Witterung gegen 300 Turner in die festlich geschmückte Stadt Nidda eingezogen. — Nachdem Vorm ttags der Turntag und die Sitzung des Preisgerichts abgchalten und Nachmittags ein imposanter Festzug sich nach dem prächtig hergestellten Fest- und Turnplätze bewegt hatte, hielt der Festpräsident Herr Erk eine kernige Rede, hieß alle fremden Turner im Namen des Turnvereins Nidda als auch der Stadt Nidda herzlich willkommen, widmete der Turnerei warme Worte und schloß mit einem Gut Heil auf das deutsche Turnwesen. — Hierauf begann, nachdem eine Anzahl Frei- und Ordnungsübungen vorgefühtt worden, das Preisturnen, wozu sich 100 Turner angemeldet hatten, aber während dem Turnen bis auf 80 zurücktraten. Das Turnen dauerte fast bis zum Dunkelwerden. Abends 10 Uhr fand auf dem Festplatz durch den Gauturnwatt und Obmann des Preisgerichts Carl Demuth von Gießen die Preisoertheilung statt.
Es wurden im Ganzen 40 Preise ausgegeben, welche sich wie folgt vertheilen: Gießen 9, darunter den 1., Usingen 3, darunter den 2., Wetzlar 3, darunter den 3-,


